Thailand: Ruhe nach dem Sturm - Nachrichten auf salzburg.com - Salzburger Nachrichten
Thailand: Ruhe nach dem Sturm
Die Proteste in Bangkok sind verebbt, viele der Demonstranten wieder zuhause. Toto ist einer von ihnen; er kann sich das Demonstrieren nicht leisten, seit er nicht mehr dafür bezahlt wird.
Über Bangkok treiben dunkle Wolkenberge, und nach dem letzten Regenguss dampfen die Gassen in der Sonne: Es ist Monsunzeit, und das heißt auch Hochwasserzeit – wie fast jedes Jahr ist der Chao Phraya, einer der größten Flüsse Thailands, angeschwollen und drückt das Wasser in die Klongs (Seitenarme), von denen einige jetzt von den Longtailbooten nicht mehr befahren werden können, denn manche Brücken sind einfach zu niedrig. Wir fahren mit dem Taxi vom neuen Suvarnabhumi Airport in die City, und als ich dem Fahrer das Ziel nenne, lacht er kurz auf: „Ratchaprasong? Da ist jetzt nichts mehr los, da hängt doch nur noch der Mob rum.“
Ich weiß – und doch: Ich möchte das ehemalige Headquarter der „Rothemden“ besuchen, den Mittelpunkt der Mai-Kämpfe, unweit der Stelle, wo wir damals Toto trafen. Die Fahrt zur Ratchaprasong im Geschäftsviertel rund um den Siam Square dauert etwa eine Stunde. Von den Kämpfen vor drei Monaten ist nicht mehr viel zu sehen, die Straßen wurden schon am Wochenende nach dem 19. Mai von der Bevölkerung wieder aufgeräumt, und die Mauern der damals abgebrannten Häuser hat man großteils mit Planen abgedeckt und verhängt. Auch gebaut wird wieder: Die Regierung stellte unmittelbar nach Ende der Kämpfe der FMP-Bank fünf Milliarden Baht (zirka 107 Millionen Euro) zur Verfügung, die als zinslose, langfristige Kredite an durch die Zusammenstöße geschädigte Bürger und Unternehmen vergeben werden.
Rückblick, Mai 2010. Die Barrikade steht zwischen Rama IV Road und Soi Suwansawat, am äußersten Rande des besetzten Siam Square-Distrikts mitten in der Hauptstadt Thailands. Siam Square ist ein Einkaufs- und Vergnügungsviertel mit vollklimatisierten Shoppingcentern, doch jetzt versperren Autoreifen, Kanister und alte Karosserieteile den Weg, in der Mitte ist eine thailändische Fahne aufgesteckt.
Es ist der 12. Mai, es ist Mittagszeit, und es ist heiß wie in einem Backofen. Am Straßenrand hat eine alte Frau ihre Garküche auf Rädern abgestellt, es gibt wahlweise Nudelsuppe mit Huhn oder Nudelsuppe mit Schwein. Toto, ein etwas älterer Mann in der Kleidung der „Rothemden“ mit Jeans, Gummisandalen und rotem T-Shirt, isst Suppe mit Huhn; Gesicht und Hände sind dunkelbraun, von hier ist er sichtlich nicht. Toto kommt aus einem kleinen Dorf in der Provinz Yasothon, etwa 500 Kilometer von Bangkok entfernt, mitten im Isan, jenem nordöstlichen Teil Thailands, der als ärmste Region des Landes gilt: „Es ist ein schönes Land, und man könnte da gut leben, aber das Leben ist nicht gut. Die meisten von uns sind arm,“ sagt Toto.
Mittlerweile ist Toto dorthin zurückgekehrt, doch von Anfang März bis Mitte Mai protestierte er mit der als „Rothemden“ bekannten UDD („Nationale Demokratische Front gegen die Diktatur“) gegen die Regierung unter Premier Abhisit Vejjajiva, der seit Dezember 2008 regiert. Offiziell kosteten die Proteste mindestens 88 Demonstranten und elf Sicherheitskräften das Leben. Toto demonstrierte nicht gegen diese Regierung im Speziellen, sondern gegen „die da oben“ und gegen die Armut, die sich im Land ausbreitet. Totos Geschichte ist eine von vielen, die ganz ähnlich klingen: Früher hatte er ein Reisfeld, dann baute er ein Haus, dann hatte er Schulden – und danach kein Reisfeld mehr. Jetzt lebt Toto von Gelegenheitsarbeiten, und seine Frau verkauft Obst und Gemüse aus dem Garten und Strohbesen auf dem Samstagsmarkt: „Damit kommen wir irgendwie aus, aber es reicht vorne und hinten nicht.“
Totos Armut ist mit der Hauptgrund, warum er es sich eigentlich „leisten“ kann, hier zu sein. Denn Toto wird für das Demonstrieren bezahlt: „Anfang März kamen Leute von Nattawut Saikua, das ist der Sprecher der UDD, ins Dorf. Sie sagten, wir sollen mit nach Bangkok kommen und dort für die Demokratie demonstrieren, und Abhisit sei ein Diktator. Ich sagte, das können wir uns nicht leisten. Aber die Nattawut-Leute sagten, jeder von uns bekommt zweihundert Baht für jeden Tag in Bangkok.“
Zweihundert Baht, das sind nicht einmal vier Euro, aber davon kann man sich in Thailand viel kaufen: Die Nudelsuppe kostet 30 Baht, ein Bier 50. Das hat man nicht immer. Viele der Demonstranten haben Geld bekommen, wenn nicht die meisten. Toto weiß es zwar nicht genau, aber er schätzt die Lage wohl richtig ein: „Hier ist doch keiner so reich, dass er sich einfach zwei Monate Urlaub nehmen kann, nur für die Demokratie.“ Über das Geld und wo es herkommt, hat er sich auch so seine Gedanken gemacht: „Direkt haben sie es nicht gesagt, aber einer der Nattawut-Leute ließ durchblicken, dass es von Thaksin kommt, der für die Rückkehr zur Demokratie kämpft.“ Für Toto war es kein Problem, für Thaksin zu demonstrieren: „Der hat wenigstens was für uns getan, er hat eine billige Krankenversicherung für uns eingerichtet und neue Dörfer gebaut, wo die Leute fast umsonst leben können …“
Der lange Schatten des Ex-Premiers Thaksin Shinawatra, der bis 2006 an der Macht war, liegt noch immer schwer auf dem Land, das nicht zur Ruhe kommt, obwohl Thaksin sich längst im Exil in Montenegro kühlen Wind zufächeln lässt. Er ist es, dessen Rückkehr die „Rothemden“ wollen, wenn sie Neuwahlen fordern, die ihnen Premier Abhisit nun für 2011 in Aussicht stellte. Während seiner Amtszeit wirkte es eigentlich nicht so, als würde man sich ihn noch einmal zurückwünschen; Thaksin hat vom Volk den Spitznamen „Meaw“ (gesprochen: Meau) bekommen, nach seiner Herkunft – er kommt aus einem chinesischen Volksstamm, der heute in den Bergen Nordthailands lebt, und die Meaw (auch Meo oder Hmong genannt) sind bei den Thais nicht sehr beliebt. Sie gelten unter Thais als primitiv und leben (was nicht unbedingt ihre Schuld ist) oft noch in kleinen, eher schmuddeligen Dörfern.
Doch die Wohltaten, die Thaksin dem Land laut Toto angedeihen ließ, waren meist nur Fassade: Freilich hat er Dörfer für arme Bauern bauen lassen – allerdings wurde das billigste Land gekauft, das für die Landwirtschaft nicht brauchbar war und fernab jeglicher Siedlungen und Infrastrukturen lag. Darauf wurden einstöckige Betonhäuschen gesetzt, und das war es dann auch schon: Wenn man auf der A 32 von Bangkok Richtung Norden nach Nakhon Sawan fährt, sieht man nach etwa einer Stunde Fahrzeit rechterhand ein solches „Ban Thaksin“ – mitten in der Ödnis, nicht einmal eine Zufahrtsstraße zum Highway ist vorhanden, die Häuser stehen bis heute leer.
Toto mag Thaksin, wenn er ehrlich ist, eigentlich auch nicht so wirklich; schließlich gehört er zu den Superreichen, aber: „Richtig war es auch nicht, dass die Armee ihn abgesetzt hat.“ Natürlich ist es wahr, dass der ehemalige Premierminister von der Armee gestürzt wurde und seine beiden Nachfolger nur ernannt und nicht demokratisch gewählt wurden. Andererseits kann nicht bestritten werden, dass Korruption, Wählerstimmenkauf und Vetternwirtschaft – Thailand belegt im „Corruption Perceptions Index 2009“ von Transparency International bei 180 erhobenen Ländern Platz 84 – die demokratische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes seit Jahrzehnten stark beeinträchtigen.
Fakt ist, auch wenn es pervers klingt: Armee und Monarchie traten 2006 als Retter der Demokratie auf, das Militär hat einen korrupten Politiker, der zu reich und einflussreich geworden war, um mit demokratischen Mitteln entfernt werden zu können, unter stillschweigender Duldung des Königshauses aus dem Amt gejagt – ein Vorgang, der nichts mit lateinamerikanischen Militärputschen zu tun hatte und auch nicht mit der Messlatte westlicher Demokratie gemessen werden sollte.
Denn Thaksin hatte und hat viel Geld, das weiß auch Toto: 1987, nachdem Thaksin im Range eines Oberstleutnants seine Polizeilaufbahn beendete, gründete er die Shinawatra Computer and Communications Group (Shin. Corporation), die später bei der Einführung des Mobilfunks und der Satellitenübertragung sehr erfolgreich und 2001 Eigentümerin des größten Mobilfunkanbieters Thailands war. 1998 rief Thaksin die „Thai Rak Thai“-Partei („Thai lieben Thai“) ins Leben, die bereits bei den Wahlen von 2001 248 von 500 Sitzen im Parlament gewann; er wurde daraufhin Premierminister. Die Basis der Thai Rak Thai (TRT) bildete die Landbevölkerung: Die TRT trat mit dem Versprechen an, die Armut auf dem Land, den Drogenhandel und die Korruption zu bekämpfen und das Gesundheits- und Bildungssystem zu verbessern.
Und Thaksin zog mit dem Spruch, dass er reich genug sei, um nicht korrupt zu sein, in den Wahlkampf: Bevor er Premierminister wurde, übertrug er zwar seine Anteile an der Shin Corp. an seine Ehefrau Potjaman und weitere Familienmitglieder, behielt aber im Hintergrund die Fäden in der Hand. Während seiner Amtszeit sorgte Thaksin außerdem dafür, dass die Shin Corp. Aufträge von der Regierung bekam, teilweise über Entwicklungsprojekte im ländlichen Raum, die er selbst initiierte. Und noch vor seinem Sturz verkaufte Thaksin etwa die Hälfte des Aktienkapitals von Shin Corp. an die Staatsholding Temasek in Singapur. Der Clou: Der Verkauf ging steuerfrei über die Bühne, indem er über Briefkastenfirmen erfolgte, in denen thailändische Strohmänner von Temasek saßen.
Davon hat Toto gehört, aber schließlich machen es ja alle so, wenn sie nur können und wenn man sie lässt. Trotzdem, es war ein bisschen happig, 76 Milliarden Baht (immerhin ca. 1,7 Milliarden Euro) einfach so an der Steuer vorbeischleusen zu wollen: Das ging den zwar schon an Korruption und Vetternwirtschaft gewöhnten Thais dann doch zu weit, es kam zu heftigen Protesten, das Militär setzte Thaksin ab, der ins Ausland flüchtete und in Abwesenheit wegen Amtsmissbrauchs zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde. Im Februar 2010 bestätigte das Oberste Gericht das Urteil in einem weiteren Verfahren, mehr als die Hälfte seines seit 2006 bei thailändischen Banken eingefrorenen Vermögens wird eingezogen. Was ihn allerdings nicht weiter stören dürfte, hatte er doch bereits vorher im Ausland ein beträchtliches Vermögen angehäuft, das ihm nach seiner Flucht aus Thailand auch Spleens erlaubte wie 2007 den Kauf von 74 Prozent der Anteile am englischen Premier-League-Club Manchester City – für schlappe 100 Millionen Euro.
Gegen Thaksin hat Toto übrigens damals nicht demonstriert, das waren die anderen, die „Gelbhemden“, die von der Partei des Königs. Die „Gelbhemden“ warfen dem ehemaligen Premier während ihrer Proteste 2005/2006 nicht nur Korruption, sondern auch Menschenrechtsverletzungen und Majestätsbeleidigung vor.Nicht dass Toto etwas gegen den König hätte, auch in seinem Haus hängt, wie in der schäbigsten Hütte Thailands, dessen Bild, und davor steht ein Reisschälchen, in das zumindest Geburtstag des Königs drei Räucherstäbchen gesteckt werden. Und das hat ihm keiner angeschafft, das gehört sich einfach so, man ist schließlich ein freier Thai, und kein anderes Land hat einen so großen König wie Bhumibol Adulyadej. Aber die „Gelbhemden“ – das sind eher die aus der Stadt, die sind „nicht von uns“.
Was Toto wahrscheinlich nicht weiß: Bei der von Thaksin initiierten (und nie durch die Regierung gegenfinanzierten) Krankenversicherung für umgerechnet 0,70 Euro monatlich blieben die Krankenhäuser auf ihren Kosten sitzen. Und bei seinem umstrittenen „One District, One Dream School“-Projekt, das sicherstellen sollte, dass sich in jedem Bezirk mindestens eine qualitativ hochwertige Schule befindet, dürfte der einzig wahre Nutznießer Thaksin selbst gewesen sein: Seine Unternehmen verkauften Computer und Lehrmaterial an die Schulen.
Ganz sicher aber weiß Toto nicht, was Thaksin eigentlich bezweckt und wofür er die „Rothemden“ der UDD, der Nachfolgerin der TRT, braucht. Diese fordern mehr Demokratie und einen geringeren Einfluss der städtischen Elite, zu der sie Vertraute des Königshauses, einflussreiche Geschäftsleute, Militärs und Angehörige des Justizapparats zählen. Und sie brauchen wie jede Bewegung einen Führer oder einen Märtyrer, am besten beides in Personalunion, und da drängt sich Thaksin förmlich auf. Andererseits braucht Thaksin eine politische Bewegung, die ihn bei seinen politischen Zielen unterstützt und ihnen den Anstrich demokratischer Legalität verleiht. Und das ist die Gretchen-Frage (besser: die Königsfrage): Was sind Thaksins eigentliche politische Ziele? Er hat sie nie in einer Art Programm oder Erklärung niedergelegt. Fakt ist: Thaksin hat sich einerseits in der Vergangenheit oft abschätzig über die Monarchie als Staatsform geäußert (wenn auch nie konkret über das thailändische Königshaus), er wurde sogar wegen „Majestätsbeleidigung“ angeklagt und gilt im Volk als „nicht königstreu“. Das Verhältnis zum König war äußerst unterkühlt.
Andererseits hat er nie einen Hehl aus seiner Bewunderung für die amerikanische Staatsform gemacht, die bekanntlich einen starken Präsidenten vorsieht, der über sehr viel Macht und umfangreiche Befugnisse verfügt. Zählt man eins und eins zusammen, liegt man wohl nicht falsch mit der Annahme, dass Thaksin sich durchaus als einen mächtigen Präsidenten denken könnte, der gern auf die (wenn auch nur moralische) Autorität eines Königs verzichtet.
In Thailands Bevölkerung wird seit Jahren über die Zukunft des Königshauses spekuliert – wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, denn anders als etwa in England gelten die Mitglieder des Königshauses, allen voran König Bhumibol und seine Gattin Sirikit Kitiyakara als sakrosankt, sie genießen höchsten Respekt und sind auch durch das Lèse majesté (das Gesetz betrifft den Tatbestand der Majestätsbeleidigung – und es wurde nicht vom Königshaus eingebracht) geschützt. Ebenfalls anders als in England, wo die Yellow Press Affären und Skandale des Königshauses rege kommentiert und bei Gelegenheit die Windsors auch öffentlich ordentlich zerpflückt, ist es undenkbar, dass thailändische Medien Vorgänge im Königshaus diskutieren oder gar kritisieren.
Jetzt allerdings ist eine kritische Situation herangereift, in der sich umfangreiche Veränderungen abzeichnen: Die große moralische Instanz und Integrationsfigur des Landes, König Bhumibol, begeht heuer am 5. Dezember seinen 83. Geburtstag und ist nicht mehr bei bester Gesundheit. Der logische Nachfolger, Kronprinz Maha Vajiralongkorn, wird zwar als Mitglied des Königshauses respektiert, ist aber im Volk unbeliebt: Man sagt ihm immer wieder Verbindungen zur organisierten Kriminalität nach. Weitere Gründe für seine Unbeliebtheit liegen einerseits in seiner militärischen Laufbahn (das Militär genießt wegen der mehr als 18 Putschversuche seit 1932 wenig Vertrauen in der Bevölkerung) und andererseits in seinem, euphemistisch gesagt, wechselhaften Privatleben: Seine erste Ehe brachte keinen Sohn als potenziellen Nachfolger hervor und wurde geschieden, was dazu führte, dass bereits 1979 die dynastische Nachfolgeregelung per Gesetz dahingehend geändert wurde, dass künftig auch Frauen den Thron besteigen können. Mit seiner zweiten Ehefrau hat der Kronprinz vier Söhne und eine Tochter und mit seiner dritten bis dato einen Sohn.
Da die älteste Prinzessin Ubol auf alle Rechte ihrer Herkunft verzichtet hat und Prinzessin Chulabhorn andere Interessen verfolgt (nämlich Naturwissenschaften und Philosophie), gilt die im Volk sehr angesehene Prinzessin Sirindhorn (man gab ihr den Namen „Phra Thep“, zu deutsch etwa „Edler Engel“) als erwünschte und wahrscheinlichste Nachfolgerin König Bhumibols: Sie wurde bereits mit dem königlichen Titel „Maha Chakri“ bedacht, was sie dem Kronprinzen gleichstellt, sie gilt als hochintelligent, spricht fließend Englisch, Französisch, Deutsch und Latein, hat einen Abschluss in Geschichte und den Doktortitel in Pädagogik sowie ein Faible für neue Technologien.
Und – was in Thailand wahrscheinlich mitentscheidend sein dürfte – sie hat offenbar auch Kontakte zum Militär, sie ist zumindest nominell zugleich General der Royal Thai Army, Admiral der Royal Thai Navy und Chief Air Marshal der Royal Thai Air Force. Fraglich allerdings ist, ob Kronprinz Maha, der ebenfalls die erwähnten Ränge bekleidet und die militärische Laufbahn einschlug, es so ohne Weiteres dulden würde, bei der Nachfolge Bhumibols übergangen zu werden.
Und an dieser Stelle kommt wieder der Ex-Premier ins Spiel: Thaksin könnte (so befürchtet man in Thailand), sollte es im Königshaus zu Auseinandersetzungen über die Nachfolge kommen, die Wirren der Situation benutzen, um sich – mit Hilfe seiner guten Beziehungen zu Polizei und Teilen des Militärs, auch gestützt auf die „Rothemden“-Bewegung und unter Einsatz seines noch immer beträchtlichen Vermögens – zum starken Mann Thailands aufzuschwingen, und vielleicht sogar versuchen, quasi in einem Abwasch auch gleich das Königshaus auf der Müllhalde der Geschichte zu entsorgen. Die Folge wäre ein fast unabwendbarer blutiger Bürgerkrieg, der das in sich schon gespaltene Land endgültig zerreißen würde.
Toto ist inzwischen mit der Nudelsuppe fertig und zieht genüsslich an seiner Selbstgedrehten. Heute ist sein letzter Tag „Bangkok-Dienst“, Geld bekommt er seit einer Woche auch nicht mehr, morgen fährt er wieder zurück in sein Dorf. Mit den Soldaten kämpfen will er erst recht nicht: „Das machen die meisten hier nicht, wir demonstrieren nur. Die, die geschossen haben, das sind nicht unsere Leute, das sind andere …“
Dann war also alles umsonst für ihn? Toto weiß es nicht: „Vielleicht ändert sich ja was, vielleicht auch nicht. Sie haben hier viel geredet, über Demokratie und Gerechtigkeit, aber es ist halt doch nur Gerede, und ich glaube erst daran, wenn die Regierung oder sonst wer wirklich Geld für uns in die Hand nimmt. Sie sagen zwar, sie hätten uns in der Vergangenheit schon so oft geholfen, aber viel angekommen ist davon nicht bei uns – der Fluss von Bangkok in den Isan ist eben lang, da zweigen sich wahrscheinlich viele Nebenarme das Wasser ab …“
Thaksin wurde nach dem Mai-Aufstand als Drahtzieher der Kämpfe offiziell des Terrorismus beschuldigt: Der Strafgerichtshof billigte den Haftbefehl aufgrund von Aussagen des Chefs des Departement for Special Investigations (DSI), Tharit Pengdit, und anderer Zeugen. Thaksin, inzwischen Inhaber auch eines montenegrinischen Passes, ist freilich vorläufig sicher – Montenegros Ministerpräsident Milo Đukanović verweigert seine Auslieferung, solange es keinen Internationalen Haftbefehl gibt.
Ich frage den Taxifahrer, was er unter dem „Mob“ versteht, der sich hier jetzt in Ratchaprasong rumtreiben soll, er antwortet lakonisch: „Damals im Mai sind einige von den „Rothemden“ nicht wieder zurück aufs Land gegangen, vielleicht so um die Zweitausend. Meist arme Schweine. Thaksin hat ihnen zum Teil Schulden abgenommen, wenn sie welche hatten, und dafür ihre Identity Cards einsammeln lassen. Jetzt können sie nicht mehr weg, bekommen so um die Dreihundert Baht pro Tag und hängen in der Stadt herum. Sie warten wahrscheinlich nur auf eine Gelegenheit, um Krawall zu machen.“
Ob der „Mob“ für die jüngsten Bombenanschläge in Bangkok verantwortlich ist, vermag niemand zu sagen: Am 25. Juli etwa fanden Nachwahlen für einen Parlamentssitz statt, die UDD hatte dafür den „Rothemden“-Sprecher Nattawut nominiert, ein Testlauf, der allerdings schiefging – Nattawut verlor deutlich gegen einen Mann von Premier Abhisit. Am Wahltag explodierte dann eine Bombe an einer Bushaltestelle vor der großen Big-C-Shopping-Mall – ein Toter und elf Verletzte waren die Folge.
Für Mitte 2011 hat der Premier jedenfalls freie Wahlen angekündigt, jedoch unter der Voraussetzung, dass es keine Auseinandersetzungen mehr gibt. Bomben sind dafür allerdings ein denkbar schlechtes Signal – Thailand bleibt politisch weiterhin ein unruhiges Pflaster.