Es war sicherlich zu erwarten, dass die Meinungen zum Ausgangsthema sehr kontraer sein wuerden und dass auch Hiebe nicht ausbleiben wuerden.
Eigentlich zielte die Ursprungsfrage nicht darauf ab zu diskutieren, ob es nun positiv oder negativ ist Deutscher zu sein, sondern schlichtweg was denn bei einer Volkszugehoerigekeit von dominanter Bedeutung ist. Sozusagen die Patentantwort, die alles abdeckt.
Diese Patentantwort gibt es aber nicht und kann es auch gar nicht geben. Im Post 25 wurde von Disaina M eine voll den Nagel auf den Kopf treffende Aussage gemacht:
"jeder ist sein individuelles Produkt, egal, welche Farbe der Pass hat."
Ja, wir sind alle ganz eigene Individien, gepraegt von vielerlei Aspekten und unser gegenwaertiges Ich basiert sicherlich zu einem gewissen Teil auf einer genetischen Vorpraegung aber essentiell auf den in vielen Jahren gemachten Erfahrungen und Einfluessen des Umfelds.
Jeder hat seine ganz eigene individuelle Geschichte. Keine deckt sich bis auf das i-Tuepfelchen und somit entsprechend sind dann auch die Meinungen.
Was fuer mich richtig, logisch, perfekt ist mag das genaue Gegenteil fuer jemand anderes sein. Zieht man einmal die mathematische Mengenlehre in Betracht, dann wuerden sich somit die wenigsten in ganz klar abgegrenzten Bereichen befinden, sondern in den ueberlappenden Grenzzonen, in den sogenannten Schnittmengen.
Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einem gerade Thai-Boxen tranierenden Franzosen, der sehr gutes und auch fliessendes Thai sprach:
"Wie lange bist Du denn schon in Thailand?"
"14 Jahre, aber mindestens einmal im Jahr fliege ich nach Frankreich zurueck".
"Dann bis Du ja praktisch schon ein Thai!".
"Nein, auf keinen Fall im Leben nicht! Ich bin Franzose!".
Es gibt die europaeischen Saenger Kristin und Jonas die sich in Thailand einen Namen gemacht haben, in dem sie thailaendische Folklore singen und zwar im typischen Thai-Stil. Entsprechende Bekleidung, Hintergrundtaenzerinen, Tanzbewegungen, Gestik. Beide sprechen fliessendes, praktisch akzentfreies Thai. Sie sagen selbst, dass sie aeusserlich "farang" sind aber im Herzen Thai.
Es gibt Menschen, die koennen sich im tiefsten Amazonasgebiet befinden und lassen sich trotzdem jeden morgen Broetchen, Marmelade und die Bildzeitung anliefern. Ohne diese Utensilien waeren sie ungluecklich, vielleicht gar nicht lebensfaehig.
Bei diesen Beispielen handelt es sich praktisch nur um Extremfaelle, waehrend sich das Gros sicherlich in den Schnittmengen bewegt.
Das Umfeld wirkt staendig auf uns ein. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Auch dieses Forum. Mancher absorbiert den Einfluss wie ein Schwamm das Wasser. Bei einem anderen prallt er so gut wie wirkungslos ab. Individualitaet und Setzung der Prioritaeten.
Ja, der fruehere praegende Einfluss meines Deutschseins wird immer vorhanden sein, egal wie lange ich mich auch in Thailand aufhalten werde. Als ich hier ankam, lag die deutsche Denke bei sicherlich 80%.
Es wurde versucht die eigenen Erfahrungen in alt bekannter Weise zu nutzen, einzubringen und sein Umfeld zu veraendern, doch dieses haelt standhaft dagegen und mit jedem Tag gewinnt es an Boden.
Alles ist Thai um mich herum und hat man sehr lange nicht die deutsche Sprache gesprochen oder gehoert, klingt sogar die eigene Muttersprache auf einmal ungewohnt und befremdlich, aber verlernen tut man sie nie (zumindest nicht als Erwachsener).
Es kommt zu Situationen, dass der thailaendische Begriff schneller bei der Hand ist als der deutsche. Selbst Kommandos an Hund und Katzen werden in Thai gegeben. Im Kopf ist ein Mischmasch aus deutschen, thailaendischen und englischen Worten. Die Schnittmengenposition verschiebt sich, wird aber niemals und kann auch niemals in einer klar definierte und abgegrenzten Definition enden.
Ja, ich bin deutsch, ja, ich bin auch brasilianisch, ja, ich bin auch amerikanisch und ja, ich bin auch thai. Wird sich auch nicht aendern aber das prozentuale Verhaeltnis verschiebt sich. Wie stark diese Verschiebungen nun tatsaechlich sind, dies ist jetzt wiederum eine Sache der ganz persoenlichen Individualitaet.
Wann ist man Deutscher? Was ist schoen und was ist haesslich. Was ist wichtig und was ist unwichtig. Was ist heiss und was ist kalt. Was ist klug und was ist dumm?
Eine reine Sache des Blickwinkels und der Subjektivitaet. Wir haben nur Meinungen, die wir vertreten und somit sind Fragen der genannten Art nicht klar beantwortbar sondern argumentabel.
Nur klare Fakten sind nicht diskutabel, obwohl manch einer versuchen mag, selbst diese in Frage zu stellen:
"Geburt bringt Tod mit sich". Eigentlich ein ganz klares Faktum, waehrend aber wiederum der Theologe argumentiert, dass mit dem Tod erst das ewige Leben beginnt. "Kaese" sagt der Wissenschaftler und die Schlacht beginnt.
Alle haben recht vom Standpunkt ihrer subjektiven Denke.
Aehnlich wie man auch jegliche Statistik nach eigenem Gusto interpretieren und in das Licht bringen kann, das man persoenlich vorzieht. Als individuelles Subjekt ist es uns unmoeglich objektiv zu sein, denn wirklich objektiv ist tatsaechlich nur ein Objekt.
Viele Gruesse,
Richard
