Stilvoll vergiftet

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Jinjok

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Aus der Junge Welt vom 08.03.2002

Stilvoll vergiftet

Auf Jasmin Tabatabais Soloalbum »Only Love« singt eine gutgekleidete Stimme von der richtigen Haltung nach dem Tod

Ab dem Moment in Xavier Kollers »Gripsholm«-Verfilmung, in dem sie mit dieser ganz bestimmten Beiläufigkeit ihre Limousine streichelt und »meine Schnuckelbiene« nennt, hätte sie meinetwegen ein Duett mit Roland Kaiser singen können, ich hätte es gekauft. Auch eine Platte, die ausgerechnet »Only Love« heißt - kein Problem. Auf dem Cover ist die bestaussehende Lady-mit-Gitarre in nebulösem Blau zu sehen; man könnte denken, sie raucht wie immer, aber eigentlich fummelt sie nur an einem Grashalm herum. Was für eine verdammt perfekte Geste.

»Only Love« ist Jasmin Tabatabais erstes Soloalbum nach dem »Bandits«-Soundtrack, den sie quasi allein geschrieben hat, und einer von leider kaum jemandem wahrgenommenen Karriere in der einzigen Frauenband, die gleichzeitig ihre eigene Vorband war: »Even Cowgirls get the Blues«. »Only Love« heißt so, weil das ein schöner Titel ist und die Angst vor schönen Titeln höchstens Dekonstruktivisten in den Wahnsinn treibt. Nicht Tabatabai, die sowieso kein Verhältnis zum Dekonstruktivismus hat. Alles an ihr wirkt angenehm intuitiv. Ihre Musik genauso wie ihre Beziehung zum Feminismus, die irgendwo zwischen naiv und lässig-präzise angesiedelt ist: »Neulich hat mir ein Regisseur ganz begeistert von den Puffs in Bangkok erzählt. Wie toll es da war, die Frauen da, du, die haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Körper, die machen das gerne. Da hab ich zu dem gesagt: Hey, fuck you! Was ist das für ein Scheiß. Keine Frau verkauft ihren Körper gern.« (Emma 6/2000) Hey, fuck you. So ungefähr funktionierte der ganze »Bandits«-Film. Wer das übertrieben fand, hatte recht und trotzdem noch kein Argument gegen Female Machismo vorgebracht.

»Ich will alles können dürfen«, hat Jasmin Tabatabai damals einer wahnsinnig gewordenen Alice Schwarzer zwischen zwei Zigaretten ins Heft diktiert (Schwarzer: »Nach Anke Engelke ist Jasmin Tabatabai damit die zweite aus der sogenannten Girlie-Riege, die das Anti-Emanzen-Tabu bricht ...« Hat die Frau Augen im Kopf? Hat sie keinen Anstand?) »Only Love« darf einen Titel haben, der vergiftet ist, und trotzdem eine großartige Platte sein. Weil sie nicht viel mehr ist als melancholischer Pop, der auch nicht mehr sein will.

Das erste Lied neigt sich textlich zwar gefährlich in Melissa-Etheridge-verseuchte Gefilde (»help me, mamie!«), ohne aber jemals in deren langweilige Borniertheit zu verfallen. Was man ersterer nicht gerade nachsagen kann, weil sie sich gerne explizit tough gibt, gilt für Tabatabai doppelt: Jeder hübsch ausgedachte Ton läßt die Entgleisungen ahnen, zu der diese Stimme fähig ist, wenn es darauf ankommen wird. Vorerst werden auf den Punkt gebrachte Austarierungsversuche in Beziehungsgeflechten vorgetragen: »After you killed me / it took me a while / to get back to life again / to get back in style«. In style! Erst tot und dann schnell die Haare geordnet. Soviel zu tödlicher Verzweiflung, der hier durch eine gepflegte Sentimentalität endlich die angemessene Würde verliehen wird. Da schrammen die Texte schon mal knapp am gesammelten Dramolett-Zitatenschatz vorbei - »pick up the pieces of my heart«, yeah Cowboy - aber egal, Melodienbögen, die idealistischer kaum sein könnten, machen, daß es gut wird. Und es wird, alles eine Frage des richtigen Stiles. »Over you« zum Beispiel, ist ein Lied, das man nur in Tanktop und Bluejeans vortragen kann, die im Schritt kneifen. Obwohl es sich keineswegs um einen Tank-Girl-Song handelt, eher um ein Stück voll zurückgelehnter Erotik. Die richtigen Klamotten wären auf jeden Fall die richtige Interpunktion, wie auf der gesamten Platte die richtige Einkleidung der Stimme wichtiger ist als der richtige Text.

Manche Lieder kennt man, obwohl sie neu sind. Manche Lieder machen ganz einfach Fehler. Das Duett »It all comes back to you« ist ein ekelhaftes Sich-Ansingen zwischen Frau und Mann, das mit seiner bekloppten Versöhnlichkeit die Platte fast ruiniert. Eher geht noch der letzte, auf eine eher abstrakte Form der Liebe anspielende Song »The first of may«, eine musikalisch komplett anspruchslose Hymne auf die Kreuzberger Mai-Festspiele, die ja musikalisch eher noch anspruchsloser sind, als in einem Lied mit rhythmischer Struktur überhaupt anzudeuten ist.

Alles in allem: Genau. Es geht auch komplizierter, muß aber nicht. Susan Geißler

* Jasmin Tabatabai: »Only Love« (polytrash/chet records)

Tour: 11.3. Bielefeld, PC 69/ 12.3. Köln, Prime Club / 14.3. Frankfurt/Main, Batschkapp / 15.3. Ludwigsburg, Scala/ 17.3. Wien, B72 / 18.3. München, Metropolis / 19.3. Nürnberg, Hirsch / 21.3. Dresden, Star Club / 22.3. Leipzig, Cine Star / 24.3. Hamburg, Schlachthof / 25.3. Berlin, ColumbiaFritz
 
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