Die Demystifizierung dieser Riten und Gebräuche ist sicherlich notwendig. Auch eine ganz persönliche Interprätation ist legitim, da letztlich für die "Haltung" des Einzelnen ausschlaggebend.
Man darf dabei aber den historischen sowie den sozio-politischen Hintergrund dieser Praktiken und "Traditionen" nicht ganz aus den Augen verlieren, oder gar verneinen.
"Peinlich dem Achten" (Henry VIII) küsste man beispielsweise ebenso den Ring wie dem Erzbischof von England. Wobei mir jetzt nicht 100% schlüssig, ist wem diese Ehre als erstes zu Teil wurde, den Königen oder den Obehäuptern des Klerus? Es scheint mir aber so zu sein, dass dem Klerus zu gewissen Zeiten dieselbe "devote" Haltung entgegengebracht wurde, wie dem Adel, - und nicht umgekehrt. Vor zirka 60 Jahren, mussten die Kinder meines Heimatlandes übrigens noch vor dem Dechant oder Kaplan einen Kniefall machen und "gelobt sei Jesus Christus" laut aussprechen.
Die buddhistische Sangha (oder viel mehr ihr Rang) ist aber nicht direkt mit dem Klerus der monotheistischen Religionen vergleichbar. Während der Klerus sich in unseren Gefilden zum grössten Teil selbst an die Macht (und an die höchste zu erreichende Stufe der sozialen und politischen Hierarchie) 'gepuscht', getrickst, manipuliert und gemordet hat, wurde die Sangha viel eher von den jeweiligen Monarchen dorthin plaziert. Eine soziale Stellung, die mit Sicherheit notwendig war um eine Religion zu etablieren und/oder zu festigen, - berechtigterweise oder nicht. Bereits im Hinduismus hatte die "Priesterkaste" stets den höchsten sozialen Rang nach dem "Sang Real" inne - machte dem "Restadel" sogar manchmal den zweiten Rang streitig und stand sogar über der machtvollen Kriegerkaste.
Ein anderer (wichtiger) Umstand der für den Rang in der Hierarchie verantwortlich war, ist aber auch der Intellekt und das (geheime) Wissen das der Klerus, die Priesterkaste und die Sangha auszeichnete. Der jeweilige Adel hat stets gewusst, die Wissensquelle und Weisheit des Klerus zu schätzen, und nicht selten anzuzapfen.
Der tibetische Buddhismus wurde übrigens aus mehr oder weniger politischen- und sicherlich aus klaren sozial-politischen Gründen vom damaligen König Trisong Detsen, (erst) im Jahre 774 (unserer-ZR) in Tibet im wahrsten Sinne des Wortes etabliert. Und es ist quasi selbsterklärend, dass auch in diesem Falle dafür gesorgt wurde dass die "wünschenswerte Staatsreligion" den nötigen Respekt bekam und die Oberhäupter die nötige soziale Stellung seit Anbeginn inne hatten.
Der Buddhismus hätte die Jahrtausende ohne die Befürwortung und Unterstützung (sprich unter dem Protektorat) der einzelnen "Monarchen" sicherlich nicht überlebt. Die Ehrerbietung und die "devote" Haltung gegenüber der "Sangha", ihren Mitgliedern und Oberhäuptern, von denen hier die Rede ist, ist also auch im Falle des Theravada Buddhismus (zumindest) eine Mischung aus Restbeständen feudaler Sozialstrukturen, willkürlich etabliertem sozialem Rang der Sangha, - und dem Respekt vor den lebenden Vertretern des Dharmas (Wissens).
Die individuelle Haltung muss nicht unbedingt auf diese komplexen Hintergründe zurückgreifen, - muss/sollte aber auch nicht durch Fehlen von Hintergrundwissen, vom Individuum romantisiert oder idealisiert werden.
There are always three sides to every story:
Your side, my side, and the truth.
And no one is lying.
Memories shared serve each differently.
Robert Evans