Wenn wir sehen, was in der Welt vor sich geht, beginnen wir zu verstehen, daß es keinen äußeren und inneren Prozeß, sondern nur einen einheitlichen Prozeß gibt, eine alles umfassende Bewegung, wobei die innere Bewegung sich im Äußeren darstellt und die äußere wiederum auf das Innere zurückwirkt. Fähig zu sein, darauf hinzuschauen - das allein scheint mir notwendig zu sein; denn wenn wir wissen, wie zu schauen ist, dann wird alles ganz klar, und zum Hinsehen bedarf es keiner Philosophie, keines Lehrers, niemand braucht Ihnen zu sagen, wie Sie schauen sollen. Sie schauen eben. Wenn Sie nun das ganze Bild vor Augen haben, es wirklich sehen - nicht nur sagen, daß Sie es sehen -, können Sie sich dann mühelos und spontan verwandeln? Das ist das eigentliche Problem. Ist es möglich, eine vollkommene Revolution in der Seele hervorzubringen?
Ich möchte wissen, wie Sie auf eine solche Frage reagieren. Sie mögen sagen, »Ich wünsche mich nicht zu verändern«, und die meisten Menschen wollen es auch nicht. Besonders diejenigen sind einer Veränderung abgeneigt, die in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht einigermaßen gesichert leben oder die an dogmatischen Vorstellungen festhalten oder bereit sind, sich und die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, vielleicht in einer etwas abgewandelten Form.
Oder Sie mögen sich etwas subtiler ausdrücken : »Es tut mir leid, es ist zu schwierig, es ist nichts für mich.« In diesem Falle haben Sie sich bereits blockiert und haben aufgehört zu forschen, und es wird zwecklos sein, weiterzugehen. Oder Sie mögen sonst noch sagen, »Ich sehe die Notwendigkeit einer fundamentalen inneren Verwandlung ein, wie aber soll ich sie zustande bringen?
Zeigen Sie mir bitte den Weg, verhelfen Sie mir dazu.« Wenn Sie so reden, dann hat das, womit Sie sich befassen, nichts mit wirklicher Verwandlung zu tun. Dann sind Sie nicht an einer grundlegenden Revolution interessiert; Sie suchen nur nach einer Methode, einem System, das Ihnen zur Verwandlung helfen soll.
Wenn ich töricht genug wäre, Ihnen ein System zu geben, und wenn Sie unklug genug wären, sich danach zu richten, würden Sie nur kopieren, nachahmen, sich anpassen, billigen. Wenn Sie das aber tun, haben Sie die Autorität eines anderen in sich aufgerichtet, und daraus entsteht der Konflikt zwischen Ihnen und der Autorität. Sie glauben, dieses oder jenes tun zu müssen, weil man es Ihnen gesagt hat, und doch sind Sie unfähig, es zu tun. Sie haben Ihre besonderen persönlichen Neigungen, Absichten und Nöte, die zu dem System, dem Sie glauben folgen zu müssen, im Gegensatz stehen, und daraus entwickelt sich folglich ein Widerspruch. So werden Sie ein zwiespältiges Leben zwischen der Ideologie des Systems und der Wirklichkeit Ihres täglichen Lebens führen. In dem Versuch, sich mit der Ideologie in Einklang zu bringen, unterdrücken Sie sich, während die eigentliche Wahrheit nicht in der Ideologie steckt, sondern in dem, was Sie tatsächlich sind. Wenn Sie versuchen sich zu erforschen und sich dabei nach einem anderen ausrichten, werden Sie immer ein Mensch bleiben, der aus zweiter Hand lebt.
Ein Mensch, der sagt, »Ich wünsche mich zu verwandeln; sage mir, wie ich es tun soll.«, scheint sehr aufrichtig zu sein, es sehr ernst zu nehmen, aber er ist es nicht. Er verlangt nach einer Autorität, von der er hofft, daß sie ihm zur inneren Ordnung verhelfe. Aber kann Autorität jemals innere Ordnung erzeugen?
Ordnung, die von außen auferlegt wird, muß immer Unordnung schaffen. Sie mögen diese Wahrheit mit dem Verstand begreifen, aber können Sie sie wirklich anwenden, so daß für Ihren Geist keine Autorität mehr in Betracht kommt, nicht die Autorität eines Buches, eines Lehrers, der Ehefrau oder des Ehemannes, der Eltern, eines Freundes oder der Gesellschaft? Da wir immer schablonenhaft nach einer Formel gelebt haben, wird die Formel zur Ideologie und zur Autorität. Aber in dem Augenblick, da Sie wirklich erkennen, daß die Frage »Wie kann ich mich verwandeln?« eine neue Autorität schafft, sind Sie mit der Autorität für immer fertig.
Lassen Sie es uns noch einmal klar und deutlich sagen: Ich sehe ein, daß ich mich vollkommen, bis in die Wurzel meines Seins verwandeln muß. Ich kann nicht länger von irgendeiner Tradition abhängen, denn die Tradition hat diese ungeheure Trägheit, Unterwerfung und Abhängigkeit geschaffen. Ich kann auf keinen Fall von einem anderen Hilfe erwarten, um mich zu verwandeln - von keinem Lehrer, keinem Gott, keinem Glaubenssatz oder System, keinem äußeren Zwang oder Einfluß.
Was geschieht dann ? Vor allen Dingen: können Sie jede Autorität ablehnen? Wenn Sie es können, bedeutet es, daß Sie sich nicht länger fürchten. Was ereignet sich dann? Wenn Sie etwas Falsches, das Sie seit Generationen mit sich herumgeschleppt haben, verwerfen, wenn Sie irgendeine Last abwerfen, was geschieht dann? Dann haben Sie mehr Energie, nicht wahr? Dann haben Sie eine größere Leistungsfähigkeit, mehr Schwung, eine größere Intensität und Vitalität. Wenn Sie das nicht empfinden, dann haben Sie sich nicht von der Last befreit, dann haben Sie das tote Gewicht der Autorität nicht abgeworfen.
Aber wenn Sie sie abgeschüttelt haben und damit die Energie besitzen, in der es keinerlei Furcht mehr gibt - keine Furcht davor, einen Fehler zu machen, richtig oder falsch zu handeln - ist nicht dann diese Energie selbst die Umwandlung? Wir brauchen ein gewaltiges Ausmaß an Energie, und wir verschwenden sie durch die Furcht.
Doch wenn die Energie vorhanden ist, die dadurch entsteht, daß jede Furcht abgeworfen wurde, bringt diese Energie selbst die radikale innere Revolution bervor. Wir haben dazu nichts zu tun. Sie sind sich also selbst überlassen. In diesem Zustand befindet sich tatsächlich der Mensch, dem es ernsthaft um diese Dinge zu tun ist. Und da Sie nicht länger von irgend jemandem oder irgend etwas Hilfe erwarten, sind Sie bereits frei, um zu entdecken. Und wo Freiheit ist, ist Energie, wo Freiheit ist, kann nichts mehr falsch getan werden. Freiheit ist etwas ganz anderes als Revolte. In der Freiheit gibt es kein rechtes oder unrechtes Tun mehr. Sie sind frei, und von diesem Zentrum aus handeln Sie; daher gibt es keine Furcht mehr, und ein Mensch, der keine Furcht hat, ist großer Liebe fähig. Und der wahrhaft Liebende kann tun, was er will.
Nachdem wir klar erkannt haben, daß wir, um eine totale Revolution in unserem Seelengefüge hervorzubringen, von keiner äußeren Autorität abhängig sein dürfen, stehen wir vor der weit größerenSchwierigkeit, unsere eigene innere Autorität zu verwerfen, die Autorität unserer persönlichen belanglosen Erfahrungen und angesammelten Ansichten, Kenntnisse, Ideen und Ideale.
Sie hatten gestern ein Erlebnis, das Sie etwas gelehrt hat, und was Sie da gelernt haben, wird zu einer neuen Autorität. Diese Autorität von gestern wirkt ebenso zerstörerisch wie eine tausendjährige Autorität.
Um uns selbst zu verstehen, bedarf es weder der gestrigen noch der tausendjährigen Autorität, weil wir etwas Lebendiges sind, in ständiger Bewegung, fließend, niemals ruhend.
Wenn wir mit der toten Autorität von gestern auf uns schauen, wird es uns nicht gelingen, diese lebendige Bewegung und die Schönheit, die darin liegt, zu verstehen.
Frei zu sein von aller Autorität, von der eigenen und der eines anderen, bedeutet, sich von allem, was gestern war, loszusagen, so daß der Geist immer frisch, immer jung, unschuldig, voller Kraft und Leidenschaft ist.
Nur in diesem Zustand kann man lernen und beobachten, und das bedarf einer umfassenden Bewußtheit, eines unmittelbaren Gewahrseins des inneren Lebensprozesses, ohne ihn zu korrigieren, ohne vorzuschreiben, was er sein sollte oder nicht sein sollte. Denn in dem Augenblick, da Sie korrigieren, haben Sie eine andere Autorität, einen Zensor eingesetzt.
Quelle: Jiddu Krishnamurti spricht über :» Der Mensch und die Welt « aus dem Buch ´Freedom from the Known´
gruß taoman