Ich komme gerade vom Schwimmen und konnte mir nun den Vortrag von Prof. Leisenberg anhören.
Sehr hörenswert und zu weiten Teilen mit meinen Erkenntnissen und logischen Schlußfolgerungen übereinstimmend.
Aber ich habe auch kritische Punkte, die ich als neutraler Beobachter dann hier auch mal anbringen muss.
Die psychologische Begründung, warum so viele Menschen an die Evolutionslehre glauben, obwohl deren zufälliger Existenz einer von Wissenschaftlern berechneten Wahrscheinlichkeit von höchstens 1 : 1 mit 270 Nullen entspricht, ist treffend. Jedoch gilt sie natürlich auch für alle Anhänger der Religionen.
Daher hat der Professor es auch auf den richtigen Punkt gebarcht, dass es keine vernünftige Diskussion zwischen Wissenschaftlern und Gläubigen geben kann, weil es ein Glaubenskrieg ist. Atheismus ist ja auch nichts anderes als ein Glauben - ein Glauben an keinen Gott. Aber zu einem Krieg gehören natürlich auch immer 2 Seiten.
Der Professor sagt mir zu häufig "nicht möglich". Das ist mir zu faktisch. Selbst der unwahrscheinlichste Zufall, der aus einer Aneinanderreihung weiterer Zufälle aufgebaut sein muss (z.B. dass das Leben aus einer Ursuppe einfach so entstanden ist), ist ja nicht total ausgeschlossen. Rein theroretisch könnte jetzt aus meinem Kugelschreiber ein Alien entspringen und die deutsche Nationalhymne singen. Sehr unwahrscheinlich, aber eben nicht ausgeschlossen. Auch ich halte die Geschichte mit der Ursuppe, Urknall etc. für fast nicht möglich, aber eben auch nur "fast".
Mein weiterer Kritikpunkt ist - wie ich hier ja schon gesagt hatte - der missglückte Begriff Evolution. Er hat ja das schöne Beispiel mit der Autofahrt mit verbundenen Augen nach Madrid genommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand dort ohne Beulen ankommt, hält er für nicht möglich - ich für fast (!) nicht möglich, also lediglich höchst unwahrscheinlich.
Nun sagt er aber, dass Teilstrecken durchaus unbeschadet gefahren werden könnten.
Und ebenso sagt er zur Evolution: kleine Veränderungen sind möglich, aber solche komplexen Gebilde wie Auge und der dahinter stehenden Datenverarbeitung, Selbstheilung etc. nicht (ich wiederum fast nicht).
Aus der Erkenntnis folgert er, dass die Evolution an sich intellektuell gesteuert sein muss. An dieser Stelle unterscheiden sich aber der Professor und ich.
Ich sehe das eher wie an seinem Auto-Beispiel nach Madrid. Teilstrecken sind möglich und nicht gerade unwahrscheinlich. Auch kann ich mittlerweile am PC Programme erstellen, die lernfähig sind. Macht etwas keinen Sinn, sucht das Programm nach Alternativen und sucht sich dann die beste Wahl aus und nutzt diese beim nächsten Mal gleich von selbst. Schachprogramme sind z.B. so aufgebaut.
Der heutige Europäer kam ja aus Afrika nach Europa. Damals war er wohl schwarz. Die Farbe machte aber keinen Sinn, so wurde er durch die Evolution weiß. Das sehe ich als Evolution an. Es ist jedoch ein relativ KLEINER Schritt, das ein eigenständiges Lernen benötigt, das meiner Meinung die Natur und die Gene selbst können.
Diese Evolution kann jeder sehen und lässt sich ja gar nicht abstreiten.
Daher halte ich die Überschrift "Evolution oder Schöpfung" und auch "Evolutionslehre vs. Schöpfungslehre" für völlig falsch und missverständlich. Es geht eher darum, wie ist die Evolution entstanden. Die Frage muss also eigentlich korrekt lauten: "Evolution durch Schöpfung oder Zufall?"
Es sei denn, man denkt dass Gott auch jeden Einzelschritt der Evolution auch heute noch sozusagen live organisiert. Dann wären wir aber auf einer anderen Ebene. Das sollte man dann schon mal klären, um zumindest einen Ansatz für eine Diskussion zu haben. Denn auf dieser Ebene würde ich dann wieder die Selbstlernprozesse als wahrscheinlicher ansehen.
Aber wenn es darum geht, wer überhaupt den Sinn für Augen, Ohren und dem dann fortdauernden Evolutionsprozess erschaffen hat, sieht die Sache dann schon wieder anders aus. Da wäre ich dann wieder auf der Linie vom Professor.
Die größte Abweichung habe ich aber beim Thema Bewusstsein und Tiere.
Der Professor sagt, dass es noch niemanden gelungen ist, das Bewusstsein im Menschen zu finden. Dennoch wissen wir ja, dass wir eines haben. Eine höchstinteressante Schlußfolgerung von ihm, die ich sehr spannend finde: dann könnte das Bewusstsein ja extern liegen (also außerhalb des Körpers). Dafür gibt es ja durchaus auch Hinweise (außerkörperliche Erfahrungen). Der Mensch wäre dann praktisch ein Avatar. So weit so noch gut.
Nun geht er aber der Frage nach, ob sich der Mensch vom Tier unterscheidet, bzw. ob er hochwertiger ist. Eugen Drewermann hat ja behauptet, dass das Töten eines Fisches mehr Schmerzen bereitet als ein ungeborenes Kind. Er setzt also Tiere mit Menschen gleich (was ich ja auch tue). Prof. Leisenberg jedoch versucht zu belegen, dass der Mensch mehr ist als "nur" ein Tier. Nicht biologisch oder physikalisch, sondern von seinem Bewusstsein her. Er begründet es damit, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat und ihm Bewusstsein gegeben habe, um mit ihm kommunizieren zu können. Peng, fertig!
So gut der Vortrag des Professors wirklich bis dahin war, aber die letzten Minuten mit dieser Behauptung enttäuschen doch sehr. Nicht, weil ich anderer Meinung bin, sondern weil es der Professor hier an den nötigen Schlußfolgerungen des Gegenteils fehlen lässt, die er bei den anderen Themen ja sehr gut gebracht hat.
Wenn es niemanden gelungen ist, ein Bewusstsein beim Menschen zu finden, warum sollten dann Tiere oder auch Pflanzen und Gegenstände kein Bewusstsein haben ??? Vielleicht werden sie auch wie Avatare ferngesteuert? Bewusstsein ist eine Definition des Menschen. Wir können daher "Bewusstsein" nicht nur nicht biologisch finden, sondern auch nicht erkennen, ob Tiere eines haben, was sie selbst als Bewusstsein auslegen würden. Noch können wir uns ja nicht in das Bewusstsein eines Tieres einklinken. D.h. unsere Lenker der Avatare müssten das von der Logik her dann schon können (verraten es uns aber nicht).
Die Begründung, um mit jemanden kommunizieren zu können, ist sehr schwach. Warum sollte es nur eine Spezies dafür geben? Was passiert, wenn sich die Menschen selbst auslöschen? Mit wem will Gott dann kommunizieren? Oder anders ausgedrückt: wenn sich der Mensch physikalisch von der Erde auslöscht, müsste es ja noch einen Avatar-Lenker geben, also unser Bewusstsein. Wie können wir uns dann manifestieren? Doch wieder als Bakterie mit dem Bewusstseins eines Menschen oder auf einem anderen Planeten? Oder gar nicht mehr? Warum gibt es dann überhaupt den Menschen?
Also das ist mir dann doch alles ein wenig zu undurchdacht und unlogisch.
Da werden mir auch die Bibelsprüche zu wörtlich genommen. Ich glaube eher, der Mensch hat schon damals bei den Bibelüberlieferungen einen Grund einbauen wollen, warum er sich gegenüber der Natur so negativ verhält.
In diesem Zug fiel ja auch der Satz, dass der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Wenn man das wörtlich nehmen würde, dann wäre Gott aber ein sehr fehlerhafter Gott, wenn man sieht, wie der Mensch mit der Natur umgeht. Wir hätten dann auch eine echte Definition von Gott. Er ist aufgebaut wie ein Mensch. Sorry, aber das halte ich für Gotteslästerung.
Gerade deshalb würde ich die Bibel eben nicht wörtlich nehmen, sondern nur sinnbildlich. Und dann käme ich schon zu ganz anderen Schlußfolgerungen.
Was ich mir eventuell vorstellen könte, wäre höchstens folgender Weg:
der Mensch wurde von Gott als höchstwertiges Wesen auserkoren, weil er von seiner physikalisch-chemisch-biologischen Zusammensetzung und des evtl. am höchsten entwickelten Bewusstseins die meisten Möglichkeiten besitzt, die Welt und das Leben zu verstehen und dadurch eine bildliche Verbindung zu "Gott" schaffen kann.
Das wäre das Einzige, was ich evtl. unter der Bezeichnung" Krone der Schöpfung" als halbwegs wahrscheinlich akzeptieren würde. Aber für alles andere fehlt es mir einfach an logischen Begründungen oder Anzweiflung des Gegenteils, die ja für die anderen Dinge im Vortrag existieren.
Und so lange mir keiner einen vernünftigen Gegengrund nennen kann, halte ich es für wahrscheinlicher, dass jedes Atom ein Bewusstsein hat, was ja mittlerweile auch einige Physiker für möglich halten. Ich sehe jedenfalls keinen nachvollziehbaren Grund, der dagegen sprechen sollte.
Das Thema hat aber mit einer Schöpfung und Nicht-Schöpfung nichts zu tun und kann daher unabhängig betrachtet werden, wie ja auch eigentlich der Evolutionsprozeß, nachdem er mal in Gang gebracht wurde.
Jedenfalls vielen Dank für den Link zum Vortrag. Er war sehr inspirierend.