Sorry das ich Euch mit meiner Eintracht nerve, aber die Chronik des letzten Spiels verursacht bei mir immer noch eine Gänsehaut!
Vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen von Euch.
13.30 Uhr.
Wer noch einen guten Platz ergattern will, muss seine Ellenbogen einsetzen. Schon eine halbe Stunde vor Spielbeginn stehen die Fans Schulter an Schulter. Draußen sind es um die 20 Grad, oben, unter dem Dach mindestens fünf Grad mehr. Die Trikots kleben an der Haut, es riecht nach Schweiß und Rauch.
Andreas ist da, Dirk und die Jägi-Jungs sind es sowieso. Sie stehen in den letzten Reihen, ganz oben unter dem Stadiondach – blaue Mützen, Jägermeister-Trikots und Buttons auf den Jeansjacken mit der Aufschrift "Aufstieg 2005". Block 8 ist ihr Revier, Andreas und Dirk kommen ins Stadion, so oft sie können. Andreas reist aus Oldenburg zu den Eintracht-Spielen an und Dirk aus Salzgitter. "Seit 16 Jahren bin ich treuer Fan", erzählt er. Dem Höhepunkt der Saison fiebert er schon seit Wochen entgegen.
Um sich für die Spielzeit zu rüsten, haben sich einige gleich drei Biere auf Vorrat geholt. Sie halten die Plastikbecher fest mit beiden Händen umklammert. Wer sich an ihnen vorbei auf die Ränge drängeln will, riskiert eine Dusche.
13.35 Uhr.
Unten auf dem Spielfeld laufen die Amateure von Arminia Bielefeld ein. Gellende Pfiffe. "Eeeeeintracht, Eeeeeintracht", rufen die Fans von Block 8. Die Jägi-Jungs rollen ihre Fahne aus. Sie ist so groß, dass sie selbst noch sechs Reihen darunter die Köpfe der Zuschauer streicht. "Wir sind alle da, ihr könnt anfangen", ruft einer. "Ey, Uwe, nimm Dein Haar aus meinem Bier", ein anderer.
Die Lautsprecher knacken. "Bitte rücken Sie in ihren Blöcken auf", sagt der Stadion-Sprecher. "Wie sollen wir denn hier noch aufrücken?", fragen die Fans.
13.40 Uhr.
"Wahnsinn", stöhnt Thorsten. Der 37-Jährige hat sich bis in die hinterste Reihe vorgekämpft und steht jetzt neben dem Gitter. Er trägt das schwarze Auswärts-Eintracht-Trikot und einen blau-gelben Schal. Er hat wohl die weiteste Anreise hinter sich. Seit 1989 lebt der gebürtige Goslarer in Melbourne, Australien. Doch auch die Entfernung konnte seiner Liebe zu Eintracht nichts anhaben. Über das Internet verfolgt er, wie sich seine Mannschaft in "Good old Germany" schlägt, erzählt er. "Den Urlaub habe ich so gelegt, dass ich beim Aufstiegs-Spiel dabei sein kann."
13.50 Uhr.
Der Sprecher verliest die Namen der Eintracht-Spieler: "Nummer 11, Ahmet Kuru". "Tooor-Fa-brik!", brüllen die Fans. Dann singen alle "Zwiiiischen Harz und Heideland" und "Hier. Regiert. Der BTSV" und "Niiiiiieee mehr 3. Liga." Auf das Spielfeld fliegen blau-gelbe Luftballons. "Hoffentlich machen die nach einigen Minuten schon das 1:0", sagt Andreas. "Dann können wir etwas entspannen."
14 Uhr. Anpfiff.
Alle singen: "Bundesliga, nun sind wir wieder da!"
14.09 Uhr.
Eintracht-Torwart Thorsten Stuckmann bugsiert den Ball nach einer harmlosen Flanke der Arminen ins eigene Tor. 0:1 für Bielefeld. Andreas und Dirk stöhnen, einer der Jägi-Jungs schlägt sich entsetzt die Hände vors Gesicht.
Minutenlang ist es gespenstisch ruhig in der Südkurve, die Fans sind wie gelähmt. "Oh, nein, das gibt’s doch nicht. Ausgerechnet so’n Scheiß-Ding", murmelt Dirk. "Wie gegen Wattenscheid", sagt Andreas.
Die beiden erinnern sich genau an das Spiel vor zwei Jahren, als sich Eintracht gegen Wattenscheid erst in den letzten Minuten in die 2. Liga schoss. Alle ahnen, dass es eine Zitterpartie wird.
14.15 Uhr.
In der vierten Reihe ruft einer laut: "Was soll’s Jungs, weiter geht’s." Der erste fängt wieder an zu klatschen, alle anderen machen mit. Sie stampfen, singen. "Eintracht ole, ole, ole".
Andreas starrt aufs Spielfeld. "Man, da ist kein Schwung drin", sagt er. "Ich sag ja: wie gegen Wattenscheid!" Sein Handy klingelt – ein Kumpel ruft an. Er gibt die Spielstände der Konkurrenten durch. Paderborn, Chemnitz, Lübeck – sie liegen alle vorn. Ruf von links: "Jetzt hilft nur noch Jesus!"
14.38 Uhr.
Eintrachts Rechtsaußen Daniel Graf schießt. "Tooooor." Die Fans springen auf, sie reißen ihre Arme hoch, sie schwenken blau-gelbe Schals, klatschen, pfeifen. Die Tribüne wackelt. Bier tropft herab.
14.44 Uhr.
Arminia-Spieler Christian Wieczorek legt nach: 2:1 für Bielefeld. Andreas dreht sich um. "Ich halte das nicht mehr aus", stöhnt er und drängelt sich durch die Reihen, Richtung Ausgang.
15.10 Uhr, zweite Halbzeit.
Die Fans von Block 8 schweigen. Einige nippen an ihrem Bier und rauchen nervös.
"Oh Mann, das ist doch Larifari."
"Ein Alptraum."
"In Paderborn haben die doch noch so gut gespielt."
"Die wollen nicht gewinnen!"
15.15 Uhr.
2:2. Daniel Graf hat den Ball ins Tor geköpft. Jubel. "Aaaaaaaaausgleich!" "Einpeitscher" Thilo Götz ist vor Block 8 auf den Zaun geklettert und stimmt Gesänge an – wie bei jedem Spiel. "Krach-Macher", steht auf seinem schwarzen T-Shirt. "Heh, Eintracht Braunschweig, uh, uh, schalalala", singen alle.
15.30 Uhr.
Foul an Graf im Strafraum. Der Schiedsrichter entscheidet: Elfmeter. "Jaaaaaa", rufen die Fans. "Meine Nerven machen das nicht mit", stöhnt einer. Er dreht seinen Rücken zum Spielfeld, richtet seine Augen starr auf die Wand des Stadions und knetet seine Hände. Jürgen Rische verwandelt den Elfmeter zum Führungstreffer. "Toooooor", jubeln alle noch lauter.
15.40 Uhr.
Die Jägi-Jungs rollen ihre Fahne wieder aus. Einer betet laut: "Lieber Fußball-Gott. Lass das Spiel bald vorbei sein!"
15.43 Uhr.
Die ersten rennen runter von den Tribünen und drücken gegen die Absperrgitter. "Bitte bleiben Sie bis Spielende auf ihren Plätzen", sagt der Stadion-Sprecher.
Abpfiff.
"Jaaaaaaaaa", jubeln die Jägi-Jungs. "Jaaaaaa", ruft Dirk und ruft Thorsten, der Australier. Block 8 bebt. Wildfremde Menschen fallen sich in die Arme. Selbst gestandenen Männern rollen Tränen über das Gesicht. Die vorderen Reihen rennen los, durch das geöffnete Absperrgitter, rauf auf den Rasen. Sie reißen Erde aus dem Spielfeld und küssen den Boden.
Nur einer bleibt zurück. Dirk steht immer noch in der letzten Reihe von Block 8. Er lehnt gegen die Stadionwand, beobachtet die Szene, schweigt. "Typisch Eintracht", sagt er leise. "Ein echter Nervenkrieg."