Hermann, On & Paul...

Diskutiere Hermann, On & Paul... im Literarisches Forum im Bereich Thailand Forum; So, Lob mal als positiven Movationsschub betrachtend, will ich Euch noch ein wenig über Hermann, On und Paul erzählen – und was sie so alles...
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Kali

Gast
So, Lob mal als positiven Movationsschub betrachtend, will ich Euch noch ein wenig über Hermann, On und Paul erzählen – und was sie so alles erlebt haben bzw. auch noch u.a. in Thailand erleben werden.

Hermann, unser Mittfünfziger, 56, um genau zu sein, war bis zu seiner Frühpensionierung im Dezember 2001 Beamter des mittleren Dienstes (zuletzt in der Besoldungsstufe A 7, durfte im amtlichen Schriftverkehr also den vielverheißenden Titel eines Stadtobersekretärs führen) beim Senat in Berlin im Ordnungsbereich tätig. Die letzten fünf Jahre bis zu seinem Ausscheiden war er mit der komplexen und verantwortungsvollen Materie des Fundwesens befaßt, sprich: er verwaltete das umfangreiche Lager des Fundbüros. Kein leichter Job, erforderte er doch ausgeprägtes Fingerspitzengefühl im Umgang mit mitunter verzweifeltem Publikum, das ihn flehentlich um die Wiederbeschaffung verloren gegangener Beißhilfen bzw. sich selbständig gemacht habender Bruchbänder anging. Mitunter war er allerdings seinen Vorgesetzten ein Dorn im Auge, wenn er denn schon mal das Photo eines Gebisses in der Zeitung veröffentlichen oder ein solches bei der Polizei öffentlich zur Fahndung ausschrieben ließ. Er nahm seine Aufgabe ernst, sein Slogan war: "Hast Du Dein Gebiss verloren, liegst halt Hermann in den Ohren..." Die Pension eines Stadtobersekretärs ist nicht weltbewegend, doch da legt Hermann keinen großen Wert drauf. Er ist glücklich, wenn er schon mal den ein oder anderen seiner ehemals Hilfesuchenden in der Stadt trifft, der ihn freundlich anlächelt, und er sich dann sagen kann: "Siehst, Hermann, das hast Du wiedergefunden..."
Übrigens hat Hermann auch ´ne kleine Mietwohnung, immerhin zweieinhalb Zimmer im Souterrain, in Kreuzberg – er liebt einfach dieses Multikulturelle -, und wenn er morgens den Muezzin was rufen hört, dann kommt so was wie Urlaubsstimmung auf. Ein Auto hat er allerdings nicht. "Radfahren hält jung," antwortet er, wenn er drauf angesprochen wird. Daß er nach einem Besuch bei Sonja die Fleppe vor drei Monaten abgeben mußte, neee, da redet er nicht so gerne drüber.

Paul, unser Ostfriese, kam vor ca. 10 Jahren eines Tages überraschend mit einem selbst gefrickelten Wohnmobil auf Mercedes-Chassis-Basis, das den TÜV vermutlich noch nicht einmal vom Hörensagen kannte, in Berlin an. Nachdem er dann im Verlaufe von zwei Jahren ca. 120 Anwohnerparkplätze nacheinander blockiert hatte, zog man zunächst das Wohnmobil für immer und anschließend Paul kurzzeitig aus dem Verkehr. Das Städtische Wohnungsamt vermittelte ihm zunächst ein kleines Zimmer bei einer 16-köpfigen Türkenfamilie in Kreuzberg, seit Ende 1998 bewohnt er ein kleines Häuschen in Ferch, gleich hinter Caputh, sehr schön im Wald gelegen. Dort fühlt er sich wohl, er liebt die Natur, dort kann er sich seiner Lieblingsbeschäftigung widmen: nämlich nichts reden zu müssen. Im selben Jahr fuhr er auch das erste Mal nach Thailand, nach Pattaya, diesem geschichtsträchtigen Ort ca. 120 km so Bangkok. Ob er schon mal woanders in Thailand gewesen war, nun, erzählt hat er bis heute jedenfalls noch nichts. Doch das will nichts heißen. Er scheint allerdings nicht ganz so mittellos zu sein, man munkelt von einer Erbschaft, zumindest ist das Häuschen in Ferch bezahlt. Angeblich habe er es von einem alten pensionierten russischen General gekauft, dem die Wende irgendwie durchgegangen war. Aufgefallen war´s dem, als der im Sommer 1998 in einer Trinkpause – Paul hatte bei seinem Einzug einen 80 m3 – Container für´s Leergut ordern müssen – eine Menge Autos mit ihm unbekannten Kennzeichen bemerkte. Sein Ruf nach der russischen Miliz verhallte ungehört, weil, wer sollte ihn hören, von denen war ja bekanntermaßen 1998 keiner mehr da ?!

On ist eine stille nun 35-jährige Frau, 162 cm, lange schwarze glänzende Haare, ebensolche Augen, nicht so lang, aber so schwarz, aus Nong Bua Lamphu, aus Bangkok kommend Richtung nordnordost und kurz vor Udon Thani scharf links, dann noch ca. 6 Stunden mit dem Fahrrad oder 1 – 1½ Stunden mit dem Wagen. Sie hat zwei Kinder ( 8 und 10), alles Mädels, ihr Leben lang hart gearbeitet, auf´m Feld und so, für die kranke Mutter gesorgt und den gesunden Vater. Ihr Mann hatte nach der Geburt des zweiten Mädels das gegeben, was man auch als Fersengeld bezeichnet. Nun, so hatte er wenigstens etwas gegeben. Nachdem denn aus der Nachbarschaft die ein oder andere verschwand, nein, nicht auf Nimmerwiedersehen, ins Ausland nämlich, dachte sie sich eines Tages, natürlich auf Thai: ´Gehst halt auch...´ Über eine Cousine 69-ten Grades, die in Berlin wohnt, bekam sie Kontakt zu einem freundlichem Mann mit seiner Thai-Frau, der ihr – gegen eine geringe Unkostenpauschale – die Fahrt nach Deutschland ins gelobte Land ermöglichte. Eigentlich nur eine Formsache, das Grundstück der Eltern wurde mal eben mit 120.000 THB beliehen, dies für die Unkostenpauschale des freundlichen Menschen aus Jöremani, die restlichen 40.000 THB für´s Ticket und die Papiere streckten die Nachbarn gegen einen Freundschaftszins vor. Mit der Rückzahlung eile es nicht so, sie solle erst mal sehen, daß alles so nach Wunsch klappt, Und so kam sie also vor ca. 4 Wochen nach Berlin, zahlte artig, denn die machten sich ja nun wirklich Mühe, die teure Anzeige in der Zeitung, den ganzen Aufwand. ´Sind tatsächlich nette Leute,´ stellte sie nach ihrer Ankunft in der Wohnung fest, ´haben sogar ein Zimmer mit 4 übereinandergestapelten Feldbetten (Restbestände von der NVA), vermutlich für Freunde, wenn die zu Besuch sind und mal ein wenig viel getrunken haben.´ Vor Rührung über soviel Menschlichkeit kamen ihr fast die Tränen.
Na ja, und einer der 86 Aufzeitungsheiratsanzeigenantworter war eben Paul, ihr von Beginn an sympathisch, redete nicht viel, hatte etwas wenig Haare auf dem Kopf, einen kleinen Bauch – hat sicher immer reichlich zu essen. Und als sie das kleine Haus in Ferch bewundert hatte, da sagte sie spontan: "ooiii mi: ba:n mi: rot mai ao mO:ng phu: chai i:t ao Baul khon diao..." frei nach Kali: ooiii, der hat´n Haus und ´n Auto, ich will keinen anderen Mann mehr sehen, ich will alleine nur Paul ! Und Paul strahlte auch, wie sie so schön lächelt, hat sicher was Nettes gesagt.
So leben On und Paul also seit ca. 14 Tagen zusammen und, wie´s ausschaut, verstehen sie sich, auf jeden Fall lächelt On den ganzen Tag. Und Paul ist´s zufrieden, nun ist er nicht mehr allein, und überhaupt, On spricht auch ein wenig Englisch. Gelernt haben will sie es von einem Neuseeländer, der in der Nähe ihres Heimatdorfes 5 Jahre als Waldmönch gelebt hatte. Hatte ihr in einer Waldpause während der Arbeit schon mal zugesehen, so kamen sie dann ins Gespräch. Und da das Angelsächsische in der Grundstruktur gewisse Ähnlichkeiten mit dem Ostfriesischen aufweist, kommt so etwas wie eine Kommunikation zustande, für Außenstehende allerdings nicht so ohne weiteres nachvollziehbar.
Und so ist sich Paul schon sicher, daß sie, wenn sie dann mit leicht singendem Tonfall dieses: "yuur haendsom maen." von sich läßt, im Grunde nur ihren guten Geschmack beweist, und dieses: "mai mather veri mai sabei doctor veri paeng." ja nur auf ihren ausgeprägten Familiensinn schließen läßt. Das hatte ihm nicht nur der Vermittler gesagt, er hatte es auch in einem Reiseführer gelesen. ´Jou, is´ man bannig jut, wenn man sich vorher än büschen schlau machen tut,´ denkt er manchmal bei sich, wenn er gerade mal viel denkt.

Kennengelernt hatten sich die beiden übrigens ´dienstlich´, d.h., Paul agierte als Fundsachenfinderundablieferer und Hermann als Fundsachenentgegennehmerundverwalter.
Die Sache war so: Paul strich – wie häufiger, wenn er mal aus Ferch rauskommen wollte – an einem lauen Maiabend 2000 durch eine kleine Seitenstraße in Kreuzberg. Da sah´ er hinter einer Mülltonne eine ca. 80 x 60 x 20 große Holzkiste mit Kieler Sprotten. ´Die hat wohl jemand verloren,´ dachte er bei sich, ´bringst sie halt zum Fundbüro.´ Gedacht, getan. Er vorsichtig die Kiste an den Mann gebracht, nämlich an sich selbst, die Arme gaaanz weit vom Körper abgewinkelt und zum Fundbüro gestiefelt. Hermann hatte Dienst, sah´ ihn flott über seine auf der Nasenspitze hockenden Lesebrille an und meinte: "Na, was haben wir denn da Schönes ?", den leicht ob der von der Kiste aufsteigenden bereits sichtbaren Wohlgerüche grünlichen Schimmer in Pauls Gesicht einfach nicht zur Kenntnis nehmend, "...eine Fundsache, gelle ?! Na, dann woll´n mer ma.", füllte den Empfangsschein aus, ohne mit der Wimper zu zucken holte er eine dieser großen blauen Plastiktüten und verpackte die Fundsache nicht nur vorschriftsmäßig, sondern auch luftdicht. "Mit diesem Zettel können Sie sich die Fundsache abholen, wenn der Eigentümer sich nicht innerhalb eines halben Jahres meldet."
Paul kam nach einem halben Jahr – der Eigentümer hatte sich tatsächlich nicht gemeldet – und zog mit seinem neuen Besitz stolz nach Hause. Nachdem er es denn ausgepackt hatte, war die Wohnung innerhalb einer Viertelstunde fliegenfrei, die kläglichen vermoderten Reste packte Paul in die Tüte, verschloß diese luftdicht und entsorgte die nicht mehr verwendbaren Reste der Fundsache, die nun in sein Eigentum übergegangen war, ordnungsgemäß in der für den Restmüll vorgesehenen Tonne.
Die Kiste wurde schön drei Wochen in einem Antiseptikum gewässert, anschließend getrocknet, geschmirgelt, braun angestrichen und an die Wand geschraubt. Dort lagern nun die Prospekte aus Thailand. Welche Bedeutung ´alter Fisch´ für ihn in diesem Leben noch haben sollte, ahnte er zu diesem Zeitpunkt nicht im entferntesten.
Zufällig trafen sie sich zwei Monate später in einer Eckkneipe, tranken ein paar Schultheiss zusammen – jeder bezahlte sein eigenes -, tja, und so wurden sie so etwas wie Freunde.

Das wären sie also, die, die noch ´ne schöne Zeit vor sich haben. Halt, der Hermann hat ja ein paar schöne Stunden hinter sich. Teufel auch, war die Sonja gut drauf. Sicher, auch in der Lola-Bar nehmen sie seit dem 01.01.04 50 € Praxisgebühr. Doch die Sonja hat ihm das verständlich erklärt, nachdem sie während ihres Zusammenseins das fünfte Mal auf die Uhr gesehen hatte: "Sieh´ mal, Hermann, Du bist ja nicht nur ´n einfacher Freier, irgendwo ja auch mein Patient – Du brauchst die Praxisgebühr ja auch nur einmal im Quartal zu bezahlen."
Eines ging ihm allerdings doch auf den Keks: Sicher, Sonja vermittelte ihm das Gefühl, ein ganzer Kerl zu sein, und zuhören konnte sie auch, und auch eine gewisse Vertrautheit hatte sich entwickelt, von daher ist´s ja auch normal, daß sie zwischendurch mal in die Zeitung schaut, vermittelt so was Familiäres...Aber bei jedem Besuch 400 € da zu lassen zehrt ganz schön an seinem von der Stadtobersekretärbesoldung Gespartem. Und von der Pension kann er kaum etwas an die Seite legen. Mit den Gedanken: ´Da soll´s ja in Thailand ein bißchen preiswerter sein...´ machte er sich dann gegen 23:30 auf den Heimweg, holte sich an der Fina-Tankstelle noch ´n Sechserpack, na ja, wenn er ehrlich sein sollte, auch, um diesen etwas fahlen Geschmack aus´m Hals zu kriegen. Auf jeden Fall nahm er sich vor, am nächsten Tag Paul anzurufen, der kann ihn ja auch mit dem Wagen abholen, nach Ferch ist´s ja mit´m Bus ´n Himmelfahrtskommando...

to be con... usw.
 
dawarwas

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Kölle am Ring
Es gibt Leute, derenn Resoivar (hilfe wie wird das geschrieben)ist einfach unausschoepflich.

Immer neue Ideen, Eindruecke und die Art es rueber zu bringen.

@Kali: :super:
 
heini

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;-) kali....... denke du brauchst nen manager :-) der deine geschichten an den richtigen verleger bringt :bravo:
gruss heini
 
pef

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@Kali,

selbst geschrieben oder der Nachbar und du hast diktiert? :-)
 
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CNX

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@Kali,

mach jetzt aber mal langsam. So viele :super: - smilies hat das Forum nicht mehr. :lol:

Gruss
C N X
 
tira

tira

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Kali" schrieb:
.... Welche Bedeutung ´alter Fisch´ für ihn in diesem Leben noch haben sollte, ahnte er zu diesem Zeitpunkt nicht im entferntesten....
@kali,

schenial........................ :super:

besagten pla hat mir meine mia heuer mit nach jöremani mitgegeben...:schwitz:

hab den gleich mal in den keller verfrachtet, beim zoll wurde mein gepäck selbstredend nicht kontrolliert..... ;-)

gruss :cool:
 
K

Kali

Gast
Nun, wo der Hermann wohnt, dürfte jeder nachvollzihen können - Kreuzberg ist ja nun mal bekannt im Lande.

Doch wie kommt der Kali darauf den Paul, diesen sinnigen Ostfriesen, nach Ferch zu verfrachten, ist ja nun nicht gerade in aller Munde ?!:


Im Grunde ganz einfach: Im Januar 1945 - Kali war gerade im zarten Alter von 8 Tagen - war meine Mutter durch die Vermittlung einer befreundeten Rot-Kreuz-Schwester mit mir mit dem letzten Zug aus Königsberg raus - nach uns waren die Russen rein - waren zunächst ein halbes Jahr irgendwo in Sachsen in einem Flüchtlingslager. Dann fand meine Mutter ihre Eltern wieder, und die lebten eben in einem kleinen Häuschen in Ferch, gleich unter Caputh, das je bekanntermaßen unterhalb von Potsdam gleich neben Berlin liegen tut.

Und unsere On kommt ja - wie jedermann weiß - aus dem schönen Thailand, aus der Nähe von Nong Bua Lamphu, genauer gesagt, aus Ban Thep Chili:


Natürlich gibt´s auch bei der Wahl dieses Ortes einen aktuellen Bezug: Es ist das Heimatdorf von Schwägerin, der Zeitbombe, wie sie auch in letzter Zeit neckisch genannt wird.
Übrigens ist ca. 50 km in östlicher Richtung von Ban Thep Chili: Tham Erewan, die Höhle in luftiger Höhe, zur der bei Bedarf gewallfahrt wird...


to be usw.
 
P

PETSCH

Gast
:bravo:
@kali: Deine "Foren-Zuckerbäckerei" macht richtig Laune.
Sitze gerade bei einer Tasse Cappucino vor dem PC :cool:
 
Bökelberger

Bökelberger

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Kali, ein muß man dir lassen, schreiben kannste wirklich ! :super:
 
I

irrlicht

Gast
kali, wieder mal :super: :bravo: :bravo:

ich wollte, ich haette nur einen bruchteil deines talentes...

freue mich auf die fortsetzung.

irrlicht
 
I

Iffi

Gast
Soon Quatsch, das war Kali´s schwächster Beitrag im Vergleich zu den anderen in dieser Reihe. ;-)

Was wollt ihr eigentlich sagen, wenn Kali wieder zur Hochform aufläuft? :nixweiss:

Geht sparsam mit euren Worten um. :cool:
 
K

Kali

Gast
Kreuzberg, Samstagmorgen gegen 09:30, der Muezzin hatte bereits was gesagt, heute ist’s Hermann durchgegangen, die Nacht war doch ziemlich anstrengend. Von dem Sechser-Pack war auch nichts mehr übrig, der fahle Geschmack in seinem Mund war wohl intensiver als er vorher angenommen hatte.
Mit recht verquollenen Augen stand er auf, stolperte ins Bad und sah’ sein zermatschtes Konterfei erst einmal etwas desorientiert im Spiegel an. ‚Morjen,’ dachte er, ‚kennen wir uns ?’.
Blase entleeren, Zähne putzen, Rasieren – alles ziemlich schleppend. 20 Minuten später saß er unlustig vor seinen drei Spiegeleiern, die er sich auf die Schnelle in die Pfanne gehauen hatte, einen Kanten Brot in der Linken, mit stierem Blick dem aus der Kaffeetasse steigenden Dampf nachblickend versuchte er den Tag ins Auge zu fassen. ‚Na ja, ruf’ ich gleich den Paul an, soll mich holen kommen, dann noch schnell was für On besorgen, will ja nicht mit leeren Händen kommen.’ mit diesen Gedanken im Kopf griff er zum Hörer. „Moin, Paul...“ „Jou...“ „Hör, Alter, kannst Du mich abholen ? Würde gerne heute bei Euch vorbeikommen, wenn’s nichts ausmacht.“ „Jou, mok wi, bin gegen clock 11 doa...“
Hermann sah’ auf die Uhr, 10:15...’Na, kann ich noch was beim Fleischer besorgen...’ Waren nur 5 Minuten zu seinem Stammmetzger, noch’n kleiner Laden, hatte so was Tante-Emma-Mäßiges. „Mojn,“ der Laden war noch leer, hatte er Glück gehabt. Manchmal war’s schlimmer als beim Friseur, die Morgenzeitung konnte man sich in der Regel sparen. „Morje,“ strahlte ihn Frau Schipanski, die Fleischergattin an, “na, wieder versackt ?!“ Hermann ignorierte diesen überholten Spruch: “Ich hätte gern ‚n Viertel Hühnerleber...“ „Für’ne Suppe ?“ „Neee, für’n Hund...“ „Na, da hätte ich doch was Besseres...“, flötete sie, schob ihre 106 Kilo durch die Tür ins ‚Private’ und kam mit einer kleinen Plastiktüte wieder raus, “hier, das mag er bestimmt. Vom Schwein. Neee, lassen’se ma’, als Hermann seine Geldbörse ziehen wollte. “Tja, denn tschüs auch...“

Wieder zuhause, wartete er gleich vor der Tür auf Paul, der gegen 11:10 h bei ihm eintraf. Die Fahrt über Potsdam, Caputh nach Ferch verlief recht schweigend – in Caputh hatte sich einiges verändert, ganz schön aufgepeppt. In Ferch einlaufend, ging’s dann li. gleich eine recht steile serpentinenartige Straße – mehr mit Feldwegcharakter – hoch, und da waren sie dann, an dem ehemaligen Häuschen des russ. Generals, der die Wende verpennt hatte, und das nun Paul, unser Ostfriese, sein eigen nannte. Ein hübsches kleines Häuschen – ca. 8 x 3 im Quadrat, allerdings auf 600 Quadrat Grundstück. Die Garage gleich zur Linken an der Straße, zu Zweidrittel fast bunkerartig in den Berg eingelassen. „Schön hass’s hier...“, meinte Hermann, nachdem er einen Blick aus dem kleinen Küchenfenster geworfen hatte...


“...der Rasen könnte aba ma’ gemäht wer’n.“ „Jou...“ „Hier, das is für on, wo iss’er denn?“ „Sitzt im Wohnzimmer, guckt Fernsehn...“, meinte Paul, einen skeptischen Blick in die Tüte werfend. „Sach’ ma, Hermann, hass’n Schuss nicht gehört !?“ „Wieso Schuss...?“, war Hermann irritiert, „aber die Fleischerin hat doch je....“ „Die Fleischerin, die Fleischerin, was versteht die schon davon...?“ Paul war etwas ungehalten, „’n paar Blumen wären netter gewesen.“ „Blumen...?!“, jetzt verstand Hermann überhaupt nichts mehr, stiefelte langsam Richtung Wohnzimmer, wollte mal sehen, wie On aussieht. „Oh, Du hast ja gar nichts gesagt, dass Du Besuch hast“, meinte er, sah ein kleines Persönchen mit langen schwarzen Haaren auf’m Sessel hocken, das ihn freundlich lächelnd ansah. ‚Mein Gott, die hat ja gar keine Beine’, zischte es durch sein Hirn, ’so ein hübsches Mädchen. Armes Kind.’ ging etwas unsicher auf sie zu, schmiß’ ihr die re. Hand entgegen: “Tach auch.“ ‚Scheint ein wenig ängstlich zu sein’, konstatierte er, als sie erschrocken beide Hände an sich zog und die Handflächen vor ihrem Gesicht zusammenlegte, wobei sie den Kopf ein wenig neigte. ‚Wahrscheinlich sind die Arme auch zu kurz’, überlegte er weiter, aber so tapfer, hört einfach nicht auf zu lächeln. „Sawad di: kha:.“ tönte es zu ihm. “Jaa, äähhh, auch, natürlich, jaa,…”stotterte er und sah’ sich unsicher zu Hermann um. „Se hat tach’ geseggt.“ strahlte Paul, “na, wat segg’se nu’.“ „Jaa, ääh, aba wo is’ On ?“ „Wie, wo is’ On ? dat iss’se..!” “Daaas iiiss Oon ? Heeermaaann…”, ziemlich geschafft bekam er nur noch ein kurz gehauchtes “Tschulligung…” raus und ging etwas angebleicht in die Küche, riß das kleine Küchenfenster auf und versuchte den falschen Storch im Vorgarten zu fixieren. „Trink’ er’s ma ‚n Köm,“ spürte Hermann Pauls Hand auf seiner Schulter. „Paul, ich konnte ja nicht wissen. Tut mir leid. Aber ich bewundere Dich, Du hast ja ein großes Herz. Das arme Ding, keine Beine und die Arme zu kurz.“ „Keine Beine ?“, Paul schmunzelte, “ach so... Nöö, die tun immer so sitzen, verknoten die Beine unter’m Mors. Un de Arme sin auch nich zu kurz. Die machen das immer so, wenn sie ‚Moin’ seggen. ‚Na, da kann ich dem Hermann ja noch einiges erzählen, bevor wir dann nach Thailand fahren,’ dachte er weltmännisch bei sich.

Hermann hatte sich nach dem sechsten Köm ein wenig beruhigt, sah sich ein wenig unauffällig in der Küche um. Hatte sich etwas verändert, ein paar Flaschen mit einer fremdländischen Aufschrift – hatte er wohl neulich noch in einem Kung-Fu-Film gesehen -, unbekanntes Gemüse im Waschbecken, ja und das, was ist das ? „Praktisch, habe ich doch neulich im Weltspiegel gesehen, ‚n Bericht über Reisbauern, setz’n sich so’n Ding auf’n Kopp, wegen der Sonne...Klar, hier ist’s ja kälter, werden die Dinger vorgewärmt...’


...dachte es, nahm es und stülpte es sich auf seinen nicht mehr so ganz haarreichen Ostfriesenschädel.
Die letzten Reiskörner hatte er Wochen später aus einer Hosenfalte entfernen können.

Na, ja, die Anfangsschwierigkeiten waren überwunden, Hermann wusste nun definitiv, wer On war, nahm sich vor, das mit den Blumen nach zu holen, wusste, dass On Beine hat und die Arme nicht zu kurz sind, und so saß man anschließend einträchtig im nicht so großen Wohnzimmer – aber für zwei Personen muß’s reichen – und speiste auf etwas fremdländische Art. Hermann war erstaunt, das Essen schmeckte ihm dann gut, nachdem er nach dem Genuß eines Pilzes in einer etwas stark gewürzten Sauce zunächst für eine Viertelstunde sprachlos war und vor lauter Angst die Atmung einstellte, um die auftretende Panik zu vermeiden. ‚Das könnte Dir gefallen,’ dachte er so bei sich. „Tja, Paul, lecker war’s,“ sagte artig „Kob khun khrab.“ zu On, nachdem er vorher einen Bekannten aus diesem Thailand-Internet-Forum angerufen hatte und von ihm wissen wollte, wie man sich auf Thai bedankt, “dann können wir ja in nächster Zeit die Reise planen, oder ?“ „Jou...“, meinte Paul, ob der Anstrengung dieses Redeflusses sichtlich gezeichnet, “mok wi.“

Gegen 20:00 h brachte Paul Hermann wieder nach Hause, nicht, ohne zwischendurch noch schnell den Rasen mit dem Trecker zu mähen, mit dem sein Urgroßvater 1896 das Emsland entwässert hatte, bevor er sich denn in Ostfriesland niederließ.


Die Rückfahrt war wie die Hinfahrt: Man ging sich nicht durch ununterbrochene Laberei auf die Nerven, jeder schwelgte so in seinen Gedanken – man war sich aber einig, mal die Vorplanungen in Angriff zu nehmen.
“Ich melde mich...“, meinte Hermann zum Abschied. „Jou...“ Paul sprach’s und machte sich wieder auf den Heimweg, in Gedanken schon in Ferch bei seiner On, die ihn sicher schon sehnsüchtig erwartete. Und wie er so an sie dachte zuckte nur ein erfrischendes ‚Dammich auch...´ durch sein Ostfriesenhirn.


To be usw.
 
M

MrLuk

Gast
@Kali,

:super: hoffe inständig und rein egoistisch motiviert daß du das Niveau halten kannst!!! Wo kramst du das bloß alles hervor? :lol:
 
P

PETSCH

Gast
und wenn es nervt:
:super: und nochmal :super: :super: :super: :super:

Schönen Sonntag nach Ferch/Caputh äähh: Heinsberg :wink:
 
I

Iffi

Gast
köstlichst amüsiert :round:

Da kommen garantiert noch ein paar super Klopper...
 
Micha

Micha

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Kali, einer der tief in die Menschen hinein schaut und mit Worten unnachahmlich widerspiegelt. :super:

Könnte einem fast unheimlich werden.
 
pef

pef

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Bonn/Ban Nong Gok
tja jahrelang als Knackischliesser hat man ein tiefenpsychologischen In- und Output! ;-)
Mach weiter so Kali :super:
 
I

irrlicht

Gast
einfach :super:

so eine schoene story hellt den sonst so trueben tag doch erheblich auf...

weiter so.
 
K

Kali

Gast
So haben sich die drei, die denn gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen wollen, schon einmal beschnuppert, d.h., Hermann und Paul sind sich ein weiteres Stück näher gekommen. Das da so was wie eine Wellenlänge da war, sollte sich noch öfter herausstellen. Sicher, Paul war schon öfter in Thailand – allerdings wirklich nicht aus Pattaya hinausgekommen. Auf jeden Fall haben sie auch weiterhin ihre Absicht untermauert, gemeinsam nach Thailand zu fahren. Ons Visum lief ja sowieso nach 2 Monaten ab, so machten sie sich schon mal auf die Suche, ein Ticket für denselben Flieger zu bekommen.
Sie trafen sich noch häufig, um die Einzelheiten zu besprechen, wobei es mehr Hermann war, der sprach, während On lächelnd die Diskussionen verfolgte, in denen sich Paul denn jeweils erschöpfend auf ein schelmisch eingeworfenes: "Jou, mok wi.." beschränkte.

Die Zeit bis zum Flug war teils sehr informativ – auch für den Weltmann Paul – allerdings nicht ganz konfliktfrei. "Se hat da ´n paa Papiere mit, will schnell heiraten. Is man in so´ner fremden Sproach...", meinte Paul neulich noch mit etwas ratlosem Gesicht, "dabei will ick man erst än büschen die Familie angucken." Sein Vermittler, der in letzter auch noch von einer Gebühr sprach, die noch zu entrichten wäre, meinte, das wäre alles kein Problem. Das gehe auf jeden Fall. Er solle sich aber keine Gedanken machen, mit On hätte er die erste Wahl getroffen. Ein sauberes Mädel, trinkt nicht, spielt nicht, hat keine Familie und selbstverständlich keine Schulden. Das Geld für die Herfahrt hätte sie sich vom Munde abgespart. Na ja, Paul vertraut ihm, zumal On ja auch wegen seiner Menschlichkeit von ihm begeistert ist.

So lernte Hermann im Verlaufe der zwei Monate auch die thail. Küche noch ein wenig kennen, oder, besser gesagt, das, was On gerne zu sich nimmt. Da gab´s ja nun wirklich die ausgefeiltesten Leckereien. Angelockt durch die Wohlgerüche warf er mehrmals, wenn er wieder bei Paul zu Besuch war – hatte auch Blumen für On besorgt –, einen neugierigen Blick in die Küche. Und was taten sich ihm da für kulinarische Genüsse auf:


Ganz zu schweigen von dem Snack für zwischendurch:


Hermann hatte über seine Internetbekanntschaften aus diesem Thailandforum bereits ein Paar Filme und ein bißchen Volksmusik bekommen, die er selbstverständlich bei Paul deponierte, weil sie sich sowieso in letzter Zeit meistens bei ihm aufhielten. Und so saß man öfter vor der Glotze und sah´ sich diese schönen Filme an. Natürlich wurde bei diesen Gelegenheiten auch dieses typisch thailändische Naschwerk gereicht:


Am intensivsten wurde ihnen die tief empfundene Freundschaft deutlich, wenn sie dann aus gemeinsam Erlebtem schöpfen konnten. Eines Abends stieg sowohl Paul als auch Hermann ein wohlbekannter Duft in die Nase. Sie konnten´s noch nicht einordnen, spürten aber, fühlten es förmlich, daß da was Verbindendes war, was da unbekannterweise zu ihnen aus der Küche ins Wohnzimmer gekrochen kam:


"Die Kieler Sprotten...", kam´s wie aus einem Munde, und vor lauter Rührung fielen sie sich in die Arme, jeder von beiden dieses erhebende Gefühl im Bauchbereich, daß da was auf Ewigkeit geschmiedet worden war. "Ich hätte sie man aufheben sollen...", meinte Paul nur, sich die letzten Tränen verschämt aus den Augenwinkeln wischend, "hätte ich On sicher ´ne Freude mit gemacht."

So saßen sie häufig zusammen, Hermann erzählte von seinen Erlebnissen auf´m Fundbüro, mehrmals von Pauls pfiffigem "Jou." unterbrochen, On saß lächelnd dabei, um auch sofort zu reagieren, wenn Paul ihr mit verliebtem Blick ein neckisches: "Du holen Bier..." zukommen ließ. Mit einem zart dahingehauchten "Kha.." glitt On in die Küche, in einer Weise, die jedem Mannequin zur Ehre gereicht hätte. "Sie spricht schon," meinte Paul, "ein wenig Deutsch." , worauf hin Hermann krampfhaft überlegte, welches Geheimnis denn mit diesem ´Kha´ verknüpft wäre, hörte sich allerdings ziemlich zustimmend an. "Wenn wir aus Thailand zurückkommen tun, wollen wir heiraten. Die Papiere machen wir da unten dann fertig. Dann geht se auch in´n Deutschkurs. Muss ja auch alleine hier klarkommen." Dem geneigten Leser werden jetzt Pauls Bemühungen um das Hochdeutsche ins Auge fallen. Er ist ganz schön clever, hat sich gedacht, wenn schon, dann soll On schon ein vernünftiges Deutsch lernen. "Leessn kannse auuch scho," ergänzte er noch, nachdem er sich ein Löffelchen von dem Original-Thai-Naschwerk nachgeschoben hatte, "meinte, die Kontoauszüge sähen genau so aus wie in Thailand."
Was er Hermann allerdings verschwieg, waren seine Sorgen um die angeblich noch ausstehende Gebühr bei dem Vermittler – der hatte ja bis neulich überhaupt nichts davon gesagt -, und auch die wesentlich erhöhte Telefonrechnung, vermutlich war das wieder so´n Hacker, der auf seine Kosten mal eben in 3 Wochen für 233,42 € telefoniert hatte. Muß er auch noch zur Telefongesellschaft. Aber sparsam ist die On ja, und so weitblickend. Hatte eine Freundin aus Berlin angerufen – ja, sie ist sehr kontaktfreudig, seine On -, und hat sie gleich das Angebot dieser todsicheren Lotterie angenommen. Zahlt nur 200 € im Monat ein und bekommt nach 2 Jahren einen ganz schönen Batzen raus. Er streckt ihr das erst einmal vor, will sie ihm dann von dem Lotteriegewinn zurückzahlen.

So liefen denn die Tage dahin. Hermann hatte sich schon eingekleidet, ein paar Bermudas, und beim Aldi hatten sie einen Sonderposten Hawai-Hemden, ein paar Birkenstock-Sandalen – soll ja ganz schön heiß sein, wenn sie dann nach Thailand fahren. Mit dem Ticket hatten sie Glück gehabt. Kommen zwar Ende Juli noch ins Warme, aber man fährt ja auch nicht so oft dorthin. Regnen soll´s auch dann schon mal, na ja, wird er eben seinen Knirps noch einpacken müssen. Etwas aufgeregt is´ er ja schon.
Paul überlegt derweil, wie er On verklickern soll, daß er ja gerne auch ein paar Tage nach Pattaya möchte. ´Nur mal gucken´, bereitet er sich gedanklich darauf vor, ´habe da noch ein paar wichtige Gespräche beim Stammtisch in der Susi-Bar. Is´ man nich´ einfach.´

On macht sich nicht so viele Gedanken. Hat ihrer Schwester schon Bescheid gesagt, daß die beiden Mädels denn solange zu dieser gehen, die Eltern sind in der Zeit bei Mutters Schwester, so kann da schon mal nichts passieren. Und so denkt sie schon mal, auf Thai natürlich: ´Nur gut, daß wir damals nicht auf´m Ampö: geheiratet hatten. Gibt also mit den Papieren keine Probleme. Muß nur den Djaeb von der Bank erwischen, daß der sich nicht verquatscht. Die Nachbarn halten sowieso den Mund.´ Dann überlegte sie noch, wen sie denn alles zur Abschiedsparty nach Ferch einlädt, muß nächste Woche passieren, in 14 Tagen fliegen sie ja.
Sie denkt allerdings nicht oft drüber nach, erst mal noch ein bißchen Thai-TV, Paul hatte selbstverständlich fix den Anschluß geregelt.

Jeder hing seinen Gedanken nach, regelte noch das, was zu regeln ist, und so werden wir sehen, wie sie die nächste Zeit in Thailand verbringen.

to be usw.
 
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Hermann, On & Paul...

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