Kleine Widmung an alle Autoren über Thailand:
"Wir geben uns nicht zufrieden mit dem Leben, das wir in uns haben", lesen wir bei Pascal, "wir wollen in der Vorstellung der anderen ein imaginäres Leben führen, deshalb bemühen wir uns so sehr um den Anschein. Wir arbeiten unablässig daran, unser imaginäres Wesen zu verschönern und zu bewahren."
Was der französische Philosoph des 17. Jahrhunderts beklagte, ist für manche schlicht Lebensprogramm. Ich nenne sie Mythomanen, Menschen, die an einer Lebenslegende bauen und dafür sorgen, dass sie von den anderen anerkannt wird. Denn nur wenn dieses imaginäre Leben in die Vorstellungswelt anderer aufgenommen und fortgesponnen wird, war der Prozess erfolgreich. Dazu gehört, dass die Erfahrungen eines- und die Erinnerung an ein Leben ersetzt wird durch ein Konstrukt, eine Abfolge von einprägsamen Anekdoten oder Bildern, von Drehbuchszenen, die sich in der Phantasie der anderen gleichsam von selbst schreiben. Besonders interessant wird es, wenn die Öffentlichkeit eine solche Lebenslegende sanktioniert und somit zum Teil ihres Selbstverständnisses macht, wenn ein einzelner Mythomane bestimmte Züge aus dem Selbstverständnis oder Selbstbild einer Gesellschaft verkörpert.
Und damit sind wir beim eigentlichen Problem. Was machen wir eigentlich, wenn wir allen Verfälschungen auf die Schliche gekommen sind? Wie lesen wir den Autor dann, wenn wir ihn noch lesen? Wie deuten, verstehen oder erzählen wir sein Leben? Was lernen wir an seinem Beispiel? Denn mit der Enthüllung hört es ja nicht auf, da fängt das Problem ja erst an. Es geht also nicht um Denunziation und Herabwürdigung, sondern um biographische Mythenbildung im 20. (bzw. 21.) Jahrhundert, um gelebte Mythen, um das Phänomen Mythomanie selbst.
Mythomanie ist ein Wort, das sich eher der französischen Sprache anschmiegt. Es wurde erstmals im März 1905 von dem französischen Arzt Emile Dupré als psychiatrischer Begriff in Zusammenhang mit Phänomenen der Hysterie gebraucht. Meistens bezeichnete es eine pathologische Tendenz zum Fabulieren, zum Vorbringen von halbwahren oder erlogenen Geschichten, die die eigene Person herausstellen sollen, eine Form seelischen Ungleichgewichts mit einer mehr oder weniger bewussten Neigung zur Simulation.
Der Mythomane versucht, sein reales Leben in ein imaginäres zu verwandeln, die burlesken biographischen Fakten in eine schlanke, elegante, schlackenlose Geschichte. Sein Name selbst soll schon eine Geschichte programmatisch enthalten. Wenn wir sagen: Antigone, so wissen wir, welche Geschichte gemeint ist. Wenn wir sagen Schliemann oder Malraux, dann wissen wir es auch. Wenn wir sagen *X*, wissen wir es dann auch?
Ist dieser Streich einmal gelungen, kann ihn keine Kritik mehr rückgängig machen. Auch die Kritik dient nur dem Mythos. Sie ist unterlegen, weil sie selbst ohne suggestive Gestalt und Kraft ist. Die Kritik ist kein Roman, der Kritiker nie und nimmer ein Romancier!
Wenn man lange genug über die schöpferische, ja lebensspendende Kraft der Lügen geredet hat, wird die Sache doch auch unheimlich und gefährlich. Denn ist der Triumph der Mythomanie nicht furchtbar? Ist er nicht eine Niederlage aller Bemühungen um Wahrheitssuche, Aufklärung, Analyse, Ideologiekritik? Hat denn die Lüge nicht nur viel zu viel Erfolg, sondern ebenfalls bereits eine viel zu gute Presse?
Frei nach: Quelle unbekannt!