Schau, ich rede hier von wirtschaftlichen Zerfall der Region durch geschlossene Grenzen und die haben durchaus einen massiven Einfluss auf die Wirtschaft (BIP) eines jeden Landes, auch wenn es kein homogener Wirtschaftsraum ist. Tourismus ist jeweils nur ein Segment aus dem BIP, da gibt es noch ganz andere Faktoren, die ins Gewicht fallen.
Du musst am Ball bleiben und das BIP der entsprechenden Länder und die Arbeitslosenzahlen die nächsten Monate beobachten. Die Region ist durchaus wirtschaftlich verzahnt.
Ich hänge hier einmal einen paar Passagen aus einem interessanten Artikel aus der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) rein. Ist leider nur für Abonnenten zugänglich.
Da wird sachlich die dramatische Situation geschildert. Kann aber sein, dass der Südostasien Korrespondent auch einfach nur ein bischen blöd ist, wie ich...
NZZ (18.09.2020)
Jahrelang herrschte Wachstumsfetischismus, jetzt geht es seltsamerweise nur noch um eines: die Verhinderung von Covid-19-Fällen
Südostasien galt als wirtschaftlich aufstrebende Region. Seit bald sechs Monaten sind die Grenzen dicht, und die Wirtschaft befindet sich im Sturzflug. Nicht nur in Thailand vermutet man hinter den Abschottungen technokratische Willkür und autoritäres Kalkül.
Die Einbrüche sind drastischer als bei der Asienkrise
Die Corona-Zäsur von 2020 ist entsprechend dramatisch. Plötzlich lassen die Regierungen die Wirtschaftszahlen ins Bodenlose fallen, und BIP-Zahlen sind auf einmal Nebensache. Die Einbrüche präsentieren sich nunmehr noch drastischer als während der Asienkrise vor zwanzig Jahren: Erstmals seit 1962 werden die asiatischen Entwicklungsländer laut Prognosen der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) im laufenden Jahr wirtschaftlich schrumpfen. Thailand etwa erwartet für 2020 einen BIP-Kollaps um rund 10%. Singapur verordnete der Wirtschaft zu Beginn des zweiten Quartals einen Lockdown, der eine Schrumpfung um 41% nach sich zog. Auch Malaysia und Indonesien, die über vergleichsweise grössere Binnenmärkte verfügen, rutschen tief in die Rezession. Schuld sind diesmal nicht ausländische Spekulanten, korrupte Regime oder Fehlallokationen, sondern das Virus und – vor allem – die Angst.
Alle südostasiatischen Staaten verfolgen derzeit eine abgestimmte Isolationspolitik, die den wirtschaftlichen Absturz beschleunigt und verschärft: Sie halten die Aussengrenzen geschlossen. Als ob man plötzlich ohne globale Märkte, ohne ausländische Investoren und Konsumenten auskommen könnte, sind in den vergangenen sechs Monaten praktisch alle Grenzübergänge abgeriegelt worden. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Balis ursprünglich geplante Öffnung für ausländische Touristen etwa ist von der Regierung in Jakarta immer wieder gestoppt und auf nächstes Jahr verschoben worden. Malaysia hat seinen Einreisestopp kürzlich um vier Monate bis Ende Jahr verlängert.
Singapur, ein Luftfahrt-Hub par excellence, betrachtet sich neuerdings als Garten Eden, nach dessen Verlassen es keine Rückkehr mehr gibt. Kambodscha, wo der Anteil des Tourismus (vor allem dank dem Publikumsmagneten Angkor Wat) am BIP bei mehr als 30% liegt, sieht in ausländischen Besuchern inzwischen die grösste Gefahr für die Volksgesundheit – und untersagt Einreisen. In Thailand, wo die nationalen Medien strenger Zensur unterliegen, gibt es angeblich kaum noch lokale Ansteckungen – nur Ausländer verbreiten demnach das Virus. Aus diesem Grund bleiben die Grenzen zu. Thailands Regierung hat die Armee aufgeboten, um die grüne Grenze zu Burma, Laos und Malaysia abzudichten.
Bis vor kurzem galt der Asean-Raum mit seinen rund 650 Mio Menschen als wirtschaftlich aufstrebend und positionierte sich zusehends auch als Alternative zum Fertigungsstandort China: So erreichten die ausländischen Direktinvestitionen (FDI) 2019 den Höchstwert von 156 Mrd. $. In diesem Jahr droht laut Unctad ein Absturz um bis zu 45%. Noch verheerender dürften die Zahlen zum Tourismus ausfallen. Das Geschäft mit Reisen im asiatisch-pazifischen Raum wuchs in den letzten Jahren auf knapp 3000 Mrd. $, was 9,8% des BIP entspricht. Ausser in Kambodscha erreichten die entsprechenden Anteile 2019 in Thailand und den Philippinen mit je 20% Höchstwerte, ebenso in Hongkong und Malaysia. Jetzt geht in diesen Ländern touristisch gar nichts mehr.
Die Kehrtwende ist dramatisch: Der regionale Passagierflugverkehr ist zusammengebrochen. Der Austausch von Gastarbeitern – allen voran Maids, Bauarbeiter, Pflegepersonal und Schiffsleute – ist durch die Grenzschliessungen praktisch zum Erliegen gekommen. Grenzüberschreitende Projekte, namentlich diejenigen zur Verbesserung der Bahnverbindungen sowie Flughafenerweiterungen, liegen bis auf weiteres auf Eis. Die Brücken zwischen Malaysia und Singapur, über die vorher täglich bis zu 400 000 Personen pendelten, sind nunmehr menschenleer. In Thailand fällt in diesem Jahr die Tourismusbranche als Stütze weg, was Millionen die Existenz kostet und auch die Immobilien- und Detailhandelsbranche durchschüttelt. Plötzlich, so scheint es, spielen die wirtschaftlichen Interessen ganzer Branchen keine Rolle mehr.
Auch Malaysia: Dort ist seit dem 1. September Personen aus Indien, Indonesien und den Philippinen die Einreise verboten, selbst wenn sie über Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen verfügen. Neuerdings sind generell auch Einreisen aus Ländern mit mehr als 150 000 Covid-19-Fällen untersagt. Diese Verschärfungen traten in Kraft, obwohl Malaysia – bei einer Bevölkerungszahl von 32 Mio. – derzeit täglich durchwegs weniger als 20 Neuinfektionen verzeichnet. Dort wie andernorts in Südostasien heisst das politische Oberziel «Infektionszahl null». Es wird zum Massstab des Erfolgs stilisiert. Wirtschaftswachstum und andere Erfolgskriterien, darunter Armutsbekämpfung, sind völlig in den Hintergrund getreten. Das «nationale Interesse» ist umdefiniert worden.
Gerade bei der Regierung in Bangkok sind seit längerem xenophobe Untertöne hörbar: Der Massentourismus, auf den man jahrelang setzte, der Einkommen für Millionen schaffte, wird neuerdings als schädlich dargestellt. Bei neu auftretenden Infektionsfällen handelt es sich im Königreich seltsamerweise stets entweder um ausländische Staatsangehörige oder um Thai, die aus dem Ausland heimkehren. Seit hundert Tagen, so brüstete sich die Regierung in Bangkok kürzlich, verzeichne man keine lokalen Übertragungen mehr. Die thailändische Wirtschaft befindet sich zwar im Sturzflug, doch man tut so, als ob die Bevölkerung unendlich dankbar sein müsste.
Die hermetische Unterbindung des Personen- und Reiseverkehrs in Südostasien steht in seltsamem Kontrast zu den (ausser in Indonesien) sehr tiefen Infektionszahlen. Bei der Güterabwägung zwischen Pandemiebekämpfung und Erhaltung des wirtschaftlichen Schwungs sind in diesen Ländern die Würfel anscheinend längst gefallen: Die Wirtschaft wird an die Wand gefahren. Gleichzeitig ist keine Ausstiegsstrategie erkennbar. Bestenfalls spricht man neuerdings von Reciprocal Green Lanes (RGL), also von bilateral ausgehandelten Reisekorridoren, die wichtige geschäftliche Reisen erlauben sollen.
Der Verdacht, dass sich hinter der Covid-19-Strategie technokratische Willkür und autoritäres Kalkül verbergen, ist bis jetzt vornehmlich in Thailand zu hören. Dort fällt die Abschottung des Landes, von welcher der Palast und dessen Entourage notabene ausgenommen sind, mit einer Protestbewegung gegen die Regierung und die geltende Verfassung zusammen. Entsprechende Gedanken lassen indessen auch die umstrittenen Regime in Malaysia, Burma und Kambodscha aufkommen: In Malaysia sitzt ein Kabinett, dem seit dem Putsch durch die Hintertür von Ende Februar jede politische Legitimation fehlt. In Burma finden im November Neuwahlen statt, bei denen die 2015 an die Macht gekommene NLD ihre eher dürftige Bilanz verteidigen muss. Kambodschas Machthaber Hun Sen, dem wegen politischer Repression westliche Sanktionen drohen, findet in Covid-19 insofern einen Verbündeten, als sich damit politische Versammlungen unterbinden und wirtschaftliche Rückschläge begründen lassen.
Mit jedem weiteren Tag der Abschottung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Weg zu einer echten wirtschaftlichen Erholung sehr lang sein wird.