Auf der Suche nach Blindgängern - Bern - derbund.ch
Auf der Suche nach Blindgängern
Die erfolgreiche Geschäftsfrau Katrin Stauffer gab in Bern alles auf, um noch einmal etwas ganz Neues anzufangen. Jetzt sucht sie in Laos Blindgänger und bringt Schweizer Know-how ins verbombte Land.
Sie war Grafikerin und ihre kleine Firma in Bern lief gut. Nach sechs Jahren verkaufte sie aber das Unternehmen, um Minenräumerin zu werden. Kampfmittel beseitigerin, wie die korrekte Bezeichnung für den neuen Beruf von Katrin Stauffer heisst. Um überhaupt die eineinhalbjährige Ausbildung am Kompetenzzentrum für Kampfmittelbeseitigung und humanitäre sowie militärische Minenräumung in Thun antreten zu können, musste die 32-jährige Berner Oberländerin die Rekrutenschule absolvieren. Der Altersunterschied zu ihren RS-Kollegen sei kein Problem gewesen. «Aber bis zwei Tage vor der RS habe ich ein Geschäft geführt, danach hatte ich erst einmal nichts mehr zu melden und musste mich hinten anstellen, wenn ich nicht korrekt grüsste», sagt Stauffer.
«Jetzt bin ich endlich im Einsatz», sagt sie. Seit Anfang Juni arbeitet sie als technische Beraterin der Schweizer Armee in Laos und besucht laotische Kampfmittelräumteams. Ihr Einsatz läuft unter einem UNO-Mandat. In einem kleinen Team, bestehend aus ihr, einem erfahrenen einheimischen Kampfmittelspezialisten und einem Übersetzer, fährt sie «ins Feld». Dort wo die über 1000 Arbeiter für das nationale Räumungsprogramm Uxo Lao die Felder von Bomben aus dem Vietnamkrieg säubern (siehe Kasten unten).
«Es kommt auf den Ton an»
«Wir testen zum Beispiel das Vorgehen bei einem Unfall», erzählt Stauffer aus ihrem neuen Arbeitsalltag. Eine Bombe geht hoch, ein Mitarbeiter verliert einen Arm und ein zweiter wird von einem Splitter getroffen, sei diese Woche die Übungsanlage gewesen. Die Leute waren nervös und hatten wohl in der Ausbildung immer nur mit einem Szenario trainiert. Deshalb klappte die Übung nicht einwandfrei, und Stauffer musste rapportieren und die Minenräumer kritisieren. «Dabei kommt es vor allem auf den Ton an, Laoten verlieren das Gesicht, wenn sie direkt kritisiert werden.» Man müsse deshalb vorsichtig sein und eher sagen, was sie besser machen könnten. «Die laotische Kultur kommt mir entgegen. Ich bin auch eher zurückhaltend und höre lieber zuerst zu, bevor ich rede», sagt die erste Schweizer Kampfmittelbeseitigerin. Eine Bezeichnung, die sie störe, denn männliche Kollegen machten dieselbe Arbeit bereits seit Jahren, ohne speziell erwähnt zu werden.
Selber mit dem Detektor nach Blindgängern sucht Stauffer, wenn ihr Team die Räumqualität überprüft. Jeweils zwei Prozent einer Fläche werden von den Qualitätsmanagement-Teams nochmals überprüft und erst dann als geräumt freigegeben. Wenn sie selber suche, dürfte eigentlich keine Munition mehr im Boden sein. Und bis jetzt habe sie ausser ein paar Metallteilen auch nichts gefunden. Weitere Schwerpunkte der technischen Berater sind etwa das korrekte Vorgehen beim Sprengen der georteten Blindgänger oder die richtige Beschriftung des Munitionsschrotts. Letzteres hätten erst die Schweizer Spezialisten eingeführt. «Kein Wunder, ist es in der Vergangenheit zu Unfällen mit vermeintlich nicht mehr funktionsfähiger Munition gekommen», sagt Stauffer.
Hundertprozentig konzentriert
«Ich empfinde meine Arbeit nicht als gefährlich», sagt sie. Sie sei sich bewusst, dass sie sich täglich auf Terrain bewege, das mit Blindgängern gespickt sei. Im Gegensatz zu ihrem früheren Beruf müsse sie deshalb immer hundertprozentig konzentriert sein. «Hüt chli ga schaffe – das funktioniert nicht.» Dies sei ihr kürzlich wieder schlagartig bewusst geworden: Sie trat bei einem geräumten Feld über die Grenze auf das nicht geräumte Nachbargrundstück und beinahe auf eine Bombe. «Das darf nicht passieren», sagt sie.
Auch sonst herrsche nicht nur eitel Sonnenschein. Die Kommunikation sei manchmal schwierig und sprachliche Missverständnisse auch mit Übersetzer an der Tagesordnung. Da brauche es viel Geduld, und man müsse lernen, das Gleiche auf verschiedene Arten zu erklären. Geduld sei allgemein eine gefragte Eigenschaft – nicht immer komme man auf dem schnellsten Weg ans Ziel. «Ich musste lernen, mich dem laotischen Arbeitsstil anzupassen», sagt Stauffer.
«Moskitos und Blutegel nerven»
Und was macht Hauptfeldweibel Stauffer in der laotischen Pampa in der Freizeit? Sie spiele mit Einheimischen Pétanque oder singe Karaoke. Da die Kommunikation aber anstrengend sei, ziehe sie es oft vor, die Abende alleine zu verbringen. Sie lese viel und halte den Kontakt nach Hause. Wenn sie ein paar Tage frei hat, fährt sie in die Hauptstadt Vientiane, wo es etwas mehr Zerstreuung gibt. Während der Arbeit übernachtet sie aber meistens in einfachen Gasthäusern, ab und zu auch auf dem Feld in einem Zelt oder einer Hängematte. Gewöhnungsbedürftig sei das Klima. «Moskitos, Ameisen und Blutegel gehen mir manchmal auf die Nerven.»
Trotzdem ist Stauffer mit dem Einsatz bis jetzt mehr als zufrieden. Das Engagement mache auf jeden Fall Sinn. Insbesondere weil die Arbeit auf die Bildung lokaler Kapazitäten ausgelegt sei, sodass sich die ausländischen Berater längerfristig zurückziehen können. «Und die Laoten sind sehr dankbar», sagt sie.
Interesse an Munition
Vor allem findet die junge Kampfmittelbeseitigerin dort auch die neue Herausforderung, die sie suchte und in Bern bei ihrer ursprünglichen Tätigkeit nicht mehr fand. Sie interessiere sich aus technischer Sicht seit langem für Munition, so wie sich andere Leute vielleicht für Eisenbahnen begeisterten. Zudem inter essiere sie sich für das Weltgeschehen und die Hintergründe zu Konflikten, und nicht zuletzt hegte sie den Wunsch, im Ausland zu arbeiten. Nur mit dieser Arbeit bringe sie das alles unter einen Hut. «Ich habe nur ein Leben und so viele Interessen», sagt Stauffer. «Warum soll ich nicht etwas Neues machen?»