Kambodscha strebt die Gleichstellung der Frauen an
Kambodscha: Ein bisschen radikal | Spezials - Frankfurter Rundschau
Schon 2015 sollen 30 Prozent der Parlamentarier Frauen sein
Phon Rims Dorf liegt weit abseits der befestigten Straße. Zwei Stunden lang geht es über eine staubige Holperpiste quer durch die Provinz Kampong Speu, vorbei an Reisfeldern, Kokospalmen und Bananenstauden, an Ochsenkarren und Entenscharen. Irgendwann ist auch die Stromleitung weg. Und dann liegt da das Bauerndorf Ouprolou. Die Häuser hier stehen auf Stelzen.
Phon Rim ist 37 Jahre alt, sie hat zehn Kinder. Lesen und Schreiben hat sie nie gelernt. Und solange sie denken kann, hat sie bei jeder Wahl ihr Kreuzchen bei der Kambodschanischen Volkspartei (CPP) gemacht, die das Land seit dem Ende der Schreckensherrschaft der Roten Khmer regiert. „Wählen hat etwas mit Frieden und Freiheit zu tun“, sagt Phon Rim. An diesem Tag ist sie zu dem nach allen Seiten offenen Pavillon gekommen, an dem sich die Dorfbewohner versammeln, wenn es etwas zu besprechen gibt. Diesmal geht es um die Bedrohung ihrer Existenz.
Männer, Frauen und Kinder sitzen auf dem nackten Betonboden. Das Land, auf dem tausend Familien leben, gehört jetzt einem Senator der Regierungspartei, der hier Zuckerrohr anbauen will. Und die Bauern sollen weg. Hunderte solcher Streitfälle um Landbesitz gibt es in Kambodscha. Seit die Roten Khmer alle Besitzurkunden vernichteten, herrscht im Zweifelsfall das Recht des Stärkeren. Rechtssicherheit gibt es nicht. Das Land ist nur formal eine Demokratie.
Bis 2015 sollen 30 Prozent der Sitze in den Parlamenten mit Frauen besetzt sein
Heute sind Mitglieder der Sam- Rainsey-Partei (SAP) nach Kampong Speu gekommen, um sich die Sorgen der Dorfbewohner anzuhören, sie zu beraten und dabei auch für ihre Partei zu werben. Unter ihnen ist die Parlamentsabgeordnete Mu Sochua. Sie ist die bekannteste Oppositionspolitikerin des Landes, obwohl die von der Regierung kontrollierten Medien sie praktisch ignorieren.
Wenn es um politische Teilhabe geht, kann man Mu Sochua und Phon Rim als zwei Extreme ansehen. Mu Sochua hat in Kalifornien studiert, nach ihrer Rückkehr gründete sie die erste kambodschanische Frauenorganisation, bis 2004 war sie Frauenministerin und mobilisierte in dieser Zeit rund 12000 Kandidatinnen für die Kommunalwahlen.
Vor kurzem machte sie durch einen bizarren Rechtsstreit mit Ministerpräsident Hun Sen wieder auf sich aufmerksam. Er hatte sie als „cheung klang“ – als Frau mit „starken Beinen“ bezeichnet – was für eine Kambodschanerin eine schwere Beleidigung darstellt. Mu Sochua erhob Klage, Hun Sen zog ebenfalls vor Gericht, Mu Sochua verlor ihre parlamentarische Immunität. Die ihr angedrohte Gefängnisstrafe musste sie am Ende dann aber doch nicht antreten. Während Mu Sochua in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung in Kambodscha ist, steht Phon Rim für etwa 80 Prozent der Frauen in diesem Land, die in Armut und relativer Unwissenheit auf dem Land leben. „Frauen wie Phon Rim können keine Verbindung erkennen zwischen ihrer Stimme bei der Wahl, ihrem Landbesitz, der Krankenversorgung und der Schule für ihre Kinder“, sagt Mu Sochua. Dabei hingen diese Dinge ganz eng zusammen.
Kambodscha ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Hälfte der kambodschanischen Frauen sind Analphabetinnen. Auch heute noch besuchen mehr Jungen als Mädchen die Schule, vor allem in den höheren Klassen. In der Sekundarschule stellen Mädchen nur noch 40 Prozent der Schüler. Immerhin, ihre Zahl steigt. Größere Fortschritte scheint Kambodscha gemacht zu haben, was die Gleichstellung der Frauen auf politischer Ebene angeht. Die Regierung hat sich das Millenniumsziel zu eigen gemacht, dass bis zum Jahr 2015 mindestens 30 Prozent der Sitze in den nationalen Parlamenten mit Frauen besetzt sein sollen. Bereits heute sind es fast 20 Prozent. Mu Sochua sieht diese Zahlen kritisch. Denn häufig verhinderten die Rahmenbedingungen, dass Frauen etwas bewirken könnten. „Man teilt ihnen halt eine Aufgabe im Frauenkomitee zu“, sagt sie.
Katrin Seidel, Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Kambodscha, stimmt zu: „Bildung ist sicher wichtig. Aber es gibt auch für sehr gut ausgebildete Frauen in der Politik oft eine unsichtbare Barriere. Es gibt Diskriminierung, die zum Beispiel darin bestehen kann, dass man einer Frau kein Budget gibt. Und in manchen Bereichen, wie etwa der Justiz, kommen Frauen fast gar nicht vor.“
Es ist viele Jahre her, dass Ministerpräsident Hun Sen anlässlich des Internationalen Frauentages über häusliche Gewalt Folgendes gesagt hat: „Ich mag Frauen. Sie können Männern sehr gute Unterstützung leisten. Es gibt keine Gewalt innerhalb der Familie in Kambodscha. Nur manchmal muss ich meiner Frau einen Klaps geben, um sie zur Ordnung zu rufen.“ Heute scheint seine Regierung in Gleichstellungsfragen fortschrittlicher als manches westliche Land zu sein. Um die radikale Idee des Gender Mainstreaming zu verwirklichen – die Gleichstellung von Männern und Frauen auf allen Ebenen – wurden in Ministerien Aktionsgruppen gegründet, die entsprechende Arbeitspläne entwickeln sollen.
Katrin Seidel hat jedoch beobachtet, dass diese Arbeitsgruppen oft nur eine vage Idee vom Konzept des Gender Mainstreaming haben und die Frauen auf lokaler Ebene erst recht. „Wenn man fragt, bekommt man die Antwort, das habe etwas mit Frauen zu tun. Oder auch mit Hygiene.“ Ihrer Meinung nach sind viele dieser Programme vor allem dem Einfluss der UN geschuldet, die für Kambodscha als Geldgeber wichtig sind, und deren Mitarbeiter das Frauenministerium beraten. Das politische Grundsatzdokument des Ministeriums indes trägt einen Titel, der auf ein anderes Frauenbild hinweist. Es heißt „Neary Rattanak – Frauen sind Edelsteine“.
Draußen in Phon Rims Dorf sagt Mu Sochua den Frauen, dass sie jeden, der zu ihnen ins Dorf kommt und etwas über das Land erfahren will, nach seinem Namen fragen sollen und nach seiner Legitimation. „Wir haben Angst, das dürfen wir doch nicht“, sagen sie. „Es ist euer Recht“, erwidert Mu Sochua. Dann spricht sie auch mit Phon Rim. Diese sagt anschließend, dass sie bei der nächsten Wahl ihr Kreuz nicht wieder bei der CPP machen wird. Dass niemand von der Partei gekommen ist, um sie anzuhören und ihr zu helfen. Sie erzählt, dass nur eines ihrer zehn Kinder ein Mädchen ist. Die 13-Jährige geht auch in die Schule. „Sie soll nicht so werden wie ich“, sagt Phon Rim.