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Ankunft in Baan Nong Waeng

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D

dogmai

Gast
Ankunft in Baan Nong Waeng.
Weiß jemand nicht, wo Baan Nong Waeng liegt? Es ist ein kleines, verschlafenes Dorf, ca 30 km südlich der Stadt Roi Et.

Roi Et? Eine Provinzhauptstadt im Nordosten Thailands, aufregend wie der siebte Stein der dritten Reihe in einem Seitenbau der chinesischen Mauer. Aber dieses Baan Nong Waeng spielt eine große Rolle in meinem Leben, wurde dort doch vor einigen Jahrzehnten ein Kind geboren, das heute der Mittelpunkt meines Hauses ist.

Baan Nong Waeng? Nein, eine Busfahrkarte nach dort gab es nicht, gibt es auch heute noch nicht. Aber meine mir ganz frisch angetraute Ehefrau war wild entschlossen, mir, dem Deutschen, dieses Nest nahe zubringen. Und so haben wir nach einigen Tagen in Bangkok einen Bus bestiegen. Heute gibt es VIP-Busse. Damals nicht. Damals, das war 1981. Es war ein enger Bus, ohne Komfort, wenn man den eingebauten Eisschrank, der als Klimaanlage diente, als Komfort ansehen will. Meine Frau - sie heißt All, aber das ist eigentlich ihr Nickname – kannte sich natürlich bestens aus.Nachdem sie sich einige Minuten mit dem Taxifahrer gestritten hatte, da waren wir schon 10 Minuten unterwegs, steuerte dieser den von ihr genannten Haltepunkt an. Dort angekommen musste ich mich auf unseren Koffer setzen, und sie besorgte die Fahrkarten. Das gelang ihr aber erst, nachdem wir wieder ein Taxi bestiegen und nun zum richtigen Busbahnhof gefahren waren. Oh je, eine Thai in Thailand. Heute kennt sie sich in Koblenz mit Sicherheit besser aus als ich, aber eben nur in Koblenz. In Thailand bin ich der Guide. Doch zurück.

Die sechstündige Busfahrt war keineswegs das, was ich als Vergnügungsfahrt hätte betrachten können. Der Fahrpreis war spottbillig, und staunenswerterweise erhielten wir unterwegs in einer Raststätte noch ein opulentes landesübliches Mahl. Ein breites Bett wäre mir sicher lieber gewesen, aber noch konnte man mit einem Bett nicht nach Baan Nong Waeng gelangen. Nicht einmal schlafen konnte ich, denn die Musik aus dem Radio dröhnte so laut, dass sich sogar die Thais beschwerten, aber der Busfahrer bestand darauf, per Radio wachgehalten zu werden. Nun, auch diese Fahrt nahm ein Ende und wir erreichten so gegen 5 Uhr früh Roi Et Hauptbusbahnhof. In Ermangelung einer Lautsprecheranlage brachten sich die Taxifahrer und Sam Lors lautstark in Erinnerung und priesen ihre Dienste an. Nun aber war meine Frau in ihrem Element.Sie handelte mit einem der Dreiradfahrer denn auch den Lohn aus und verfrachtete mich und unseren Koffer auf die schmale Sitzbank. Sie hätte noch Platz gehabt, entweder auf meinem Schoß, dann hätte ich aber nichts mehr sehen können in der beginnenden Dämmerung, oder auf dem Schoß des Sam Lors, was aber sicherlich ich nicht zugelassen hätte. Und so saß sie plötzlich auf einem LKW, mit viel Platz neben, vor und hinter sich,und dieser LKW fuhr dann hinter mir und dem Dreirad her. Bis heute habe ich den Sinn noch nicht verstanden. Nach ca. 2-4 Minuten erreichten wir den Umsteigepunkt,und ich zahlte den Fahrer aus. Irgendwas musste ich missverstanden haben, denn nicht nur am Horizont,sondern auch in seinem Gesicht ging die Sonne auf. Ich hatte ihm einen 10-Baht-Schein in die Hand gedrückt wie von Bangkok her gewohnt. Aber hier war Roi Et, es war also fünf mal mehr, als meine Frau ausgehandelt hatte. Und ich bekam auch gleich zu hören: "I loose my face".Damals spielte sich unsere Unterhaltung noch mehrheitlich in Englisch ab, ich Schulenglisch, siePidgin- Englisch. Ich hatte aber doch Mitleid mit dem schmächtigen Männchen, das bei meinem Gewicht (zwar damals immerhin noch 25 kg weniger als heute, aber für Thais ganz schön gewaltig) doch schon ganz schön hat strampeln müssen.

Der Umsteigepunkt war der Marktplatz, und gewaltige Düfte nach Gebratenem, Gesottenem und auch Undefinierbarem, sprich weithin Stinkendem, tat sich mir auf. Ach, tausend Nasen hätte ich haben müssen ! Irgendwie kam ein Gefühl auf der Romantik, der Selbstvergessenheit, des Glücklichseins: ich erlebe Thailand, wie es sonst kein Tourist erlebt. Daß dies hier keine Romantik, sondern das harte Leben war, sollte ich erst viel später merken. Ich bin sicher, daß ich nicht der Einzige bin, bei dem dieser Gedanken aufkommt, wenn er einmal in der Provinz auftaucht und glaubt, nur jetzt könne er und nur er das wirkliche Thailand erleben. Nun gut, so ganz wußte ich nicht, was ich auf dem Markt soll, zumal mich All auf eben jenen LKW verludt, der schon sie transportiert hatte und jetzt am Rande des Marktes geparkt wurde. Ohne jede Erklärung waren unser Koffer und ich alleinige Insassen des Fahrzeuges. Dieses verfügte auf der Ladefläche über zwei Sitzbänke.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen und es wurde recht warm. Und so zwei Stunden ließ sich meine Frau schon nicht sehen. Ich stand zwischendurch auf, stieg auf die Straße hinab. Nur die Angst, nicht zurück zu finden oder daß der LKW irgendwie losfuhr und unseren Koffer mitnahm hielt mich ab, über den Markt zu schlendern. Nach und nach tauchten einzelne Frauen auf mit Körben auf der Schulter, gelegentlich ein Huhn oder ein Küken im Korb. Sie nahmen weitab von mir Platz und schnatterten aufeinander ein. Die verstohlenen Blicke wurden dabei immer häufiger, aber die thailändischen Worte für dick und weiß und Ausländer fielen nicht, zumindest konnte ich sie bei meinem damals spärlichen Wortschatz nicht ausmachen. Zu diesem Zeitpunkt war ich ja noch des Glaubens, diese Menschen sprächen Thai!

Ich machte ein möglichst gelangweiltes Gesicht und versuchte, mich an die Telefonnummer der Deutschen Botschaft in Bangkok zu erinnern. Ich wußte ja nicht, ob mich mein Weib hier verkaufen wollte. Zwar hatte ich noch nie von Vielweiberei in Thailand gehört, wußte aber auch nicht, ob unsere in Dänemark geschlossene Ehe auch in Thailand anerkannt sei. Und es fiel mir nichts, aber auch garnichts ein, mit dem ich hätte eine Verteidigung aufbauen können, und so ging ich zum Angriff über. Ich sah den Frauen einzeln ins Gesicht - und lächelte. Und zum dritten Mal an diesem Morgen ging die Sonne auf, man lächelte zurück, nickte mir freundlich zu – und sah sich einander an und kicherte und lachte, man wollte sich nicht mehr einkriegen.

Eine alte Dame erklomm nun den LKW, spähte ein wenig umher und setzte sich forsch direkt neben mich. Einen großen Korb führte sie mit sich, gefüllt mit Obst, wie ich es bisher noch nicht gesehen hatte. Ihr Mund öffnete sich zu einem breiten Lächeln und zeigte tiefbraune und schwarze Zähne, dabei volle rote Lippen. Sie beugte sich etwas vor und entließ dem Mund einen breiten Strahl rostbraunen Saftes, der zielsicher ohne das Holz zu benässen durch einen breiten Spalt im Fahrzeugboden nach unten schoß. Wieder sah sie mich an, ihre Augen strahlten und blitzen. Wenn ich je ein beeindruckendes Gesicht gesehen habe, das ich freundlich, ja gütig nennen kann, dann war es dieses Gesicht. Eher rund zu nennen, über einer hohen Stirn kurze weiße Haare, kleine Falten in den Augenwinkeln schaute sie zu mir auf. Ja, sogar im Sitzen war ich noch eine ganze Ecke größer als sie, die vielleicht einen Meter vierzig maß. Sie trug Goldschmuck, wenig, aber passend zu ihr. Nur ihr hätte dieser Schmuck gestanden. Es ging eine Würde von dieser Frau aus, die mich schnell eingefangen hatte. „He, Falang“ glaubte ich zu verstehen. Falang, das kannte ich doch. Ich schaute sie an. „He, Falang“. Ja, das kam aus ihrem Mund. Es klang wohlwollend, ich konnte aus diesen Worten etwas heraushören. Willkommen etwa, wer bist du. Ihre Worte kamen einwandfrei aus ihrem Mund, jedoch so, als würde sie mit vollem Mund sprechen. Es sah auch so aus, als würde sie mit vollem Mund sprechen. Sie kramte in ihrem Korb, ihre Hand hielt ein Handtuch, das um eine kleine Dose gewickelt war. Vorsichtig öffnete sie beides, Handtuch und Dose und entnahm ein paar Kerne, die sie sich in den Mund stopfte. Klar, von Betelnuss hatte ich ja schon gehört und erinnerte mich, daß man davon schwarze Zähne bekam und viel spucken mußte. Unwillkürlich mußte ich lachen. Man schien das für ein Zeichen zu halten, denn die Hand bewegte sich auf mich zu und hielt mir einige Kerne hin. Ein Zeigefinger deutete nacheinander auf Kerne und mich und das bedeutet international, daß mir etwas angeboten wurde.

Ich hatte mal gehört, daß Eskimos jemanden umbringen, wenn der Gast ein Gastgeschenk ablehnt. Würde man hier auch so weit gehen? Ich riskierte es, legte eine Hand auf meine Brust, zog mit der anderen meine Zigaretten hervor und bot meinerseits eine Zigarette an. Es folgte ein Heiterkeitsausbruch, den ich bis heute nicht vergessen habe, alle wurden angesteckt, man konnte sich garnicht beruhigen. Und plötzlich streckten sich Hände nach mir aus, die Bananen, Mangos, Litschis, Kekse und Leckereien enthielten. Falang, klang es, Falang war das einzige Wort, das für mich hörbar war, Falang war eine Melodie, Falang war eine Hymne. Kein Wort, kein einziges Wort konnte ich erkennen, aber ich verstand. Man hieß mich willkommen. Ich war schon angekommen, denn der LKW war das einzige Auto des Dorfes, und es fuhr jeden Morgen zum Markt hin und brachte jeden Morgen die Frauen und ihre nicht verkauften Waren wieder ins Dorf zurück, in unser Dorf, in mein Dorf. Baan Nong Waeng.
 
M

mecki

Gast
gaehn, gaehn, gaehn! sooooo langweilig und uninteressant! sechs stunden bus fahrt, und kein bett!!!! muss ja die reinste moerdertour gewesen sein, nicht eimal VIP!

an den haaren herbeigezogen, nur schoen langsam.

mecki, NOTHING is impossible
 
S

seven

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Schöner Bericht, hoffe er wird noch fortgesetzt, denn von Deiner Ankunft gibt es doch bestimmt auch einiges zu berichten.

Ach ja, hast Du die Betelnuss nun probiert? War es irgendwas besonderes? Bisher habe ich solche Angeote immer dankend ablehnt. Allein der Anblick der Zähne, die man vom Genuss bekommt, reicht da schon als Abschreckung. :lol:
 
C

Chonburi's Michael

Gast
@dogmai

klasse Bericht.:super:

Ich lese daraus deine Liebe zu Thailand. :bravo:


Michael
 
MichaelNoi

MichaelNoi

Senior Member
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Das Betelnußsyndrom gibt es ja auch bei der deutschen Zahnpastawerbung:
Auweia, alles ROT :lol:
 
D

dogmai

Gast
Vorweg: ich lege es nicht darauf an, dass mich oder meine Postings jemand mag. Dumme Sprüche können daher bei mir nicht landen. :nixweiss:

@seven and @ll
Nein, und ich werde das Zeugs auch nicht probieren, da gibt es zu viele abschreckende Bilder :heul:

Eine Fortsetzung wird es zumindest hier nicht geben, aber ich arbeite dran und werde die Geschichte auf meiner Site weiterspinnen.
 
Peter-Horst

Peter-Horst

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Hallo dogmai ,

freue mich schon auf die weiteren Kapitel.

Gruß Peter
 
W

woody

Gast
Hallo dogmai

Dein Beitrag ist eine Bereicherung für dieses Forum und wie MSC treffend bemerkte, man kann daraus Deine Liebe zu Thailand spüren.

Beim Lesen sind mir Gedanken durch den Kopf gegangen und ich habe mich an meinen ersten Besuch in einem Thai-Dorf vor 27 Jahren erinnert.

Ich hoffe, dass Du ab und an hier an der Geschichte weiterschreibst.
Gegenüber der ewigen Besserwisserei sind solche Berichte erfrischend und das Herz und die Seele eines solchen Forums.

woody der Unwissende aber Wissbegierige
 
D

dogmai

Gast
@woody

Hi, wir beide gehören wohl zu den Altertümern :wink:

Gefühle gehen wohl heute oft verloren, ich denke nicht daran, zu den Verlierern zu gehören. ;-)

@Peter-Horst
Uiuiuiui, bei der Menge an Beiträgen: wann hast du denn noch Zeit für anderes?? :bravo:
 
Jinjok

Jinjok

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mecki schrieb:
gaehn, gaehn, gaehn! sooooo langweilig und uninteressant!
Hallo Mecki
Dieser Ton ist gegenüber einem persönlichen Erlebnisbericht eines anderen Users in diesem Forum inakzeptabel. Darin steckte viel Arbeit. Wenn Du den Bericht uninteressant findest, kannst Du nur weiterblättern. Konstruktive Kritik ist aber immer möglich. Bitte beachte das.
Mit Gruß vom
Moderator Jinjok
 
Didel

Didel

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Pfalz und CEI
Hi dogmai,
war schön zu lesen Dein Rückblick in die erste Zeit.

Wäre schade wenn es nicht mehr zu lesen gäbe.
Aber wenn nicht hier dann lese ich auf Deiner Site weiter.

Gruss Didel
 
Thema:

Ankunft in Baan Nong Waeng

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