Andy, Franz und Harry

Diskutiere Andy, Franz und Harry im Literarisches Forum im Bereich Thailand Forum; 47 - Teil II Nach der Morgentoilette und der entspannenden prickelnden Massage wollte Harry sofort zur Tat schreiten und mit dem...
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47 - Teil II

Nach der Morgentoilette und der entspannenden prickelnden Massage wollte Harry sofort zur Tat schreiten und mit dem Deutschunterricht für Sanni beginnen, aber sie wurden bereits nach zehn Minuten unterbrochen, als seine Schülerin “Guten Molgen” murmelte.

Franz kam zur Tür herein und Harry sah für einen kurzen Moment eine schmale braune Hand, an der sein alter Kumpel zerrte. Die Dame in seiner Begleitung sollte offensichtlich mit hinein, sträubte sich aber mit Händen und Füßen dagegen.

Franz hatte Pom auf dem Weg hierher geduldig erklärt, dass Harry sie ohnehin nicht erkennen würde. Einige der 100 Milliarden Nervenzellen waren defekt - vielleicht auch ein paar mehr als nur einige - aber Pom traute dem Frieden nicht.

Sie wollte mit dem Aschenbecher-Wurf niemanden verletzen, aber Harry war einen Schritt zur Seite gegangen und hatte sich zudem noch geduckt. Auch Pom fehlte ein Stück Film - ein deutlich kürzeres als bei Harry, aber das konnte sie nicht wissen. Sie war auf einer Bank auf der Promenade aufgewacht, auf die Pattaya Bay starrend und hatte versucht, Franz’ Arm abzuschütteln.

Jetzt hatte sie ihr neues Glück gefunden. Das war zwar nicht perfekt, aber immerhin war Franz nett, voller Humor und ein zuweilen stürmischer Liebhaber mit ein paar Kilo weniger auf den Rippen als Harry.

Nein, sie wollte nicht rein. Sie wollte Harry nicht in die Augen schauen müssen und mit der phäsaja da drinnen wollte sie nichts zu tun haben. Sollte doch Harry mit dieser Schlange glücklich werden...

“Ich bin mir sicher, du würdest auch einen Flugzeugabsturz oder eine Schiffskatastrophe überleben”, lachte Franz.
“Kein Problem! Am besten, es würde hier passieren - wegen der Wassertemperaturen!”

“Ich sehe, du bist schon wieder auf dem Damm! Immer noch ein paar kleine graue Zellen defekt, die zur Zeit nicht abrufbare Informationen gespeichert haben?” sagte Franz, jetzt mit ernsterer Miene.

“Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, war, dass du leider den Hinflug umbuchen musstest...” Harry dachte angestrengt nach. Nein - mehr kam nicht.

“Tja, da liegt der Hase im Pfeffer - oder wie sagt man hier? Büffel in der Kuhle?
Ich habe eine Email von meinem Chef bekommen, ob es denn vielleicht möglich wäre, ein paar Tage eher zurück zu fliegen, eine Kollegin ist krank geworden, zwei neue Mandanten müssen betreut werden...”

Harry rieb sich verwundert die Augen. Es gab unendlich viele Gründe, nach Thailand zu fliegen. Auf Platz 11 seiner Liste stand, dass der Arbeitgeber gar nicht auf die Idee kommen würde, ihn zurück zu holen, weil es mit erheblichen Kosten verbunden war.

Harry erinnerte sich daran, dass Franz in einer kleinen Firma arbeitete mit geringerem personellen Spielraum.

Sanni konnte dem Gespräch ohnehin nicht folgen, riss die Tür auf und rannte Pom direkt in die Arme. Die beiden musterten sich nur kurz - dann verschwand Sanni auf die Toilette.

“Schade, Franz, aber in der heutigen Zeit ist die Sicherung des Jobs wichtiger als Urlaub. Ich hoffe, du hattest eine schöne Zeit hier. Was wir so getrieben haben - keine Ahnung!”

“Wir haben samtweiches Fell und samtweiche Haut gestreichelt...” sagte Franz grinsend.
“Mit der Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch deine private Krankenschwester hälst du es doch noch ein paar Tage hier aus, oder?”

“Und eine erstklassige Physio-Therapeutin ist sie auch!” sagte Harry.
“Ich weiß...” erinnerte sich Franz. Er hatte sich damals fast den Hals verrenkt, weil er auf den Bikini schielte.

“Guten Flug! Man sieht sich!” rief Harry.
“Weiche allem aus, was unerwartet das Fliegen gelernt hat: Möbelteile, Bierflaschen, Aschenbecher....” feixte Franz.

“Jetzt aber raus hier!”


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Auf dem Weg zurück zum Krankenzimmer begegnete Watsana erneut Pom.
Sie wollte sich schon vorbei schleichen, aber Pom sagte leise etwas, fast im Flüsterton, und Sanni hatte nur soviel mitbekommen, dass es keine Beleidigung war. Jetzt kamen die beiden jungen Frauen doch noch ins Gespräch. Niemand würde je erfahren, woraus diese plötzliche Annäherung resultierte; sie tauschten sogar die Handy-Nummern aus.

Von der anderen Seite des Ganges her näherte sich ein Trupp Weißkittel und eilte in Harry’s Zimmer.

Der Verband wurde abgenommen und die Wunde vom Chefarzt inspiziert. Er zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis, sagte etwas auf Thai und alle lachten.

Harry nahm sich wieder mal vor, diese melodische Sprache zu lernen. Bis jetzt konnte er nur 30 Worte radebrechen, die er zumeist auch noch falsch betonte.

Eine Krankenschwester aus dem Tross der Ärzte klebte ein Pflaster auf die langsam verheilende Wunde. Die Fäden an der genähten Stirnwunde hatte man bereits gestern gezogen.

Harry konnte jetzt zwar nicht in den Spiegel gucken, aber so langsam fühlte er sich wieder wie ein Mensch, nicht wie ein Geschöpf aus dem Labor von Dr. Frankenstein. Und der extreme Kurzhaarschnitt war ziemlich praktisch für die Tropen, vorausgesetzt, man trug draußen eine Kopfbedeckung.

Ein junger Mann rechts neben dem Chefarzt notierte sich etwas und fragte dann dienstbeflissen:
“MRI?”*

Sein Chef schüttelte den Kopf. Er begnügte sich damit, mit einer kleinen Lampe in Harry’s Augen zu leuchten und stellte dem Patienten ein paar Fragen auf Englisch, die alle zufrieden stellend beantwortet wurden.

Sanni schlüpfte durch die Tür, machte einen Wai und fragte etwas.
Der Chefarzt runzelte die Stirn und machte ein bedenkliches Gesicht.

“Okay, no concussions, no direct sun and only two hours”, sagte er auf Englisch, damit es Harry auch verstand.
“Only two days more stay here for observation and I’ll decide about release”, sagte der Chef freundlich lächelnd, der Neurologe nickte eifrig und der Assistenzarzt machte sich Notizen. Danach schwebte die weiße Wolke aus dem Zimmer.

Sanni war aufgeregt wie ein kleines Mädchen und freute sich.
“We can go out for two hours!”

Harry nahm sie in den Arm und küsste sie. Er umfasste ihre schmale Taille und hob Sanni zehn Zentimeter an.
He, das ging schon wieder!

Dann lief Harry zum Schrank, wo sich sein Gepäck befand.
Er stöberte in seiner schwarzen Reisetasche, die eine eigene Geschichte erzählen könnte - wie sie von Trickdieben gestohlen, durchwühlt , unter einen LKW geworfen und nach zwei Tagen von einem Berliner Rentner hervor gezerrt wurde...

Zunächst fand Harry eine gebrannte CD, die von ihm irgendwann mit “CSC” beschriftet worden war. Harry hatte keine Ahnung, was da drauf war und wann er die CD gebrannt hatte, warum sich diese überhaupt in Thailand befand. Er würde zu Hause nachsehen, um was es sich handelte.

Zu Hause? Das würde in Zukunft der Ort sein, wo Sanni war, sie war der neue Fixstern.

Dann suchte er Bargeldreserven, wenn es denn welche gab - er konnte sich nicht erinnern. Vorn in der Tasche fand sich ein weißer Briefumschlag mit mehreren 1000-Baht-Scheinen - ziemlich leichtsinnig!

Harry schaute sich um, aber Sanni war nicht hinter ihm. Sie war vermutlich schon wieder im Bad verschwunden. Harry fragte sich nicht nur in Thailand, warum von Natur aus schöne, junge Frauen sich immer schminken mussten.

Harry holte eine dünne, hellblaue Jeans und ein kurzärmeliges beigefarbenes Hemd aus dem Schrank und kleidete sich an.
Sanni kam aus dem Bad zurück, schön wie immer, und lachte:
“Can we start now? At first we will buy hat for your head!”


* MRI=Magnetic Resonance Imaging (dt. MRT)

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@ all,

ich muss noch ein wenig für die finalen Folgen, die jetzt kommen, recherchieren. - Geht am Wochenende weiter... :wink:
 
bigchang

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guernsey
MadMovie" said:
@ all,

ich muss noch ein wenig für die finalen Folgen, die jetzt kommen, recherchieren. - Geht am Wochenende weiter... :wink:
das ist aber nicht dein ernst,oder?wie soll ich denn jetzt schlafen? :rofl: :rofl: :rofl:

gruesse matt :wink:
 
Otto-Nongkhai

Otto-Nongkhai

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Irgendwo im Outback!
warum von Natur aus schöne, junge Frauen sich immer schminken mussten.
Ja das ist auch immer mein Problem.
Ihr findet in meiner Begleitung nur ungeschminkte,ohne roten Mund und Nichtraucherinnen.
Wenn sie damit anfangen geht die Beziehung zu Bruch!!!!

In anderen Dingen bin ich eher kompromissbereit!
 
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Rene" said:
Schön wär´s! Ich wäre gern im Nov. hin geflogen, um an einer christlichen Hochzeit in BKK teilzunehmen (in BKK soll es wohl 10 christliche Kirchen geben) - eine Freundin meiner (hinlänglich) Bekannten heiratet einen Amerikaner - aber leider, die Urlaubstage! :fertig:

@ moselbert,

Nagaland
ist mir damals "durch die Lappen gegangen" - hab´ es ausgedruckt und während der Nachtschicht ;-) gelesen. :super:

@ Otto,

ich muss mal wieder die äußerst nette Vietnamesin im Nachbarort besuchen um --- Obst zu kaufen! ;-) :wink:
 
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Harry hatte nach eigener Meinung kein Hutgesicht und beäugte sich kritisch im Spiegel. Er fand, er sah aus wie eine Karikatur von Ernest Hemingway auf Safari.

Mit einem Reisstrohhut auf dem Kopf sah er dann so albern aus, dass Sanni laut kicherte.

Also dann doch lieber diese Attrappe eines Cowboy-Hutes und vor allem viel billiger als in Jackson Hole oder Cody in Wyoming.

Harry trat aus der klimatisierten Shopping Mall hinaus ins Freie und lief zum zweiten Mal heute gegen eine schwül-heiße Wand.
Sein Taschentuch triefte bereits und er musste es im Taxi, das Sanni vorsorglich bestellt hatte, auf dem Oberschenkel ausbreiten.

Ja, es war doch ein Unterschied, ob man den Tag in einem halbdunklen, klimatisierten Raum verbrachte oder mittags draußen herum tobte, es war aber eher ein Schleichen gewesen. Harry bemühte sich nach Kräften, nicht zu sehr den alten, kranken Mann heraus hängen zu lassen angesichts seiner jungen, attraktiven Begleiterin.

Der Fahrer brachte sie an den Fuß der Freitreppe, die zur Tempelanlage auf dem Pattaya Hill führte.

Harry hatte wieder mal eines seiner Deja-vú-Erlebnisse. Neben dem Parkplatz scharrte ein dürrer Hahn im Sand. Harry wusste nicht, ob es derselbe war wie vor zwei Jahren, aber er grüßte schmunzelnd “Sawasdee khrap!”
Vor langer Zeit hatte er diesem Hahn oder seinem Vater zugerufen:
“You survived bird flu!”
Was natürlich völliger Quatsch war, denn der Gockel verstand kein Englisch.

Sanni hüpfte die Treppe nach oben und schaute sich besorgt um. Harry folgte ihr schnaufend wie eine Dampflok mit einem Tempo, welches auf ein Baujahr im 19. Jahrhundert schließen ließ.

“Are you okay?” fragte seine Verlobte besorgt. Sie wollte ihn unterhaken, aber Harry wollte sich keine Blöße geben. Das würde er schon noch schaffen.
Oben lief ihm der Schweiß bereits aus den Sandalen und er musste sich setzen.
War vielleicht doch keine so gute Idee? fragte sich Watsana.

Im Inneren war es kühler. Sanni hatte je zwei Mal Lotusblüten, Kerze und Räucherstäbchen gekauft und sie erwiesen Buddha ihren Respekt.
Harry fand diese Religion viel toleranter und mehr den Menschen zugewandt, als andere.

Nachdem es ihm gelungen war, endlich das Blattgold an den Bauch einer Statue zu pappen, wollte Harry wieder nach draußen zu seinen Schuhen, aber Sanni hielt ihn zurück. Sie knieten nieder vor einem Mönch, der ihnen den Segen spendete und sie mit Weihwasser bespritzte.

Anschließend schüttelte Sanni ein Behältnis und ein Los fiel zu Boden. Damit rutschte sie auf Knien zu einer Art Schrank und entnahm aus einem Fach einen Zettel.

“Good luck for you?” fragte Harry.
Sanni schaute ihn mit einem so strahlenden Lächeln an, dass daneben die Sonne verblasste.
“Good luck for you and me!”

Nun konnte eigentlich nichts mehr schief gehen, freute sich Harry und wollte Sanni umarmen, besann sich dann aber, an welchem Ort sie sich befanden.

Draußen auf dem sonnendurchglühten Plateau gab es für jeden Wochentag einen Buddha. Harry zeigte auf den Freitags-Buddha mit besonders korpulenter Figur.

“He looks a little bit same like me!” schmunzelte Harry.
“Exist no longer”, lachte Sanni und griff scherzhaft ins Leere, dorthin, wo sich vor ein paar Wochen der Bauch weiter nach vorn gewölbt hatte.

Nach einer halben Flasche kühlem Mineralwasser ging es Harry besser.
Sanni bedeutete ihm zu warten, während sie in einen Raum eilte, wo eine alte Wahrsagerin und Astrologin hockte. Harry konnte durch die großen Fenster alles sehen, aber so richtig klar war ihm nicht, warum seine Angebetete jetzt noch den Rat einer Wahrsagerin einholte. Die alte Dame holte Tafeln heraus und berechnete scheinbar irgend etwas.

Harry hatte jetzt Lust auf eine Zigarette, aber er hatte keine Kippen dabei und das war gut so, denn nach dem nikotinfreien Krankenhausaufenthalt wäre ihm jetzt sicher schlecht geworden.

Nach ihm endlos lang erscheinender Zeit kam Sanni strahlend heraus.
“Do you still want marry me?”

Harry durchzuckte nicht zum ersten Mal siedendheiß der Gedanke “Die könnte meine Tochter sein!” aber er schob alle Bedenken beiseite und sagte:
“Yes I want!”
“Okay, I have good date now, means luck and many children!”


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ChangLek

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MadMovie" said:
.....die äußerst nette Vietnamesin im Nachbarort besuchen um --- Obst zu kaufen! ;-) :wink:
.....gute Idee, aber mach es diesmal richtig: nimm die äußerst nette Vietnamesin mit und laß das Obst zurück..... :cool: :wink: :rofl: :rofl: :rofl:
 
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ChangLek" said:
nimm die äußerst nette Vietnamesin mit und laß das Obst zurück...
Und was esse ich während der Nachtschicht? :???: :lol:
 
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.....ja [s:56db8403c1]was[/s:56db8403c1], äh wen wohl..... :lachen: :lachen: :fallvomstuhl:

.....glaube mir: das bekommt Dir bestimmt so gut wie uns Deine Geschichten..... :lol: :lol:
 
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Im Krankenhaus lief Sita aufgeregt hin und her und schielte immer öfter auf die vergoldete Uhr an ihrem linken Handgelenk.

Wo blieben die beiden nur? Die Zeit drängte und die neuesten Nachrichten hatten auch nicht gerade zu ihrer Beruhigung beigetragen.
Was, wenn Watsana wirklich etwas damit zu tun hatte?

Der Farang war immer noch leicht steuerbar. Nach Auskunft der Ärzte erinnerte er sich nur an lang zurück liegende Thailand-Urlaube.

Endlich tauchten die beiden Ausreißer auf und Sita atmete tief durch.
Mit freundlich lächelndem Gesicht wies sie Sanni auf Thai zurecht, aber so, dass der Farang es nicht merkte und Sanni ihr Gesicht nicht verlor.

Harry wollte sich auf’s Bett werfen, aber Sita breitete Papiere auf dem kleinen Tisch an der Wand aus und bat ihn, diese zu unterzeichnen.

Mit preußischer Gründlichkeit rückte Harry die Lesebrille zurecht und begann mit dem Studium der Dokumente.

Sita scharrte zwar mit den Hufen, aber was blieb ihr weiter übrig - es war Harry’s gutes Recht, genau zu lesen.
“Antrag auf Konsularbescheinigung” stand da auf Deutsch und sie war bereits ausgefüllt - wie praktisch.

Harry wurde stutzig. Welche Rolle spielte Sita überhaupt? Sie hatte ihn hier mehrfach besucht, aber so ganz klar war ihm nicht geworden, was sie eigentlich machte. Nur eine Freundin von Sanni?
Auf Grund ihres Auftretens lag der Schluss nahe, dass sie irgendeine wichtige Funktion hatte.

Harry fand keinen Fehler und unterschrieb. Sita und Sanni atmeten unhörbar tief durch. So viel wusste auch Harry: Mit dem Beantragen einer Konsularbescheinigung würde das Ausstellen eines Visums durch die Deutsche Botschaft schneller gehen - fehlte nur noch die Trauungsurkunde.

“Ich hab’ auch gesprochen mit deine Behörde für Ausländer. Die Frau hat zwei Mal gefragt, woher ich anrufe, wollte es nicht glauben!” lachte Sita.

“Ich danke dir für deine Unterstützung, Sita. Aber ich wäre dir sehr verbunden, wenn wir die nächsten Schritte gemeinsam besprechen würden”, sagte Harry freundlich, aber der verstörte Unterton war nicht zu überhören.

“Nächste Schritt ist: Ruhe dich aus! Schritt nach nächste Schritt ist: Wir fahren nach Bangkok und geben Papier ab...”
“We will leave Pattaya early tomorrow”, ergänzte Sanni.

Jetzt ging Harry die Bevormundung durch die beiden Frauen doch ein wenig zu weit.

“Doctor said, two days more for observation!”
Diesmal gelang es Harry nicht, die Contenance zu bewahren. Er hob die Stimme und machte ein missmutiges Gesicht. Sanni kam auf ihn zu und legte eine Hand auf seine linke Schulter, aber Harry schüttelte sie ab.

Die beiden Frauen verließen aufgeregt schnatternd das Zimmer und die Tür fiel scheppernd ins Schloß.

Harry hatte nicht übel Lust, mit der jungen, hübschen Krankenschwester zu schäkern, wie er das auch schon in einem deutschen Krankenhaus gemacht und exakt den Anstieg der Pulsfrequenz vorausgesagt hatte, weil Lernschwester Nicole ihn berührte...
Schwester Noi huschte aus dem Zimmer und Harry hatte nicht einen Ton gesagt.

Er war erschöpft vom Tag und fiel in einen unruhigen Schlummer.
Das Gehirn spielte ihm einen Streich und ließ Filmsequenzen ablaufen, die scheinbar in keinem Zusammenhang miteinander standen...

Franz und Andy’s Betreuerin von der Uni stritten sich, der River Kwai rauschte vorbei... Sita und ein hagerer, vornehm wirkender Herr knackten Muscheln in einem Seafood-Restaurant... Harry ertastete den Körper und schnupperte am Haar einer jungen Frau, die so aussah wie die Freundin von Franz...

In diesem Moment wachte Harry schweißgebadet auf und schaute auf die Uhr: 22:00 Uhr. Er griff zum Handy, um bei Sanni um gutes Wetter zu bitten, er vermisste sie und wusste zum ersten Mal nicht, wo sie gerade war.

Nach mehreren Klingeltönen ertönte Popmusik und eine angenehme Frauenstimme meldete sich... Harry verstand kein Wort und konnte nur raten:
“Der Teilnehmer ist im Moment nicht erreichbar, bitte sprechen Sie auf die Mailbox!”.

Dass Sanni zu diesem Zeitpunkt Handyverbot hatte und im Beisein eines Rechtsanwalts auf einer Polizeistation saß, konnte Harry nicht im geringsten ahnen...


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ChangLek

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.....huch, ein Problem jagt wohl das andere..... :hilfe:

.....aber spannend..... :wink:
 
lacher

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Weiter, Weiter, Weiter :super: :bravo: :super: :bravo:

Servus
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“Ich Blödmann!” schalt sich Harry nach dem Aufwachen und schlug vorsichtig - um nicht neuen Schaden anzurichten - mit der flachen Hand gegen die Stirn.
Warum war er nicht eher darauf gekommen?

Dem mehr als lückenhaften Gedächtnis könnte man doch mit visuellen Hilfsmitteln auf die Sprünge helfen!
Auf dem Memory Stick der Digitalkamera mussten doch jede Menge Fotos sein, die diesen Thailandurlaub dokumentierten!

Harry wühlte wie gestern in seiner schwarzen Reisetasche - der Briefumschlag mit dem Geld und die gebrannte CD waren noch an Ort und Stelle.

Und da war sie, die Digitalkamera in ihrer robusten grau-blauen Hülle.
Harry hätte schwören können, dass er das gute Stück gestern nicht gesichtet hatte. Wenn die Kamera weg gewesen war - wer hatte ein Interesse daran, die Fotos zu betrachten und womöglich einige zu löschen? Harry mochte diesen Gedanken nicht konsequent zu Ende denken... vielleicht spielte ihm ja nur das unverläßliche Gedächtnis einen Streich.

Er setzte sich auf die Bettkante und schaute sich die Fotos auf dem kleinen Display an. Auffällig oft lächelte eine junge Frau in die Kamera, die auch auf einem Foto, das Franz ihm gezeigt hatte, zu sehen war.

Hatte Franz die “abgelegte” Freundin getröstet, weil Harry Sanni kennen gelernt hatte?

...Bangkok, die River Kwai Brücke, Erawan Nationalpark...Harry knieend vor einem in der Sonne dösenden Tiger... Andy mit aufgeschlitztem Hosenbein und Blutfleck auf den Jeans, daneben die aufgeregte junge Studentin...

In dem Moment wurde die Tür aufgestoßen und der Chefarzt sah den ungewaschenen und unrasierten Farang-Patienten in Unterwäsche kichernd auf der Bettkante sitzen. Vierzehn Tage Psychiatrie?
Aber dann besann sich der Chefarzt, dass ohnehin alle Farang baa sind und setzte sich neben Harry.

Nicht dumm die Idee, die Amnäsie mittels Fotos zu überlisten.
“Wat Phra Luangta - normally tigers don’t do anything”, sagte der Doktor.

“Mister Andy is a special case, not normal. I want to send the tiger 30 pounds of meat!”

Der Doktor begann zu lachen und die Assistenzärzte und Krankenschwestern stimmten ins Gelächter ein, wussten aber nicht so recht, was den Chefarzt so erheiterte.

“Okay, please come to my office in one hour for discharge papers. You can engage Miss Poonsawat if you want”, grinste der Chefarzt.

Harry schlurfte ins Bad und schlüpfte aus Boxershorts und Unterhemd. Der kritische Blick in den Spiegel bestätigte ihm, dass er schmaler geworden war.

Also doch heute schon, dachte Harry und drehte die Brause auf.
Und da sich Sita in alles einmischte, war das vorhin wohl ihr Familienname gewesen?

Harry war mit der Morgentoilette gerade fertig geworden, da hüpfte Sanni ins Zimmer, strahlend wie der junge Morgen und gab ihm einen Kuss, so als wären sie nur eine Stunde getrennt gewesen.

“Sawasdee khrap, tirak, where did you...” fragte Harry.

Sanni legte den Zeigefinger auf den Mund und bedeutete ihm, den Oberkörper frei zu machen. Sie knetete ihn durch und die kitzelnden Haarspitzen verursachten eine Gänsehaut.

“Little plomplem with police. They need me for a witness’s statement...”

In diesem Moment kam Sita zur Tür herein, die lange mit sich gerungen hatte, ob man Harry wenigstens die halbe Wahrheit auftischen sollte.

“Ein Amerikaner ist vorgestern auf der Second Road von einem Auto überfahren worden, ein Unfall. Zeugen schwören, es war kein Unfall...”

“Und was hat Sanni damit zu tun?” ächzte Harry, weil die Masseurin gerade ein Knie auf die Lendenwirbelsäule presste.

“Sie war mal die Freundin des Verstorbenen...”

Harry atmete tief durch. Einen Farang überfährt man nicht einfach so absichtlich auf einer Hauptstraße, es sei denn, er war der Konkurrenz oder Kriminellen ein Dorn im Auge...
Sita ließ ihm keine Zeit , die Gedanken zu ordnen.

Sie hockte sich vor sein Bett und sagte eindringlich:
“Watsana liebt dich und möchte mit dir ein neues Leben beginnen und ich will euch nur helfen, bitte vertrau’ uns!”


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Sanni wurde langsam der Boden in Pattaya ein wenig zu heiß unter den Füßen. Wenn nun Mark’s Freunde oder “Geschäftspartner” sie verantwortlich machten für das, was geschehen war?
Sie hatte ihre Sachen längst gepackt und das Motorrad an eine Freundin verkauft.

Für Sita war der “Fall Watsana” nur einer von vielen, aber hier waren Komplikationen aufgetreten, um die sie sich selbst kümmern musste.
Und dann noch das starrsinnige Beharren auf eine traditionelle Thai-Hochzeit, was eine Woche weiterer wertvoller Zeit kosten würde!

Am liebsten wäre Sita folgendes Szenario gewesen: Trauung in Bang Rak, Telefonanruf ihres Vaters, Heiratsvisum und dann ab mit den beiden nach Yöremanie - Akte zu!

Harry gab einem Pfleger zwanzig Baht, damit dieser das Gepäck nach unten brachte. Er wollte zur Kasse im Eingangsbereich gehen, wo ihn womöglich eine sechsstellige Rechnung erwartete, welche den Verfügungsrahmen der Kreditkarte sprengte.

“Ist bezahlt!” sagte Sita, die gerade mit einem Handy am Ohr vorbei rannte.
“Du brauchst dein Geld für die Hochzeit!”

Da der Wagen, der sie nach Bangkok bringen sollte, noch nicht da war, nahmen sie das Frühstück in einem Restaurant an der Second Road ein.
Harry hatte Appetit wie ein Bär nach dem Winterschlaf und bestellte ein American Breakfast mit Rührei, Schinken und Toast.
Die Mädels begnügten sich mit Reissuppe und Obst.

Die Stunden und Tage, die nun folgten, würde Harry niemals vergessen, selbst wenn ihm den Scheitel mit einer Eisenstange nachzog.

Es begann damit, dass zwar kein Rolls Royce, aber ein nachtblauer 7er BMW vor fuhr und der Chauffeur, gewandet in eine hellgraue Uniform und weiße Handschuhe, vor Sita einen Wai machte.

Für Sita hatte es drei Optionen gegeben: Das geringste Sicherheitsrisiko bestand für die Villa ihrer Eltern. Ihre Wohnung in Bangkok befand sich in einer bewachten Wohnanlage. Letztendlich hatte sie sich für das Wochenendhäuschen außerhalb der Metropole entschieden. Allerdings musste dafür extra ein Security-Mann abgestellt werden.

Während der Fahrt unterhielten sich Sanni und Sita auf Thai und Harry nahm wieder die Digicam zur Hand, um sich vielleicht an die vergangenen vierzehn Tage zu erinnern.

Harry war kein besonders guter Fotograf, aber eines der Fotos genügte höheren Ansprüchen: Sanni im blauen Bikini lehnte sich an eine weiße Wand und schaute gedankenversunken durch eine offene Glastür über einen Balkon hinweg auf die Pattaya Bay. Das sanfte Gegenlicht brachte ihre Figur besonders gut zur Geltung.

“Warum starrst du auf das Display? Du hast das Original neben dir!” lachte Sita.

Harry drückte Sanni’s Hand und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Jetzt nur nicht zum Liebeskasper mutieren! dachte Harry. Sanni schleppt einen ganzen Rucksack voll Problemen mit sich rum und den galt es vor der Hochzeit auszupacken, damit später nicht das böse Erwachen kam.

“In welche Geschäfte war der Amerikaner verstrickt, der überfahren wurde?”

Das Lächeln fror auf den Gesichtern der beiden jungen, hübschen Frauen ein.
“Das wissen wir nicht”, sagte Sita mit gepresster Stimme.

“It’s over since eight weeks, Hally... now I love you!”
Sanni’s Stimme klang so, als würde sie mit den Tränen kämpfen.

Show oder wahre Gefühle? Harry musste es heraus finden!

Das Wochenendhaus, vor dem der Wagen stoppte, war eine Teakholzvilla, ausgestattet mit allem Luxus, den man sich denken konnte.
So ein Bad wie hier hatte Harry zuletzt im The Regent of Auckland gesehen, einem 5-Sterne-Hotel in Neuseeland.

Sita verabschiedete sich und ein Security-Mann stolzierte auf der Veranda auf und ab.

Sanni und Harry plantschten im Adamskostüm im Whirlpool und rubbelten sich anschließend gegenseitig trocken.

Es fand sich auch ein Fläschchen duftenden Massageöls und Harry war der Meinung, er müsse sich für die vielen Massagen von Sanni endlich mal bedanken. Er hielt sich nicht lange mit der Rückenpartie auf, sondern beschäftigte sich viel lieber mit der Vorderansicht von Sanni’s Oberkörper...


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moselbert

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Es war ein Fehler von mir, stelle ich fest, einige Wochen nicht ins Forum zu schauen. Denn jetzt musste ich in ein paar Abenden die ganze Geschichte lesen.

Hat sich aber gelohnt.
:super:

MadMovie, gehe ich Recht in der Annahme, dass in der Geschichte einige autobiografische Züge zu finden sind? Hoffentlich nicht die Amnesie...

:wink:
 
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