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Harry saß nicht wie ursprünglich geplant in einem gemütlichen Thai-Restaurant, sondern wieder mal in einem Krankenhaus.
Patong Hospital, zwei Mal Pattaya Memorial Hospital und jetzt eines am Rande der Metropole Bangkok.
Harry hoffte, mal einen Thailand-Urlaub zu erleben, wo er sich nicht in einem Krankenhaus wieder fand.
Sanni wurde gerade geröntgt und im OP rangen die Ärzte um das Leben des mutigen Wachmannes, der zwei glatte Durchschüsse erlitten hatte.
Im an der Decke aufgehängten Fernsehapparat des Warteraums lief gerade eine Thai-TV-Soap-Opera mit hübschen Mädchen und smarten Jungs.
Er hatte genügend Zeit, um über alles nachzudenken.
Sanni war die Ex-Freundin eines Amerikaners, der in krumme Geschäfte verwickelt und auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen war.
Seither überschlugen sich die Ereignisse.
Okay, er liebte Sanni und in ihren dunkelbraunen Mandelaugen hatte er ehrliche Zuneigung gesehen. Fast zu schön, um wahr zu sein.
Wer waren die schießwütigen Angreifer gewesen? Wollte man Sanni ausschalten, weil sie zuviel wusste?
Was Harry nicht wissen konnte und nie erfahren würde:
Die beiden Männer wollten eigentlich niemand umbringen.
Um Sanni zu entführen - weil man der Annahme war, sie würde das versteckte Warenlager von Mark kennen - mussten der Thai-Wachmann und der Farang ausgeschaltet werden. Dieses Unternehmen war kläglich gescheitert, weil ein Fahrzeug auftauchte, das womöglich einem privaten Wachschutz oder gar der Polizei gehörte...
Es dauerte nicht lange, da wirbelte Sita durch die Tür der Notaufnahme und riss Harry aus seinen Gedanken.
“Was ist passiert?” fragte sie atemlos.
Harry schilderte ihr das Geschehen aus seiner Sicht. Nach zwei Minuten tauchte die blasse Sanni auf, die einen Verband am rechten Handgelenk trug.
“No plomplem - only sprain of wrist!”
Sita und Harry atmeten tief durch.
Der personengebundene Schutzengel von Harry war endlich aufgewacht und hatte die weite Reise nach Thailand angetreten. Einige der Kugeln aus den Maschinenpistolen waren nur zehn Zentimeter entfernt von Harry’s ramponierten Kopf eingeschlagen.
Sita wuchs der “Fall Watsana” langsam über den Kopf. Es galt, schnelle Entscheidungen zu treffen, bevor noch mehr passierte.
Am liebsten wäre es ihr gewesen, die beiden würden sofort ins Ausland verschwinden - leider fehlte noch Sanni’s Visum für Deutschland.
Einen gewissen Schutz bot vielleicht die Dorfgemeinschaft von Sanni, die würden jeden Fremden, der dort auftauchte, sofort kritisch unter die Lupe nehmen. Sita würde weitere Vorkehrungen treffen müssen.
“Morgen geht es ab nach Norden, nach Nakhon Sawan!” sagte Sita.
“Du weißt sicher, dass bei uns Brautgeld gezahlt werden muss, oder?”
Harry fand die Bemerkung angesichts der Umstände nicht ganz passend, aber er lächelte. Sie waren noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen - was aber, wenn die Gangster die Spur nach Norden aufnahmen? Bevor er eine Frau heiratete, auf die gerade aus seiner Sicht ein Anschlag verübt worden war , wollte Harry Klartext hören.
“Ich liebe Sanni und möchte sie heiraten, aber vorher wüsste ich gern, was hier gespielt wird!” fragte Harry und musterte Sita.
“Es ist noch zu früh, um dir alles zu sagen...” wich sie ihm aus.
“Für wen arbeitest du, Sita?” Harry bemühte sich, gelassen zu klingen, obwohl er innerlich kochte.
“Ich arbeite für das Innenministerium. Ich habe dich nicht angelogen mit der Studie über die Touristen, die wir machen - das läuft nebenher.”
Sita fiel ein, dass Harry sich an die letzten vierzehn Tage gar nicht erinnern konnte und so würde er auch nichts vom Interview wissen.
“Und was machst du hauptsächlich, wenn ich fragen darf?”
“Wir ermitteln”, sagte Sita ausweichend und rutschte auf ihrem Plastikstuhl hin und her.
“Polizei?” hakte Harry nach.
“Nein, nicht Polizei, aber wir arbeiten mit ihnen zusammen!” sagte Sita.
Jetzt wurde Harry einiges klarer...
Sanni konnte dem Gespräch nicht folgen und fragte nach einem gutem Beauty-Salon. Harry dirigierte den Chauffeur nach Bankapi. Harry liebte diesen Stadtteil- nur sehr selten traf man da in einem Barbecue-Restaurant Farangs von der Ramkhamhaeng University, Touristen schon gar nicht.
Harry kannte hier fast jeden Fleck. Beim ersten Mal hatte er sich noch verlaufen, inzwischen kannte er fast alle Abkürzungen. Viele bevorzugten die Sukhumvit Road, aber hier fühlte sich Harry einfach wohler.
Der Wagen stoppte in der Soi Happyland 2 und plötzlich war da ein grimmig drein blickender Mann, der sich vor der Tür des Friseursalons postierte.
Es war alles wie immer: Der kleine Hund schleppte einen besabberten Ball an und wollte mit Harry spielen. Die Chefin freute sich, dass Harry eine neue Kundin anschleppte und er hatte das Gefühl, dass sie sich auch darüber freute, dass er eine neue Freundin gefunden hatte.
Es dauerte nicht lange, da wurde die Glastür aufgestoßen und die Stammkundin Pom betrat den Laden.
Harry überspielte seine Verlegenheit ob des Zusammentreffens aller Thaifrauen, mit denen er einst und jetzt näher in Kontakt stand, damit, dass er den zerknautschten blauen Ball in eine Ecke kickte und der Hund hinterher hechelte.
Die Friseurmeisterin leistete ganze Arbeit: Falls es irgendwie möglich war, Sanni noch schöner zu machen - sie hatte es geschafft.
Das glatte schwarze Haar hatte jetzt mehr Volumen und fiel Sanni in Wellen über die Schulter.
“I want beautician shop owner for wedding day!” sagte Sanni.
wird fortgesetzt...