Regierung in Bangkok schränkt Pressefreiheit ein
Zustände wie im benachbarten Birma
Vier Tage nach dem Aufstand in Bangkok wimmelt es von Spitzeln: Ihre Ohren sind überall, um zu kontrollieren, wer was über die Ereignisse erzählt. Die Menschen leben in Misstrauen und Angst. Die Pressefreiheit ist eingeschränkt und offenbar gibt es eine Kampagne gegen ausländische Journalisten.
Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Hörfunkstudio Südostasien, z.Zt. Bangkok
Auf dem Gelände des buddhistischen Tempels Wat Patum Wanaram unmittelbar neben dem fast völlig niedergebrannten Einkaufszentrum Central World in Bangkok liegen noch überall die Überreste der Nacht des Schreckens herum. Mehrere 1000 Menschen waren vor den Schüssen an der Rajaprasong-Straßenkreuzung in den Tempel geflüchtet, der als Zufluchtsort für Frauen und Kinder vorgesehen war.
Mindestens sechs Menschen sind hier im Tempel ums Leben gekommen. Zahlreiche weitere wurden verletzt, darunter auch mehrere ausländische Journalisten - niedergeschossen von Scharfschützen. Die Schüsse seien oben, von den Gleisen der Hochbahn gekommen, sagten Augenzeugen. Dort hatten während dieser Zeit Soldaten der Armee Position bezogen.
Überwachung und Kontrolle
Der stellvertretende Abt des Tempels, Thavorn Chittathavaro, will jedoch zu den Vorfällen nichts sagen. Es sei ihm verboten worden, Interviews zu geben, sagte er. Kaum habe ich neben ihm Platz genommen, taucht ein uniformierter Polizist auf und das Gespräch mit dem Mönch ist zu Ende. Es sind Zustände wie im benachbarten Birma.
Auch thailändische Journalisten berichten über Behinderungen der Presse und Angriffe auf Journalisten. Viele Kollegen haben während der vergangenen Woche häufig darauf verzichtet, sich mit dem grünen Armband des thailändischen Journalistenverbandes als Medienvertreter kenntlich zu machen. Sie haben Angst, dann erst recht von aufgebrachten Demonstranten angegriffen oder von Scharfschützen ins Visier genommen zu werden.
Kampagne gegen ausländische Journalisten
Nares Damrongchai, ist Mitglied einer Forschungsgruppe, die Szenarien für die politische Zukunft Thailands entwickelt hat. Als einer der ersten Schritte müsse die Einschränkung der Pressefreiheit aufgehoben werden sagte er: "Als erstes sollte die Regierung die Pressefreiheit wieder zulassen. Im Moment ist alles eingeschränkt. Man bekommt nur sehr einseitige Informationen. Und die Leute, die nur die thailändischen Fernsehsender sehen und die Standard-Zeitungen lesen, die glauben irgendwann daran. Aber viele Leute wissen, dass die Wirklichkeit anders aussieht."
Vor allem ausländische Journalisten sind jetzt in der Kritik. Im Regierungslager gebe es eine Kampagne, sagte Nares, die kritischen Journalisten ausländischer Medien auszuschließen: "Einige Leute haben auf Facebook eine Kampagne ins Leben gerufen, die gegen ausländische Reporter gerichtet ist. Sie behaupten, die ausländischen Medien seien gegen die thailändische Regierung eingestellt. Die Kritik richtet sich gegen namhafte ausländische Korrespondenten, die so heißt es, in diesem Konflikt auf der Seite der Rothemden stünden".
Auf der Flucht vor Spitzeln
Auch auf der Straße haben viele Menschen Angst, über das, was sie erlebt und beobachtet haben, frei zu reden. Insbesondere gegenüber ausländischen Reportern schweigen sie. Überall seien Spitzel, sagte ein Mönch. Er hatte in seinem Mobiltelefon Fotos von erschossenen Demonstranten und wollte nur in einer versteckten Ecke einer Seitenstraße sprechen: "Nennen Sie bloß nicht meinen Namen", sagte er, "sonst bin ich hier auf der Straße nicht mehr sicher".
http://www.tagesschau.de/ausland/bangkokpresse100.html