Kapitel 21
Der Armeejeep war gerade erst dreihundert Meter die Thavee Wong Road hinauf gefahren, als Leutnant Romken dem Fahrer befahl, anzuhalten. Der Offizier eilte zum 7 Eleven, um etwas zu besorgen. Bernd spürte, wie ihn die Passanten anstarrten.
Bringt mich blos weg hier, dachte er, die müssen mich doch für einen Kinderschänder oder Drogendealer halten. In einem geschlossenen PKW hätte er abtauchen können, aber hier im Jeep saß er wie auf dem Präsentierteller. Wenigstens diese Demütigung hätte man ihm ersparen können. Bernd schaute nervös auf die Uhr, schüttelte dann das Handgelenk.
9:45 Uhr? Das konnte nicht stimmen. Die Armbanduhr war stehen geblieben, es war sicher schon später...
Nong genoss die Freiheit, an der Reling zu stehen und betrachtete die Schaumkronen auf den Wellen. Ein- zweimal versuchte sie, mit einem der Bewacher am Bug ins Gespräch zu kommen, der andere war am Steuerrad, aber jede Frage blieb unbeantwortet. Am Horizont tauchten zwei Inseln auf und zu ihrer Überraschung erhielt Nong diesmal eine Antwort auf ihre Frage:
“Koh Poda Nai, Koh Poda Nok!”
Der Kutter hielt direkt darauf zu. War dort der Treffpunkt mit Pairat?
Ihr Bewacher, ein junger drahtiger Thai, der ein weißes T-Shirt mit einem Totenkopf trug und sich offensichtlich in der Rolle des Piraten wohl fühlte, scheuchte Nong zurück unter Deck und verriegelte die Tür...
Es war natürlich töricht gewesen, Rangsan Saithong darum zu btten, in einen Hubschrauber steigen zu dürfen, schalt sich Peter. Es half auch nichts, darauf hinzuweisen, in den deutschen Zeitungen nur Positives über Thailand zu berichten. Als Peter sich umdrehte, war Lek wie vom Erdboden verschluckt.
So trottete er schlecht gelaunt über die Strasse zur Bucht, wo sich die ersten Touristen darüber wunderten, dass der Strand immer breiter wurde.
Peter erwartete, Dr. Werner in der Nähe des Verkaufsstandes zu finden, wo Ehefrau und Tochter gerade zwei Liegen mieteten. Aber Wolfgang Werner war stehen geblieben und betrachtete nachdenklich das Meer.
Das Wasser zog sich weiter zurück, erst einhundert, dann fast zweihundert Meter.
“Was hat das zu bedeuten, Wolfgang?”
Dr. Werner antwortete nicht, sondern blickte auf die Armbanduhr.
“Jetzt kann man sogar in Thailand Wattwanderungen machen”, sagte ein baumlanger, braun gebrannter deutscher Tourist. “Und viel wärmer, als an der Nordsee!”
Peter konnte sich nicht daran erinnern, dass es hier so einen starken Tidenhub gab. Irgendetwas passierte da draußen, aber was? Vielleicht senkte sich der Meeresboden und das Wasser floss zurück?
Dr. Werner war hier der Meeresexperte und Peter stupste ihn an.
“Die Wurzel des Produkts aus Wassertiefe und Erdbeschleunigung”, grummelte der Wissenschaftler.
Peter war von seinem Freund Bernd unverständliche Antworten gewohnt, deshalb war er nicht wirklich überrascht, dass dieser zerstreute Professor hier ähnlich reagierte - mit einer Rechenaufgabe.
“Was bedeutet das?”
“Dass in fünf, besser in zwei Minuten der Strand geräumt sein muss!” rief Dr. Werner.
Ihm war schlagartig der Zusammenhang klar geworden, als das Meer zurück wich. Das Klappern des Löffels, der wackelnde Tisch.
Wenn sich das Beben an der Subduktionszone zwischen der Indisch-Australischen und Eurasischen Erdplatte westlich von hier ereignet hatte und nach der Formel eine Ausbreitungsgeschwindigkeit einer Tsunami von etwa 800 Kilometer pro Stunde oder mehr zu Grunde gelegt wurde, dann war es jeden Moment soweit.
“Das Wellental einer Tsunami! Warne alle im Umkreis und dann hoch zur Strasse!” brüllte Wolfgang Werner und rannte durch den weißen Sand, um Frau und Tochter von den Liegen zu zerren.
Peter lief zunächst zu dem Mann, den er für einen deutschen Touristen hielt.
“Los, weg hier” keuchte Peter.
“Was soll der Quatsch? Sogar die Einheimischen sind draußen und sammeln Meeresgetier!”
Es würde unmöglich sein, alle an diesem Strandabschnitt zu warnen, wenn jeder so reagierte.
“Der Mann ist Meeresforscher, hau ab, wenn dir dein Leben lieb ist!”
Peter rannte weiter und rief immer wieder “Big flood wave! Leave the beach!” bis die Stimme heiser wurde, aber nur wenige beachteten ihn.
Susann Werner stampfte mit dem rechten Fuss in den weichen Sand.
“Ich bleibe! Ich warte auf Göran!” Das war ihr schwedischer Freund.
Dr. Werner hatte seine Tochter in den letzten sechzehn Jahren nie geschlagen, aber jetzt holte er aus. Allein die Geste wirkte.
“Es ist besser, nicht zu widersprechen, wenn dein Vater so guckt”, sagte Birgit Werner und raffte die Sachen zusammen.
Peter taumelte vorbei und krächzte in Richtung der Verkäuferinnen, die auf der Eiskiste saßen: “Big flood wave!”
Aber die schüttelten verständnislos die Köpfe und blieben sitzen, bis auch sie es sahen:
In der Ferne bäumte sich eine dunkelgraue gischtgekrönte Wasserwand auf.
“So schnell wie ein Flugzeug, weg hier!” schrie Wolfgang Werner.
wird fortgesetzt...