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Menschsein im Urlaub

Erstellt von x-pat, 18.10.2005, 13:45 Uhr · 2 Antworten · 545 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von x-pat

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    Menschsein im Urlaub

    „Jetzt sind es nur noch wenige Tage - und dann geht's endlich los. Für ein paar kostbare und hoffentlich unvergessliche Wochen werden Sie dem Alltagsstress entfliehen, abschalten und ausspannen, mal wieder richtig Mensch sein, sich selbst, ihrer Familie, oder ihren Freunden gehören.“

    Mit dieser Einleitung wirbt ein deutscher Reisekatalog für Urlaubsangebote. Die Idee ist dabei, den geneigten Leser in Reisestimmung zu versetzen und seine Gedanken in ferne Länder zu tragen. Bunte Bilder von Palmenstränden mit türkisfarbenem Wasser in dem sich lachende Menschen vergnügen, unterstützen diese Absicht. Sofern man sich nicht gleich in die reich illustrierten Angebote vertieft, und den zitierten Text mit erhöhter Aufmerksamkeit ließt, stellt man jedoch etwas befremdliches daran fest. Dieses ungewöhnliche Element ergibt sich aus dem Kontrast des ersten und zweiten Teils. Das erste stimmungssetzende Adjektiv lautet „kostbar“. Die meisten Leser würden kaum daran zweifeln das so ein Katalogurlaub kostbar ist, da immerhin ein Monatsgehalt und mehr dafür verlangt wird. Er ist aber auch im immateriellen Sinn kostbar, denn es werden schöne Aussichten und angenehme Erfahrungen geboten. Das zweite Adjektiv lautet „unvergesslich“. Dies stimmt ebenfalls mit der Erwartungshaltung des Lesers überein und verfeinert sein positives Bild weiter, wie die zweite Note eines Dur-Akkords. Statt mit einem dritten positiven Adjektiv den Dreiklang zu vollenden, ließt man jedoch die negativ besetzten Wörter „Alltagsstress“ und „entfliehen“, welche einen subtilen aber spürbaren Missklang erzeugen. Es folgt eine Aufzählung von seltsamen Tätigkeiten wie „abschalten“, „ausspannen“, und „Mensch sein“. Anscheinend handelt es sich hierbei um Tätigkeiten die nur solchen Lesern gegönnt sind, die eine Reise aus dem Katalog des Anbieters buchen. Es scheint weiterhin selbstverständlich zu sein, dass diese Tätigkeiten nur für eine limitierte „kostbare“ Urlaubszeit ausgeübt werden können. Zweifellos verstärkt sich dadurch die eingeleitete Dissonanz, und der Leser muss sich nun fragen auf was er sich eigentlich einlässt.

    Wenn er nach dem anfänglichen Gefühl der Befremdung den Werbetext noch einmal ließt und darüber nachdenkt, kommt möglicherweise die ungeheure Unterstellung zum Vorschein, die darin verborgen ist, und es darf bezweifelt werden das sich der Autor deren bewusst war. Der Text besagt nichts anderes das „richtig Mensch sein“ einen Urlaub erfordert. Damit impliziert er, dass außerhalb eines Urlaubs nicht daran zu denken ist, eine solche Funktion erfüllen. Außerhalb des Urlaubs muss die Leserin folglich ein „Halbmensch“, ein „unrichtiger Mensch“, oder sogar ein „Unmensch“ sein. Darüber hinaus gehört die Leserin sich selbst, ihrer Familie, und ihren Freunden laut Werbetext nur innerhalb des durch die Reisebuchung vertraglich vorgesehenen Zeitraums. Dies wirft natürlich die Frage auf, wem sie während des Rests des Jahres gehört. Sollte es eine dunkle Anspielung auf moderne Sklaverei sein? Ist die bedauernswerte Leserin tatsächlich darauf angewiesen sich für kurze Zeiträume freizukaufen um vorübergehend sich selbst zu gehören? Es besteht kein Zweifel, dass der Autor des Werbetextes es damit ernst meint. Warum sonst weist er ausdrücklich auf die Möglichkeit der Flucht aus dem Alltagsstress hin? Der Gedanke der Flucht scheint überhaupt ein beliebtes Thema der Tourismusindustrie zu sein. So ließt man im selben Katalog an anderer Stelle: „Entfliehen Sie dem grauen Alltag auf die weißblaue Insel.“ Hier wird der Reisewillige ebenfalls zur Flucht aufgefordert, um sich dann auf der Insel mit den Farben seiner Wahl mit Dingen zu beschäftigen, die mit seinem Leben praktisch nichts zu tun haben, wie zum Beispiel die Besichtigung von antiken Ruinen, das Studium klassischer Architektur, die Erkundung der mediterranen Pflanzen- und Tierwelt, Wassersport, und eine Reihe anderer Dinge deren Ausübung vorhergehende Flucht erfordert.

    Es ist überflüssig zu erwähnen, dass diese Tätigkeiten nur einen geringen Teil der Bevölkerung interessieren und daher aus symbolischen Gründen in Reiseprospekten abgedruckt werden. Der größere Teil der Alltagsflüchtlinge geht vermutlich eher anderen Dingen nach, wie zum Beispiel „abschalten und ausspannen“. Diese Tätigkeiten wurden im Text ja speziell erwähnt. Was nun genau darunter zu verstehen ist, bleibt unklar. Insbesondere das Wort „abschalten“ ist suspekt, da man einen Menschen im Gegensatz zu einer Maschine nicht einfach abschalten kann. Jedenfalls sind die wenigsten Menschen mit einer Vorrichtung dazu ausgestattet. Oder sollte man dies vielleicht im Zusammenhang mit dem zitierten „Menschsein“ sehen? Möglicherweise ist es so gemeint, das man sich vor dem Antritt des Urlaubs in einer Art Roboterzustand befindet. Dieser Zustand wird dann zum Urlaubsantritt abgeschaltet und stattdessen wird der „Betriebsmodus Mensch“ aktiviert. In diesem Zusammenhang macht das Zitat tatsächlich Sinn.

    Zweifellos sind wir nun an einem Punkt angelangt wo die Interpretation des Werbetextes orwellsche Visionen hochbeschwört. Eine versklavte Bevölkerung von Robotermenschen die Fronarbeiten in dumpfen Hallen verrichtet. Diese Wesen verbringen ihr vegetatives Dasein in schlecht beleuchteten Betonhöhlen und werden dabei scheinbar von einer unsichtbaren Macht kontrolliert. Für wenige Tage des Jahres erlaubt man ihnen jedoch Mensch zu sein. Dies geschieht innerhalb einer vordefinierten Zeitspanne, für die sich die Roboterwesen zunächst freikaufen müssen. Traditionell ist ein solches Arrangement mit der Buchung einer Reise verbunden, da man sich zum Zweck des Abschaltens und Menschseins vorzugsweise in fremde Umgebungen begibt. Dies ist deshalb notwendig da das Abschalten, Ausspannen, und Menschsein in den Lebensräumen der Robotermenschen öffentlichen Anstoß erregt und dort nicht gerne gesehen wird.

    Es klingt übertrieben? Vielleicht. Aber wenn dem Leser nichts Merkwürdiges an dem eingangs zitierten Werbetext aufgefallen ist, dann gibt es dafür nur zwei Erklärungen. Entweder hat er den Text nicht aufmerksam genug gelesen, und der werbetechnische Fauxpas ist ihm entgangen, oder er hat den Text aufmerksam gelesen und es ist ihm trotzdem nichts Außergewöhnliches aufgefallen. Im letzteren Fall sollte dies Grund zum Nachdenken sein. Es stellt sich die Frage, ob der Leser das „richtige Menschsein“ tatsächlich auf einige Tagen oder Wochen des Jahres beschränkt, wie der Text vorschlägt. In der Tat, eine seltsame Frage. Denn was heißt es überhaupt, „richtig Mensch zu sein“, und wie unterscheidet es sich vom „falschen Menschsein“? Es mag absurd erscheinen, aber wie allgemein bekannt ist, gibt es keine Frage die so absurd ist, dass sie ein Philosoph nicht schon einmal gestellt hat.

    X-Pat

  2.  
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  3. #2
    Avatar von Dieter1

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    Re: Menschsein im Urlaub

    Hi expat,

    heut ists Dir aber ganz schön langweilig, oder? :-)

    Gruss Dieter

  4. #3
    Avatar von Micha

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    Re: Menschsein im Urlaub

    Kann den Werbespruch gut nachvollziehen, zumindest für mich.

    Weiß nicht, ob es außer mir noch andere Leute gibt, die erst mal 9000 km weit fliegen müssen, um ausnahmsweise mal leben zu können wie ein Mann/Mensch.

    Andererseits, auch Gehaltssklaven im langweiligen Männerkloster sind Menschen, zumindest per theoretischer Definition.

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