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...das Ende einer Illusion

Erstellt von Kali, 10.01.2003, 12:14 Uhr · 54 Antworten · 3.281 Aufrufe

  1. #1
    Kali
    Avatar von Kali

    ...das Ende einer Illusion

    Thailand ist ein wunderschönes Land, zweifelsohne. Während ich vor zwei Jahren im Grunde nur bestrebt war, die Familie meiner zukünftigen Frau kennen zu lernen, habe ich im Dez. ´02 etwas vom Land und den übrigen Bewohnern sehen dürfen. Auch wenn noch vieles fehlt: so steht die ein oder andere Insel noch aus, der Süden mit seiner wohl schönen Landschaft und ebensolchen Menschen, ein Besuch bei dem ein oder anderen Bergvolk – obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich an einer zirkusmässigen Vorführung von Menschen, denen der thailändische Staat wohl immer noch die Integration verweigert, interessiert bin. Ich war auch nicht am Goldenen Dreieck, und selbst nach Bangkok habe ich bisher lediglich einen flüchtigen Blick geworfen.
    Doch habe ich einen Blick in den wohl bekanntesten Sündenpfuhl getätigt, habe mich flüchtig auf die Spuren des berühmt-berüchtigten ´Death Railway´ incl. der Brücke am Kwai begeben, habe einen Blick nach Chiang Mai mit seinen sprachlichen Besonderheiten (thai: ao khin arai kha Isaan: ao khin yang kha Chiang Mai: ao khin anyang yau) geworfen, die Ausgrabungen und Artefakte in Ban Chiang bewundert und letzendlich bin ich die 600 Stufen zum Buddha in der ´tham erewan´ hochgekraxelt.
    Als Vertreter einer ´überlegenen´ Kultur habe ich vom Schulleiter in Ban Tab Gung ein paar Kunstblumen in Empfang genommen, und einige in Tab Gung werden mich vermissen – besser gesagt, das Essen und den Lao Kao. Suay meinte, sie vermissen uns tatsächlich, zumindest die ersten zwei, drei Wochen, weil etwas im Nachbarschaftsbild fehlt. Doch dann wenden sie sich wieder ihrem Tagesgeschäft zu und wir sind raus aus dem Gedächtnis. Vielleicht als Anekdote bei irgendeinem Besäufnis erscheinen wir dann.

    Nun bin ich nicht so vermessen, das Land selbst als Illusion zu bezeichnen. Es ist schon real, dokumentiert durch eine Vielzahl von Photos und in meinem Gedächtnis. Es ist halt ganz anders, dieses Land, und das wird nicht nur durch den Linksverkehr auf den Strassen belegt.
    Doch bin ich – wie jedermann weiss – mit einer Thai verheiratet, und diese Beziehung ist auf ihre Art etwas ganz Besonderes. Nämlich das Ergebnis einer rein vernunftsmässigen Überlegung. Und wenn ich geglaubt habe – so im stillen Hinterköpfchen -, es wäre so etwas wie Liebe und Leidenschaft im Spiel, so, wie ich´s mir auch aufgrund meines sozialen Hintergrundes immer vorgestellt hatte – also, mit dieser Trugvorstellung habe ich endgültig aufgeräumt. Mir ist letztendlich klar geworden, dass ich Suay und ihre Art zu leben, nie verstehen werde. Genau so wenig, wie ich erklären könnte, wie ein .... denkt und fühlt, genau so wenig könnte ich erklären, wie eine buddhistische Thai denkt und fühlt. Das einzige, das ich kann, ist, mein subjektives Erleben zu schildern, eben davon zu erzählen, wie ich als deutscher Christ denke und fühle.
    Meine Frau hat´s mir mal so gesagt: mai lu: yu: ti:nai , mai khai hai baht – ich weiss nicht, wo ich bleiben soll und es ist keiner da, der mir Geld gibt. Den ganzen familären Hintergrund in Thailnd zu schildern würde jetzt zu weit führen. Es ist allerdings Tatsache, dass für sie bei der Überlegung, sich einen Mann zu nehmen, folgende Gründe ausschlaggebend ware: sie hat ein Dach über dem Kopf und braucht sich um das tägliche Essen keine Sorgen mehr zu machen. Ihr Mutter verhungert nicht und einer ihrer Söhne bekommt eine gute Schulausbildung. Sicher gibt es ein paar andere Gründe, warum sie gerade mich ausgeguckt hat. Doch auch dafür hat sie eine Erklärung parat: yu: duay tham dai – es klappt einfach mit uns. (Wenn schon einen phua farang, dann eben Du). Sicherheitsdenken hat oberste Priorität, und wer jetzt meint, das ist bei uns auch nicht anders, so hat er nicht ganz Unrecht. Doch spielt die Ebene, auf der diese Existanzangst abläuft, eben eine ganz andere Rolle.
    Noch eine weitere Ilusion, die es wert ist, ins Nirwana einzugehen: Aus Suays Dorf sind eine ganze Reihe Mädels und Frauen im Laufe der Jahre nach Pattaya oder sonstwo gegangen. Kaum eine davon unterstützt ihre Familie, sie haben monetäres Blut gerochen und sind nur noch damit beschäftigt ihre eigenen Ansprüche zu erfüllen. Sie lassen sich zum Teil in dem Dorf gar nicht mehr sehen, es ist nicht mehr ihre Welt.

    Und die Vermittlung eines Ehemannes aus dem Westen hat auch in Tab Gung kommerzielle Formen angenommen, an denen meine eigene Schwiegermutter nicht ganz unbeteiligt ist. Über die Schiene Schwägerin hier in Deutschland, einer, der die Einladungen schickt und meine Schwiegermutter, die die Connection herstellt, läuft das Vermittlungsgeschäft. Schwiegermutter erhält für jede Verbindung 1000 THB. Der Einladende hier 2000 – 2500 € - was meine Schwägerin erhält – sie macht nichts umsonst – erfahre ich eines schönen Tages auch noch. Und es werden immer mehr, die in Tab Gung auf dem Sprung stehen. Und die Auswahlkriterien hier werden immer enger gesetzt: die eine ist nicht hübsch genug, die andere zu alt.

    Was für mich an Menschenhandel grenzt, findet dort anscheinend jeder in Ordnung. Die, die den Absprung in den Westen geschafft haben, werden nicht nur beneidet, nein, für sie hat das nächste – gute – Leben bereits im Diesseits begonnen. Was allerdings manchmal tatsächlich daraus geworden ist geht zuhause niemanden etwas an.

    Diese Erkenntnis, dass meine eigene Beziehung letztendlich ein Produkt rationaler Überlegungen ist, schaffte mich erst schon. Heute sehe ich es allerdings auch als etwas Befreiendes an: ich verschwende keine Energie mehr, dies alles begreifen zu wollen.

    Meine Frau singt oft, wenn sie irgendeine Tätigkeit verrichtet. Es ist sicher nicht das Glück, so, wie wir es verstehen, aber sie strahlt eine Menge Zufriedenheit aus. Sie hat´s geschafft, sie hat sich in diesem Leben noch ein Stück Kuchen abschneiden können.

    Und ich ? Ich bin´s zufrieden. Sie bereichert mein Leben auf eine Art, wie ich sie noch nie kennengelernt hatte.

    herzlichst, Kali

  2.  
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  3. #2
    Crassus
    Avatar von Crassus

    Re: ...das Ende einer Illusion

    Tja Kali ...

    So sieht es halt aus. Ich habe zwar in meiner Thai-Familie keine gleichartigen Erfahrungen gemacht - meine Frau und Ihre seit 15 Jahren lebende Schwester wollen niemanden hier herholen, da sie sich vor der Verantwortung die man dem Eingeladenen gegenüber hat scheuen. Es muss ja auch erst mal ein "vernünftiger" Ehemann gefunden werden. Einmal hat meine Schwägerin die ganze Geschichte für eine alte Schulfreundin durchgezogen. Hat mit Ach und Krach geklappt. War jedoch mit viel Arbeit und Streß verbunden ... kommt für uns nicht mehr in Frage.

    Für die Einsichten die Du jetzt gewonnen hast, habe ich länger gebraucht :bravo: .

    Ansonsten liebe ich dieses Land, auch wenn ich mir (jednfalls im Moment) nicht vorstellen könnte dort länger als 3 Monate am Stück zu verbringen. Bin übrigens schon auf den Bericht aus dem "Sündenpfuhl" gespannt ... den ich eigentlich nicht als solchen empfunden habe.

    Dort kann man super Party machen - solange man nicht zu lange darüber nachdenkt ....

    Gruß CrassuS

  4. #3
    sam
    Avatar von sam

    Registriert seit
    24.09.2002
    Beiträge
    127

    Re: ...das Ende einer Illusion

    hi kali,
    respekt respekt respekt!!
    ich habe selten einen so ehrlichen und trotz gefühlsmässiger bindung, doch einen so sachlichen bericht gelesen.
    bei vielen westleren stösst dieses denken bzgl partnersuch auf unverständis und auch du hattest ja zumindest anfangs so deine schwierigkeiten damit. schön daß ihr euch gefunden habt und anscheinend seit ihr beide glücklich damit. ich selbst hatte/ habe auch beziehungen (naja zwei) mit th mädels und ich bin ganz ehrlich noch nicht soweit, dies alles einfach zu aktzeptieren. ich hoffe/wünsche mir immer noch gefühle in einer beziehung die über einfache sympatie hinausgehen. mit einer rein "geschäftlichen" beziehung würde ich denke ich nicht klar kommen. wobei ich ganz ehrlich, auch nicht weis ob mein mädel, mich wirklich "liebt" oder ob sie nur auf eine gesicherte zukunft aus ist. dies ist schon schwierig bei einer frau aus dem selben kulturkreis herauszufinden und bei th ladys ist es fast unmöglich beziehungsweise nur über lange zeit.

    noch einmal lob für dein ehrliches posting. und euch beiden viel glück!
    :bravo: :bravo:
    sam

  5. #4
    Avatar von Didel

    Registriert seit
    10.08.2002
    Beiträge
    910

    Re: ...das Ende einer Illusion

    Super geschrieben,
    immer wieder schön so was zu lesen.
    Weiter so

    Gruss Didel

  6. #5
    Avatar von Dr. Locker

    Registriert seit
    11.08.2002
    Beiträge
    1.700

    Re: ...das Ende einer Illusion

    Welcome back Kali...

    Deine Art zu schreiben hat hier die letzten Wochen echt gefehlt... :bravo:

    Einige Deiner Eindruecke kann ich aus eigener Erfahrung nachvollziehen, Andere (noch???) nicht...

  7. #6
    Avatar von phimax

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    03.12.2002
    Beiträge
    14.274

    Re: ...das Ende einer Illusion

    Sawasdii Kali,

    Kompliment für deine Einstellung/Gedanken. Vieles von dem was du schreibst deckt sich dem, was ich in vielen Gesprächen mit khon Thai erfahren habe. Und diese Ehrlichkeit von einigen Thai bestärkt mich immer wieder in meiner Meinung, daß man sehr wohl gut mit Thai leben kann.

    Auch hier in D wurde -vor noch nicht all zu langer Zeit- nicht aus Liebe geheiratet. Der Versorgungsgedanke/das Gesicht stand auch hier im Vordergund.

    Wie an anderer Stelle schon mal geschrieben:
    Die Liebe kommt erst später. Vielleicht...

  8. #7
    Avatar von DisainaM

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    26.803

    Re: ...das Ende einer Illusion

    Nochwas Kali,

    mit den Jahren veränderst Du Dich selber immer mehr,
    bewußt oder unbewußt,
    und auch Deine eigene Kultur wird Dir immer fremder.

    Aber das ist auch gut so.

  9. #8
    Airport
    Avatar von Airport

    Re: ...das Ende einer Illusion

    @Kali,
    ersteinmal "Danke" fuer deine Art der Sichtweise! Obwohl ich diesen Artikel lieber woanders gesehen haette... (Du weisst, wo ich meine!)
    Nun rein Altersmaessig hast Du natuerlich eine andere Sichtweise als ich.
    Aber rein Ehejahre mit einer Thai, habe ich wohl die Oberhand (23 Jahre)
    Und ich muss dir da einwenig widersprechen: Du glaubst nicht, dass Du von Deiner Suay so geliebt wirst, wie Du es von unserem Standpunkt aus gewoehnt bist..
    Das ist richtig! Und ich habe fast 8 Jahre dafuer gebraucht, dies richtig einzuschaetzen.
    Aber eine Liebe, wie wir Mitteleuropaeer sie kennen, ist fuer eine Thail. Beziehung unmoeglich. Das haengt damit zusammen, dass der Thai an sich von seiner Erziehung her und von seinem Wesen her, einfach nicht in der Lage ist, seine Gefuehle offen zu zeigen.
    Das ist jetzt natuerlich nur sehr knapp erklaert, aber ich will nicht weiter ausholen.
    Tenny hat mir mal gesagt : Ich liebe dich, aber ich tue dies auf der mir ganz eigenen Art.
    Ich hatte mich in der Anfangszeit auch missverstanden gefuehlt. Ich machte ihr Geschenke, und war sehr ueber die ruhige und fast interressenlose Art von ihr erschrocken, wie sie diese Geschenke annahm. Ich hatte fast immer das Gefuehl, was falsch gemacht zu haben.
    Erst spaeter gestand sie mir, dass sie sich sehr gefreut hatte, aber erst als sie allein und unbeobachtet war.
    So ist es auch mit ihrer Art der Liebe.
    Faktum:
    Du brauchst fuer dich selbst keinerlei Abstriche zu machen, was deine Beziehung zu Suay betrifft. Sie stammt halt auch noch aus der Generation, die Schwierigkeiten haben, ihre Gefuehle offen zu zeigen oder auszuleben.
    Ausser bei Wutanfaellen! Da sind sie wohl alle gleich....

  10. #9
    mecki
    Avatar von mecki

    Re: ...das Ende einer Illusion

    hi kali,

    meine VOLLSTE zustimmung zu deinem bericht!

    das passt wie arsch auf eimer!

    tut mir leid fuer dich, du hast auf jeden fall die stirn es offen herauszusagen!

    bester bericht seit ich dieses forum hier lese!

    mecki, nichts mehr hinzu zu fuegen

  11. #10
    gruffert
    Avatar von gruffert

    Re: ...das Ende einer Illusion

    Hallo Kali

    Eine gute Beschreibung einer Ehe, die auf was beständigeres als nur Liebe oder 5exuelle Anziehung gegründet ist (was für viele Leute das gleiche ist). Ich glaube das jede Thai die sich an einen Farang bindet, das mit der Hoffnung tut ein besseres Leben zu haben. Viele sind aber auch von den Thai-Männern so enttäuscht, dass sie es mit einem Farang versuchen, in der Hoffnung bei ihm weniger machohafte Allüren ertragen zu müssen.

    Liebe und auch 5exuelle Anziehung stumpft über kurz oder lang ab, und wenn dann nichts anderes da ist, vor allem gegenseitiges Vertrauen und das Gefühl zusammen zu gehören, dann ist das Dilemma vorprogrammiert.

    Die kulturellen Unterschiede zwischen Farangs und Thais sind so groß, dass Liebe nicht ausreicht um diesen Abgrund auf Dauer zu überbrücken. Dazu gehört u.a. auch Verständnis dafür, dass der Partner ganz andere Denkschemata und Wertvorstellungen hat. Das erfordert aber nach meiner Meinung eine gewisse Reife und ehrliches Bemühen, das man bei vielen Typen, die man an den Bars in Pattaya und Phuket trifft vermisst.

    Günther

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