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Die Brücke zum THAI

Erstellt von Jinjok, 16.04.2002, 12:22 Uhr · 0 Antworten · 1.151 Aufrufe

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    Die Brücke zum THAI

    Aus der Süddeutschen Zeitung vom 16.04.2002


    Die Brücke zum Thai

    An der Grenze zwischen Thailand und Myanmar begegnen
    sich jeden Tag für zwölf Stunden auch zwei Völker zum
    Warenkauf


    Dichter Morgennebel liegt über dem Land. Frühmorgens regt sich
    nichts auf der unscheinbaren Brücke am Mae Sai. Hier soll ein
    Grenzübergang sein? Einer, der den Grenzgänger mit ein paar
    Schritten am Rad der Zeit drehen lässt. Einer, der Myanmar und
    Thailand trennt. Hinter dessen Schlagbaum ein Land liegt, das heute so
    ist wie der südliche Nachbar noch vor 20Jahren.

    Gegen halb sechs Uhr, wenn der Nebel langsam aufklart, verlässt Urai
    seinen Tempel. Es ist die Zeit, die Thais besonders lieben. Es wird
    geputzt, gekocht, gelacht. Der Mönch geht vom Wat, seiner
    Klosteranlage, würdevoll durch die Straßen in Richtung Brücke, auf
    der die Grenze seines Landes zu Myanmar verläuft, wie Burma seit
    1989 offiziell heißt. Einfache Sandalen, den Körper in
    grell-orangefarbenes Tuch gehüllt, die runde Opferschale in beiden
    Händen, den Blick ausdruckslos in die Ferne gerichtet: Urais
    morgendlicher Opfergang ist sechs bis sieben Kilometer lang.

    Wenn er vorbei geht, beeilen sich die Frauen, etwas von dem nur für
    Mönche frisch Gekochten fein säuberlich in Plastikbeutelchen zu
    verpacken und es vorsichtig in die Schale zu legen. Ihre Häupter
    senken sich, die Hände werden gefaltet, denn der Gebende sagt danke,
    weil er schenken durfte. Und damit eine gute Tat vollbracht hat, die
    ihm in diesem und seinen weiteren Leben Verdienste einbringt. Die
    Autofahrer hupen dreimal und tun das Gleiche wie die Frauen: Sie
    neigen den Kopf und formen die Hände zum Wai - auch während der
    Fahrt: Das Lenkrad wird losgelassen, zumindest einen kurzen
    Augenblick. Alle zollen einem Mönch auf Opfergang mit dem Wai
    Respekt: gefaltete Hände, die Fingerspitzen nach oben gerichtet,
    mindestens auf Nasen-, oft bis auf Stirnhöhe. Die meisten Frauen legen
    dem Mönch Reis und Gemüse in die bauchige Opferschale. Manchmal
    ist es auch ein Stück Seife, sind es Kerzen oder sogar Zigaretten. Die
    Zeiten ändern sich - auch in Mae Sai, dem nördlichsten Dorf
    Thailands, 1010Kilometer von der Hauptstadt Bangkok entfernt. Urai
    schaut die Frauen nicht an. Er akzeptiert die Gabe, deckt seine Schale
    zu und geht wortlos weiter. Er würde auch von einem Farang, also
    einer Langnase, etwas annehmen. Allerdings sollte der Fremde dabei
    mit beiden Händen seine Opfergaben in die Schale legen. Denn
    einhändig schenken bedeutet halbherzig schenken. So viel Thai-Knigge
    muss sein.

    Eine schwarze Limousine rollt an. Stoppt. Die hintere Tür öffnet sich.
    Ein Mann steigt aus, gut gekleidet. Alle beobachten die Szene. Nur Urai
    schaut nicht hin. Er würde nicht einmal bei Khun Sha aufblicken.
    Khun Sha ist der uneingeschränkte Drogenkönig Thailands. Über zwei
    Drittel der weltweiten Opiumproduktion soll von ihm kontrolliert
    werden. Aber auch für ihn oder den nur regional bedeutsamen
    Drogenbaron aus der Limousine öffnet Urai die Schale. Es ist nichts
    Verwerfliches dabei. Auch der Drogenboss bedankt sich beim Mönch -
    nicht umgekehrt.

    Buddha großzügig deuten

    Frühmorgens ist in Mae Sai das Leben noch wie früher, vor 20 oder
    30Jahren: Buddhas Ratschläge müssen zu jeder Zeit unbedingt
    geachtet, dürfen aber immer praktikabel interpretiert werden.
    Inzwischen wird mehr interpretiert als geachtet. Auch in Mae Sai,
    diesem kleinen Provinzdorf, ahmen die Menschen nach, was in der
    Weltstadt Bangkok irgendwie amerikanisch oder europäisch erscheint.
    Bangkoks Lebensstil kommt immer schneller auch in den entlegensten
    Winkel des Königreichs.

    Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf die Brücke. Braun uniformierte
    Grenzbeamte sind auf der thailändischen Seite zu sehen. Sie plaudern,
    rauchen eine Zigarette. Die Ruhe vor dem Sturm: Um sechs Uhr öffnen
    sie den Grenzübergang. Dann setzt Karawanen ähnlich der Ansturm
    aus Tachilek ein, dem burmesischen Grenzdorf auf der anderen Seite.
    Mit leeren Körben laufen die Frauen in ihren Trachten über die Brücke.
    Junge Männer im Wickelrock fahren mit leeren Anhängern an ihrem
    Fahrrad oder klapprigen Moped über die Grenze. Und sogar manches
    Auto überquert von Myanmar kommend leer den Grenzbalken, der sich
    jeden Tag von sechs bis sechs hebt. Zurück sind die Körbe voll mit
    Früchten und anderen Lebensmitteln, die Anhänger vollgepackt mit
    Computerschrott, das Auto beladen mit Kühlschrank und
    Alibert-Teilen. Was die Thais nicht mehr brauchen oder im Überfluss
    besitzen, können die Burmesen haben - gegen wertvolle Baht, versteht
    sich. Mae Sai ist eine Handelsenklave mit Sonderstatus: Burmesen
    dürfen tageweise im Thailand arbeiten, um sich die eine oder andere,
    in Myanmar nicht käufliche Ware leisten zu können.

    Ebenfalls um sechs Uhr öffnet der Copy-Shop neben dem
    thailändischen Grenzhäuschen. Für fünf Baht kann sich der Tourist
    dort seinen Reisepass kopieren lassen. Dann muss er das Original an
    der Thai-Grenze deponieren und mit der Kopie zu den burmesischen
    Grenzern gehen, die dann für fünf US-Dollar zwar kein Visum
    vergeben, aber eine Nummer, die man sich merken sollte, um am
    selben Tag, rechtzeitig vor 18Uhr, Myanmar wieder verlassen zu
    können.

    Mae Sai ist der richtige Ort, um zu beobachten, wie die Zeit vergeht und
    vergangen ist. Bis Mittags, wenn der Spaß der frühen Morgenstunden
    dem alltäglichen Stress gewichen ist, die Sonne die morgendliche Kühle
    vertrieben hat, Britney Spears aus jedem zweiten CD-Player jault und
    Urai längst in sein Wat zurück gekehrt ist, um zu meditieren, scheinen
    in Mae Sai 20Jahre vergangen zu sein. 20Jahre, die mit ein paar
    Schritten über die Brücke nach Myanmar wieder zurückgedreht
    werden können.

    Gegen Mittag wird es ruhiger auf der Brücke. Die Hitze wirkt lähmend.
    Der Magen knurrt. Und Sanuangghit brutzelt gebratenen Reis wie am
    Fließband. Ihre Garküche liegt in einer Seitengasse vor der Brücke.
    Lächelnd fragt sie: ,,Gehen Sie nachher auch rüber? Sie werden
    staunen. Die leben dort noch so wie wir früher." Die sind die Burmesen.
    Und sie, sicher noch keine 20Jahre alt, trägt Jeans, hauteng, ein
    nabelfreies Top und kurze Haare. Sie fühlt sich dem langnasigen,
    weißhäutigen Farang näher als den Nachbarn aus Myanmar. Denn
    Thailand ist ein Schwellenland geworden. Ausdruck dessen ist die neue
    Mittelschicht, die es in Entwicklungsländern nicht gibt. Vor 20Jahren
    war das noch anders. Da gab es keine Händchen haltende Pärchen auf
    den Straßen, und selbst in Bangkok trugen die Frauen keine kurzen
    Haare. Sie hatten ihre Haare lang und offen oder zum Pferdeschwanz
    gebunden. Sanuangghit kennt diese Mode hauptsächlich aus Tachilek,
    wo die ihrer Meinung nach rückständigen Burmesinnen noch so
    herumlaufen.

    Wenn die Thais in ihrer Geschichte einen Feind hatten, dann waren es
    die Burmesen. Sie haben einst geraubt und geplündert, die alte
    Königsstadt Ayutthaya zerstört, das ehrwürdige Siam, das Land der
    Freien, der nie Besetzten, gedemütigt. Heute sind die Burmesen die
    Bittsteller. Und natürlich gilt in Tachilek der Baht als gängige, stabile
    Währung. Während mit Kyat nur die Ärmsten bezahlen.

    Nachmittags, wenn die Brücke im diesigen Licht vor sich hin brütet,
    gehen vornehmlich junge Thais auf einen Snack nach drüben, stellen
    ihre Armani- Brillen, Ralph-Laurent-Polos und Calvin-Klein-Jeans
    zur Schau. Machen sich lustig über Wickelröcke, wie sie noch ihre
    Eltern getragen haben. Sie wundern sich über die farbenfrohe
    traditionelle Kleidung der Burmesen. Die Thai- Bergvölker tragen ihre
    angestammte Tracht ja nur noch an Festtagen - wie im Westen auch.
    Selbst thailändische Reiseleiter müssen fragen, ob sie es denn nun mit
    Akha oder Yao, mit Lisu oder Lahu zu tun haben. Jeans und T-Shirt
    sind nun mal günstiger als die mit viel Liebe zum Detail in meist
    einjähriger Handarbeit hergestellten Traditionsgewänder. Auch über
    Tanaka, die kühlende Sonnenschutzcreme aus Naturholz und
    -duftstoffen, die mit den Fingern ins Gesicht geschmiert wird und so
    wie eine Kriegsbemalung aussieht, kichern die Teenager. So etwas
    hatten sie früher auch. Heute wird Jil Sander aufgetragen.

    Die burmesische Militärregierung aus der fernen Hauptstadt Yangon
    scheint die Abläufe zu kennen. Deshalb hat sie aus Tachilek eine Art
    Musterdorf gemacht. Immerhin kommen täglich bis zu hundert
    westliche Ausländer und unzählige Thais ins Land der Junta. Nah
    beieinander liegen Kirche und Moschee, buddhistischer und
    chinesischer Tempel, letzterer sogar mit integrierter Schule. Und auf
    einer Anhöhe protzt, überall hin strahlend, eine Replik der
    weltbekannten goldenen Shwedagon-Pagode, allerdings in
    zweieinhalbfacher Verkleinerung. Tachilek wirkt wie eine
    Demonstration von Religionsfreiheit. Mit der Meinungsfreiheit ist es
    dagegen nicht so weit her. Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu
    Kyi steht in Yangon immer noch unter Hausarrest. Und der Lehrer von
    Tachilek mag weder fotografiert noch mit Namen genannt werden.
    Obgleich er sich nur verhalten äußert: ,,Wir sind arm, aber zufrieden."

    Mit E-Mail, Elektroherd und Sieben-Meilen-Stiefeln ist Thailand den
    Burmesen enteilt. Die Brücke am Mae Sai ist nur 300Meter lang,
    inklusive 40 Schritt Niemandsland, und keine zwölf Meter breit. Eine
    schlichte Betonkonstruktion mit einem halbrunden Bogen über der
    Mitte: ,,Union of Myanmar" steht darauf. Ein Bogen, der zwei Welten
    trennt.

    Im Moment wird die Brücke restauriert - natürlich mit Thai-Geldern,
    aber von burmesischen Arbeitern. Tageslohn fünf Euro, die Werkzeuge
    sind ein Eimer und eine Kelle, der Lastenaufzug besteht aus vier Mann
    und zwei geflochtenen Körben, das Gerüst ist aus Bambus
    zusammengeschnürt. Ein archaisches Bild, besonders für die Jungen,
    die Bangkok kennen, wo in den letzten 20Jahren eine Skyline
    amerikanischer Ausmaße entstanden ist. Für die jungen
    Thai-Besucher ist die Tachilek-Visite ein günstiger Zeitvertreib, ein
    kleiner Triumph vielleicht und in jedem Fall ein Riesenspaß.

    Nur wenn auf der Brücke geschossen wird, hat der Spaß für die einen
    und der Handel für die anderen ein Ende. Die Brücke wird geschlossen.
    So wie an einem Tag im Juni 2001. ,,Früher", sagt ein
    Thai-Grenzbeamter, ,,war sie öfter zu als offen". Über den Grund
    schweigen beide, die Thais und die Burmesen. Dann kann es nur um
    Geld gehen. Um viel Geld. Um Opium. Immer noch und schon wieder.

    Die Geldwaschmaschine

    Der Name Goldenes Dreieck, wo Thailand, Myanmar und Laos
    aneinander grenzen, rührt vom Drogenhandel her. Früher wurde das
    Rauschgift in Gold bezahlt. Eine Einheit wog 15,2Gramm, das Gewicht
    der heutigen Baht- Münze. Der Lehrer aus Tachilek sagt: ,,Das
    Goldene Dreieck ist ein Geflecht aus vier Komponenten. Mit Opium
    wird Geld erwirtschaftet, schmutziges Geld. Es fließt ins Casino, wird
    dort gewaschen und kommt als sauberes Geld wieder heraus: ein
    goldenes Viereck." Er erschrickt. Sein Blick verrät: Das hätte er dem
    Fremden nicht sagen dürfen. Denn Myanmar steckt tief drin im
    internationalen Rauschgiftgeschäft. Und die Geldwaschmaschine steht
    wie ein Symbol auf burmesischem Boden direkt am Goldenen Dreieck,
    wo die drei Länder nur vom breiten Mekong getrennt werden.
    Thailändische Investoren haben sie erbaut und ,,Paradise" getauft. Ein
    Hotel-Casino, das kaum ein Tourist aufsucht, das ohne
    Passformalitäten aus Thailand und Laos besucht werden kann und nur
    einem einzigen Zweck dient: dem der Geldwäsche.

    Das geschieht nachts, wenn die Dunkelheit alle Konturen verwischt,
    Gesichter nicht erkennbar sind und die Brücke am Mae Sai Ruhe hat.
    Bis zum nächsten Morgen. Bis sich der Nebel langsam aufklart. Bis
    Urai auf seinen Opfergang geht. Bis der Copy-Shop aufmacht. Bis halb
    Tachilek über die Brücke geht. Bis eben wieder ein ganz normaler Tag
    an der Brücke am Mae Sai beginnt.

    Jochen Müssig

    INFORMATIONEN:

    Reisearrangement: Thailand im Wandel zwischen Tradition und
    Moderne erlebt man in komprimierter Form am besten auf
    Rundtouren. Der Thailand- Spezialist Meier's Weltreisen bietet die
    Brücke am Mae Sai und weitere Stationen im Norden um Chiang Mai
    und Chiang Rai auf der kombinierten Flug- und Busrundreise
    ,,Faszination Goldenes Dreieck" an. Eine Woche inklusive Flüge, Hotels
    der gehobenen Mittelklasse, Halbpension, deutschsprachiger
    Reiseleitung und Eintrittsgeldern kostet pro Person ab 1039 Euro.
    Meier's Weltreisen fliegt mit LTU (in der Wintersaison), Lufthansa und
    Thai Airways.

    Allgemeine Auskünfte: Thailändisches Fremdenverkehrsamt,
    Bethmann straße58, 60311Frankfurt, Telefon 069/1381390, Fax: 069/13
    813950, E-Mail tatfra@t-online.de, Internet www.thailandtourismus.de
    und www.tourismthailand.org

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