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Manolo, der Zaunkönig oder die Zeit vor den Ultras

Erstellt von sunnyboy, 07.12.2013, 14:39 Uhr · 10 Antworten · 957 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von sunnyboy

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    Manolo, der Zaunkönig oder die Zeit vor den Ultras

    Gladbachs berühmtester FanManolo, der Zaunkönig

    06.12.2013 17:11 Uhrvon Stefan Hermanns

    Ins Stadion kam er ohne Eintrittskarte. Ethem Özenrenler war „Manolo“, der Mann mit der Trommel. Mit dem Tod des Mönchengladbach-Fans verschwindet auch ein Stück Fankultur. Ein Nachruf

    In den Tagen vor seinem Tod war er nicht mehr ansprechbar. Laufen konnte er schon lange nicht mehr, sprechen nur noch im Flüsterton. Alles andere machte sein geschwächter Körper nicht mehr mit. Ethem Özenrenler ist als einsamer Mann gestorben, bettlägerig, diabetes- und demenzkrank, in einem Pflegeheim in Mönchengladbach. Vielleicht war Ethem Özenrenler immer schon ein einsamer Mann; aber Ethem Özenrenler hatte noch eine andere Identität, eine Wochenend-Identität. Immer wieder samstags wurde aus Ethem Özenrenler, dem Gastarbeiter aus der Türkei, Manolo, der Trommler vom Bökelberg. Den Aufstieg der Gladbacher beim 3:0-Heimsieg gegen Wehen-Wiesbaden am Mittwoch erlebte er nicht mehr mit.


    In der vergangenen Woche ist Ethem Özenrenler im Alter von 69 Jahren gestorben. Manolo ist schon lange tot.
    Ende der Siebzigerjahre wurde aus Ethem Özenrenler Manolo. Er ging damals ins Stadion, doch irgendwas fehlte ihm. Die Männer standen auf den Rängen, tranken ihr Bier, schimpften auf den Gegner, und manchmal schrien sie: „Vau Eff Ell!“. Aus seiner Heimat war er ganz anderen Rabatz gewohnt. Also brachte Özenrenler beim nächsten Mal eine Trommel mit, setzte sich oben auf den Zaun von Block 16 in der Nordkurve und war fortan Manolo. 25 Jahre saß er bei den Spielen von Borussia Mönchengladbach dort oben und trommelte. Manolo hat einmal gesagt, er könne mit seiner Trommelei den Rhythmus des Spiels verändern, die Spieler mit seinen Schlägen dazu auffordern, den Ball zu halten, oder sie zu überfallartigen Angriffen antreiben. Vermutlich hat er seinen Einfluss ein bisschen überschätzt. Manolos Repertoire war begrenzt: Bum-Bum-Bumbumbum. Oder: Búmbumbumbum Búmbumbumbum. Einmal wurde er während eines Spiels vom Fernsehen interviewt.

    Die Gladbacher hatten gerade ein Tor geschossen, die Nordkurve jubelte noch, und der Reporter fragte, ob Manolo denn wisse, wer den Ausgleich erzielt habe. „Ich nix wissen“, antwortete Manolo. „Ich mach Bum Bum. Borussia macht Tor.“

    Da war aus Manolo längst ein Medienphänomen geworden. Jahrelang trommelte er auf dem Bökelberg, ohne dass eine größere Öffentlichkeit davon Notiz genommen hätte. Zum Star wurde er erst, nachdem ihn das Fernsehen entdeckt hatte, irgendwann Mitte oder Ende der Achtziger muss das gewesen sein. Und plötzlich wagte Manolo Dinge, die er sich zuvor nicht getraut hatte. Manchmal, wenn es gut lief für Borussia, kletterte er Mitte der zweiten Halbzeit von seinem Sitz und startete zu einem Stadionrundgang. Er blieb vor der Haupttribüne stehen, trommelte – und die trägen Sitzplatzfans klatschten mit. Wenn es sehr gut lief, ging er weiter, setzte sich genau hinter dem Gästetrainer auf den Zaun und trommelte ihn in den Wahnsinn. Heute käme Manolo keine zehn Meter weit, dann würde er vom ersten Ordner zu Boden gerissen werden.

    Am vergangenen Wochenende haben die Gladbacher in Offenbach gespielt, kurz vor dem Anpfiff meldete sich der Stadionsprecher zu Wort und bat die Zuschauer auf dem Bieberer Berg um eine Schweigeminute für Manolo. Die Borussen hatten damit nichts zu tun, es war allein die Idee der Offenbacher gewesen. „Manolo besaß bundesweit eine größere Ausstrahlung als bei Borussia selbst“, sagt Thomas „Tower“ Weinmann, der Gladbacher Fanbeauftragte. „Er hatte etwas Ikonenhaftes.“

    Mit Manolo ist auch ein Stück Fankultur gestorben, die es in der modernen durchorganisierten Stadionwelt nie mehr geben wird. Der Trommler vom Bökelberg war ein Einzelgänger, er hatte nichts mit den organisierten Fans zu tun, weder mit den Kutten, den Ultras oder gar dem Fanprojekt; er saß einfach auf seinem Sitz, hoch oben am Zaun, und trommelte sein eigenes Lied. Manchmal einfach mitten in die Gesänge der Kurve hinein.

    In der Gladbacher Fanszene wurde Manolo durchaus kritisch gesehen. Dass er 1999, nach dem ersten Abstieg des Vereins, plötzlich zu Hause blieb, ist bei den echten Fans gar nicht gut angekommen. „Er wird ein bisschen glorifiziert“, sagt Thomas Weinmann, „ein bisschen zu viel.“

    Manolo genoss seine Privilegien. Eine Eintrittskarte für den Bökelberg hat er nie besessen. Wenn er mit seiner Trommel auftauchte, kam er immer ins Stadion. Er war halt Manolo. Und hatte er mal wieder eines der – nicht ganz billigen – Trommelfelle kaputt getrommelt, halfen die Spieler oder der Verein. Auch die Reisen zu Auswärtsspielen hat Manolo nie selbst bezahlt. In fremden Stadien setzte er sich dann oben auf den Zaun, so wie er es von zu Hause gewohnt war. „Und wehe, den hat ein Ordner angepackt“, sagt Thomas Weinmann, „das gab im Block mittelschwere Ausschreitungen.“

    Nur mit seiner Trommel hat sich Manolo, der von Sonntag bis Freitag Ethem Özenrenler hieß und in einer Spinnerei arbeitete, aus der Masse hervorgehoben. „Er war ein Vorzeigefan in Anführungszeichen“, sagt Weinmann. Manolo thronte über allen, und in gewisser Weise hat er damit ein Phänomen vorweggenommen, das heute in den Stadien gang und gäbe ist. Früher hat Manolo den Rhythmus vorgegeben, heute bestimmt der Vorsänger der Ultras, was die Kurve zu singen hat. Und trotzdem gibt es Unterschiede. „Die Vorsänger kannst du austauschen“, sagt Thomas Weinmann. „Manolo kannst du nicht kopieren.“

    Als Manolo wegen seiner schweren Diabetes-Erkrankung irgendwann nicht mehr zum Bökelberg kam, haben die Fans abgestimmt, ob es einen neuen Trommler geben solle. „Wir haben damals verhindert, dass sich ein anderer da hinsetzt“, sagt Weinmann.

    Im neuen Stadion der Gladbacher ist Manolo nie gewesen. Die Trommel konnte er nicht mehr halten, den Stock nicht mehr schlagen, und auf den Zaun, den es gar nicht mehr gibt, wäre er erst recht nicht gekommen. Ethem Özenrenler war ein paar Mal im Borussia-Park, im Rollstuhl mit seiner Pflegerin. In der vergangenen Woche ist sein Leichnam in die Türkei überführt worden, die Kosten hat der Verein übernommen. Manolos Trommel ist in Deutschland geblieben. Sie soll einen Platz im Borussen-Museum bekommen.

  2.  
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  3. #2
    Avatar von Uns Uwe

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    Ich kenne Manolo noch aus den Zusammenfassungen aus der Sportschau und dem Sportstudio. Immer wenn die Gladbacher Kurve gezeigt wurde, dann konnte man den Trommler sehen. Der Name Manolo ist allerdings von Real Madrid "geliehen". Dort gab es nämlich vorher schon einen Trommler, der so hieß. Mit den Fans ist es so wie mit den Spielern, die Originale sterben aus.

  4. #3
    Avatar von monkfish

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    Ich war manchmal mit der schwarz/gelben Borussia am Bökelberg und da war er jedesmal kaum zu überhören.
    Ein Original, wie es nur noch ganz wenige gibt. Er ruhe in Frieden.

  5. #4
    Avatar von Cantor

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    Bökelberg, das muss aber schon lange her sein.

  6. #5
    Avatar von monkfish

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    Zitat Zitat von Cantor Beitrag anzeigen
    Bökelberg, das muss aber schon lange her sein.
    Tja, rechnen wir mal nach: Im Mai 2004 fand das letzte Bundesligaspiel auf dem Bökelberg statt.
    Ich hatte über zwei Jahrzehnte eine Dauerkarte beim BVB, bin heute 51 Jahre alt.
    Da ist/war genug Raum und Zeit für so einige Jugendsünden.

  7. #6
    ffm
    Avatar von ffm

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    Ein paar Jährchen ist das aber auch schon wieder her, dass er gestorben ist.

  8. #7
    Avatar von monkfish

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    Zitat Zitat von ffm Beitrag anzeigen
    Ein paar Jährchen ist das aber auch schon wieder her, dass er gestorben ist.
    Ja, gestorben am 30.4.2008....da war der Bökelberg schon vier Jahre dicht.

  9. #8
    Avatar von sunnyboy

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    Leider gibt solche individuellen/originellen Fans heute kaum noch. Die Fankultur ist zur Massenkultur geworden. Individualisten fallen kaum noch auf (z.B. den Attacke Bläser in Schalke).

    Heute während des Schalke Spiels war ich wieder sehr verwundet. Die Fangruppen marschierten bunt gemischt ins Stadion und alle waren gut drauf . Dachte mir das gibt es doch nicht . Soviel Eintracht zwischen Schalke und Gladbach Fans habe ich noch nie gesehen.


    Aber dann das:

    +++ BREAKING NEWS +++
    Gladbach Ultras attackieren Schalke-Fans!

    http://ttps://www.facebook.com/photo...... omments=78


    998647_647810881950206_132099159_n.jpg


    angeblich soll es zuvor Provokationen von Schalke Fans gegeben haben.


    Richtig schade, normal können sich unsere Ultras benehmen. Bin wirklich enttäuscht. Wir sind normal als gastfreundlich bekannt.

    Gruß Sunnyboy

  10. #9
    Avatar von Uns Uwe

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    Bei uns in Hamburg laufen 17 jährige Ultras rum, erzähle das sie doch die einzigen richtigen HSVer sind und wollen Leuten die seit 40 Jahren zum HSV gehen etwas von Tradition erhalten erzählen.

  11. #10
    Avatar von sunnyboy

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    Zitat Zitat von Uns Uwe Beitrag anzeigen
    Bei uns in Hamburg laufen 17 jährige Ultras rum, erzähle das sie doch die einzigen richtigen HSVer sind und wollen Leuten die seit 40 Jahren zum HSV gehen etwas von Tradition erhalten erzählen.
    bei uns sind wir uns nach meiner Wahrnehmung eigentlich immer quer durch die Kurven einig. Aber irgendwas scheint sich zu ändern. Bengalos in Stuttgart und heute diese Aktion. Das ist neu. Keine Ahnung wo die Irren entsprungen sind. Hoffe nur das unsere Ultras das wieder intern regeln können, so das der Schwachsinn ganz schnell aufhört.
    Dachte jetzt wird die ganze Kraft in die Choreos für die Auswärtsspiele gesteckt, da habe ich mich wohl getäuscht.

    Das Gros der Glabacher Fans ist über die Aktion stinksauer.

    Gruß Sunnyboy

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