Ergebnis 1 bis 1 von 1

Wut:. Eine phänomenologische Skizze

Erstellt von Mr_Luk, 12.05.2005, 09:45 Uhr · 0 Antworten · 421 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Mr_Luk

    Registriert seit
    17.02.2005
    Beiträge
    3.114

    Wut:. Eine phänomenologische Skizze

    Von C. George Boeree, Ph.D.
    Übersetzung von Diana Wieser


    Die folgende phänomenologische Skizze basiert auf der Arbeit aus verschiedenen Seminaren zu qualitativen Methoden, dort wurden selbstentworfene Protokolle verwendet und nach der “Workshop”-Methode analysiert.
    .
    Wegbereiter der Wut
    Bevor wir wütend werden, sind wir gewöhnlich irgendwie “schlechter Laune”. Oft hatten wir einen schlechten Tag, sind überarbeitet oder übermüdet. Vielleicht fühlen wir uns auch körperlich nicht wohl. Ziemlich verbreitet ist auch, dass wir vorher getrunken haben—es scheint klar, dass der Alkohol uns irgendwie für Wut und andere Emotionen empfänglicher macht, möglicherweise indem er unsere normale Selbstkontrolle lockert.

    Ein anderer Wegbereiter der Wut sind unsere Persönlichkeiten oder Temperamente..Manche Menschen sind prädestiniert, allen Schwierigkeiten mit Wut zu begegnen..Ich meine, dass Menschen, die relativ selbstzentriert sind (im Gegensatz zu "fremdzentriert"), bei Schwierigkeiten leichter in eine emotionale Reaktion verfallen als andere.

    Die Umgebung oder das Setting könnte auch eine Rolle spielen. Bestimmte Settings tragen eher zu Wut bei als andere: Wenn es nämlich laut ist, verwirrend oder generell aufregend;.wenn man selbst Zeuge von Wut oder Aggression wird; wenn man sich an einem Ort befindet, der sogar mit Wut oder Aggression assoziiert wird; wenn Wut auf irgendeine Weise gefördert wird....

    Zwar sind Stimmung, Persönlichkeit und Setting wichtige Variabeln, sind sie für die Wut dennoch nicht essentiell..Eine Stimmung, die allerdings auf inneren Schwierigkeiten oder anderen Schwierigkeiten basiert, kann zu Wut werden, wenn sie von einem kleinen aber unmittelbaren Problem ausgelöst wird..Geschieht dies, stellen wir oft fest: „das ist nicht wirklich das, was uns wütend macht“, das heißt, das kleine Problem ist nicht das tatsächliche Problem.

    Ursachen
    Worte, welche die “Auslöser” von Wut beschreiben, umfassen zum Beispiel: es sei einem Unrecht getan worden, fehlende Gerechtigkeit, Betrug, Misshandlung, Missgunst, Eindringen in die eigene Privatsphäre, Verletzung gesellschaftlicher Normen, Verletzung der Reputation, Hilflosigkeit, Frustration, blockierte Ziele, Kontrollverlust und so weiter.

    Die Essenz all dieser Auslöser ist, dass die eigenen Erwartungen verletzt wurden, die Ordnung der eigenen Realität, insbesondere im Bezug auf die persönliche Ordnung, das heißt, auf die eigene Identität..Anders ausgedrückt, reagieren wir auf eine Situation mit der Einstellung, dass das jetzt nicht passieren sollte, besonders mir selbst nicht. Die Dinge sollten auf ganz bestimmte Weise ablaufen: Ich habe Rechte, ich habe meinen Stolz, meinen Ruf; was ich mache, geht nur mich etwas an, ich sollte zuende bringen können, was ich mir vorgenommen habe, es sollte so laufen, wie ich es mir vorgestellt habe; so laufen die Dinge in dieser Gesellschaft, und bestimmte Abwandlungen bringen Chaos mit sich und müssen vermieden werden; die Welt ist rechtmäßig, eingeschlossen einer Art von Gerechtigkeit, die über jeder nur gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeit steht, und etwas oder jemand verstößt gegen diese Rechtmäßigkeit.
    Es ist jedoch klar, dass nicht jeder auf eine solche Situation mit Wut reagiert..Wir könnten auch Angst empfinden und fortlaufen, oder wir könnten Traurigkeit empfinden, dann versuchen wir vielleicht, uns dem Verstoß gegen die Gesetzmäßigkeit anzupassen.

    Es gibt gute Gründe zu behaupten, dass Wut nicht das erste Gefühl ist, das wir empfinden, wenn wir ganz genau hinsehen, denn einige andere Gefühle gehen der Wut voraus. Zuerst kommt das bedrückende Bewusstsein, dass die Dinge aus den Fugen geraten sind. Angst wäre ein gutes Wort dafür. Es ist auch möglich, dass Traurigkeit der Wut vorausgeht. Damit ist ein Faktor, der die Wut von anderen Reaktionen auf Schwierigkeiten unterscheidet, ihre Position, denn sie kommt an zweiter Stelle.

    Konkreter bedeutet Wut eine aktive Antwort auf die Schwierigkeiten. Wut betrachtet das Problem als „dort draußen“ statt „hier drinnen“, sie sieht das Problem als etwas, mit dem man sich konfrontieren muss, statt davor wegzulaufen.

    Obgleich unsere Wut zumeist von Menschen ausgelöst wird, können wir auf alles mögliche wütend sein..Wir werden auf Dinge wütend, wenn wir etwa eine Reifenpanne haben. Etwas hält uns davon ab, das zu tun, was wir wollen, etwas nimmt uns die Kontrolle über das eigene Leben, und deshalb werden wir wütend.

    Wir können auch auf uns selbst wütend sein, wenn wir zum Beispiel etwas Dummes tun. Dies kann nur geschehen, wenn man sich aufteilen kann in Opfer und Ursache, das heißt, wenn man einen Teil von sich selbst „externalisiert“, so dass man diesem Teil die Schuld geben kann, ohne dass man einsehen müsste, dass man sich an die Gegebenheiten anpassen sollte..Immer handelt es sich um einen „dämlichen Fehler“. Wenn man jemanden schubst, der wütend auf sich selbst ist, dann wird dessen Wut schnell auf dich übergehen, dann ist diese Person bald wütend auf dich. Wenn man den Fehler aber vollends akzeptiert, wandelt sich die Emotion in Traurigkeit.

    Wir kennen auch die Stellvertreterwut, das geschieht, wenn wir über etwas wütend werden, das anderen geschehen ist, selbst dann, wenn das Ereignis nichts mit uns zu tun hat. Auch hier mag es sich um das Empfinden handeln, dass etwas unserem Gerechtigkeitssinn zuwider läuft; oder es kommt dadurch zustande, dass wir uns in die Lage eines anderen Menschen versetzen können (Sympathie, Empathie, Mitgefühl...).

    Ein Kursteilnehmer drückte dies sehr schön aus:.Er sagte, dass die Wut aus deiner Seele kommt, also aus deiner Identität, dem, was du bist. Trotz all der physischen und verhaltensbezogenen Effekte, die so leicht mit Wut in Zusammenhang gebracht werden, kommt sie im Grunde einfach „aus der Seele“.

    Hier geht´s weiter: ->

  2.  
    Anzeige

Ähnliche Themen

  1. Antworten: 15
    Letzter Beitrag: 08.03.12, 13:41
  2. Antworten: 6
    Letzter Beitrag: 01.09.10, 06:58
  3. Was hat eine Thaifrau, was eine europäische Frau nicht hat ?
    Von Globetrotter2006 im Forum Treffpunkt
    Antworten: 61
    Letzter Beitrag: 06.03.06, 20:12
  4. Eine gute und eine schlechte Nachricht
    Von Joerg_N im Forum Sonstiges
    Antworten: 9
    Letzter Beitrag: 10.10.05, 19:12