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Schnitzkunst

Erstellt von Ralf_aus_Do, 18.07.2005, 06:32 Uhr · 6 Antworten · 460 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Ralf_aus_Do

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    Schnitzkunst

    Heute morgen las ich in der Zeitung, wie jeden morgen, ich las einen Artikel der 'mir aus der Seele sprach', ein Plädoyer gegen die allgegenwertigen Schönheitsoperationen.
    Das hat keinen Zweck
    Warum der Schönheitswahn im Fernsehen häßlich macht
    Gute Fernsehunterhaltung vergißt man nicht, denn sie vermittelt kulturelle Werte: Erinnern wir uns zum Beispiel an eine Episode aus der "Sesamstraße", die ihr Publikum in den siebziger Jahren genauso fand, wie sie es noch heute tut: Die Puppengeschichte handelt von einem kleinen Jungen, der seine Mutter sucht, "die schönste Mama auf der ganzen Welt". Aus dem ganzen Land karrt man also üppige Puppenblondinen heran, doch der Junge schickt sie alle weg, weil seine "Mama noch viel schöner ist". Als er nach langer Suche einer unscheinbaren, in schäbige Kleider gehüllten Frau mit den Worten "Meine Mama!" um den Hals fällt, ist das Staunen groß. Und auch die jungen Zuschauer haben ihre Lektion gelernt, daß die Schönheit im Auge des Betrachters liegt.

    Man dachte, diese zum Klischee geronnene Erkenntnis sei eine werthaltige Grundlage einer aufgeklärten Gesellschaft. Doch in der sozialen Praxis scheint sie vergessen worden zu sein: In der Reality-Show "The Swan" (Pro Sieben) wurde Kindern beim Wiedersehen mit ihrer frisch gelifteten Mutter eingeredet, daß diese nun endlich schön sei. Hier wird Wissen nicht qua Unterhaltung tradiert, sondern kultisch: Die Teilnahme an der Zeremonie vermittelt den Kindern, wahre Schönheit sei nur mittels eines Rituals namens Schönheitsoperation zu erlangen.

    Die erste Staffel von "The Swan" ist gelaufen, RTL hat eine Brustvergrößerung in aller Drastik live übertragen und mit "Beauty Queen" eine Miniserie im Botox & Silikon-Milieu nachgesendet. Von den Flammen der Empörung hängt kaum mehr Rauch in der Luft. Doch haben diese Shows eine verstörende Frage aufgeworfen: Was ist das für ein Schönheitsideal, nach dem viele Menschen so sehr streben, daß sie sich Schmerz und Lebensgefahr aussetzen und dafür viel Geld bezahlen? Denn diese "Schönheit hat ihren Preis", wie es im Untertitel der amerikanischen Arztserie "Nip/Tuck" heißt, die Pro Sieben gerade zeigt.

    Auch als Apologet des Populären befürchtet man, daß die Medien an der weitverbreiteten Vorstellung von einem schönen Körper eine Mitschuld tragen. Im Fernsehen ist es mittlerweile salonfähig, sich zu seinen kosmetischen Operationen zu bekennen. So saß eine auf den ersten Blick nicht wiederzuerkennende Linda de Mol bei Reinhold Beckmann und sprach stolz darüber, wie selbstverständlich solch eine chirurgische Verwandlung für sie sei. Dieser vermeintlichen Offenheit liegt etwas Antiaufklärerisches zugrunde, weil sie die Gebote medizinischer und ästhetischer Vernunft zugunsten eines irrationalen Ziels ignoriert.

    Wenn das Fernsehen in solchen Momenten nicht widerspricht, versagt es: Bei "Beckmann" wird alles gleichermaßen interessiert aufgenommen, Hauptsache, man redet drüber. Auch die Kessler-Zwillinge berichten hier über den kosmetischen Eingriff, dem sie sich, wie immer, gemeinsam unterzogen haben. "Ja, warum sollte man nicht drüber reden?", so der Tenor: "Das ist doch ganz normal!"

    Nein, normal sind faltige Stirnen, prächtige Hakennasen und gemütliche Embonpoints. Normal ist divenhafte Schönheit, die aus Fehlern entsteht. Man denke an Rossy de Palma, eine von Almodovars Lieblingsschauspielerinnen: Das ist eine Nase! Auch scheinbar makellose Schönheit wie jene der Heidi Klum ist normal, wenn auch sehr rar. Doch soll "normal" werden, daß ein Mensch den Druck verspürt, sein Äußeres mittels einer riskanten Operation verändern zu müssen? Früher legten sich nur Gangster, die weltweit gejagt wurden, unters Messer.

    Der Idee von Schönheit, die für jeden auf einzigartige Weise in der Kommunikation mit der Welt entsteht, haben Operateure nur das Konzept der Kopie entgegenzusetzen: Man möchte wie Brad Pitt aussehen, fest wie ein Zwanzigjähriger oder Brüste haben wie Angelina Jolie - und ihre vollen Lippen gleich dazu. Die Praxis des effizienten Operierens führt zu einer Einheitsphysiognomie: schmale Stupsnasen, schneeweiße Zähne, prall hochgeschobene Dekollete-Brüste, straff gen Hinterkopf gespannte Gesichtshäute. Die Risiken und die wissenschaftlich ergründeten Langzeitzusammenhänge von Ernährung, Bewegung, genetischen Anlagen und Körperform werden sorgsam ignoriert. Die - selbst stets ungelifteten - Ärzte nutzen das Fernsehen, um den Rat zu verbreiten, rechtzeitig mit den Operationen anzufangen, so ab Dreißig. Das ist Bevormundung schlechthin, die den Menschen zurechtstutzt, wo sie kann.

    Der Wunsch so vieler, sich stutzen zu lassen, scheint einem mangelhaften Fernsehverständnis zu entspringen. Denn das Fernsehen als unsere Bild-Vorstellungen prägende Instanz reproduziert überproportional viele Bilder von Jungen, Hübschen und Gelifteten, macht sie zu seinen Protagonisten und errichtet ein realitätsentrücktes Schönheitsideal. So wie den Jugendlichen, die sich in "I Want A Famous Face" (MTV) operieren lassen, um auszusehen wie ihr Idol, gelingt es offenbar nicht allen Zuschauern, die Fernsehbilder und ihre glamouröse Inszenierung ironisch für die eigenen Zwecke umzudeuten.

    Vor allem die alltagsrealistischen amerikanischen Fernsehserien erzeugen die Illusion einer konsistenten, perfekten Welt (inklusive perfekter Probleme). Ebensowenig wie als Lebensanleitung taugen diese Sendungen als Blaupausen für ein gutes Aussehen. Wer sich ästhetisch an "5ex and the city" oder "Ally McBeal" orientiert, der muß an der Realität scheitern, kann sie am Ende nur chirurgisch manipulieren. Ally McBeals spöttisches Dauerlächeln meint man in manch operiertem Gesicht wiederzusehen: Der Körper wird tele-normiert.

    Der ostentativ aufgeklärte Humanmediziner-Gestus in "The Swan", wo die plastische Chirurgie als ein Bestandteil in die ganzheitliche Lebensplanung eingebunden wird, zeigt den Grad der mentalitätsgeschichtlichen Verwirrung. Wenn die Verfügbarkeit aller lebenserleichternden Techniken ein System erzeugt, das dem Menschen schadet, dann ist ein Grad von Dialektik der Aufklärung erreicht, der Adornos finsterste Prognosen bestätigt: Wo gesellschaftlicher Zwang auch vor der Haut des Individuums nicht haltmacht, wird der Körper zum politisch Verfolgten.

    Das spüren vor allem die Frauen in den Bildmedien: Unser Ideal von weiblicher Schönheit hat sich derart auf eine fragile Erscheinung reduziert, daß die ersten Bilder von der leicht molligen Renee Zellwegger im zweiten "Bridget Jones"-Film eine regelrechte Schockwirkung hatten. Es muß hart sein, wenn man beruflich zu ewiger Jugendlichkeit verdammt ist: Gerade kursieren Lifting-Gerüchte über Nicole Kidman und Sharon Stone, die sich, wie auch Sabine Christiansen, anwaltlich dagegen wehrt. Als Boulevard-Fan kann man die Damen bemitleiden, nur selbst darf man sich nicht verrückt machen lassen.

    In unserer Kultur wird der Umgang mit Unterhaltung kaum gelehrt. Dabei tut eine ästhetische Medienaufklärung not: Wir müssen mit dem Irrglauben aufräumen, schöne Menschen sähen tatsächlich so perfekt aus wie in ihren Abbildungen. Im Fernsehen oder erst recht auf Fotos kann jeder phänomenal gut aussehen - Visagisten wirken Wunder. Fernsehgestalten sind Kunstwesen, die einem gestohlen bleiben können. Denn die Makelwesen sieht man nicht. Und nur als solche hoffen wir doch alle geliebt zu werden. Ohne Facelifting.

    Sich nicht vorschreiben zu lassen, wie man auszusehen hat, ist ein Recht des aufgeklärten Menschen: "You are beautiful, no matter what they say" singt Christina Aguilera. In seiner "Kritik der Urteilskraft" bestimmt Kant Schönheit als "Zweckmäßigkeit ohne Zweck": Man sieht einer Sache an, daß sie etwas idealtypisch verkörpert, nur was genau das ist, erschließt sich nicht. Eine geliftete Nase ist niemals schön, weil sie den Zweck hat, wie eine schöne Nase auszusehen.

    CHRISTIAN KORTMANN
    Quelle: F.A.Z., 18.07.2005, Nr. 164 / Seite 38

  2.  
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  3. #2
    Avatar von mipooh

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    Re: Schnitzkunst

    Ich finde das krank, deswegen müssen diese Menschen auch zum Arzt. Nur dass der ihnen nicht hilft, sondern sie so verändert, dass sie anschliessend denken, nun gesünder zu sein... wenn dann auch noch alle Welt den neuen Busen bewundert, dann ist es auch naheliegend sowas zu denken....

    Irgendwie fällt mir dazu ein, dass manchmal halbe Verwandtschaften in Jubelschreie ausbrechen, nur weil ein Kleinkind auf dem Töpfchen geka.kt hat...

    Für mich ist Make-up schon ein Greuel, oder all diese kleineren Mittel. Immer wieder empfinde ich wie aus einem schönen Menschen eine Maske wird. Habe noch keine Frau gesehen, die ich ungeschminkt nicht schöner gefunden hätte.

    Aber das soll ja wohl alles Geschmackssache sein...

    Gruss
    mipooh

  4. #3
    Avatar von woma

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    Re: Schnitzkunst

    die perfekt modellierte, solariumsgegrillte Dauergrins-Tussi als neues Schönheitsideal? NEIN DANKE

    woma

  5. #4
    Avatar von Pee Niko

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    Re: Schnitzkunst

    Zitat Zitat von mipooh",p="260368
    [...]Für mich ist Make-up schon ein Greuel, oder all diese kleineren Mittel. [...]
    Soso .

    Naja, jeder so wie er es mag, schließlich sind wir doch alle aufgeschlossene Menschen .


    Gruß von Niko

  6. #5
    Avatar von mipooh

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    Re: Schnitzkunst

    Jeder darf sich gern einen Knopf an die Backe nähen, ich hab da kein Problem mit. Nur eine Frau mit Make-up hat bei mir nicht die Bohne eine Chance...erübrigt sich aber sowieso..noch hab ich ja bereits eine...
    Nee, aber tatsächlich gefällt mir fast immer die natürliche Schönheit mehr.

    Gruss
    mipooh

  7. #6
    Avatar von Pee Niko

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    Re: Schnitzkunst

    Zitat Zitat von mipooh",p="260498
    [...] Nee, aber tatsächlich gefällt mir fast immer die natürliche Schönheit mehr.

    Gruss
    mipooh
    Schade, ist mein Post leider nicht ganz verstanden worden.
    Sollte eigentlich auf [highlight=yellow:c9c9d9b576]dich[/highlight:c9c9d9b576] und [highlight=yellow:c9c9d9b576]deine[/highlight:c9c9d9b576] Verwendung von Make-Up zielen .

    Nix für ungut, war nur als Joke gemeint .

    Gruß von Niko, der Frauen auch lieber ungeschminkt sieht.

  8. #7
    Avatar von mipooh

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    6.152

    Re: Schnitzkunst

    Ich trage nicht mal eine Armbanduhr, benutze kein Rasiewasser und kein Deo... wie sollte ich ahnen...
    Gruss
    mipooh