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Kampfrhetorik

Erstellt von Kali, 14.10.2005, 12:14 Uhr · 1 Antwort · 530 Aufrufe

  1. #1
    Kali
    Avatar von Kali

    Kampfrhetorik

    Dieser Artikel im WDR hat mich inspiriert, mir ein paar Gedanken zum Umgangston in den Foren zum machen, wobei meiner Meinung nach das Nittaya und auch andere immer noch die löbliche Ausnahme sind. Nun ist die Beschreibung als ´löbliche Ausnahme´ sicherlich eine eindimensionale Feststellung, basierend auf meiner persönlichen Beziehung zu diesen Foren sowie meiner Vorstellung von Harmonie,unter der vermutlich nicht nur Wikipedia allgemein Übereinstimmung, Einklang, Eintracht, Ebenmaß versteht.

    Allerdings ist Rhetorik (Redekunst) lediglich ein Aspekt der Kommunikation, unter dem man allgemein den wechselseitigen Austausch von Gedanken in Sprache, Gestik, Mimik, Schrift oder Bild versteht. So ist selbst bei einer Ansammlung von Kampfrhetorikern eine Gesprächsführung vonnöten, abgehärtet und eingestimmt auf den Umgang mit dieser Art von Spezies, damit es letztendlich nicht in ein Gemetzel ausarte. In den Foren nennt man solche Schiedsrichter auch schon mal Moderatoren, die eben moderat ins Geschehen eingreifen (sollen), wobei die Beurteilung dessen, was nun eigentlich moderat sei, wieder ´kampfrhetorisch´ angegangen werden kann. Solch ein Schiedsrichter hat nun individuell seine eigenen Methoden kommunikativ zu agieren, sich also in Sprache, Gestik, Mimik, Schrift oder Bild einzubringen, sei es nun direktiv oder non-direktiv, aufmerksam zuhörend (-lesend) oder unaufmerksam agierend, stets seine eigene Belastungsgrenze und das Wohl der Gesamtheit im Auge.
    Und die so moderat beeinflusste Truppe hat nun auch – teils massenpsychologischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen – ihre eigenen Vorstellungen, Empfindlichkeiten und Wahrnehmungen. Teils autonom sich einbringend, teils harmoniedürstend auch nach persönlicher Anerkennung heischend, welche, die nach Einführung demokratischer Herrschaftsverhältnisse hecheln, die, welche individualistisch gefühlsneutral lediglich ihre eigenen Ansichten veröffentlichen wollen, andere, die einfach nur Fragen stellen oder aber diskutieren wollen, um eigenes Wissen weiterzugeben und auch zu mehren. Und natürlich auch die, welche bereits ein oder mehrere Seminare in Kampfrhetorik absolviert haben und nun versuchen ihre frisch erworbenen Kenntnisse in den Foren auszuprobieren, zu testen oder so..., bis hin zu den Anarchos, die getreu des archaischen Prinzips des Überlebenskampfes die Kampfrhetorik perfektioniert haben.

    Das Leben wird härter – stimmt ! Man muss nur mal auf die Straße gucken, in die Gesichter der Menschen, insbesondere in die sogenannter Freunde, Kollegen, Mitarbeiter oder Vorgesetzte. Einmal Gelerntes muss ständig erneuert, ergänzt, modifiziert oder einfach vergessen werden. Manipuliert, ständig irgendwelchen Suggestionen unterworfen, taumeln wir durch unser organisiertes, noch nach allen Seiten versicherungs- und hängemattentechnisch abgesichertes Leben. (Überlebens-)Kampf ist angesagt, wenn auch auf einem konsumorientierten Niveau. Dazu gehört auch, dass ich meinem Nachbarn (der nicht unbedingt mein Nächster sein muss) was auf die Mappe haue, nämlich dann, wenn selbiger droht, mein (Konsum-)Niveau in Frage zu stellen.
    Auch Kommunikation unterliegt einem ständigen Wandel, die Frage nach der Tageszeit ruft unter Umständen schon mal die Reaktion: "Wat is´, Alder – kann´se dir keine Uhr kaufen !?" hervor. Simple Verbalkommunikationsbegleitrituale wie zustimmendes Nicken oder ablehnendes Kopfschütteln, mitfühlendes Stirnrunzeln oder geringschätzendes Hochziehen der Augenbrauen, stets allerdings den Kommunikationspartner aufmerksam im Blickfeld, gehören der Vergangenheit an. Interessanter und bedeutsamer ist es, das eigene Konterfei im Spiegel zu bewundern.
    Mit Ausnahme natürlich der Kampfrhetoriker, die ihren Gegner ständig im Auge behalten, nach einer Lücke in der Deckung suchend, um dann blitzschnell zuzuschlagen.

    Schon lange vorbei die Zeiten, in denen Abiturienten zur Abiturabschlussfeier sich einen 20-minütigen Dialog von Cäsar anhörten, Freundschaften, die schachspielend nächtelang ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen austauschten – oder auch schon mal einen gemeinsamen Bruch oder sonstiges planten ;-D -. Die besorgte Frage an einen Nachbarn, der krank zuhause darniederliegt, ob er denn etwas brauche, wird auch schon mal mit einem fast unwirschen: "Nee, hab´ alles." beantwortet, sich ängstigend, dass man sich ja mit der Annahme von Hilfe zu etwas verpflichten könne. Bis hin zu den Kindern, welche durch das Nicht-Tragen von Markenkleidung und handylos ins gesellschaftliche Abseits gedrückt fühlen.

    Nein, nein, Mädels und Jungs, nun keinen Moralischen, nur ein paar Gedanken zu dem eingangs erwähnten Artikel. Vielleicht nicht von ungefähr, dass der diesjährige Nobelpreis für Literatur an Harold Pinter geht, einen britischen Dramatiker, der die seltene Gabe hatte – und hat – hinter das Geschwätz der Leute zu blicken - so auch hinter mein eigenes ;-D Übrigens gibt´s im Englischen bereits das Synonym pinteresque als feststehenden Begriff, beschreibt den literarischen Wechsel zwischen Dramatik und Humor, den Pinter in seinen Werken wohl bravourös beherrscht(e).

    Wie dem auch sei, zur Kenntnis genommen sind auch von mir die Veränderungen im zwischenmenschlichen Umgang, wobei der Umgang miteinander in den Foren auch irgendwie Spiegelbild der gesamtgesellschaftlichen Veränderungen ist. Nur schade, dass manchmal die Ablehnung der Kampfrhetorik ferndiagnostisch als krankhaftes Harmoniebedürfnis gewertet wird. Und nach wie vor habe ich selbst meine Probleme mit dem Anonymisierungswahn in den Foren, deren unabdingbare Notwendigkeit mir auf der anderen Seite allerdings logisch erscheint.

    Für mich kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: 1972 hatte ich den Sprung aus dem konventionellen Kleinbürgertum in eine andere Lebensform mit seinen solidarischen Prinzipien gewagt – und überlebt. 2000 habe ich den Sprung in eine ganz andere Kultur mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten gewagt – und gewonnen. Innerhalb dieser fundamentalen Sprünge gab´s eine Reihe von kleineren – geglückten oder auch missglückten – Sprüngen.

    Ich bin in meinem Leben genug gesprungen, die Kampfrhetorik hebe ich mir fürs nächste Leben auf.

  2.  
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  3. #2
    Avatar von Samuianer

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    17.303

    Re: Kampfrhetorik

    Kali, vergiss nicht: "...erst der Schatten macht das Sonnenlicht ertraeglich und das Schlechte, das Gute, so gut!"

    ... die Schwierigkeit des Verstehens untereinander, das Versagen der Kommunikation und die Bedrohung, die urplötzlich und unvorhergesehen in die trügerische Sicherheit abgeschlossener Lebenswelten hineinbricht. (aus dem Link)

    Ist das immerwiederkehrende Motiv in den Schriften des von dir erwaehnten Schriftstellers Pinter.

    Mein persoenlicher Standpunkt dazu ist das ich nicht in "abgeschlossenen Lebenswelten und deren vermeintlichen Sicherheiten" leben moechte, NIE und NIMMER!

    "Schwierigkeiten" in der Kommunikation sind ja meist nicht verbaler Herkunft sondern kommunikativ. Auch da sehe ich keine wirklichen "Schwierigkeiten" - die sind wenn, dann, hausgemacht.

    Ich liebe die Herausforderungen im Leben - geht auch mal was daneben - daraus lernen - dazu sind wir ja hier, oder?

    Schwierigkeiten im Ozean des Lebens lernen zu umsegeln, im Sturm die segel streichen, in der Flaute zur Not auch mal ein wenig selbst rudern....

    ...in diesem Sinne Kali lass es dir gut gehen, geniesse die neugewonnene Zeit in vollen Zuegen!