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Dialektik und Rhetorik (nur ein Thread-ableger)

Erstellt von Mr_Luk, 04.04.2007, 17:37 Uhr · 3 Antworten · 733 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Mr_Luk

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    Dialektik und Rhetorik (nur ein Thread-ableger)

    Hier eigentlich nur ein Ableger um ein OT eines anderen Threads in die richtige (andere) Bahn zu lenken:

    Unter Dialektik versteht man im Grunde ein (meist argumentatives) Frage-Antwortespiel. Es kann zu zweit- zu mehreren oder auch ganz alleine gespielt werden. Alle Arten von solchen Argumentationszenarien fallen unter Dialektik. Freund Hegels, Philosophie ist z.B. auf einen (vereinfacht ausgedrückt) dialektischen Monolog aufgebaut. Er argumentiert sozusagen mit- und gegen sich selbst, bis er die bestmögliche Klarheit gewinnt, alle Missverständnisse ausgeräumt sind - bzw. bis er zu einem zufriedenstellenden Schluss kommt.

    Auch im Buddhismus findet man eine ähnliche dialektische Vorgehensweise unter den Lehrern und Schülern. So gut als Lehrmethode, wie auch als intellektuelle Übung oder Methode zur Wahrheitsfindung, die in Form von Dialektik geführt wird. In bestimmten Fällen auch in Form einer Meditationstechnik.

    Die Kritikpunkte der Dialektik als Philosophie oder Methode, sind wiederum, dass sie gelegentlich auf Kosten der Logik geht, bzw. sich (und Andere) mit Widersprüchen zufrieden stellt. Eine andere Kritik bezieht sich auf die Argumentation des Argumentierens willen, die dann im Grunde an einem beliebigen Punkt einer Endlos-schleife endet - und keineswegs zu einem befriedigenden Resultat führt. Oder aber zum verspäteten Ausspruch von Götz von Berlichingen's Allrounder, - um die Endlosschleife zu durchbrechen, und endlich einen Sieger zu ermitteln.

    Eine Form des Missbrauchs die mir spontan einfällt, wäre ein suggestiver dialektischer Mono/dialog, der eine Frage stellt und die richtige Antwort suggerier: "müssen wir in den Krieg ziehen, - ja wir müssen es weil wir die Ehre unseres Vaterlandes verteidigen müssen?!"

    Müssen wir das tatsächlich, und wieso?

    Die eigentliche (ursprüngliche) Bedeutung von Rhetorik geht davon aus dass der bestmögliche Weg gesucht wird, Redner (Rede) und Publikum auf einander abzustimmen. Im positiven Sinne, die beste Vermittlung von Inhalten und Informationen, im Respekt (wie z.B. durchschnittlicher Wissenstand) des Zuhörers, in welchem Rahmen man sich aufhält etc. Im negativen Sinne, gezielte Manipulation - die aber wiederum genau auf die Zuhörerschaft und den Kontext abgestimmt ist. Im heutigen Sprachgebrauch bedeutet Rhetorik aber meist (nur) Redekunst, Redegewandtheit, Argumentation(stechnik) und in der negativ belasteten Form auch (nur) Manipulation, Schönreden, unlautere Argumentation oder Ähnliches. Die Abstimmung auf die Zuhörerschaft ist nicht unbedingt und explizit im Begriff enthalten.

    Der Begriff Rhetorik wird aber auch irreführend und in verzerrter Form benutzt. Ein Ausspruch wie etwa "Das ist reine Rhetorik!" ergibt überhaupt keinen Sinn. Oder Jemanden einen "Rhetoriker" schimpfen, ist im Grunde nichts anderes als ihn mit einem Kompliment beleidigen zu wollen...Jemand der z.B. 'den Ball zu hoch hält', ist im Grunde ein schlechter Rhetoriker, da er den Zuhörer (bzw. die Zuhörerschaft) falsch eingeschätzt hat . So gesehen kann man die Qualität der Rhetorik sehr wohl definieren. Im Englischen gibt es übrigens eine Definition die in etwa lautet: "the best possible explanation, or way of communicating information in a given case" - die bestmögliche Erklärung, oder Vermittlung von Information in einem bestimmten Fall. Und in dieser Hinsicht ist eine qualitative Bewertung von Rhetorik (wenn auch nicht immer leicht) durchaus möglich.

    Wer wiederum den allgemeinen Missbrauch von Rhetorik- bzw. einer Argumentationsweise ausdrücken will, sollte sich anderer Begriffe bedienen, die diesen Missbrauch, bzw. die Trugschlüsse die dadurch entstehen besser, bzw. eindeutiger beschreiben.

  2.  
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  3. #2
    Avatar von Micha

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    Re: Dialektik und Rhetorik (nur ein Thread-ableger)

    Luc,

    die Beispielfragen, die Du im Zusammenhang mit Deinen Erläuterungen zur Dialektik aufgeführt hast, werden die nicht auch als rhetorische Fragen bezeichnet ?

  4. #3
    Avatar von Dieter1

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    Re: Dialektik und Rhetorik (nur ein Thread-ableger)

    Unter der Ausserung "Das ist reine Rethorik" verstehe ich zweifelsfrei das Anprangern des Umstandes, dass etwas Tatsachenunabhaengig schlecht oder schoen geredet wird.

  5. #4
    Avatar von Mr_Luk

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    Re: Dialektik und Rhetorik (nur ein Thread-ableger)

    Micha,

    Zitat Zitat von Micha",p="468068
    Luc,
    die Beispielfragen, die Du im Zusammenhang mit Deinen Erläuterungen zur Dialektik aufgeführt hast, werden die nicht auch als rhetorische Fragen bezeichnet ?
    Auch, ja - man könnte auch sagen dass Dialektik (oftmals) eine Form von Rhetorik ist, sofern es sich um einen Dialog handelt. Das heißt innerhalb eines sochen dialektischens Frage-antwortespiels, wird natürlich mit Rhetorik gearbeitet.

    Das von mir aufgeführte Beispiel gehört aber eher zur Dialektik, weil es ja keine (rhetorische) Frage ist, sondern ein rhetorisches Frage-antwortespiel.

    Hier ein gutes Beispiel für das was man unter einer rhetorischen "Fangfrage" versteht:

    Stell eine Frage, die dazu führt, dass andere meinen, eine vorangegangene Frage sei in bestimmter Weise beantwortet worden: "Ja oder nein: hast du jemals deine Bosheit aufgegeben?" Wenn du ja sagst, gibst du deine Bosheit zu; sagst du nein, gibst du zu, immer noch boshaft zu sein.

    Was ist aber, wenn du niemals boshaft warst?

    Das oben aufgeführte Beispiel ist ein Art "antipersonelle" FANGFRAGE, die Antwort wird suggeriert aber nicht ausgesprochen, - wie etwa im Beispiel vom dialektischen Frage-antwortespiel, wo sie für den Zuhörer beantwortet wird. Rhetorische Fragen können auch andere "suggestive" Fragen, komplexe - oder überladene Fragen sein, mit deren Hilfe zwar ein Schluss provoziert- aber in Frageform bzw. durch eine geschickt formulierte Fangfrage etwas vorgeteuscht wird, was im Grunde gar nicht der Fall ist.

    Eine andere rhetorische Fangfrage wäre z.B. wenn der Kommissar den Verdächtigen (nicht vorbestraften) fragt: "wann haben sie ihren ersten Einbruch begangen?"

    Eine (eher plumpe) dialektische (aber geschickt ausweichende) Antwort: "Interessiert mich dein "Bullengesülze"? - Nein, das tut es nicht!"

    Zitat Zitat von Dieter1",p="468076
    Unter der Ausserung "Das ist reine Rethorik" verstehe ich zweifelsfrei das Anprangern des Umstandes, dass etwas Tatsachenunabhaengig schlecht oder schoen geredet wird.
    Dieter,
    Das darfst du gerne so verstehen - und es gibt sicherlich auch Konsens über diese Bedeutung. Es ist dennoch eine Verzerrung - denn genau genommen ist eine solche Aussage selbst rhetorische Suggestion. Du deutest etwas an, gibst aber keinerlei Information über die Natur der benutzten Rhetorik. Es ist als sagtest du, wenn Jemand etwas mit Bedacht tut, es wäre "reiner Bedacht". Dennoch ist es nötig dass Jemand etwas bestimmtes mit Bedacht tut, - reiner Bedacht gibt es genauso wenig wie "reine Rhetorik".

    Die Äusserung "das ist reine Rhetorik" ist ja ein Ausspruch eines Skeptikers, oder? Er durchschaut ja irgendwie das Spiel, oder? Wieso gibt der Skeptiker sich aber mit einer solchen schlichten Feststellung und Aussage zufrieden, die alles- und nichtsbedeutend ist? Wieso will er nicht wissen, welche rhetorischen Mittel im einzelnen Fall und zu welchem Zweck benutzt werden? Wie lautet die Nachricht, die auf diese Weise vermittelt werden soll - und welcher Motivation entspringt die benutzte Rhetorik? Und schlussendlich, wie "rein" ist diese Rhetorik denn nun?

    Das war jetzt suggestive Rhetorik in Frageform.

    Wenn ich den obrigen Fragekatalog aber beantworte, wird es zu Dialektik: der Ausspruch "das ist reine Rhetorik" muss demnach von Jemandem stammen, der damit an die Grenzen seines Verständnisses von Rhetorik stösst. Jemand, der zwar die Präsenz von Rhetorik bemerkt, die manigfaltigen Formen von Rhetorik, sowie die exakten Trugschlüsse die dadurch suggeriert und provoziert werden, nicht in seinem ganzen Umfang versteht, kennt, bzw. verstehen- oder kennen will. Es lässt eventuell sogar darauf schliessen, dass kein Interesse an der Nachricht oder an der Motivation besteht, die stets hinter der Rhetorik stecken!

    So wird aus Rhetorik Dialektik.

    Beides kann unter Umständen so geschickt eingefädelt sein, dass weder "Redner" noch Publikum genau merkt was gespielt wird. Ja, manchmal (oder oft) ist der Redner sich der rhetorischen und dialektischen Stilmittel die er benutzt, nicht einmal selbst bewusst. Sie sind zum Teil während dialektischen "Zusammenstössen" , über die Zeit (intuitiv oder bewusst) imitiert, kopiert und übernommen - aber nicht genau hinterfragt -worden. Zumeist werden sie dazu benutzt um einen Mangel an logisch nachvollziehbaren und schlüssigen Argumenten zu kompensieren oder zu ergänzen.

    Inhalte, Nachrichten und Botschaften die (quasi) nur durch Rhetorik gestützt sind und weder einer nachvollziehbaren Logik unterliegen noch nachweisbaren Wahrheitsgehalt haben, funktioniert aber unter Umständen nur solange, bis sie genügend dialektisch hinterfragt- und dadurch integral deprogrammiert werden.

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