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Auto und Vater wieder vollgetankt

Erstellt von Ralf_aus_Do, 01.04.2005, 06:24 Uhr · 0 Antworten · 489 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Ralf_aus_Do

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    Auto und Vater wieder vollgetankt

    In einem anderen Thread wurde gestern unter anderem das Thema ´Gewalt in der Familie´ diskutiert, die Enge Themenverwandschaft mit der in dem Zeitungsartikel ´Auto und Vater wieder vollgetankt´ beschriebenen Alkoholismusproblematik ist offensichtlich.

    Der Artikel gefällt mir hauptsächlich, da er sich aufs Beschreiben beschränkt und nicht zu werten versucht - ist ein bischen lang, aber m.E. gut:

    Auto und Vater wieder vollgetankt
    Kinder in Suchtfamilien lernen schon früh,die schöne Fassade nicht in Frage zu stellen /Von Katrin Hummel

    HAMBURG, im März. Sebastian ist fünfzehn, als es passiert. Es ist Samstag nacht, er hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen, und sein Vater trommelt gegen die Tür und schreit: "Bring dich um, bring dich um, und wenn du es nicht alleine schaffst, helfe ich dir dabei!" Die Mutter will die Polizei rufen, doch der Vater zieht den Stecker der Telefonanlage. Die Mutter rennt im Nachthemd nach nebenan, zu den Großeltern, und ruft von dort aus die Polizei. Als die Beamten anrücken, sagen sie nur: "Nun vertragt euch mal wieder." Viel später sagt ein Therapeut zu Sebastian: "Du bist traumatisiert." Das kann der junge Mann lange nicht begreifen - traumatisiert, das sind für ihn die Überlebenden von Geiseldramen, aber doch nicht er.

    Sebastian ist inzwischen zwanzig Jahre alt, er wirkt wie der klassische Öko aus den Achtzigern mit seinen kinnlangen Haaren, der braunen Cordjacke und der eckigen schwarzen Brille. Er will "studieren, heiraten, Kinder kriegen, einen Baum pflanzen und einen Hund haben. Es soll, bitte, alles schön sein." Von sich selbst sagt er, er sei ein "Harmoniejunkie". Nie wieder will er erleben, was er in den ersten sechzehn Jahren seines Lebens erfuhr, nie wieder will er Streit, Gewalt, Angst und Haß ausgesetzt sein.

    Sebastians Vater war Alkoholiker, bevor er sich vor gut vier Jahren im Alter von 48 Jahren erhängte. Fast jedes sechste Kind unter achtzehn Jahren lebt mit Eltern zusammen, die alkohol-, tabletten- oder rauschgiftsüchtig sind. Auf 2,5 Millionen schätzt das Bundesgesundheitsministerium ihre Zahl. Um dem Leben zu Hause aus dem Weg zu gehen, dem ewig angstvollen Nicht-wissen-was-als-nächstes-passiert, flüchten sich viele in Phantasiewelten. Sebastian nennt es "wegmachen": "Als ich noch kleiner war, habe ich meterweise Fantasybücher verschlungen, um mich in eine fremde Welt entführen zu lassen. Später habe ich dann Alkohol und Haschisch entdeckt. Da hat man nicht gespürt, wie es zu Hause war. Als würde einer Watte über mich kippen, herrlich!" Heute trinkt er manchmal zuviel, und das macht ihm angst. Nicht nur sein Vater war Alkoholiker, sondern auch sein Onkel und sein Großvater, ein anderer Onkel war rauschgiftsüchtig, bevor er sich selbst tötete.

    Sebastian und seine Mutter bemühten sich, nach außen eine perfekte Fassade zur Schau zu stellen. Lange Zeit merkte wirklich niemand etwas. Der Vater, ein gelernter Elektroinstallateur, galt als "trinkfest". Es war normal, daß der Vater Sebastian mit dem Auto von Freunden abholte - selbst wenn er immer wieder Unfälle hatte und am Ende seinen Führerschein verlor, weil er betrunken jemanden angefahren und Fahrerflucht begangen hatte.

    Sebastian und seine Mutter vertuschten alles. Es war ein stilles Einvernehmen, eine verrückte Symbiose. "Alkoholismus ist eine Familienkrankheit", sagt Sebastian, "die Angehörigen sind auch krank." Seine Wahrnehmung der Dinge damals beschreibt er so: "Wenn einen das so umgibt, ist das normal. Meine Mutter und ich dachten zwar, gut ist das nicht, aber so schlimm ist es doch auch wieder nicht." Und dann gibt es da ja auch noch die schönen Erinnerungen - an gemeinsame Urlaube etwa oder daran, wie er mit dem Vater einen Berg bestieg. Viele schöne Erinnerungen sind es nicht. Gesund hat Sebastian seinen Vater nie erlebt. Schon als kleiner Junge zeigte er der Mutter auf deren Geheiß hin mit den Fingern an, wieviel Bier der Vater an der Tankstelle gekippt hatte, wenn er gemeinsam mit Sebastian "das Auto volltanken" fuhr. Seine Mutter, Lehrerin und Tochter aus gutem Hause, war wohl zunächst fasziniert von dem "Wilden, Schrägen, der Protesthaltung" des Vaters. Die Hochzeit war 1980, die Eltern waren Ende Zwanzig. Vier Jahre später kam Sebastian zur Welt. Als Erstkläßler, erinnert er sich, hat er nach einem Streit mit seinem Vater auf dem Balkon gestanden und ihn gefragt: "Warum bist du immer so wie ein Besoffener?" Er hatte Angst, ihn das zu fragen, "weil das die heile Familienwelt in Frage stellte". Der Vater stritt alles ab, webte den Jungen in ein Netz aus Lügen ein, redete und redete. Das machte er immer, wenn er getrunken hatte, "laberig" war er, sagt Sebastian und hat dieses Bild vor Augen: Er selbst liegt in seinem Hochbett, ganz nah an der Wand, und will schlafen, der Vater steht davor und hält Vorträge.

    Er lernte, daß das Wort seines Vaters nichts galt, daß auf ihn kein Verlaß war. Er lernte, sich zu entziehen. Wenn er nach Hause kam, sondierte er sofort die Lage: Wird es eine gemeinsame Mahlzeit geben? Ist der Vater aggressiv? "Ich durfte nichts Falsches sagen, mußte über seine Witze lachen, damit er mich nicht vollabert." Wenn er sich entschieden hatte, in sein Zimmer zu gehen, saß er meistens nur bei angelehnter Tür da und lauschte, was unten los war: Wer geht wohin im Haus, geht der Vater in den Keller, um zu "laden", oder kommt er hoch, um ihn "vollzulabern"? Streiten sich die Eltern? Wird der Vater seiner Mutter etwas antun? Einmal, er ist acht Jahre alt, wacht er nachts auf, weil seine Mutter in der Küche um Hilfe ruft. Er krabbelt aus dem Bett und holt sein Taschenmesser. Dann legt er sich mit dem Messer wieder hin. Das Messer bleibt fortan in seinem Bett. Für Schmerz oder Kummer ist kein Platz, "das habe ich weggemacht", sagt er. An ihrem Geburtstag, einige Zeit später, sitzt die Mutter morgens im Bad und weint. Der Vater sollte das für die Geburtstagsfeier vorbestellte Brot abholen, war aber dazu nicht in der Lage. Sebastian tröstet die Mutter und übernimmt fortan viele der Pflichten des Vaters: Er geht der Mutter zur Hand, wenn sie Gäste hat, er hilft bei der Wäsche und beim Putzen.

    Nachdem der Vater sich erhängt hatte, war es der sechzehnjährige Sebastian, der die Wohnung des inzwischen ausgezogenen Vaters ausräumte. Der orangefarbene Spanngurt hing noch von der Decke. "Ich habe das gemacht, was anstand. Wenn ich jetzt darüber rede, ist es unwirklich." Zugang zu seinen Gefühlen hatte er damals nicht. Er sagt, er habe früher überhaupt nichts gefühlt, was wiederum typisch ist für Kinder aus Suchtfamilien. Als seine Mutter ihm sagte, sein Vater habe sich erhängt, fuhr Sebastian zu seiner Freundin, um wie geplant für eine Physik-Klausur zu lernen. Nur der Gedanke an seine Mutter habe ihn davon abgehalten, sich von einer Autobahnbrücke zu stürzen. "Ich habe mir das immer wieder ausgemalt, meine ganze Jugend hindurch, so quartalsweise." Zwei Jahre Psychotherapie hat er hinter sich gebracht und vier Jahre in Selbsthilfegruppen - jetzt geht es ihm gut, sagt er. Er hat viel gelernt über sich selbst und die damalige Situation seiner Familie, und manchmal gelingt es ihm sogar, das alles aus der Vogelperspektive zu betrachten.
    Text: F.A.Z., 01.04.2005, Nr. 75 / Seite 9

  2.  
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