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Wo ist Buddha im Augenblick der Erleuchtung?

Erstellt von oeni, 12.02.2006, 20:50 Uhr · 0 Antworten · 555 Aufrufe

  1. #1
    oeni
    Avatar von oeni

    Wo ist Buddha im Augenblick der Erleuchtung?

    Liebe Nittayaner

    Ich hab eine neues Buch angefangen heute (6 Seiten sind immerhin schon fertig) und würde mich über eure Kommentare freuen. Es soll eine Art Tagebuch werden. Ich suche auch noch einen passenden Titel (bis jetzt "Wo ist Buddha im Augenblick der Erleuchtung?"). Vorschläge sind willkommen.

    Hier der Text:
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    "Wo ist Buddha im Augenblick der Erleuchtung?"


    „Berge, Flüsse, die ganze Welt mit Sonne, Mond und Sternen – sie alle existieren nicht ausserhalb unseres Geistes. Der ganze tausendfältige Kosmos existiert nur in uns. Wo sonst liessen sich die verschiedenen Kategorien von Erscheinungen finden? Die grünen Hügel, die überall unserem Blick begegnen, und dieser leere Himmel, den wir über der Erde glitzern sehen – keine Haaresbreite von diesem existiert ausserhalb der Vorstellungen, die wir für uns selber gebildet haben.“



    Selzach
    12, Februar 2006

    Inzwischen ist es Februar geworden. Draussen ist noch immer alles steif und starr, die Bäume ragen wie Skelette in den grauen, melancholischen Himmel. Sie haben vor Monaten schon den Grossteil ihrer Sinnestätigkeit eingestellt, haben ihre Sinnesorgane, die Blätter, fallen gelassen und sind in einen tiefen, wohl traumlosen Schlaf hinüber geglitten, Wahrscheinlich lässt sich als Baum gar nicht anders überleben bei diesem harschen Klima. Doch bald schon werden sie wieder erwachen, zu neuem Leben erblühen, Knospen aufgehen lassen, Blätter austreiben. Das muss für sie wohl so etwas ähnliches wie eine Wiedergeburt sein, ein Wiedererwachen aus einem langen, tiefen Schlaf.
    Seit langem schon ist mir klar geworden, nicht intellektuell, nein, sondern ganz tief in mir drin, in meinem Fühlen, in meinem ganzen Wesen, dass Bäume fühlende Wesen sind. Wesen die nach etwas streben, die einen Willen zeigen, die etwas erreichen wollen, die Ziele kennen. Sie streben nach Licht und besitzen Organe, die Blätter, mit denen sie Licht erkennen können und sie befähigt, danach zu streben, danach zu wachsen. Bäume wollen Licht, je mehr je besser. Ergo müssen sie Gefühle haben, können zumindest bezüglich des Lichts Entscheidungen treffen, und sie brauchen den Willen, ihre Entscheidungen durchzuführen. Genau gleich wie wir Menschen. Wir sind uns in Geist und Wesen nicht nur ähnlich, nein, wir sind absolut identisch. Es besteht kein Unterschied zwischen uns und Bäumen, ja überhaupt zwischen uns und allem was lebt. Wir sind Eins. Alles ist eins.

    Nun sind es schon fast zwei Monate, dass Ruedi gestorben ist. Mit einem Schlag wurde er aus unserer Mitte gerissen, 34 Jahre alt. Man könnte meinen, es laste ein Fluch über der Familie Christen und die Herzkrankheit wird von einer Generation an die nächste weitergegeben. Koronarsklerose und stille Infarkte scheinen unser Los zu sein. Seit Ruedis Tod und seit ich über das Resultat der Autopsie erfahren habe, ist mir nicht mehr wohl in meiner Haut. Mir ist nun klar bewusst geworden, dass ich ein Leben lebe, das ich eigentlich gar nicht leben will. Ich habe das Gefühl nur noch Zeit zu verlieren, Lebenszeit. Die Uhr tickt unaufhörlich und die Lebenszeit verrinnt erbarmungslos. Denn auch mein Herz ist nicht gesund. Der ständige Druck in der Brust und zuweilen Schmerzen im linken Oberarm sind wohl klare Signale. Zudem gab es in meinem Leben schon zwei oder drei Vorkommnisse, die bereits stille Infarkte gewesen sein könnten.
    Nun, ich weiss es nicht mit Sicherheit. Klar ist jedoch, dass in meinem Leben eine grössere Änderung ansteht. Ich wünsche mir ein Leben, das sich um die primären Angelegenheiten des Daseins dreht. Wir alle wollen glücklich sein. Jedoch erreichen wir mit grossem Aufwand nur ein kleines und schales Glück durch Geld, Anerkennung und Ruhm. Vollkommenes Glück können wir nur in der Selbstlosigkeit erfahren. Und zwar gratis und franko. Also steht ein radikaler Wandel in meinem Leben an – denn müsste ich es Heute beenden, so könnte ich nicht loslassen, würde mich wehren und sträuben.

    Was nun? Ich weiss seit langem, wohin ich will, was für ein Leben ich führen will. Als Mönch habe ich die einmalige Chance, mich um das Glück selber zu kümmern. Nicht indem ich nun Glück suche und mich anstrenge, es in mich zu nehmen und es zu behalten und zu horten. Nein, indem ich es komplett veräussere, es weder will noch ablehne oder suche, sondern es einfach passieren lasse. Der Schlüssel dazu liegt in der Selbstlosigkeit. Wo kein Selbst ist, kann niemand irgend ein Leid erfahren. Durch Meditation wird das Selbst, unser überaus starkes Ich, überwunden, als Illusion erkannt und abgelegt. So weit alles klar. Nun verfüge ich leider nicht über genügend Disziplin um seriös zu praktizieren, mir fehlt zur Stütze eine gleich gesinnte Gemeinschaft.

    Ich erinnere mich an die Zeit in Chiang Mai letzten Dezember. Endlich fasste ich den Mut, für ein paar Tage in das Waldkloster Wat Umong zu gehen, das weltliche Leben für wenige Tage hinter mir zu lassen. Die Idee war, das klösterliche Leben Mal von innen zu sehen, es an mir selber zu erfahren, zu verstehen, ob ich überhaupt in der Lage bin als Mönch zu leben. Die ersten beiden Tage waren ausgefüllt vom Bemühen zu meditieren und ich erreichte sogar erste Resultate, konnte die Konzentration auf den Atem schon für ein paar Minuten ununterbrochen aufrechterhalten. Ich freute mich darüber. Jedoch wurde mir am dritten Tag auch schon Mal langweilig, hatte ich doch weder Computer noch Magazine, keinen Fernseher, keine Musik, einfach überhaupt nichts um mich zu zerstreuen. Also widmete ich mich weiterhin meiner inneren Welt, ohne mich von äusseren Angelegenheiten ablenken zu lassen. Gute Resultate erzielte ich noch am gleichen Tag. An der Meditationshalle wurde ein Vordach angebaut und die Handwerker hämmerten, schweissten, schliffen und bohrten den ganzen Tag an der eisernen Dachkonstruktion. Es war ein Höllenlärm und es stank fürchterlich. Zuerst dachte ich, es sei unmöglich so zu meditieren. Ganz und gar ausgeschlossen! Wie soll man in so einem Höllenlärm himmlische Ruhe finden? Unmöglich! Also ging ich auf dem Klostergelände spazieren, fern des Lärms und praktizierte Gehmeditation. Mittags kehrte ich zur Meditationshalle zurück, ass ein wenig Reis und Früchte und setze mich zur mentalen Versenkung wieder in die Halle – in der Hoffnung, die Handwerker würden am Nachmittag nicht zurückkehren oder zumindest das Hämmern und Schleifen einstellen. Fehlschlag. Doch nun kam mir der Gedanke, dass es doch sehr wohl möglich sein sollte, sich trotz äusserer Widerstände auf die innere Ruhe konzentrieren zu können. Also konzentrierte ich mich inmitten dieses infernalischen Lärms auf den Atem, schweifte zwar immer wieder ab, konnte jedoch die Konzentration immer weiter festigen. Tatsächlich verschwand später die Störung in mir. Der Lärm war weiterhin vorhanden, jedoch fühlte ich dadurch keinerlei Ablenkung und konnte die Aufmerksamkeit auf den Atem über längere Zeit aufrechterhalten.
    Da passierte es. Nicht spektakulär, einfach nur so, ohne weiteres: Die Wahrheit tauchte auf. Wie? Welche Wahrheit? Die Gedanken fingen an zu versiegen, wie wenn einer Quelle langsam aber sicher und unabwendbar das Wasser ausgeht, wie wenn sie austrocknet. Einzelne Gedanken tauchten noch auf und verschwanden wieder, dazwischen Beschaulichkeit, unendliche und stille Beschaulichkeit. Schliesslich kam das Hirn zur Ruhe, vergleichbar einem See mit glatter Wasseroberfläche, die von keinem Windhauch gekräuselt wird. Es existierte nur noch Ruhe. Alles war Ruhe. Der Kopf fühlte sich leer an, nicht nur mental, nein, auch physisch. Da fluteten auf einmal Wellen von Glück durch den leeren Kopf, Glück wie ich es seit meiner jüngsten Kindheit nicht mehr erlebt hatte, ein leeres, unendliches Glück floss durch mich hindurch, Glück jenseits aller begrifflichen Welten, leer und kristallklar. Ich ging dann im Klostergelände spazieren, floss mental durch den Moment, sah Bäume, Blumen, Gräser und die ganze Welt in einer Klarheit, wie ich sie seit meiner Kindheit nicht mehr erfahren hatte. Und obwohl ich sah, gab es keinen Seher, es war ein Sehen ohne Substanz und Ausdruck. Aktion war zugleich Reaktion und Reaktion zugleich Aktion. Ich war komplett aufmerksam, komplett glücklich. Vollkommen frei von Störungen, rein, absolut ruhend, jenseits von Sein oder Nichtsein. Ich hatte das gedankliche Wahrnehmen abgelegt, mein über all die Lebensjahre erworbenes Wissen weggeworfen und war in den Moment eingetaucht wo Dualität keinen Platz mehr hat. Jegliches Suchen war in mir aufgegeben. Ein universelles Verstehen jenseits der begrifflichen Welt hat sich eröffnet, das weder objektiv noch subjektiv ist. Wie wenn ein Schleier gelüftet wurde, ein Licht in die Dunkelheit gebracht wurde. Die Selbstlosigkeit war zum ersten Mal bewusst verwirklicht, das Ich war weg, verschwunden. Das hat nichts mit Philosophie zu tun. Auch nicht mit Heiligem oder Mystischem. Ich schreibe nur, wie es war.


    Wenn wir nicht verstehen, sind Berge Berge. Wenn wir anfangen zu verstehen, sind Berge nicht mehr Berge. Wenn wir richtig verstehen, sind Berge wieder Berge.(Zen Koan)


    In den nächsten Tagen war es einfach, wieder in diesen Zustand zurückzufinden. Nach fünfzehn oder zwanzig Minuten intensiver Konzentration auf das Atmen, leerte sich das Hirn, das Ich verschwand und die Aufmerksamkeit war wieder da, das intellektuelle Wissen weg und jegliches Suchen eingestellt. Ich vergesse den Moment nie, als ich nach fünf Tagen das Kloster wieder verliess und zurück in mein bürgerliches Leben trat. Bis zum letzten Moment praktizierte ich Aufmerksamkeit, verliess den Tempel und ging dann zu Fuss und leeren Geistes durch die Strassen von Chiang Mai. Noch nie habe ich die Menschen so gesehen, wie kleine Kinder, die sich, im Glauben gutes zu tun, ein Leid nach dem anderen aufhalsen ohne auch nur das Leiseste zu ahnen. Menschen voll von drängenden Wünschen und Absichten, ruhelos umhergetrieben von ihren eigenen Begehren, rastlos dahinlebend, suchend. Menschen, getrieben von ihrem eigenen Denken, getrieben von ihren ureigenen Gedanken und Gefühlen, verfolgt und verängstigt von ihrer eigenen, gedachten Wirklichkeit, sprich von Illusion und Vorstellung. Ichsucht überall, Objekt und Subjekt überall, Dualität überall. Und mitten drin stand ich leer und allein, eins und verbunden mit allen. Liebendes Mitleid überkam mich in der Leere ob all diesem Leid, das ich um mich herum sah.

    Seit ich weg bin vom Waldkloster, habe ich nicht wieder meditiert, und der leere Geist ist nur noch Erinnerung. Wieder treibt auch mich meine eigene, illusionäre Wirklichkeit umher, längst denke auch ich wieder subjektiv und objektiv. Wenn wir nicht stetig meditieren, geht unser Licht der Wahrheit aus.

    Was fehlt mir noch, um mich abzulösen, um Mönch zu werden? Um das Licht der Wahrheit stetig leuchten zu lassen? Wenn ich es recht überlege, so fürchte ich wohl nur noch das Urteil meiner Mitmenschen. Mir stellt sich die Frage: Werden sie schlecht über mich denken? Können sie verstehen, dass ich Mönch werden will? Meine liebe Mutter, mein lieber Bruder? Tu ich ihnen ein Leid an, wenn ich gehe? Denken sie vielleicht, ich sei verrückt geworden? Einer verirrten Sekte beigetreten? Mich quälen diese Fragen noch. Und doch ist mir völlig klar, dass ich keinen anderen Weg gehen kann und will.

    Die Uhr tickt unaufhörlich. Die Lebenszeit verrinnt erbarmungslos und das Herz ist krank.



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  2.  
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