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Tsunamikind

Erstellt von moselbert, 11.03.2005, 18:25 Uhr · 9 Antworten · 974 Aufrufe

  1. #1
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    Tsunamikind

    TSUNAMIKIND

    I

    „Wir können das Kind nicht behalten.“ sagte Ort.

    „Nur noch ein paar Tage.“ bat Nit.

    Sie schauten dem hellhäutigen Kind zu, wie es durch den Raum lief. Es lachte.

    „Morgen.“ forderte Ort.

    „Nächste Woche.“ bot Nit an.

    Sie einigten sich darauf, am Montag zur nächsten Polizeistation zu gehen.

    Am Tage nach der großen Welle hatten Nit und Ort auf ihrem Weg nach Hause Kindergeschrei gehört. Sie schauten nach und fanden ein bis auf ein paar Schürfwunden unverletztes Kleinkind. Sie nahmen es an sich, trösteten es und brachten es in ihr Haus, das zum Glück erhöht lag und so weit vom Meer entfernt war, dass ihm die große Welle nichts anhaben konnte. Ort und Nit lebten ganz gut von den Erzeugnissen ihrer Ländereien. Besonders bauten sie Obst an, das sie auf einem nahen Markt verkauften.

    Sie versorgten das Kind und päppelten es wieder auf. Unter ihrer Obhut lernte es laufen und lachen. Dennoch, seine Augen schauten häufig angsterfüllt in die Ferne. Sie nannten es ‚Khao’, das bedeutet ‚weiß’, und wies auf die Hautfarbe hin. So vergingen die Wochen und Monate. Nit hatte das Kind schon fast als ihr eigenes angesehen. Die Eltern waren in der großen Tragödie bestimmt umgekommen.

    Ort sagte allerdings immer, man könne das nicht wissen. Und so fuhren sie an dem bewussten Montag zur Polizei und erzählten ihre Geschichte.

    „Wir können nur eins machen. Wir werden ein Foto des Kindes ins Internet stellen. Und hoffen, dass sich jemand meldet. Dieweil nehmen Sie das Kind wieder mit nach Hause."

    Der Polizist ließ Fotos von dem Kleinkind machen. Kurze Zeit später prangte das Konterfei nicht nur im Internet, auch die lokalen Zeitungen veröffentlichten die Geschichte und das Bild.

    Nit und Ort hingegen nahmen das Kind wieder mit nach Hause und versorgten es, als wäre es ihr eigenes. Insgeheim hofften sie, dass sich niemand melden würde.

  2.  
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  3. #2
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    Re: Tsunamikind

    II

    Corinna und Claus hingen jeder seinen eigenen Gedanken nach. Corinna hatte nach den schrecklichen Ereignissen in Thailand angefangen zu putzen. Sie putzte die Wohnung von vorne bis hinten, von oben bis unten. Claus ließ sie gewähren. Er wusste, dass sie nur so alles irgendwann vergessen konnte. Er selber arbeitet in seiner Firma intensiv vor sich hin, auch um zu vergessen. Aber immer wieder holte sie der Schrecken ein.

    Sie waren an einer Küste in Thailand gewesen und hatten bis dahin einen wunderschönen Urlaub gehabt. An diesem Tage waren sie schon früh zum Strand gegangen. Denn unter Mittag wurde es für das Baby Annika zu heiß.

    Jetzt saßen sie auf einer Kokosmatte und ließen die Seele baumeln. Annika krabbelte über den Sand und freute sich. Alle waren glücklich und zufrieden.

    Der Ausruf eines anderen Urlaubers ließ Claus aufschauen. Das Wasser hatte sich zurückgezogen. Schneller und weiter als es bei Ebbe eigentlich üblich war. Einige Schwimmer saßen buchstäblich auf dem Trockenen. Ein paar Thais liefen auf das neue Land und sammelten Fische ein, die auf Suche nach Wasser in kleinen Pfützen zappelten.

    ‚Thais denken immer ans Essen.’ dachte Claus und schaute aufs Meer hinaus. In der Ferne, am Horizont, sah er einen Silberstreif.

  4. #3
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    Re: Tsunamikind

    III

    Seit Millionen von Jahren bewegte sich Indien mit großer Geschwindigkeit nach Norden. Als es auf die asiatische Landmasse traf, schob es diese wie eine Bugwelle vor sich her und faltete das höchste Gebirge der Welt auf: den Himalaja.

    An den seitlichen Rändern glitt die Indische Platte schräg unter die Asiatische. Vor vielen, vielen Jahren hatte sich ein auf der Indischen Platte stehender untermeerischer Seamount mit der Asiatischen Platte verhakt und bog diese nach unten. Am 26.12.2004 konnte sich die Asiatische Platte befreien und schnellte nach oben. Da der ganze Vorgang am Meeresboden stattfand, wurden auch ungeheure Wassermassen bewegt. Sie formierten sich schließlich zu großen Wellen, die über den gesamten Indischen Ozean zogen. Allerdings, wie fast immer bei solchen Wellen, kam zunächst das Wellental an und das Meer zog sich zurück.

    IV

    Claus schaute fasziniert auf das Phänomen. Eine solche Erscheinung hatte er zuvor noch nie gesehen. Obwohl Corinna und er schon oft am Meer gewesen waren. In Deutschland, in der Domrep, auf den Seychellen oder in Thailand.

    Beeindruckend. Er bedauerte es, keine Filmkamera dabeizuhaben. Mit seinem Fotoapparat, das wusste er, würde das ganze Geschehen nicht eingefangen werden können.

    Auch Corinna war inzwischen aufmerksam geworden.

    „Wieso ist das Wasser plötzlich weg?“ fragte sie.

    „Keine Ahnung. Ich habe von diesem wissenschaftlichen Zeugs keine Ahnung. Aber eins ist klar: Ebbe ist das nicht, dafür kam das zu schnell. Aber schau mal dort hinten. Ein Silberstreif zieht sich über den gesamten Horizont.“

    „Irgendwie ungewöhnlich. Es scheint näher zu kommen. Meinst Du nicht auch?“

    „Ja, es sieht so aus. Vielleicht kommt das Wasser wieder zurück, nachdem es verschwunden ist.“

    „So wie eine Welle?“
    fragte Corinna.

    „Ja, vielleicht. Aber wenn das eine Welle ist, dann ist es eine ganz schön große.“

    Irgendwann wurde es ihnen unheimlich zumute. Einige Touristen rafften ihre Habseligkeiten zusammen und gingen zögernd landeinwärts.

    „Vielleicht sollte wir auch verschwinden.“ schlug Claus vor.

    Corinna stimmte zu. Sie packten ihre Sachen und gingen langsam durch einen lichten Hain fort vom Strand.

    Als Claus sich noch einmal umdrehte, hatte sich die Welle soweit genähert, dass er erschrak.

    „Lauf!“ schrie er Corinna zu. Beide rannten was sie konnten. Die Welle aber war schneller. Allerdings hatte sie den größten Teil ihrer Kraft schon eingebüßt und so konnte sie den Dreien nichts mehr anhaben. Sie erfasste noch die Unterschenkel der Eltern, dann zog sie sich zurück. Ein Stück mitgeschwemmtes Holz führte Corinna eine leichte Prellung am Knöchel zu. Das war es dann aber.

    „Da haben wir aber verdammtes Glück gehabt.“ sagte Claus erleichtert.

    Corinna zitterte am ganzen Körper.

    „Was war das für eine Riesenwelle gewesen?“ fragte sie ihren Mann.

    „Vielleicht eine dieser Monsterwellen, die bei starken Stürmen entstehen. Aber hier weht kaum ein Lüftchen.“

  5. #4
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    Re: Tsunamikind

    V

    Wer einmal selber einen Mini-Tsunami erzeugen will, werfe einfach einen Stein in einen Teich. Es entsteht nicht nur eine Welle, sondern mehrere. Auch bei einem Tsunami kommen mehrere hintereinander. Meist ist die zweite oder dritte höher als die erste.

    VI

    Und als sich Claus und Corinna noch über ihre Rettung freuten, brach die zweite Welle über sie herein und trennte sie voneinander. Corinna vermochte das Baby nur noch kurz festzuhalten, dann wurde ihr Annika entrissen.

    Corinna und Claus wachten leicht verletzt in zwei verschiedenen Krankenhäusern auf. eine Woche wussten sie nicht, ob ihr Partner noch am Leben war oder nicht. Erst dann wurden sie wieder vereint. Annika aber blieb verschwunden. Ohne sie mussten sie nach Deutschland zurück.

    VII

    Sie hatten sich mit der Tatsache abzufinden, dass ihre Tochter nicht mehr am Leben war. Allerdings, so lange sie nicht wirklich ihren Leichnam gesehen hatten, hatten sie noch einen Strohhalm, an den sie sich klammern konnten.

    Und so setzte Claus sich jeden Abend an seinen PC und schaute sich Bilder von Findelkindern im Internet an. Fast immer waren es die gleichen Gesichter. Kaum noch kamen neue hinzu. Es war praktisch aussichtslos geworden.

    Beinahe schon automatisch drückte er mit dem Mauszeiger auf das ‚Weiter’ - Icon. Und da war das Bild verschwunden und ein neues kam. Das vorige sah aber Annika ähnlich. Er drückte auf ‚Zurück’. Er schaute auf das auf dem Schreibtisch stehende letzte Foto von Annika und dann auf den Bildschirm.

    „Corinna!“ schrie er. „Schau! Annika!“

    Corinna hatte Fernsehen geschaut und doch nichts gesehen. Sie stand vom Sofa auf und eilte zum Schreibtisch.

    „Schau, Corinna, der Leberfleck auf der rechten Wange. Das ist sie.“ Ihm standen Tränen in den Augen. Corinna schluchzte.

    „Und wie bekommen wir sie wieder?“

    „Hier steht was auf Thai, das kann ich nicht lesen. Moment, da unten steht auf Englisch, man soll eine Telefonnummer anrufen. Wie spät ist es jetzt in Thailand? Ich glaube, mitten in der Nacht. Da ist eh keiner mehr zu sprechen.“


    Er legte die Seite unter den Bookmarks ab.

    „Gleich morgen früh, Corinna, rufe ich an. Gleich morgen früh.“

    Das war die erste Nacht in der sie mit der Gewissheit schlafen konnten, dass sie ihre Tochter wieder gefunden hatten.

    Noch vor der Arbeit rief er am nächsten Tag die angegebene Telefonnummer an. Ihm wurde gesagt, wenn er wirklich der Vater sei, dann könne er das Mädchen mitnehmen. Allerdings müsse er es persönlich abholen.

    „Natürlich fliegen wir beide.“ sagte er zu Corinna.

    Und so besorgten sie sich ein Ticket für den nächstmöglichen Flug.

  6. #5
    Avatar von moselbert

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    Re: Tsunamikind

    VIII

    Als Nit und Ort Besuch von einem Polizeibeamten bekamen, hatten sie eine dunkle Ahnung, dass irgendetwas geschehen war.

    „Sie wollen unser Kind holen, stimmt’s?“ fragte Nit.

    „Nein. Ich möchte etwas Speichel von dem Kind. Es haben sich Leute gemeldet, die behaupten die Eltern zu sein. Sie werden in den nächsten Tagen vorbeikommen. Mit dem Speichel können wir genau feststellen, ob sie die Eltern sind oder nicht.“ Er entnahm mit einem Wattestäbchen etwas Flüssigkeit aus dem Mundraum des Kindes, tütete alles ein und verschwand wieder.

    Nit schaute das blonde, weißhäutige Kind an. Es lief zu ihr hin und rief „Mae, Mae!“ was ‚Mutter’ bedeutet. Nits Augen füllten sich mit Tränen.

    IX

    Nachdem sie eine Unterkunft bezogen hatten, was nicht schwer war, da viele Touristen, vor allem ausländische, die vom Tsunami betroffenen Gegenden mieden, gingen sie zu der Polizeidienststelle, die ihnen am Telefon genannt worden war.

    Eine der Beamte sprach ganz passabel Englisch. Er verglich die Fotos von Annika, das von den Eltern mitgebrachte und das von der Polizei ins Internet gestellte.

    „Eine gewisse Ähnlichkeit besteht. Das gebe ich zu.“ sagte er.

    „Was heißt Ähnlichkeit? Sie ist es!“ erwiderte Claus etwas barsch.

    „Ich verstehe Ihren Ärger. Aber wir haben schon so viele Eltern hier gehabt, die sich hundertprozentig sicher waren, ihr Kind gefunden zu haben. Aber sie waren dann doch nicht die Eltern.
    Darum möchte ich Sie bitten, mir eine Speichelprobe zu geben, damit wir einen DNA Test machen können.“

    „Gern. Entschuldigen Sie meine Reaktion. Es war alles nicht leicht für uns in den letzten Monaten.“


    Der Polizist nahm mit einem Wattestäbchen etwas Speichel aus Claus’ Mundraum, tat das Stäbchen dann in eine Plastiktüte und versiegelte diese.

    „Was macht er?“ fragte Corinna, die dem ganzen Vorgang geistesabwesend zugesehen hatte. Eigentlich hatte sie gehofft Annika schon jetzt in die Arme schließen zu können.

    „Einen DNA-Test.“ erklärte Claus.

    „Nehmen Sie bitte auch Speichel von mir.“ forderte Corinna den Polizisten auf.

    „Der vom Vater reicht eigentlich. Aber wenn Sie wollen, gern.“ Er wiederholte die gleiche Prozedur bei ihr.

    „Jetzt darf ich Sie bitten, in zwei Tagen, am Donnerstag, wiederzukommen. Dann werden wir das Ergebnis aus dem Labor haben. Wenn ich mir die Fotos so ansehe, dann glaube ich, dass es positiv sein wird.“

    Mit diesen Worten entließ er sie. Am nächsten Tag liefen sie ziemlich orientierungslos durch den Ort. Sie konnten es kaum erwarten, das Ergebnis genannt zu bekommen.


  7. #6
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    Re: Tsunamikind

    X

    Corinna und Claus gingen am Donnerstag mit großer Vorfreude zur Polizei. Der Englisch sprechende Beamte begrüßte sie wieder und bat sie, Platz zu nehmen.

    „Es war doch gut, dass wir von Ihrer Frau auch noch eine Speichelprobe genommen haben.“ sagte er zu Claus.

    „Warum?“ fragte dieser erstaunt.

    Corinnas Gesichtsausdruck versteinerte. Ihre Augen baten, dass beide schweigen sollten.

    „Weil Sie offenbar der Stiefvater sind. Das hätten Sie uns auch gleich sagen können. Da aber Ihre Frau die leibliche Mutter ist, können wir Ihnen das Kind mitgeben."

    „Nicht der Vater?!“
    Claus wandte sich Corinna zu. „Was soll das heißen: ich bin nicht der Vater? Wer ist dann der Vater? Und ich habe mir solche Sorgen um Annika gemacht!“

    „Claus, entschuldige. Es war eine einmalige Affäre. Ich wollte nicht, dass Du es so erfährst.“

    „Du wolltest nicht, dass ich es überhaupt erfahre!“
    Claus redete sich in Rage. „Wer ist der Vater? Sag es mir!“

    „Ein Jugendfreund, den ich mal zufällig wieder getroffen hatte“

    „Und bist gleich mit ihm in die Kiste gesprungen. Ich verstehe es nicht! Was bin ich doch für ein Esel gewesen! Die ganze Zeit habe ich nichts gemerkt.“

    „Es ist halt eben passiert.“
    Corinna weinte.

    „Ja, drück Du nur auf die Tränendrüsen. Aber das wird Dir nichts nützen. Eben nur passiert! Und wie oft passiert das noch mal eben so? Ich werde mich scheiden lassen.“

    Er wandte sich dem Beamten zu, der von dem in Deutsch geführten Streit nichts verstanden hatte. Allerdings ahnte er, worum es ging.

    „Wann können wir das Kind mitnehmen?“

    „Wir werden es bei den Menschen abholen, die es gefunden haben. Es ist eine einfache Bauernfamilie. Sie kann dem Kind natürlich nicht die finanziellen Möglichkeiten bieten, die Sie in Deutschland haben.
    Worum ging es in Ihrer Diskussion eben? Wussten Sie nicht, dass Sie der Stiefvater sind?“

    „Das wusste ich nicht. Sie hat mich von vorne bis hinten belogen und betrogen. Wir werden uns trennen.“


    Der Beamte nickte.

    „Kommen Sie bitte mit, wir nehmen einen Polizeiwagen.“

    Er setzte sich ans Steuer. Claus saß auf dem Beifahrersitz, Corinna auf der Rückbank.
    Während der 30 Minuten Fahrt über staubige Landstraßen schwiegen sich die beiden Deutschen an. Vor allem von Claus’ Seite her war es ein kaltes, eisiges Schweigen. Corinna hingegen wusste, dass es nichts mehr zu sagen gab. Ach, hätte der Beamte vor zwei Tagen doch nur von ihr eine Speichelprobe genommen. Aber sie war zu aufgewühlt gewesen, um logisch und überlegt denken und handeln zu können. Jetzt war es zu spät.

  8. #7
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    Re: Tsunamikind

    XI

    Nit trug das Kind und Ort hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt, als ein Polizeiwagen um die Ecke bog und vor dem Haus hielt. Ein Polizist und ein ausländisches Paar entstiegen dem Auto.

    „Ich glaube, es ist so weit.“ sagte Ort.

    Die ausländische Frau lief mit ausgestreckten Armen auf das Kind zu. Es erschrak, klammerte sich an Nit und fing an zu weinen.

    „Sie müssen bedenken, das Kind hat Sie mehrere Monate nicht gesehen.“ sagte der Polizist zu Corinna. „Da kennt es Sie in dem Alter natürlich kaum noch.“

    Das Kind löste sich von Nit und lief ins Haus.

    „Schau Claus! Sie kann laufen!“ rief Corinna.

    „Ich würde bei so einer Lügenmutter auch weglaufen.“ giftete Claus.

    Ort bat die Drei, sich auf eine Matte am Boden zu setzen. Aus dem Haus holte er gekühltes Wasser und Obst und bot es den Gästen an.

    Der Polizist wandte sich an Claus: „Sie werden also nicht mehr mit dem Kind zusammenleben wollen, auch nicht mit Ihrer Frau. Habe ich Sie richtig verstanden?“

    „Ja, das haben Sie. Ich will mit diesem ....... nichts mehr zu tun haben. Soll sich doch ihr Jugendfreund um das Gör kümmern. Und deswegen habe ich mir monatelang Sorgen gemacht!“
    Claus war immer noch in Rage.

    „Haben Sie sich nicht zu Recht um das Kind Sorgen gemacht?“

    „Es ist ja nicht meins. Natürlich ist es schade um jeden Menschen, der bei dem Tsunami zu Schaden kommt. Aber wenn es das eigene Kind trifft, ist es doch etwas anderes als bei einem fremden Kind.“


    Der Beamte nickte. Er wandte sich an Corinna: „Das Kind hat vor Ihnen Angst. Es hat Sie lange nicht mehr gesehen.“

    „Das wird sich ändern. Ich bin die Mutter.“

    „Wie geht das in Deutschland vor sich mit einer Scheidung?“


    Corinna überlegte. „Ich habe mir da noch keine großen Gedanken drüber gemacht. Aber es gibt Familiengerichte, die darüber entscheiden, wer was bekommt. Meist handeln die Anwälte das aus. Auch wer das Sorgerecht für die Kinder bekommt. Und das Besuchsrecht wird auch geregelt. Glaube ich wenigstens.“

    „Also wird alles geregelt. Und das Wohl des Kindes?“

    „Große Kinder werden wohl angehört, aber kleine... Aber mein Mann will ja wohl eh das Sorgerecht nicht haben.“

    „Darauf kannst Du Gift nehmen.“
    sagte Claus.

    „Und Sie müssen nach der Scheidung arbeiten gehen?“ fragte der Beamte.

    „Es kann schon sein, dass ich das muss. Ich war früher Sekretärin, vielleicht kann ich in dem Beruf wieder unterkommen. Ich weiß nicht wie viel Unterhalt ich zugesprochen bekomme.“

    Das Findelkind hatte sich wieder herausgetraut und spielte Verstecken. Es verbarg sich hinter dem Rücken von Nit und lugte ab und zu hervor. Dann neckte Ort es: „Dja eeh!“ Das Kind lachte und versteckte sich wieder.

  9. #8
    Avatar von moselbert

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    Re: Tsunamikind

    XII

    Der Beamte nahm einen Schluck des erfrischenden kühlen Wassers.

    „Wissen Sie, was mich erstaunt?“ fragte er die Deutschen. „Ein Paar bringt einem fremden Kind mehr Liebe entgegen als der Mann, der lange glaubte, der wirkliche Vater zu sein. Das Kind fühlt sich zu diesen einfachen Menschen hingezogen, die ihm Laufen beigebracht haben und es auch zu reden lehren. Hier fühlt es sich geborgen in einer intakten Familie, die zwar nicht die seine war, aber inzwischen geworden ist.“
    Er nahm einen weiteren Schluck Wasser. „Auf der anderen Seite kann bei Ihnen von einer intakten Familie wohl jetzt nicht mehr die Rede sein. Sie werden sich trennen. Bis dahin wäre das Leben des Kindes bei Ihnen sicher nicht schön, weil es den Hass des Stiefvaters mittragen muss. Danach wäre es häufig allein oder bei einem Babysitter, wenn Sie arbeiten müssen.
    Verstehen Sie, was ich sagen will?“


    Corinna schaute Annika an. Sie hielt ihr die Hand hin. Vorsichtig fasste Annika sie an, lachte, und warf sich in die Arme von Nit.

    „Ich verstehe.“

    Corinna wollte das Beste für ihr Kind. Der Polizist hatte schon Recht. Sie wollte das Kind zurück. Aber war das auch das Beste für das Kind oder nur egoistisch von ihr gedacht? Ja, wenn Claus der Vater wäre, sähe alles anders aus. Aber so?

    „Es ist Ihre Entscheidung. Natürlich würden Sie das Kind jederzeit besuchen können. Auch können die Beiden hier schreiben, wie es Ihrer Tochter geht. Sie müssen es nur in Ihre Sprache übersetzen lassen, denn beide können kein Englisch.“

    XIII

    Nit hatte von dem Gespräch ebenso wenig verstanden wie Ort. Als sich aber die fremde Frau zu ihr hinüberbeugte und sie weinend umarmte, ahnte sie was geschehen war.

    Der Polizist erklärte ihr, dass sie das fremde Kind weiterhin großziehen könnten. Allerdings müssten sie der Mutter regelmäßig schreiben, wie es dem Mädchen geht. Sie und Ort versprachen es.

    Die Frau versuchte noch einmal, das Kind zu umarmen. Aber es flüchtete sich wieder in die Arme von Nit. Diesmal jedoch lachte es.

    Nit wusste, dass sie eine Freundin gefunden hatte. Die fremde Frau stieg mit dem eiskalt blickenden Mann in den Polizeiwagen ein.

    Der Wagen verschwand um die Ecke.

    „Khao!“ rief sie dem Findelkind zu. „Komm ins Haus. Der Wind ist kalt.“

    An dem Abend beteten Nit und Ort inbrünstig vor dem Hausaltar und bedankten sich für die glückliche Fügung des Schicksals. Sie wünschten der fremden Frau alles Gute, und dass sie noch oft vorbeikäme.


    ©Norbert Hagemann 11.02.2005

    Und das war sie nun, die letzte Kurzgeschichte, die ich derzeit in der Schublade habe.
    Der Anlass war die Meldung, dass in Sri Lanka ein Ehepaar durch einen Gentest nachweisen musste, dass sie die Eltern eines in einem Krankenhaus liegenden Kindes waren.

  10. #9
    Rene
    Avatar von Rene

    Re: Tsunamikind

    Moselbert, Dir fällt bestimmt wieder was ein. da bin ich mir sicher.

    Schöne Geschichte. :bravo:

    Gruß René

  11. #10
    big_cloud
    Avatar von big_cloud

    Re: Tsunamikind

    @ Moselbert

    Danke
    fuer diese tolle Story :bravo:


    Wenn ich da manchmal von Zwangsrueckfuehrungen von Pflegekindern zu deren leiblichen Eltern(die sie kaum kennen geschweige denn lieben) lese ist mir zum

    Liebe Gruesse

    Lothar aus Lembeck