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Tsunami - das Leben danach

Erstellt von monkey, 25.02.2008, 12:49 Uhr · 3 Antworten · 1.073 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von monkey

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    105

    Tsunami - das Leben danach

    Hallo,
    wir hatten am Wochenende einen Artikel in der Zeitung.
    Möchte ihn gar nicht weiter kommentieren oder kommentiert haben. Hat mir halt eine gewisse Gänsehaut bereitet und möchte ihn Interessierten im Board zum Lesen zur Verfügung stellen.

    Grüße
    monkey


    Die Welle, die alles mit sich riss

    Von Thorsten Fuchs
    Es ist nicht viel, was Uwe S. aus seinem alten Leben geblieben ist, aber ein Stück daraus trägt er an seinem Körper. Dieses Hemd, schimmernd blau, hochgeschlossen bis zum Kragen, tadelloser Sitz. Das Ordentliche, das dieses Hemd symbolisiert, der glänzende Stoff – alles das passt nicht zu der Einrichtung dieser einfachen Einzimmerwohnung, den furnierten schlichten Möbeln, den Fenstern ohne Gardinen. Wie maßgeschneiderte Kleidung eben schlecht passt zum Leben in einem sozialen Wohnprojekt. Uwe S. holt tief Luft, er saugt die Luft ein, wie, um genug Atem zu haben für einen schweren Satz. „Ich war ganz oben“, sagt er, „jetzt bin ich tief unten, und das alles geschah in wenigen Sekunden.“
    Die Geschichte von Uwe S. handelt von einem, der in die Ferne zog und dort das Glück fand. Von einem, für den es fast nur bergauf ging, so lange, bis eine mächtige Welle sein Leben erfasste und alles mit sich riss, was zuvor so unverrückbar fest zu stehen schien, und ihn aus einem prächtigen Haus in Thailand direkt hierherspülte, in diese kleine Erdgeschosswohnung der Sozialen Wohnraumhilfe in Döhren, eines Diakonieprojekts, unweit der Bahnlinie.
    Alles begann Ende der achtziger Jahre, als er eine Stellenanzeige entdeckte. S. hatte hier, in Hannover, Informatik studiert, nun erledigte er Aufträge für diesen und jenen. Das Geld reichte zum Überleben, aber zum guten Leben reichte es nicht. Es fiel ihm nicht schwer zu gehen, als ihm eine Software-firma aus Kantharalak eine Stelle anbot. Er würde weniger verdienen als in Deutschland, aber um Geld ging es ihm nicht. „Ich war neugierig. Und was hatte ich schon zu verlieren?“ Was dann geschah, gleicht in manchem einem Märchen oder jedenfalls manchen Träumen, die Auswanderer haben, wenn sie Deutschland verlassen. Uwe S. wurde Leiter der Entwicklungsabteilung, immer besser sprach er die Landessprache, war der Liebling des Chefs – und er lernte dessen Tochter kennen. S. weiß um die Klischees von deutschen Männern mit thailändischen Frauen. Wohl auch deshalb betont er, wie schwer es für ihn gewesen sei, sie für sich zu gewinnen, sie, die junge Frau, die in London studiert hatte. „Da habe ich monatelang gekämpft.“ Ihr Sohn wurde 1995 geboren. Sie nannten ihn Peter.
    Ende der neunziger Jahre überstehen sie die asiatische Wirtschaftskrise, 90 Mitarbeiter haben sie nun und schreiben Programme für die Luftfahrtindustrie. Ihre Kunden sind die großen Firmen, Boeing, Embraer, solche Unternehmen. S. hat noch Hemden aus seinem alten Leben, er holt sie aus dem improvisierten Schrank, einem mit Stoff umspannten Regal mit Reißverschlusstür. Es sind Polohemden von Flugzeugpräsentationen, „Asia Pacific Demo Tour“ steht zum Beispiel darauf. Kleine Andenken. Es ging ihnen gut, S. und seiner Frau, und so erlaubten sie sich an Weihnachten 2004 einen Urlaub. Daheim blickten sie aus ihrem Haus über die Reisfelder, aber nun sollte es etwas anderes sein, am besten das Meer. So fliegen sie nach Phuket. Am Vormittag des 26. Dezember liegen sie am Strand, dann macht sich Uwe S. auf den Weg zum Hotel, um das Frühstück zu holen. Er ist dort noch nicht angekommen, da hört er ein mächtiges Grollen.
    Als er wieder zu sich kommt, liegt er zwischen den Trümmern eines Hauses. Er läuft umher, Richtung Strand, panisch, durch das Chaos. Was er sieht, sind tote Körper überall, sogar in den Bäumen. Seine Frau und den Sohn kann er nirgends entdecken. Es fällt Uwe S. schwer, über diese Tage zu sprechen, auch jetzt noch. Er stockt, bricht Sätze ab, schüttelt den Kopf, setzt wieder an, bricht wieder ab. Als er seine Familie nicht findet, fährt er in sein Haus zurück. „Und dann begann ich zu trinken. Nur noch zu trinken. Ich wollte einfach nichts mehr spüren.“
    Einen Monat nach dem Tsunami werden seine Frau und sein Sohn für tot erklärt. Nur wenige Tage später steht die Polizei vor seiner Tür. Eine kleine Tasche solle er packen, dann bringen die Beamten ihn in Abschiebehaft. Seine Aufenthaltsberechtigung war an die Ehe mit seiner Frau gekoppelt. Nun soll er das Land verlassen.
    Eng ist es in dem Gefängnis, überfüllt, die Versorgung schlecht. „90 Leute in einem Raum, der Platz reichte gerade, um sich auf den Boden zu kauern.“ Der Tod der nächsten Menschen, das Ende seines alten Lebens, nun das Gefängnis – was S. mühevoll beschreibt, ist ein Albtraum. Erst als er unterernährt und der Depression nah auf die Krankenstation verlegt wird, bessert sich seine Lage. S. protestiert mehrmals gegen seine Haft. Dennoch dauert es vier Monate, bis der Flugtermin festgesetzt wird. Am 23. Juni 2005, einem warmen Tag, landet er in Frankfurt. Mit seinem letzten Geld kauft er ein Bahnticket nach Hannover. Hier meldet er sich bei der Bahnhofsmission. „Ich war ja völlig mittellos.“
    Seitdem lebt er in der kleinen Wohnung in Döhren. In einer Ecke im Schrank liegt das Wenige, das an sein altes Leben erinnert. Der deutsche Reisepass mit den thailändischen Stempeln, die thailändischen Bankkarten von ihm und seiner Frau, alles, was er in der Eile zusammenklaubte oder im Portemonnaie hatte. „Das ist mein kleines Museum.“ Gleich daneben, an der Wand, hängt ein Foto seines toten Sohnes. Es ist das einzige, das er hier hat. S. zündet sich eine Zigarette an. Er raucht viel. Alte Programmierergewohnheit, sagt er. Er brauchte viele Monate, bis er mithilfe eines Diakoniepädagogen und eines Psychologen wieder ins Leben fand. Er hat sich auch aus billigen Einzelteilen wieder einen Computer gebaut, hat sich fit gehalten und sich bei Firmen beworben. „Aber dann hieß es: zu alt. Oder überqualifiziert.“ S. ist 51. Er schüttelt den Kopf. Als sei dies nicht mehr sein Land.
    Was werden soll, er ist nicht sicher. Was mit dem Haus in Thailand ist, was mit den Konten mit dem Firmengeld, die bei seiner Abschiebung angeblich eingefroren wurden, er weiß es nicht. Und er weiß auch nicht, ob er es verkraften würde, wieder hinzufahren, falls Thailand ihn überhaupt einreisen ließe. „Dann wäre mit einem Schlag alles wieder da, die ganzen Erinnerungen.“ Im Moment muss er sich darüber auch gar keine Gedanken machen. Er hätte nicht das Geld für den Flug. Uwe S. lebt von Hartz IV, und im Moment zahlt er noch die Kosten für den Abschiebeflug ab, in monatlichen Raten von 25 Euro an den deutschen Staat.


    Quelle: Printausgabe der HAZ vom 23.02.2008

  2.  
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  3. #2
    Avatar von phimax

    Registriert seit
    03.12.2002
    Beiträge
    14.274

    Re: Tsunami - das Leben danach

    monkey, kannst du bitte die Quelle angeben?
    Danke.

    Was mit dem Haus in Thailand ist, was mit den Konten mit dem Firmengeld, die bei seiner Abschiebung angeblich eingefroren wurden, er weiß es nicht.
    Das würde mich auch interessieren.
    Lief das alles auf den Namen seiner Frau?
    Und was ist mit der Familie seiner verstorbenen Frau?

  4. #3
    Willi
    Avatar von Willi

    Re: Tsunami - das Leben danach

    Habe gerade diese Geschichte gelesen.Ehrlich gesagt könnte ich weinen.Ich kenne diesen Mann zwar nicht persönlich,aber Er tut mir sehr sehr leid.Ja,das Schicksal hat voll zugeschlagen ohne Knade.Is halt ne beschissene Welt

    Willi

  5. #4
    Avatar von Oni75

    Registriert seit
    07.01.2008
    Beiträge
    205

    Re: Tsunami - das Leben danach

    Wirklich ne sehr üble Geschichte und ein gutes Beispiel dafür das viele Regierungen und Rechtssysteme einem nochmal so richtig schön fest in den Magen treten wen man eh schon am Boden liegt.

    Gruß
    Norbert

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