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Tschernobyl

Erstellt von Kali, 21.04.2006, 12:12 Uhr · 3 Antworten · 841 Aufrufe

  1. #1
    Kali
    Avatar von Kali

    Tschernobyl

    ...oder: Mit einer Manta Richtung Küste

    Ein schöner Morgen (24.04.1986), Ernst, mein Kollege, und ich waren schon früh am Yachthafen in Roermond. Noch recht frisch, vielleicht 7/8°, ging gerade die Sonne auf, dort, wo 2 Tage später noch eine ganz andere Sonne aufgehen sollte.

    Nach gründlicher Vorbereitung hatten wir´s wahr gemacht, gönnten uns 10 Tage Auszeit – nicht nur vonne Firma – auch vom Familienleben. Die Tour stand im Kopf, wollten zunächst die Maas runter, weiter den Waal (wie der Rhein nach Überschreiten der holl. Grenze heißt), um letztendlich im Grevelingenmeer ein paar Tage vor uns hin zu segeln. Die Rücktour gegen den Strom erfolgte später über die Kanäle, eine Reise, die ihre ganz besonderen Reize hat.

    Ist schwer aus der Erinnerung heraus zu schildern, weil mich in dem Zusammenhang noch was anderes im Nachhinein bewegt – doch davon später. Photos so gut wie keine mehr vorhanden, da fast alle Opfer des unseligen Rosenkrieges nach meiner Trennung von Frau und Sohn 1995. Die Erinnerung kam gerade hoch, nach dem ich durch Zufall aufmerksam wurde, wodurch einiges wieder aus den Weiten meiner Gehirnwindungen hervorgekramt wurde.

    Noch mal alles gecheckt: Karten, Gasflasche, Kerzen, Batterien für Taschenlampen und Kofferradio, Filme, ein paar notwendige Medikamente – für alle Fälle -, Verbandszeug, Wetterkleidung, Schlafsäcke, und natürlich die Kohle in der Gesäßtasche. Ernst, mein Kollege, ein typischer ´Selfkant-Bewohner´, ein manchmal hektischer, spontan sich ereifernder Mensch – so ganz im Kontrast zu der Ruhe, die ich selbst um mich herum zu verbreiten pflege. Ein eingespieltes Team, durch so manches Wochenendsegeln auf den Maasplassen in Roermond aufeinander abgestimmt. Keine großen Worte, jeder wusste was er zu tun hatte, und schon bewegten wir uns auf Strommitte in Richtung Schleuse, von denen es noch einige hat auf dem Weg zur Küste.
    Eine beschauliche Fahrt, ständiger Ostwind – der, wie sich später rausstellte, seine ganz eigene Bedeutung bekam -, also bei Richtung Ost-Nordost von Steuerbord querab, der uns recht flott zusammen mit der seichten Strömung der Maas voran brachte. Erste Übernachtung in einem kleinen Yachthafen, in dem allerdings weder Kantine noch Toilette wegen der noch gar nicht begonnen hattenden Saison geöffnet waren. Nun, fürs Morgengeschäft reichten zwei nebeneinandergestellte Backsteine – Issaan-Erfahrung hatte ich damals noch nicht - , taten es aber auch.
    Nach dem Knick des Stromes Richtung Westen Wind direkt von achtern – wir machten gute Fahrt, nicht nur durchs Wasser, erst recht über Grund.

    Am 26.04. hörten wir´s irgendwann übers Radio, dass da irgendwo was passiert, nichts Konkretes, auf jeden Fall in der Richtung, aus welcher der Wind kam, der uns ein zügiges Vorankommen sicherte.

    Wo Maas und Waal zusammenfließen wird´s breit, reger Verkehr, der Flussschiffe nämlich – wir genossen es ganz einfach, weitere Nachrichten, in denen von Reaktor und Unfall die Rede war – alles weit wech -, Wind von achtern, und die Sonne bestätigte uns, dass wir uns trotz der noch relativ frühen Jahreszeit für ein solches Unternehmen richtig entschieden hatten.

    So hatten wir schöne Tage, auch im Grevelingenmeer, in dem man gerade 4 – 5 andere Boote der Unverbesserlichen zu sehen waren, ein Segelrevier, in dem sommers der Segelverkehr durch Ampeln geregelt werden sollte. Ein paar Sturmböen abgeritten, die in solch kleinem Gewässer recht tückisch sein können, mit ihren kurzen harten Wellen, die immer dann entstehen, wenn die Wassertiefe nicht besonders ist.

    Die Nachrichten verdichteten sich, da war von Gau die Rede, von immenser Strahlung, von Toten, von Evakuierung – und der Ostwind behielt beharrlich seine Richtung bei, die Sonne lachte weiter wie in den vergangenen Tagen – doch hatte dieses Lächeln nicht so einen eigenartig ironischen Schimmer bekommen ?

    Nun, wir waren auf dem Rückweg, in den Kanal rein, und erst einmal den Schleusenwärter einer riesigen Schleuse, in der sich außer uns kein weiteres Boot oder Schiff befand, darauf hin geweisen, dass es ihn absolut nichts anginge, wohin wir wollten. Dieser wusste allerdings, warum er fragte. Wer holländische Kanäle kennt, der kennt auch diese vielen kleinen malerischen Brücken, die entweder sofort oder in stündlichen Abständen für den Wasserverkehr geöffnet werden. Abends bei der wievielten Brücke ? wurde es uns klar. Letzte Öffnung 20:00 h – es war 20:30 h – und am nächsten Tag war Königinnengeburtstag, da wurde überhaupt nix hochgezogen. Wenn Beatrice Geburtstag hat, dann ruht jeglicher Verkehr, auch der auf´m Wasser ;-D

    Doch kein Problem, Ernst wohnt direkt an der holländischen Grenze, und sein Platt versteht jeder Holländer. so gab´s keine Probleme mit den Einheimischen. Am übernächsten Tag ging´s weiter – Motorschaden, ca. 20 km von einer freundlichen Yacht geschleppt, anschließend noch ca. 6 km bis zum nächsten kleinen Hafen ´getreidelt´, also Ernst zog am Ufer an einem langen Tampen das Boot, derweil ich am Ruder den Überblick behielt.
    Kurzes Zwist noch mit einem Angler, den Ernst nicht nur bei seiner Tätigkeit störte, sondern ihm auch noch sein Angelzeugs verhedderte. Lautstarke Auseinandersetzung, beide Kontrahenten gingen in Grundstellung – doch auf einmal drückte Ernst ihm, dem Holländer, was in die Hand, setzte sich anschließend auf das Fahrrad des Anglers und fuhr von hinnen. Stellte sich raus, dass er dem Holländer ein paar DM gegeben hatte, damit dieser sich noch ein paar Flaschen Bier kaufen konnte.

    Nach Festmachen des Bootes in dem kleinen Hafen klarten wir nur noch auf, führen mit dem Taxi zum Bahnhof und mit dem Zug zum Ausgangshafen, von dort mit dem Wagen wieder nach Hause.

    Erst einmal duschen, einen Happen essen – und Nachrichten gucken. Irgendwie hatte es mich unterschwellig nicht los gelassen. Tja, und dann sah´ ich die ersten Aufnahmen, von dem, was da eigentlich passiert war, in der Zeit, als wir ihn genossen, den Wind, der aus der Richtung kam, in der das große Sterben eingesetzt hatte, aus einer Region, in der nix mehr so wurde, wie es mal war, in der heute – wenn auch nicht offiziell – wieder Menschen leben. Nicht, weil es dort so schön wäre, sondern weil sie einfach nichts anderes haben.

    Das Boot hatten wir zwei Tage später mit einem Ersatzmotor nachhause gebracht.

    Ach ja, vergessen:Manta 19


    ...ein kleines Boot, 5,70 m lang, mit kurzem Kiel und ausfahrbarem Schwert, überall wo wir anlegten waren wir das kleinste. Keine Rede von Laptop oder gar GPS, obwohl, auf Flüssen kann man sich sowieso nicht großartig verfahren. Gekocht wurde auf einem kleinen zweiflammigen Gaskocher, geheizt wurde, indem ein eigens zu diesem Behufe angeschaffter tönerner Blumentopf umgekehrt über eine brennende Gasflamme gestellt wurde, und die durch das Wasserablaufloch, das sich bei dieser Stellung folgerichtig oben befindet, entströmende angeheizte Luft nicht nur eine wohlige Wärme, sondern auch einschläfernde Sauerstoffknappheit verbreitete. Für ´druck´mäßige Notfalle ein einfacher Plastikeimer, dessen Inhalt stets nach erfolgter Verrichtung außenbords entsorgt werden konnte.

    Geschlafen wurde im Liegen – und wenn wir aufrecht stehen wollten, gingen wir aus der Kajüte raus, oder so

    20 Jahre her, die Menschen haben ihre eigenen Probleme. Hartz IV, die staatlich verordnete Rückbesinnung auf christliche Grundwerte, alles wird teurer, Gazprom will europaweit ins Anbietergeschäft einsteigen, droht sonst mit Energieentzug – während seit kurzem jeden Morgen um dieselbe Zeit vor unserem Küchenfenster ein Hase häst, oder äst – auf jeden Fall sitzt er da, unbelastet globaler Probleme. Und Suay ist auf dem Weg zu ihrer Halbschwester, um ihr was zu drücken, in die Hand nämlich, damit diese es mitnehme, wenn sie nächste Woche nach Thailand fliegt.

    Und in den Foren ist´s wie im Westen: Nix Neues...

  2.  
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  3. #2
    a_2
    Avatar von a_2

    Re: Tschernobyl

    Zum Thema Tschernobyl fällt mir ein Post ein den ich vor ein paar Wochen geschrieben hatte.

    Am 26. April 1986 explodierte im russischen Tschernobyl auf Grund eines fehlgeschlagenen Experiments der Reaktorblock 4 des dortigen Atomkraftwerks.

    Die Strahlungswolke breitete sich damals über ganz Nordeuropa aus und um den Reaktor wurden grosse Landstriche auf Jahrzehnte radioaktiv verstrahlt.

    Ungefähr 20 Jahr nach dem fatalen Zwischenfall hat sich die Russin Elena mit ihrem Motorrad, einem Geigerzähler und einer Kamera auf den weg in die verstrahlte Todeszone gemacht.

    Den auf Englisch geschriebenen und bebilderten Reisebericht findet man hier:

    Durch die Geisterstadt...

    Geisterstädte - Film

    Der komplette Bericht

    -Stefan

  4. #3
    pef
    Avatar von pef

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    3.974

    Re: Tschernobyl

    @Kali,

    welch Zufälligkeiten.
    Ich war zu diesem Zeitpunkt in Portugal und gerade auf Haifischfang, als uns ein Engländer aufklärte. :-)

  5. #4
    Avatar von karsten2

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    16.10.2003
    Beiträge
    166

    Re: Tschernobyl

    wirklich interessante Seite!!
    Danke
    Gruß
    Karsten