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Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

Erstellt von Grüner, 21.07.2008, 17:25 Uhr · 23 Antworten · 3.232 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Grüner

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    Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

    Richtige „Reisende“ - man denke an Wilhelm v. Humbold oder Maria Sybilla Merian - gibt es so gut wie nicht mehr, wie sicher nicht nur Hans Michael Hensel in gewissen Fotostrecken seines „Bangkok von Innen“ hinreichend bewiesen hat.

    Einer der letzten großen Reisenden und zugleich ein großer seiner Zunft war der 1938 in Florenz geborene und 2004 gestorbene Tiziano Terzani, der unter anderem fast 30 jahre lang für den Spiegel aus Asien berichtete. Ein eleganter, großer Herr mit Schnauzbart, am liebsten in elegantes Weiß gekleidet, der ganz selbstverständlich in Japan japanisch, in China chinesisch und in Indien Hindi lernte. Ein Reisender im klassischen Sinn. Seine Berichte zielten stets auf tieferes Verständnis und intellektuelle Erweiterung.

    Kurz, Terzani ist für mich der Inbegriff des Gegenteils der Oberflächlichkeit vieler heutiger Journalisten mit ihrem eilig zusammengeklickten Halbwissen. Auch seinen Berichten über Thailand war das immer anzumerken.

    1975 war er einer der wenigen westlichen Journalisten, die auch nach dem Abzug der US-Truppen aus Vietnam in Saigon blieben. 1984 warfen ihn die Chinesen wegen "antirevolutionärer Aktivitäten" ins Gefängnis und wiesen ihn nach einem Monat aus. 1993 verzichtete er wegen einer Prophezeiung, er werde abstürzen, auf das Fliegen und reiste per Bahn, Schiff und Taxi durch Asien und dann nach Europa. Halb glaubte er daran, halb zweifelte er, doch stürzte der UNO-Hubschrauber ab, mit dem seine Vertretung beim Spiegel nach Kambodscha unterwegs war.

    Terzani, der mit der deutschen Schriftstellerin Angela Staude verheiratet war, war ein großartiger Schreiber. Seine Bücher, darunter "In Asien", "Gute Nacht, Herr Lenin", "Fliegen ohne Flügel. Eine Reise zu Asiens Mysterien", sowie das sehr kontrovers diskutierte Buch "Briefe gegen den Krieg", in dem Terzani nach dem 11. September 2001 aus Afghanistan und Pakistan berichtete, gehören zum besten, was man sich als anspruchsvolle Urlaubslektüre an den Strand mitnehmen kann.

    Sein beeindruckendstes Werk, ja wohl sein Vermächtnis, ist aber Noch eine Runde auf dem Karussell, das auch zwei Kapitel enthält, die in Thailand entstanden sind.

    1997, mit 59 Jahren, erfährt er, daß er Krebs hat. Intensiv setzt er sich mit der Krankheit, mit sich, dem Leben und dem Sterben auseinander – und schreibt ein beeindruckendes Buch darüber.

    Zunächst wird er in New York behandelt, denn kehrt er jedoch nach Asien zurück. Reisen also, noch einmal dreht er „eine Runde auf dem Karussell“ – durch Indien, Thailand, Hongkong, die Philippinen und den Himalaya, unterbrochen von den Reisen zur Behandlung nach New York.

    Terzani fährt nach Dharamsala, er reist auch ans andere Ende Indiens, um einen Arzt zu treffen. In Hongkong begegnet er Mitgliedern der Falungong Sekte und einem Milliardär, der sein Vermögen zur Erforschung eines krebsheilenden Wunderpilzes stiftet, eine Reise nach Aschram wird zur tiefen Erfahrung; Reiki hingegen erweist sich als esoterische Schnellbleiche, und eine Darmspülungskur in einem „Wellness“ Hotel auf Ko Samui stellt sich lediglich als verlogenes Produkt von Geschäftemachern des thailändischen Massentourismus heraus.

    Lesend teilt man den Wissensdurst des Autors, der ihn schließlich zu einem Einsiedler im Himalaya führt. Denn bei dieser Reise geht es nicht um die Suche nach einem Krebsheilmittel, sondern nach Erkenntnis.

    Terzani schildert nicht nur, was er auf der Suche nach Heilung erlebt, sondern es gelingen ihm großartige Reiseberichte. Beeindruckend, wie elegant er etwa über die Mumie des in seinem Kuti vergessenen und vertrockneten und später zum finanziellen Wohle seiner geschäftemachenden Tempelkollegen auf Ko Samui ausgestellten Mönches schreibt, während der Krebs seinen Körper zerfrißt.

    Eine wirkliche Lesensfreunde bieten auch die vielen kleinen Geschichten am Rande seiner Reise.

    Terzani suchte nicht nur Heilung, sondern vor allem sich selbst. Am Ende seines Weges schreibt er in einem kleinen Wohnloch im Himalaya "Noch eine Runde auf dem Karussell". In der Rezension, aufgrund derer ich das Buch kaufte (leider habe ich vergessen, in welcher Zeitung es stand), hieß es:

    „Ein heiterer, unsentimentaler Abgesang auf diese materialistische Welt. Entspannt, ironisch, engagiert und lebensklug. Ein 700-Seiten-Vermächtnis, das zum Nachdenken anregt: über Globalisierung und Grundlagen unserer Zivilisation, über die rechte Weise zu leben und über den Tod.“

    So ist es. Ein großartiges Buch. Bei Ebay oder ZVAB ab 2 Euro.

    "Noch eine Runde auf dem Karussell. Vom Leben und Sterben"
    von Tiziano Terzani
    Verlag Droemer / Knaur, Oktober 2007
    731 Seiten, broschiert
    12,95 €
    ISBN-13: 978-3426779569

    Klaus Grüner

  2.  
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  3. #2
    Avatar von maphrao

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    Re: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

    Ich muss sagen, dass ich noch nie von ihm gehört habe, aber das klingt so interessant, dass selbst ich als lesefauler Mensch mal nen genaueren Blick draufwerfen sollte.

  4. #3
    Avatar von PengoX

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    Re: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

    Also ich habe "Fliegen ohne Flügel" von ihm vor einigen Jahren gelesen und ich fand ihn einen ziemlich unsympathischen Typen. Daher wollte ich eigentlich nichts mehr von ihm lesen.

    PengoX

  5. #4
    Avatar von Grüner

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    Re: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

    Wer bei Mutter Google den Namen des Autors und den Buchtitel eingibt, stößt auf einige lesenswerte Rezensionen, u. a. aus der Zeit, der Süddeutschen und dem Spiegel. Die besten kommen nach 2-3 Seiten.

    Fast noch interessanter fand ich seine erst posthum herausgegebenen Gedanken und bzw. Gespräche mit seinem Sohn, die er kurz vor seinem Tod aufgezeichnet hat. Zum Sterben fuhr er aus dem Himalya wieder nach Hause in die Toskana zu seiner Familie, wo er auch geboren wurde. - Das hat jetzt aber beim besten Willen keinen Thailandbezug mehr...

    Zitat Zitat von PengoX",p="611675
    ich fand ihn einen ziemlich unsympathischen Typen.
    Nachdem Du auch in diesem Forum gelegentlich Fakten mit "überheblichem Ton" verwechselst und genau deshalb auch meine Beiträge "sehr schwer zu lesen" findest, wundert mich das keineswegs.

  6. #5
    Avatar von songthaeo

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    Re: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

    Dieses Buch liegt bei mir in Chiang Dao auf dem Tisch.Ich habe es mal von einem Krebskranken geliehen bekommen.Ich habe immer noch ein wenig schlechtes Gewissen, weil ich es noch nicht zurückgegeben habe.
    Ich habe es auch erst bis zur Hälfte gelesen.Dann bin ich für geplante 2 Monate nach Deutschland gefahren.Daraus sind 12 Monate Deutschland geworden.Ich bin selbst Krebs erkrankt und Bestrahlung und Chemotherapie und Erholung des Körpers haben so lange gebraucht.Mein Wunsch war die ganze Zeit, nach Chiang Dao zurückzukehren.Wenn eine weitere Chemotherapie notwendig sein sollte, werde ich sie wahrscheinlich hier machen.Ich denke, dass ich nach Deutschland höchstens noch besuchsweise fahren werde und bin auch mit dem Gedanken vertraut, hier zu sterben.Ich möchte das jetzt noch nicht, suche aber auch keine Heilung.
    Das Buch werde ich nochmal von vorne anfangen zu lesen.Für mich war es anstrengend, es zu lesen und wird es wahrscheinlich wieder werden.Aber trotzdem oder gerade deshalb geniesse ich das Leben in Chiang Dao.Es gibt so vieles zu entdecken und ich mache hier so vieles.viel mehr als in Deutschland. :-)

  7. #6
    Avatar von Grüner

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    Re: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

    Zitat Zitat von songthaeo",p="611687
    Ich habe immer noch ein wenig schlechtes Gewissen, weil ich es noch nicht zurückgegeben habe. ... Das Buch werde ich nochmal von vorne anfangen zu lesen.
    Ich kann gut verstehen, daß das für Dich anstrengend ist. Allerdings bin ich mir ohnehin gar nicht ganz sicher, ob es im konkreten Fall der bereits vorliegenden Krankheit eine echte Hilfe ist. Ich war auch einmal nach einen schweren Unfall über zwei Jahre aus der Bahn geworfen mit zahlreichen Krankenhausaufenthalten. In der Zeit habe ich überhaupt nichts über Krankheiten und Sterben gelesen, sondern alles das noch mal, was ich schon immer wissen wollte, angefangen bei Hoimar von Ditfurth bis zu den großen klassischen Philosophen und Ketzern einschließlich Oscar Wilde.

    Wenn ich Dir ein Buch dringend ans Herz legen kann, dann Der Weg zum Glück des Literaturnobelpreisträgers von 1950, Bertrand Russell, der eigentlich Wissenschaftler (Mathematiker) war. Das Buch entstand im Angesicht des eigenen Todes, als er gegen Ende des 1. Weltkriegs wegen Deutschfreundlichkeit bzw. Hochverrats im Gefängnis saß und ihm sogar die Hinrichtung drohte (Russell sprach Deutsch, war u. a. mit Wittgenstein eng befreundet und hatte schon seine Doktorarbeit über die deutsche Sozialdemokratie des 19. Jahrhunderts geschrieben.)

    Diese großartigen alten Bücher schlagen alle heutigen Ratgeber um Längen. Mir hat es damals sehr geholfen, eine positive Grundstimmung (zurück) zu bekommen.

    Ich bewundere Leute wie zum Beispiel den früheren Cheflektor im Suhrkamp-Verlag, Walter Boehlich, die zwar großartig schreiben konnten, aber außer Zeitungsartikel ganz bewußt wenig geschrieben (oder nur herausgegeben) haben, mit dem Argument, daß die Leute doch lieber die guten alten Bücher lesen sollen, denn im Grunde ist seit den alten Ägyptern, Chinesen und Griechen usw. schon alles zig Mal gesagt.

    Kürzlich geriet mir zum Beispiel das derzeit gut verkaufte Buch "Glück!" von Wolf Schneider in die Hände. Nun gut, Schneider kann schreiben, man kennt ihn ja auch deshalb, weil er noch richtig Deutsch kann, sein Buch ist auch empfehlenswert, - aber Russell spielt einfach in einer ganz anderen Liga.

    Schöne Grüße nach Chiang Dao und alles Gute

  8. #7
    Avatar von Dieter1

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    Re: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

    Zitat Zitat von Grüner",p="611682
    Zitat Zitat von PengoX",p="611675
    ich fand ihn einen ziemlich unsympathischen Typen.
    Nachdem Du auch in diesem Forum gelegentlich Fakten mit "überheblichem Ton" verwechselst und genau deshalb auch meine Beiträge "sehr schwer zu lesen" findest, wundert mich das keineswegs.
    Das klingt ja so, als wuerdest Du Dich persoenlich angegriffen fuehlen, wenn man Deine Meinung ueber ein Buch nicht teilt.

  9. #8
    Avatar von songthaeo

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    Re: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

    Zitat Zitat von Grüner",p="611930
    Wenn ich Dir ein Buch dringend ans Herz legen kann, dann Der Weg zum Glück des Literaturnobelpreisträgers von 1950, Bertrand Russell, der eigentlich Wissenschaftler (Mathematiker) war. Das Buch entstand im Angesicht des eigenen Todes, als er gegen Ende des 1. Weltkriegs wegen Deutschfreundlichkeit bzw. Hochverrats im Gefängnis saß und ihm sogar die Hinrichtung drohte (Russell sprach Deutsch, war u. a. mit Wittgenstein eng befreundet und hatte schon seine Doktorarbeit über die deutsche Sozialdemokratie des 19. Jahrhunderts geschrieben.)

    Diese großartigen alten Bücher schlagen alle heutigen Ratgeber um Längen. Mir hat es damals sehr geholfen, eine positive Grundstimmung (zurück) zu bekommen.


    Schöne Grüße nach Chiang Dao und alles Gute
    Danke sehr.
    Ich habe mittlerweile viel über Krebs/Behandlungsmöglichkeiten etc. gelesen.Einerseits verwirrt alles sehr, andererseits bekomme ich auf diese Art und Weise etwas mehr Durchblick.
    Aber noch wichtiger ist es für mich, Freunde und auch Ärzte zu haben, mit denen ich alles durchsprechen kann.Das habe ich getan und wenig gelesen.Das Gespräch ist für mich lebendiger.
    Auch gehört es für mich dazu, in Foren darüber zu schreiben.Es ist zwar, gerade im Nittaya Forum schwierig zu schreiben, aber es geht auch.

  10. #9
    Avatar von Grüner

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    Re: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

    Zitat Zitat von Dieter1",p="592287
    (in einem anderen Thread, als ich ebenfalls aus meinem Bücherschrank zitierte)
    Voellig idiotische Aussage.
    Nachdem Du zu den anerkannten patriotischen Kennern dieses wunderbaren Landes und seiner Geschichte gehörst , dessen stets fundierte, sachliche und von tiefem Wissen des Landes gekennzeichnete Aussagen ja wohl außer Zweifel stehen, hast Du selbstverständlich auch hier
    vollkommen recht. :bravo:

    Meinen Glückwunsch deshalb auch zu Deinem bedenkenswerten Beitrag zu diesem Thema.


  11. #10
    Avatar von Dieter1

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    Re: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

    Du reagierst ja schon auf die blosse Vermutung hin angegriffen!

    Mein Gott .

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