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Tammy und das Urteil

Erstellt von moselbert, 11.12.2005, 19:44 Uhr · 99 Antworten · 5.434 Aufrufe

  1. #81
    Avatar von moselbert

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    Re: Tammy und das Urteil

    50.

    Einige Tage später saßen Michael und Kriëngsak in der Deutschen Botschaft in Bangkok in der Sathorn Road. Ihr Gesprächspartner war Herr Kuchenbecker, der schon Hans im Untersuchungsgefängnis besucht und ihm Mut zugesprochen hatte.

    „Nun ist Ihr Vater ja doch verurteilt worden, wie ich gehört habe. Also hat er doch die Tat begangen, denke ich.“ Er sprach Englisch, damit auch Kriëngsak dem Gespräch folgen konnte.

    „Hat er nicht.“
    sagte Michael scharf.

    „Dann hätte doch seine Unschuld vom Gericht festgestellt werden müssen.“

    „Herr Kuckenbecker, wie lange sind Sie schon in Thailand?“
    fragte Kriëngsak höflich.

    „Knapp zwei Jahre, warum?“

    „Vielleicht reicht diese Zeit noch nicht aus, um die kleinen Unterschiede, die zwischen ihrer und unserer Kultur bestehen, voll zu begreifen. Wie ich verstanden habe, entscheiden die deutschen Gerichte letztendlich darüber, ob die Angeklagten schuldig sind oder nicht, ob die Polizei ordentlich ermittelt hat oder nicht.“

    „Genau, dazu ist das Gericht ja da.“

    „Sehen Sie. In Thailand ist man schuldig, wenn man vor Gericht angeklagt wird. Es wird nur noch entschieden, wie sehr der Angeklagte schuldig ist. Ganz vereinzelt kann es schon mal sein, dass jemand nicht schuldig gesprochen wird. Aber das ist sehr selten.“
    Kriëngsak lächelte. „Ich darf Ihnen mal ein anderes Beispiel nennen, Herr Kuckenbecker. Wenn die Polizei einen Motorradfahrer auf der Straße anhält, weil sie denkt, er habe einen Fehler gemacht, und nach der Überprüfung stellt sich heraus, es ist alles OK, so muss der arme Motorradfahrer doch eine Strafe bezahlen. Denn irgendetwas muss er ja falsch gemacht haben, sonst hätte der Polizist ihn ja nicht angehalten.“

    „Das ist doch Quatsch.“
    warf Herr Kuchenbecker ein.

    „Ich habe selber in einer kleinen Polizeiwache angefangen und weiß wie das geht. Wenn die Papiere in Ordnung sind, ist er vielleicht zu schnell gefahren. Die Geschwindigkeit wird geschätzt, da kann man immer was finden. Oder der Auspuff ist zu laut. Oder der Fahrer hat zu laut gehustet.“

    „Das kann doch nicht sein!“

    „Na gut, das letzte ist übertrieben. Aber bei Gericht ist es ähnlich. Außerdem gibt es noch andere Sachen, die bei Gericht hereinspielen. Einfluss, Karriere, Ansehen. Die wirklichen Täter und diejenigen, die die Tat vertuschen wollen, sind im Innenministerium tätig. Sie haben einflussreiche Freunde, die Herr Dauber nicht hat. Herr Dauber hat kein Alibi. Er hätte einen Vorteil vom Tod seiner Frau haben können. Und er ist Ausländer, der nicht weiß, was hier in Thailand alles passieren kann, wenn jemand will dass es passiert. Auch ich, Herr Kuckenbecker, habe als Ermittler zunächst den Einflüsterungen aus dem Ministerium geglaubt. Inzwischen weiß ich, dass Herr Dauber unschuldig ist. Es mag sein, dass die wahren Täter sich nie verantworten müssen. Wir dürfen aber nicht zulassen, dass ein Unschuldiger leiden muss, verstehen Sie?“

    „Sie sind sich ganz sicher, dass Herr Dauber nichts getan hat?“

    „Ich bin mir ganz sicher. Viele andere sind sich auch sicher. Und einige, die es wissen, tun nichts, um Gesicht und Karriere nicht zu gefährden.“

    „Und Ihnen sind die Karriere und das Gesicht egal?“

    „Es gibt in Thailand auch noch andere Werte. Bescheidenheit und Ehrlichkeit, wie sie Buddha vorgelebt hat. Damit kann man zwar keine Karriere machen, aber ich bin in meiner Position ganz zufrieden.“

    „Ich werde mit dem Botschafter sprechen. Wie dringend ist es denn?“

    „Jeder Tag, den mein Vater nicht im Gefängnis auf die Hinrichtung wartet, ist ein gewonnener Tag.“
    antwortete Michael.

    „Ich werde dem Botschafter die Dringlichkeit klarmachen.“ versprach Herr Kuchenbecker.

    Dann entließ er Michael und Kriëngsak. Beide verließen das Gebäude.

    „Wissen Sie, was ich Ihnen schon immer sagen wollte, Kriëngsak?“ fragte Michael.

    „Sagen Sie es.“

    „Es sollte mehr Menschen geben wie Sie.“


    Kriëngsak schaute zu Boden.

    „Sie beschämen mich. Ich tue nur meine Pflicht. Lassen sie uns zurückfahren.“

  2.  
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  3. #82
    Avatar von moselbert

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    Re: Tammy und das Urteil

    51.

    Drei Wochen später klopfte Suraphand an die Bürotür von Sithorn. Nach dessen Aufforderung öffnete er die Tür und trat ein.

    „Nehmen Sie bitte Platz, Suraphand.“

    „Vielen Dank.“
    sagte dieser und machte einen tiefen Wai.

    „Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?“

    „Danke. Mir selber und meiner Familie geht es gut. Meine Tochter wartet noch auf ihren Prozess. Aber wir haben Hoffnung, dass es halb so schlimm wird, immerhin wurde sie ja von dem Deutschen zur Mithilfe verleitet.“

    „Sehen Sie, Suraphand, der Fall macht mir immer noch Kummer. Deswegen habe ich Sie auch gerufen.“

    „Warum macht er Ihnen Sorgen? Der Deutsche ist doch verurteilt.“

    „Ja, das ist es ja gerade. Ich hätte es lieber gesehen, er wäre zu einer Haftstrafe verurteilt worden, dann hätte man ihn irgendwann mal klammheimlich nach Deutschland abschieben können. Der Richter hat sich dummerweise für die Todesstrafe entschieden. Und jetzt sitzt dem Minister der Deutsche Botschafter im Nacken. Natürlich nur sinngemäß. Die deutschen Zeitungen sind auch auf den Fall angesprungen. Dadurch hat unser schönes Land leider jetzt keine gute Presse dort. Wie sich das eventuell auf die Touristenzahlen auswirken wird, weiß ich nicht. Es kommt zwar derzeit sowieso kaum einer, weil alle vor einem Tsunami Angst haben, der schon Geschichte ist, aber gerade jetzt sind solche zusätzlichen negativen Berichte Gift.“

    „Und was kann ich dabei tun? Ich arbeite in einer anderen Abteilung.“

    „Ich weiß.“
    erwiderte Sithorn scharf. „Aber Sie sind schließlich die Ursache des ganzen Dilemmas. Sie könnten zur Polizei gehen und sagen ‚Tut mir Leid. Ich war’s.’ Oder vielmehr: ‚Mein Neffe war’s’. Das wäre eine saubere Lösung.“

    Suraphand erschrak.

    Sithorn beruhigte ihn. „Das geht natürlich auch nicht, weil dann auch wieder etwas Schatten auf mich fällt. Ich habe Sie ja schließlich aus der Schusslinie genommen.“

    Sithorn nahm einen Aktendeckel aus seiner Schublade hervor.

    „Ich soll mich dem Minister gegenüber äußern, was wir machen können. Das ist zwar eigentlich auch nicht meine Abteilung, mein lieber Suraphand, aber auch dem Minister bleibt ja nicht verborgen, in welchem Stall der Elefant steht, wenn bei diesem Fall Ihre Tochter in den Akten vermerkt ist. Und von ihrer Tochter zu Ihnen, dann zu mir, und die Umbesetzungen bei der Polizei, und die Initiative vom Botschafter... Also, was sollen wir machen? Dass Sie sich stellen, kommt natürlich gar nicht in Frage. Das können Sie nicht machen, weil ich ja dann auch beschädigt bin. Also gibt es nur eine Möglichkeit. Es ist aber eine schwere Entscheidung, die Sie alleine treffen müssen.“

    Suraphand ahnte, was Sithorn von ihm erwartete.



    Fortsetzung folgt

  4. #83
    Avatar von Peter-Horst

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    Re: Tammy und das Urteil

    @moselbert

    ich bewundere Deine einfühlsamr schreibweise, Du hast die thailändische Kultur schon sehr GUT verstanden.

    Schöne Geschichte bitte WEITER so.


    Gruß Peter


  5. #84
    Avatar von Sakon Nakhon

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    Re: Tammy und das Urteil

    ...brr - gänsehaut...

  6. #85
    Rene
    Avatar von Rene

    Re: Tammy und das Urteil

    Zitat Zitat von Sakon Nakhon",p="304103
    ...brr - gänsehaut...
    aber mindestens 3 qm.

    René

  7. #86
    Avatar von moselbert

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    Re: Tammy und das Urteil

    52.

    Hans hatte kein Zeitgefühl mehr. Zwar hatten die Tage einen gewissen Rhythmus: schlafen, essen, warten, Freigang, warten, schlafen. Oder umgekehrt. Mal hatte man ihn auch mit anderen Gefangenen zusammen in eine Zelle gesteckt. Dann wieder war er alleine gewesen. So wie jetzt.

    Die Zellentür wurde geöffnet. Wieder mal ein Freigang. Aber der Wärter führte ihn in eine andere Richtung. Dann eben Besuch. Vielleicht von Michael, der schon öfter da gewesen war. Er versuchte alles, um Hans herauszubekommen. Aber je länger das Warten dauerte, desto mutloser wurde Hans.

    Der Wärter öffnete die Tür zum Besuchsraum.

    Wie erwartet stand Michael im Raum. Auch der Mitarbeiter der Botschaft war da. Dieser hatte zwar auch ab und zu vorbeigeschaut, aber zusammen waren beide noch nie gekommen.

    Michael ging auf Hans zu und umarmte ihn. Hans merkte, wie sein Sohn zitterte.

    „Was ist mit Dir? Bist Du krank?“

    „Nein, Vater. Ich bin glücklich.“
    Er zeigte in eine Ecke des Raumes. „In der Tasche dort sind Deine Sachen. Zieh Dich um. Dann fahren wir zum Flughafen.“

    „Halt mich fest, Michael. Soll das heißen ich bin frei?“
    Tränen standen in seinen Augen.

    „Das stimmt. Aber wir müssen uns beeilen. Und vor allem sollen wir kein Aufsehen erregen. Ein neutraler Wagen der Botschaft wartet unten im Hof.“

    Hinter einem heute im Besuchsraum stehenden Paravent wechselte Hans die Kleidung.

    Hans nahm seine Tasche. Die drei Männer wurden von einem Wärter auf den Hof geführt und stiegen in den Wagen ein. Hinten im Auto lagen noch zwei Koffer. Der Fahrer der Botschaft steuerte den Wagen sicher durch den Verkehr der Großstadt.

    Am Flughafen angekommen, ging Hans zunächst in einen Waschraum und machte sich frisch. Danach gab Michael ihm sein Flugticket.

    „Vom Staat bezahlt.“ lächelte er.

    „Von welchem?“

    „Von diesem hier.“


    Nachdem Michael und Hans ihr Gepäck abgegeben und ihre Bordkarten bekommen hatten, gingen sie mit Herrn Kuchenbecker zur Passkontrolle. Zunächst zeigte Herr Kuchenbecker den Grenzbeamten seinen Diplomatenausweis und ein Schreiben. Dann wurden er, Michael und Hans durchgewinkt.

    Zwischen den Geschäften des Duty Free Bereichs wurden sie von zwei Männern angesprochen. Es waren Kriëngsak und Worarut.

    „Na, sind Sie glücklich, Herr Dauber?“ fragte Kriëngsak.

    „Ja, sicher. Dumme Frage. Aber was ist nur passiert?“

    „Der König hat Sie begnadigt.“
    antwortete Kriëngsak.

  8. #87
    Avatar von moselbert

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    Re: Tammy und das Urteil

    53.

    Auf der Besucherterrasse stand eine junge Frau und sah der Thai Airways Maschine nach, die gerade mit dem Ziel Deutschland gestartet war.

    Tammy hätte sich gerne noch von Hans verabschiedet. Aber sie hatte eingesehen, dass es vielleicht besser war, es nicht zu tun.

    Am Vortage war sie in einem Tempel in der Nähe ihres Elternhauses gewesen. Ihr Vater war zum Mönch geweiht worden. Zunächst hatten ihm die Verwandten Haarlocken abgeschnitten. Dann waren die restlichen Haare von Mönchen abrasiert worden. Nach einigen weiteren Zeremonien hatte Tammy dann ihrem Vater im Tempel gegenüber gesessen. Aber es war nicht mehr ihr Vater. Und es war kein Mensch mehr, der ihr gegenübersaß. Es war ein Mönch.

    Ein paar Tage zuvor war ihrem Vater die große Ehre zuteil geworden, vom König empfangen zu werden. Dann hatte dieser sich die Geschichte angehört, die ihr Vater erzählte. Sie handelte unter anderem von einem Mädchen, das sich in einen Deutschen verliebt hatte. Und nachdem der König die Geschichte gehört hatte, hatte er ihrem Vater empfohlen, Mönch zu werden. Und er hatte ihrem geliebten Hans die Gnade gewährt, die er verdient hatte.

    Sie schaute dem Flugzeug hinterher, bis es als winziger Punkt am blauen Himmel verschwunden war. Ihr Herz freute sich und trauerte zugleich. Sie würde Hans nie wieder sehen. Aber er war wenigstens frei.


    ENDE

    © Norbert Hagemann 09.12.2005



    Erklärung:
    Die Geschichte ist frei erfunden und hat sich so nur in meinem Kopf abgespielt.
    Alles was die handelnden Personen gesagt oder getan haben, ist frei erfunden.
    Alle handelnden Personen (bis auf den thailändischen König) sind frei erfunden.

    Danksagung:
    Da ich bisher weder ein thailändischen Gerichtssaal von innen gesehen, noch eine Beerdigungszeremonie miterlebt habe, danke ich all denjenigen, die mich mit ihren Forenbeiträgen bewusst oder unbewusst unterstützt haben.

    Gerichtssaal bei:
    http://www.nittaya.de/viewtopic.php?...15&topicdays=0

    Bestattung bei:
    http://www.nittaya.de/viewtopic.php?...=0&topicdays=0
    Hier besonders Otto aus Nongkhai für die interessante Beschreibung und Bebilderung.

  9. #88
    UAL
    Avatar von UAL

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    Re: Tammy und das Urteil

    @ Norbert, :-)

    reife literarische Leistung :bravo:

    Sie würde Hans nie wieder sehen
    Da kommt mir so eine Idee...

    "Tammy und ihr Weg nach Deutschland" nur mal so als Ansatz

  10. #89
    Avatar von Sakon Nakhon

    Registriert seit
    25.09.2003
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    989

    Re: Tammy und das Urteil

    nachdem du sonst so gerne beschreibst kommt dieses ende etwas holterdipolter für mich - gut, ist ja auch schwer über den könig zu recherchieren...

    alles in allem aber ein total gelungenes werk!

    hochachtung

    MIKE & GUTEN RUTSCH

  11. #90
    Avatar von ChangLek

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    Beiträge
    4.166

    Re: Tammy und das Urteil

    .....auch sehr tiefsinnig.....

    .....vielen Dank..... :bravo: :bravo: :bravo:

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