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Siam Hinter der Bambuswand

Erstellt von x-pat, 07.11.2004, 13:44 Uhr · 6 Antworten · 1.000 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von x-pat

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    Siam Hinter der Bambuswand

    Siam Hinter der Bambuswand

    Möglicherweise finden einige Member Gefallen an den folgenden Auszügen. Sie sind aus dem Buch „Siam hinter der Bambuswand“ der deutsch-holländischen Authorin Alice M. Ekert-Rotholz. Ich hatte das Buch letzte Woche von einem Antiquar aus Deutschland bezogen. Diese Erzählung ist keine typische Reisebeschreibung, sondern die Schilderung eines Expat Daseins im Thailand der vierziger Jahre. Die Authorin verbrachte 12 Jahre in Thailand und hat sich eindringlich mit Land und Kultur auseinandergesetzt.

    Aus dem Vorwort

    Seltsames Bangkok! Es ist Traum und Wirklichkeit Ostasiens. Es ist Legende, Schönheit und ein grosser Haufen Hässlichkeit und Schmutz. Und diese leidenschaftlichen Farben, die Vielfalt der Gerüche, die Pracht der Tempel und der Paläste und die gespenstische Verwesung in den Marktwinkeln bedrängen den Europäer mit solcher Macht, dass sie ihm früher oder später ins Blut und in die erregte Phantasie dringen.

    Der ferne Osten drückt jedem Europäer seinen Stempel auf. Keiner kann sich vollständig Asiens schöpferischem und zerstörendem Einfluss entziehen. Mancher lässt sich so häuslich in den verborgenen Paradiesen östlich des Suez nieder, dass er niemals mehr nach Hause geht. [...] Die glühende Sonne –erregende und strafende Flamme! – verändert besonders den verschlossenen Nordeuropäer. Er ist leidenschaftlicher und dennoch gleichgültiger als unter dem blassen Himmel seiner Kindheit; krankhaft menschenhungrig und dabei unbeschreiblich einsam. Die ungeheure Gleichgültigkeit, die Ostasien den vergänglichen Leiden des Einzelmenschen zeigt, ergreift früher oder später die Seele des Europäers. Ind dann fehlt den Tropenländern jener mystische Optimismus, jene Kardinaltugend der Hoffnung, die der christliche Westen als edelstes Erbteil immer wieder vom Chaos in den schweren Neubeginn herüberrettet.

    In dem Masse, wie sich die Welt des Ostens dem Fremden enthüllt, vertieft sich ihm das Bild der Heimat. Im Verlauf der Jahre wird sie ihmzum Symbol der westlichen Kultur und Tradition und zum Brennpunkt seiner von Asien ignorierten Leiden und Freuden. Und trotzdem wird das Vertraute immer fremder und das Fremde immer vertrauter. Wer viele Jahre östlich von Suez verbracht hat, der belächelt den „geheimnisvollen Osten“ der Filmregisseure und der Abenteurer am Schreibtisch. Nach etwa sechs Jahren Ostasien wundert man sich nämlich über nichts mehr. Das Ungewöhnliche ist das Alltägliche geworden. Kurz und gut: Man hat im Schweisse seines Angesichts jenes Siam hinter der Bambuswand entdeckt, dass sich dem Touristen mit grossem Geschick entzieht und ihn zum Bestaunen der Kulisse verurteilt. Das Besondere an dieser Kulisse ist ihre ebenso unbekümmerte wie hintergründige Abweichung von der Realität.

    In Siam –diesem malerischen, von Staatsstreichen heimgesuchten heimgesuchten Nooch-Königreich im Herzen Ostasiens– lebt und stirbt man für andere Dinge als in Europa. Man bewahrt intelligenten und lässigen –aber keinesfalls nachlässigen– Gleichmut gegen unruhige und gefährliche Nachbarn, wie Burma und Indochina es heute sind. Man verfolgt zwei Ziele: den Buddhismus in Lehre und Tat mit allen praktischen und metaphysischen Folgerungen zu verwirklichen und – das Vergnügen. Zu unserem immer neuen Erstaunen vertragen beide Prinzipien sich sehr anmutig im siamesischem Alltag.

    Siam hinter der Bambuswand von Alice M. Ekert-Rotholz
    Erschienen beim Verlagshaus Bong & Co., München, 1953

  2.  
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  3. #2
    Rene
    Avatar von Rene

    Re: Siam Hinter der Bambuswand

    ich will mehr

  4. #3
    Avatar von Loso

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    Re: Siam Hinter der Bambuswand

    Das Buch wird regelmässig bei ebay für 3, 4 € einschl. Versand angeboten. Hab´s auch daher.
    Gruss Loso

  5. #4
    Avatar von x-pat

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    Re: Siam Hinter der Bambuswand

    Bildnis einer asiatischen Weltstadt

    Eine asiatische Weltstadt wie Bangkok lässt sich schwer mit einer Grossstadt in Europa vergleichen. Sie ist im Schema viel vager und als Anblick viel aufregender. Das heisst: ihre einzigartige Architektur steht untergeordnet und planlos im asiatischen Raum. Auch die gelegentlichen Zugaben an europäischer Baukunst vermehren den Eindruck des Zufälligen. Das Bangkoker Postamt auf der New Road, das uns unser erster siamesischer Freund voller Stolz vorgeführt hatte, blieb lange Zeit für mich ein unpassendes Stück Europa in einem hinterindischen Babel. Die grossen Regierungsgebäude im italienischen Stil machen denselben Eindruck. Doch dieser geniale architektonische Wirrwarr macht Bangkok zu einer Stadt mit tausend Städten, die sehr individuell am Menamfluss zusammenleben, die Königsstadt, die Markt- und Kanalstadt, die Chinesenstadt, das Inderviertel und die Boulevard Anlage von Rajadamnoen. Diese „Städte“ innerhalb Bangkoks sind vitale Bruchstücke verschiedener Zeitalter und Zivilisationen und werden durch anmutige Kanäle (Klongs) miteinander verbunden, beziehungsweise von einander getrennt. Der Wasserweg ist Bangkoks vorstechender Charakterzug.

    Seit den Gründungstagen bis zum Jahre 1880 gabe es in diesem Venedig des Fernen Ostens überhaupt nur Wasserwege. Nur der Königspalast und seine nähere Umgebung konnten auf trockenem Wege erreicht werden. Sonst schwamm und floss alles in Bangkok mit dem Wasser dahin, die Hütten auf den Pfählen, die sich noch heute in grosser Anzahl überall im Weichbild der Stadt befinden, die Siamesen in ihren Booten und die Früchte und die Reissäcke in den flachen Sampans. Der Schwimmende Markt ist eine charakteristische Erscheinung in Bangkok. Ich blicke oft im Morgengrauen auf die Regatta der Marktleute, die aus umliegenden Dörfern ihre Waren zum Bangrak Markt paddeln.

    [...] Übrigen wird die Wahrung der eigenen Kultur für das riesige Thailand von wenigen, meist im Ausland erzogenen Intellektuellen in Bangkok gewährleistet. Es ist die Kaste der königlichen Prinzen und der hohen Beamten, die Millionen von analphabetischen Reisfarmern und Fischern und das winzige, einflusslose Bürgertum der Städte vor den kulturellen und politischen Einflüssen von West und Ost „beschützt“. Diese massgebenden Kreise wünschen keinen Dialog zwischen den Zivilisationen. Sie zeigen allen Fremden traditionelle Gastfreundschaft und exquisite Höflichkeit, selbst wenn –wie im letzten Weltkrieg– die Fremden die siegreichen Japaner waren.

    Selbst während der japanischen Besatzung von 1942 bis 1945 hat diese erstaunliche Stadt sich durch eine innere Ordnung unversehrt erhalten. Ich erlebte diese historische Prüfungszeit in der Hauptstadt mit und habe mit eigenen Augen gesehen, wie schwer Bangkok zu „erobern“ ist. Ostasien und der Westen täten gut daran, sich klarzumachen, dass Bangkok sich zwar gebrauchen, nicht aber missbrauchen lässt. Bangkok und damit ganz Siam siegen durch ein lächelndes Dulden und starres Festhalten an der eigenen Art. [...]

    Luftballons

    Der alte Siamese mit dem Pergamentgesicht, dem geflickten Sarong und den stumpfen Vogelaugen stand vor einer Bangrak Bude mit Fleischabfällen und blickte nach Käufern aus. Sein weisses, filziges Haar hing ihm in Strähnen unter dem zerrissenen Filzhut der Bettler. (Es ist eine asiatische Kopfbedeckung, die zwischen einem Karnevalshütchen und einem zerlöcherten Reiskessel schwankt.) Die Krallenhand des Alten hielt einen Schwarm roter, grüner und gelber Luftballons, die niemand kaufen wollte. Sie flatterten wie frischgestrichene Paradiesvögel durch die staubige, von tausend Gerüchen geschwängerte Luft des Bangrak Marktes. Das Gesicht des hlabnackten Siamesen war eine trostlose Landschaft; über den Hungerfurchen und Opiumlöchern der Wangen brannten die kleinen schwarzen Schlitzaugen wie trübe Őllampen.

    „Dies ist der Verkäufer fröhlicher Kleinigkeiten“, flüsterte meine chineische Freundin. Ich hatte niemals einen trübseligeren Anblick gesehen und kaufte dem Händler einen roten, einen grünen und einen gelben Paradiesvogel ab. Ich zahlte etwa das dreissigfache was die Eingeborenen bezahlt hätten, wenn sie Luftballons in Bangrak kaufen würden. Dann schenkte ich die Ballons einem winzigen siamesischen Mädchen im langen seegrünen Pasin. Beim Anblick der „fröhlichen Kleinigkeiten“ begann das Kind bitterlich zu weinen. „Mai au“, erklärte seine Mutter und spuckte den blutroten Betelsaft ins Freie; „dek dek kin mai dai“. Das hiess, dass die Kleine die Paradiesvögel nicht haben wollte, weil man sie nicht essen konnte. Sämtliche Händler der Nachbarschaft riefen nun auch: „kin mai dai“ und lachten laut und herzlich.

    [...] Beim Verlassen des Marktes gingen wir am „Cafe zum kleinen Siam“ vorbei. Dort erfrischten sich die Händler und Käufer an Eiskaffeee und Zigaretten. Auch hörte man dort die letzten Skandale der Stadt Bangkok. Wer hockte an einem Tisch und schwenkte kichernd ein Glas mit Thai-Reis-Schnaps? Der Verkäufer fröhlicher Kleinigkeiten. Er spielte mit seinen Kumpanen eines der unzähligen, komplizierten Glücksspiele des Ostens und war fröhlicher als hundert Luftballons. Er lächelte aus vielen verschmitzten Falten und Fältchen, und seine Vogelaugen funkelten wie blankgeputzte Diamanten. Am Boden lag ein haufen toter Paradiesvögel, denen ein grinsender Rikscha-Kuli einen zusätzlichen Tritt gab. Die Ballons waren jetzt so traurig wie ihr Besitzer lustig war.

  6. #5
    Avatar von x-pat

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    Re: Siam Hinter der Bambuswand

    Wahrsager und Marktfrauen

    Der Indische Wahrsager sass in einer schattigen Marktecke bei seinen indischen Schlachtern und Papierhändlern und sagte wahr. In seinem wallenden weissen Gewand, dem rubinroten Turban und den glühenden schwarzen Augen sah er einem Propheten nicht unähnlich. Übrigens trafen seine Wahrsagungen öfters ein; denn der Inder war ein grosser Menschenkenner und verstand sich ausserdem auf die Kunst des Zuhörens. Er hörte unauffällig zu, was sich die Marktleute erzählten. Da auf dem Bangrak Markt beständig gelästert und geschwatzt wird, erfuhr der Weise aus Benares so viel über seine künftigen Kunden, dass er ihre Zukunft wie ein kunstvolles Mosaik aus den Steinchen der Vergangenheit zusammensetzen konnte. Er wusste genau, was die betreffenden Händler sich wünschten, wovon sie träumten was sie fürchteten und was sie vor den Marktleuten verbargen. Und wer das weiss, der kennt schon die halbe Zukunft eines Menschen.

    Der indische Wahrsager verkaufte auf dem Bangrak Markt auuch Horoskope (auf Abzahlung!), und einige schlaue Chinesen pflegten die Zahlungen so lange hinauszuschieben, bis die Zukunft sie so oder so belehrt hatte. In solchen Fällen veranstaltete der Weise aus Benares eine kleine, kostenlose Schlangenbeschwörung und der fette, lächelnde Chinesenherr bezahlte sein Horoskop so schnell, als ob ihm der Gott Vishnu wie ein gefährlicher Tiger im Nacken sässe. Der Wahrsager war mit den Jahren ein reicher Mann geworden und beschäftigte jetzt fünf bis acht „Lauscher“ auf dem Bangrak Markt, die ihm allabendlich das Material über neue Kunden lieferten. Für unbrauchbare Einzelheiten zahlte der Meister mit einem bösen Blick... Aber sein Unternehmen blühte trotz kleiner Fehlschläge; Fischweiber und Kohlenkulis freuten sich zu erfahren, wie günstig ihre Zukunft gegen die trübselige Gegenwart abstechen wird. Wenn sie das Trinken und das Glücksspiel lassen könnten, so riet ihnen der Prophet – würden sie reiche Leute werden und könnten täglich Fleisch essen. Mit dieser kleinen Einschränkung sicherte er sich gegen die Zukunft jener unverbesserlichen Kunden. [...]

    Manchmal, wenn die Dämmerung über die glühende Stadt am Menam Fluss sinkt, erwirbt der Bangrak Markt den geisterhaften und dekorativen Realismus eines Goya Bildes. Eine dämonische Unrast beherrscht die riesige Markthalle und die Strassenbuden. Das Licht scheint greller und die Schatten sind düsterer. Auf dem feuchten Schmutzboden des Marktes brennen die Tropenfrüchte in leidenschaftlichem Glanz; die roten Sossen in den grünen Porzellanschälchen flimmern wie Blutstropfen, und die Silberfische auf schneewiessem Speck und bläulichem Eis leuchten magisch und verrottet durch dämmrige Lichtschleier.

    Philip Hendy schreibt in seiner Studie über Goya, dass der spanische Maler seine „Caprichos“ mit entsetzter Neugier und „empörtem Mitleid“ aufgezeichnet habe. Diese Stimmung befiel mich regelmässig, wenn ich den Bangrak Markt in der Abenddämerung besuchte.

    In einer Seitengasse bei der grossen Halle hockten die „Drei Parzen“ unter einem durchlöcherten Zelt und taten, als ob sie Ingwer, Eier, und Curry verkauften. In Wirklichkeit schwatzte und rauchte das gespenstische Trio von morgens bis Mitternacht und spann dabei Schicksalsfäden. Die erste Parze hatte traurige aber tückische Asiatenaugen. Das starre, weitaufgerissene rechte Auge ist grösser als das linke Auge und durchschaut die Geldtaschen und Geheimnisse der Händler und Kunden.

    Die zweite Parze flüstert ihren Gefährtinnen lustige Dinge zu und ist die Neugierde in Person. Nichts entgeht ihren schrägen, unersättlichen Blicken. In diesen Augen funkelt ein zynisches Wissen um menschliche Torheit und Schwäche. Selbst wenn die zweite Parze einige Eier in Palmblätter packt, tanzen ihre Blicke wie Flammen. Die Gier nach wilderer Lustigkeit, nach Laster und Elend, berauscht diese alte Markthexe wie unverdünnter Reiswein. Sie hat überall auf dem Bangrak Markt Opfer, die ihr Geld für ihr dunkles Mitwissen zahlen müssen. Viele Markthändler und Händlerinnen des Ostens haben solche seltsamen Einnahmequellen. Sie sind Stellenvermittler, die Prozente vom Gehalt des „Fussbodenkuli“ oder der Waschfrau beziehen; sie verkaufen Lotterielose, Geheimnisse, Lebensmittel, Opium und Kinder. Der Kinderverkauf geht undramatisch vor sich. Viele alte Siamesinnen auf dem Markt werden von kleinen oder halbwüchsigen Mädchen begleitet, die sie von einer armen Familie gekauft haben. Ein solches Mädchen ist Tochter, Hausangestellte und wird in der Regel eine ergebene Alterstütze. Sehr oft hat es sie bei der „Tante“ besser als zu Haus. Manchmal auch nicht. Im übrigen kauft man im Fernen Osten auch Mädchen zu Unterhaltungszwecken. Selbstverständlich sollen sie nicht der eigenen Unterhaltung dienen, sondern werden Taxi-Girls, Singmädchen, Bardamen, oder Prostituierte.

  7. #6
    Avatar von PengoX

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    Re: Siam Hinter der Bambuswand

    Hallo

    Ich habe mir das obige Buch auch vor ein paar Jahren auf Ebay gekauft und fand es recht gut.
    Wer es durch hat sollte sich mal 'Reis aus Silberschalen' anschauen (gibts spottbillig bei Amazon). Es geht darin um eine Hamburger Kaufmannsfamilie die Anfang der 50er in Bangkok Geschäfte macht. Das ganze ist zwar ein Roman aber es wurde sehr viel Wert auf eine darstellende Erzählweise gelegt. Das Buch wurde auch Anfang der 50er Jahre geschrieben und bekommt schön die Stimmung mit die durch die latente Bedrohung durch die Kommunisten in Indochina entsteht.

    PengoX

  8. #7
    Avatar von x-pat

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    Re: Siam Hinter der Bambuswand

    Opium

    Fast alle unsere Diener und Dienerinnen, Köche, Chauffeure, Waschfrauen, Fussbodenkulis, Gärtner, und was der Osten sonst noch dem Europäer an Personal auferlegt, rauchten Opium, gerieten in Schulden, wurden abwechselnd gesprächig, rauschhaft lustig, unverschämt, übertrieben demütig, und manisch niedergeschlagen. Manche zeigten im Opiumrausch Anflüge von Gewalttätigkeit, die ihrem höflichen, sanften Wesen nicht entsprachen. Alle unsere Siamesen, Malaien, oder Chinesen traten den Dienst in nüchternem Zustand und in sauberer, ungeflickter Kleidung an und verfielen langsam aber sicher dem Opiumzustand, nachdem die ersten Gehälter ausgezahlt worden waren. Nach einer Reihe von Jahren kannte ich alle Symptome... Die sieben Inkarnationen der Posato-mani der indischen Legende.

    Der Verfall beginnt mit der Bitte um Vorschuss des Gehalts (etwa drei Monate im Voraus) und endet nicht selten mit Einbrüchen. Nicht, dass die Opiumsüchtigen gern ihre Brotgeber bestehlen – manche sind durchaus treue und anständige Hausgenossen –, aber die Opiumhändler lassen ihnen keine Ruhe und zwingen sie zu Einbrüchen, um einen Teil des Wuchergeldes zu erhalten. Manchmal gab es einen schweren Abschied von ehemals ausgezeichneten und treuen Angestellten.

    „Sa-aat“ ware eine hübsche, saubere, gute Köchin gewesen. Ein Lao-Mädchen aus Nord-Siam. Sie hatte mit unserer Erlaubnis ihre Mutter und zwei halbwüchsige Söhne im „Dienstbootenhaus“ am Ende unseres grossen Gartens untergebracht. Alles war monatelang in schönster Ordnung, bis Sa-aat wieder dem Opium verfiel. Danach lagen Mutter und Tochter stundelang halb betäubt auf den Bambusmatten und sogen die Reste der Droge ein. Die Söhne verwilderten und rauchten die letzten Reste. Die Frauen gaben das tägliche Marktgeld für Opium aus und lieferten „garnierte Abfälle“ zu unseren Mahlzeiten. Minderwertige Nahrungsmittel, die sie für wenige Satangs (Pfennige) auf dem Markt gekauft und in aller Hast zubereitet hatten. Unsere Fischvergiftungen und Magenverstimmungen nahmen bedenkliche Formen an. Warum entliessen wir die Familie nicht sofort? Wir hatten schon zu lange im Osten gelebt, um Diener vor die Tür zu setzen. Racheakte, die jeder Beschreibung spotten, sind die Folgen eines solchen Schrittes. Wenn das letzte Stadium erreicht ist, wenn die opiumsüchtigen Diener arbeitsunfähig und hoffnungslos verschuldet sind, dann verschwinden sie von selbst. Sie verstecken sich dann entweder in ihren Reisdörfern oder irgendwo in Bangkok. Nach Monaten erscheinen sie dann bei ihrer früheren Herrschaft. Sie sind wieder nüchtern, nett gkleidet und bietem mit strahlendem Lächeln ihre Geschenke auf einem Tablett: Früchte, das Lieblingsgebäck, kunstvoll gebundene Blumenketten. Sie haben sich irgendwie aus der Klemme gezogen, haben alles –auch ihre Diebstähle– vergessen, und möchten wieder dorthin zurück, „wo sie glücklich waren“. Einmal nahmen wir einen alten chinesischen Koch zurück. Wir sollten es bitter bereuen. Das Opiumrauchen begann bereits nach vierzehn Tagen. Der Händler, der den Alten wieder sicher im Dienst wusste, hatte ihm sofort Opium auf Vorschuss geliefert.

    Das Ende von Sa-aat kam schnell. Die Familie verliess uns von selbst, wie wir es erwartet hatten. Zerlumpt, ungekämmt; mit einer ungeheuren Schuldenlast beim Bäcker, beim Hühnerhändler, beim Kohlenkuli. In ihren Augen glitzerte die tyipsche Mischung von dumpfer Verzeiflung und Rebellion. Sa-aat und ihre Mutter hatten schon allerhand kleinere Haushaltsgegenstände versetzt; sie waren Diebe, Lügner, Faulenzer, und Verfolgte geworden. In den letzten Wochen die sie bei uns vegetierten, hatte sich ein düsterblickender Chinese wiederholt ins Dienstbotenhaus geschlichen, und ein Höllenlärm, der bis zu unserer Veranda drang sprach nur zu deutlich von der Anwesenheit eines Opiumhändlers, der sein Geld für die Lieferung illegaler Träume verlangte. Endlich schlichen die beiden Frauen und die halbwüchsigen Söhne sich um fünf Uhr früh unter Mitnahme einiger versteckter Teller und Tassen im strömenden Regen davon.

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