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Po Jai In - Opa In

Erstellt von Kali, 15.08.2003, 12:03 Uhr · 1 Antwort · 792 Aufrufe

  1. #1
    Kali
    Avatar von Kali

    Po Jai In - Opa In

    ผอ่ใหณูอิน po jai in - opa in


    Nein, dies ist nicht die Geschichte – nur eine Impression - von Opa In, dem alten Mann im Nachbarhaus in Ban Tab Kung, der im Sterben lag, es sich aber im März ´01 nicht nehmen liess, von seinen Kindern aufgerichtet, mir Glück zu wünschen, mir ein Glücksbändchen um den Arm zu binden, damit ich gut nach Hause käme, und dass es gut mit uns ginge, mit Suay und mir.
    Ich hatte ihn nie gesehen, aber er mich, ich wusste nur, dass er da war, existierte, immer noch, auch dass er im Sterben läge. Doch ich spürte seine Nähe, so, wie er da lag, auf der Matte, im Nachbarhaus in Ban Tab Kung. Umgeben von seiner Familie, von denen immer einer da war, um ihn zu pflegen, ihn zu füttern, und die ihn teilnehmen liessen am Leben derer, die noch nicht krank, noch nicht verfallen und den Neubeginn vor Augen. Auch der Fernseher lief, die Kinder spielten und die Eheleute stritten sich. Er war nicht gut auf seine Tochter zu sprechen, die sich einen Mann genommen, klein und zart, der zwar arbeiten konnte, aber zu was taugte er sonst noch? Ständig betrunken, nicht bösartig, hilfsbereit, er liebte seine Frau – auf seine Art. Doch was hatte sie ihm angetan, die Tochter, mit diesem Mann, der kein Geld, der also nichts taugen konnte?

    Wenn das Fenster morgens aufgemacht wurde, im Nachbarhaus, dann wusste ich, er war wach geworden, Opa In, unfähig zu gehen, und ich spürte förmlich, ohne zu sehen, wie er aufgerichtet wurde, von den Kindern, damit man seine Wunde, die offene, pflege, vom Bauch li unten um den Körper bis zum Rücken in der Mitte. Auch ein Sohn, bei einem ´mO: pi:´ – Geistdoktor – in die Lehre gegangen, kam zwei Mal am Tag, und sagte was mit ernster Miene, und zerkaute was, mit den Zähnen nämlich. Und dann versprühte er das, was er zerkaut, auf die Wunde, in hohem Bogen. Und dann sagte er wieder wieder was. Wie lange er noch lebe, Opa In, wollte ich von Suay wissen: "Nicht mehr lange, vielleicht 10 Tage, vielleicht noch 14, wer weiss." Und wenn das Fenster wieder geschlossen wurde, dann wusste ich, ohne zu sehen, dass er wohl schlafen wollte, inmitten seiner Familie, die sich um ihn kümmerte, den alten, jetzt 80-Jährigen, er ist einer von ihnen, man kann ihn nicht einfach allein lassen.

    Und der Fernseher lief, die Kinder spielten, und die Eheleute stritten sich. Und auch der Schwiegersohn, der ungeliebte, wurde langsam ruhiger, träumte seine vom Alkohol gespendeten Träume.

    Ich denke, dass auch Opa In spürte, dass er da war, der Farang, der Zukünftige von Suay, der ungeliebten Tochter seiner Nachbarin, die ihm aber zu Essen brachte, die sich kümmerte ihm ihn, der den Neubeginn vor Augen, der nicht mehr gehen konnte, und der das verkörperte, was ein Teil der Wahrheit, der Erkenntnis ist.
    Was er wohl denken mag, der weisse Mann aus der Ferne, der sich eine Frau nimmt, eine arme, aus einem Land, das so heiss, das den Menschen im Dorf das Leben nicht leicht macht. Wie er wohl sein mag, ob er´s ehrlich meint mit der Frau, die ihn nicht aus den Augen lässt, weil sie um ihn fürchtet, die Mopeds und Autos fahren ja so verrückt, und andere Frauen sehen ihn auch mit diesem Blick an, dass ihm nichts passiere, jetzt, wo sie zusammen bleiben wollen? Er wird sie vermissen, Suay, die kleine Nachbarin, die ungeliebte Tochter ihrer Mutter, aber er gönnt es ihr, dass sie noch ein wenig Glück habe. Und er ist sicher, dass Buddha sie auch in der Ferne nicht vergessen wird. Und er denkt über sein eigenes Leben nach, ob er auch genug tham bun geleistet, damit es besser werde, das nächste, der Neubeginn.

    Nach ein paar Monaten in D fragte ich Suay, wann er gestorben wäre, Opa In. "Gestorben ? Nein, der ist fast wieder gesund, geht wieder mit einer Stütze draussen spazieren" Sprach´s und wandte sich wieder ihrem Som Tham, dem Tagesgeschehen, zu.
    Heute morgen erzählte sie, so ganz nebenbei, dass es ihm sehr schlecht ginge, Opa In, er könne nicht mehr laufen. Er wird wohl bald sterben, so in 10 Tagen oder 14. Und ich sehe ihn vor mir, wie ich ihn im Dezember ´02 gesehen, wie er draussen spazieren ging, mit seinen Gehhilfen, und wie er seinen Körper vor der Sonne schützte, indem er sich in den Schatten vor´s Haus legte. Und er grüsste freundlich wieder, wenn ich ihn grüsste, mit diesem entrückten Gesichtsausdruck, so, als ob er auf irgendetwas warte, das vermutlich bald eintreten würde.

    Und so hab ich´s gesehen, das, was Wahrheit ist, das alles vergänglich ist, dass er verfällt, der Körper, unansehnlich wird, dass er krank wird, dass man ihm letztendlich nicht mehr helfen kann, dass es unaufhaltsam, mit konsequenter Boshaftigkeit, sich dreht, das Rad des Lebens. Und ich habe auch die Menschen gesehen, die Kinder, die spielten, die Eltern, die sich stritten, den ungeliebten Schwiegersohn mit seinen alkoholischen Träumen, den geliebten Sohn, der glaubte an das, was ihm der mO: pi: beigebracht.
    Und ich hab´s begriffen, dass ich mich selbst oft zu wichtig nehme, in diesem Leben, in dem ich´s auch hier sehen kann, wenn ich mich umschaue, den Teil der Wahrheit, den Fluss der Zeit, die Vergänglichkeit...

  2.  
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  3. #2
    Iffi
    Avatar von Iffi

    Re: Po Jai In - Opa In

    Hi Kali,

    Das Leben hat dir durch das Angesicht des Sterbens einen Hinweis gegeben und deine Reflektionen darüber sind durchaus sympatisch.

    Nur, auch ein Sterbender ist auf Grund der Tatsache seiner augenblicklichen Tätigkeit, nämlich des Sterbens, nicht besser oder schlechter, als jeder andere.

    Er geht nur gerade einer ganz normalen Tätigkeit nach.

    Aber in einem gebe ich dir Recht. Wahre Grösse zeigt sich oft im Angesicht des eigenen Leids. Wer es nämlich schafft, sich trotz der eigenen Pein jemand anderem zuzuwenden, dem gebührt Anerkennung.

    In diesem Sinne finde ich deinen "Opi" echt cool. Der hat's echt drauf gehabt.