Seite 4 von 5 ErsteErste ... 2345 LetzteLetzte
Ergebnis 31 bis 40 von 45

Nagaland

Erstellt von moselbert, 06.12.2004, 18:51 Uhr · 44 Antworten · 2.080 Aufrufe

  1. #31
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Nagaland

    XIV

    Am nächsten Tag fuhr uns Tassawans Vater in die Stadt. Es war nicht mehr lange hin bis zum Vollmond.

    „Es ist schon viel mehr Trubel als sonst. Das wird bis zum Vollmond noch schlimmer.“ sagte er.

    Er setzte uns in der Stadt ab. Tassawan fungierte als unsere Fremdenführerin und Dolmetscherin. Ein paar Brocken Thai hatten wir zwar vor der Reise gelernt. Allerdings redeten die Menschen hier an der Grenze in einem Dialekt, der eher dem Laotischen ähnelte. Beide Sprachen waren zwar miteinander verwandt, und wir hätten uns sicher auch irgendwie durchgeschlagen, aber in Begleitung einer Einheimischen tat man sich doch wesentlich leichter.

    Peter wollte bei der Polizei fragen, ob man im Mekong tauchen konnte. Wir gingen zur Wache die Meechai Road entlang. In der Dienststelle lächelte uns der Chef der Behörde freundlich an.

    „Es tut mir Leid, tauchen ist nicht gestattet. Die Grenze, wissen Sie?“

    „Wir wollen ja nichts schmuggeln oder illegal ausreisen. Wir wollen wegen der Nagabälle tauchen.“

    Er wiegte den Kopf. „Das bringt Unglück. Sie könnten eventuell die Naga stören. Sie dürfen gerne die Nagabälle fotografieren. Es sind so viele Touristen hier, die auch fotografieren. Kein Problem. Aber tauchen. Im Fluss werden Sie sowieso nicht viel sehen, er ist ganz schlammig um diese Zeit.“ Er wiegte wieder den Kopf hin und her und schien nachzudenken. „Außerdem werden sie hier niemanden finden, der Ihnen eine Taucherausrüstung leiht. Wir sind ja nicht auf Samui.“

    „Wir sind entsprechend ausgestattet.“ sagte Peter.

    „Bei gewissen Voraussetzungen könnte es allerdings sein, dass es eventuell möglich wäre, dass Sie unter Aufsicht der Behörden einen Tauchgang machen können. Allerdings nicht am Vollmond, wenn die ganzen Touristen da sind.“

    „Welche Voraussetzungen wären das?“

    „Sie könnten der Polizei eine wohltätige Spende überlassen.“ sagte der Amtschef.

    Wie oft hatten wir das auf unseren Reisen schon erlebt. Geld öffnete so manche verschlossenen Türen. Über die Höhe der „Spende“ waren wir uns bald einig geworden. Die Behörden würden Beamte abstellen, die uns zwei Tage nach Vollmond begleiten würden. Wir mussten dann nur selber tauchen.

  2.  
    Anzeige
  3. #32
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Nagaland

    XV

    Tassawan führte uns weiter durch die Stadt. Wir kamen an einem Markt an.

    „Früher fuhren hier die Fähren nach Laos ab. Jetzt sind die Grenzbehörden an der Freundschaftsbrücke.“ erklärte sie. „Hier ist jetzt ein großer Markt mit allerlei Krimskrams. Auch Schmuggelware ist darunter. Die Polizei hat jedoch ein waches Auge auf die Schmuggler. Wer allerdings etwas spendet, hat nichts zu befürchten.“

    Wir schauten uns an, was es so zu kaufen gab. Ich machte einige Fotos, denn zu einem Bericht über die Bälle gehörte auch etwas Ambiente rund herum. Und wer wusste schon, wie leuchtende Gasbälle in der Nacht später auf den Fotos rüberkamen. So hatten wir wenigstens farbenfrohe Aufnahmen. Auf der Straße hatten sich Losverkäufer niedergelassen. Es ging auf Monatsende zu und am Dreißigsten war wieder eine Ziehung, wie Tassawan erklärte. Ich kaufte ein Los, vielleicht hatte ich ja Glück. Peter hielt das allerdings für rausgeschmissenes Geld.

    Tassawan hielt den Fahrer eines kleinen dreirädrigen Gefährts an. Es war eines der typischen „Taxis“ in dieser Gegend. Sie setzte sich hinten auf eine der Bänke. Wir kletterten ebenfalls hinein, hatten aber größere Schwierigkeiten, denn die Gefährte waren nicht für große Europäer gebaut.

    „Wo soll’s hingehen?“ fragte ich.

    „Zu einem sehr hübschen Tempel, nicht weit von unserem Haus. Er heißt Sala Kaeo Ku oder auch Wat Khaek. Khaek ist unsere Bezeichnung für Ausländer aus dem indischen oder arabischen Raum. Während die weißhäutigen Ausländer Farang genannt werden. Im Wat Khaek gibt es viele Abbildungen hinduistischer Götter.“

    Etwa einen Kilometer nachdem wir an Tassawans Haus vorbeigekommen waren hielt der Fahrer an und ließ uns aussteigen. Wir gingen hinein. Seltsame Musik empfing uns. Ein weiterer Europäer machte gerade ein paar Fotos. Wahrscheinlich auch ein Tourist. Wir kamen ins Gespräch.

    Er sagte, dass er hier in Nongkhai schon einige Jahre leben würde. Allerdings kurz bevor der Trubel um die Nagabälle so richtig losgeht, würde er immer Fersengeld geben und sich lieber ans Meer nach Pattaya oder nach Bangkok begeben. „Früher in Köln habe ich das Rosenmontag auch immer so gemacht.“ Er wünschte uns viel Erfolg und verschwand.

    Auch ich fotografierte einige schöne Motive.

  4. #33
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Nagaland

    XVI

    Etwas später standen wir nicht weit vom Haus der Familie Tassawans zu Dritt am Ufer des Mekong und schauten auf den breiten Strom.

    „Ziemlich braune Brühe.“ bemerkte Peter.

    „Ja, mit den Unterwasseraufnahmen wird das wohl nichts.“ antwortet ich.

    Am anderen Ufer lag Laos. Das Land war noch wesentlich weniger erschlossen als Thailand. Dünner besiedelt. Es gab noch viel mehr ursprüngliche Vegetation.

    „Ich habe schon wieder eine Idee für einen Bericht.“ sagte Peter zu mir.

    „Wir haben diesen hier noch nicht mal beendet.“ lachte ich. Typisch Peter. Immer hatte er neue Ideen, war rastlos und voller Tatendrang. Ich hingegen hatte auch gerne mal eine gewisse Zeit ein ruhiges Plätzchen, wo ich die Seele baumeln lassen konnte. Und immer öfter dachte ich dabei an Tassawan.

    „Im Grenzgebiet zwischen Laos und Vietnam soll es seltene Tiere geben, die noch kaum je ein Mensch gesehen hat. Vor wenigen Jahren hat man sogar eine neue Rinder- oder Antilopenrasse entdeckt. Ich merke mir das mal vor.“

    „Vielleicht gibt es auch unbekannte Schlangen.“ bemerkte ich.

    „Mit Sicherheit.“ Er schaute mich an. „Aber keine mehrköpfigen. Aber Du hast mich da auf eine Idee gebracht. Ich muss mir noch etwas durch den Kopf gehen lassen. Kommt Ihr mit?“

    Ich sagte, ich wollte mir noch den Sonnenuntergang anschauen.

    „Irgendwie bis Du ein Träumer. Aber Du machst schöne Fotos. Und Du hast Glück, dass ich dabei bin. Ich bin für die Sachlichkeit zuständig. Bis nachher.“ Er verschwand in Richtung Haus.

    Ich saß neben Tassawan am Ufer des Flusses und sah wie die Farben sich allmählich veränderten. Ein rötlicher Schimmer legte sich über die Landschaft und die paar Wölkchen, die langsam über den Himmel zogen.

    „Es ist schön hier, nicht?“ Ihre Stimme holte mich aus meinen Gedanken.
    Ich sah sie an.

    „Ja. es ist sehr schön hier. Und Du passt hier wunderbar hin. Weißt Du, dass Du auch sehr schön bist? Es ist wie im Traum hier. Gerne würde ich manchmal die Zeit anhalten. Jetzt ist so ein Moment.“

    „Weißt Du, dass Du wunderschöne Geschichten erzählen kannst?“ fragte Tassawan zurück. „Ich mag Männer, die noch träumen können.“

    Wir rückten näher zusammen und schauten uns tief in die Augen. Wir wussten beide, dass wir an einem entscheidenden Punkt angekommen waren. In diesem Moment änderte sich so einiges in unserem Leben.

  5. #34
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Nagaland

    XVII

    In den nächsten Tagen war in Nongkhai förmlich die Hölle los. Menschenmassen waren auf den Beinen und warteten auf das große Ereignis. Zudem war das Ende der Buddhistischen Fastenzeit. Den Mönchen wurde tagsüber in den Tempeln der Stadt geopfert. Tassawan tat dies mit ihrer Familie ebenfalls. Essen und Gewänder für die Mönche. Alles war sehr stimmungsvoll. Etwas störten die gelben Plastikeimer mit Zahnbürsten, Kaffee und Toilettenpapier, die in den Geschäften angeboten, von den Gläubigen gekauft und dann den Mönchen im Tempel ebenfalls übergeben wurden. Aber auch das gehörte dazu.

    Abends versammelten sich die Menschen dann etwas außerhalb der Stadt am Flussufer. Es gab bestimmte Stellen, wo in den vergangenen Jahren verstärkt solche Erscheinungen beobachtet worden waren. Wir saßen in der Menschenmenge und warteten gespannt. Düfte von Gegrilltem und Gebratenem zogen über den Fluss. Auch wir hatten uns einige Spießchen mit Fleisch oder Mettbällchen gekauft. Ich saß sozusagen Fotoapparat im Anschlag. Die Feuerbälle ließen aber auf sich warten. Und so machte ich Fotos von den Menschen.

    Nach ein paar Stunden schließlich konnte man einige Leuchterscheinungen in größerer Entfernung erahnen. Wahrscheinlich hatten wir hier doch nicht den richtigen Platz.

    „Sonst ist es mehr.“ meinte Tassawan.

    Irgendwann sahen wir dann eine dieser Feuerbälle in größerer Nähe. Ich fotografierte zwar, allerdings glaubte ich nicht daran, dass viel auf den Fotos zu erkennen war. Es war halt kein Feuerwerk wie in den Herrenhäuser Gärten in Hannover, sondern erinnerte mich eher an die zarten Flammen des Elmsfeuers.

    Ich musste zugeben, ich hatte mir mehr davon versprochen. Peter auch. Tassawan war allerdings sehr erfreut, dass sie wieder ein Zeichen von Naga gesehen hatte.

  6. #35
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Nagaland

    XVIII

    Zwei Tage später hatten sich die Touristen wieder auf den Heimweg gemacht. Wir hatten inzwischen der Polizei eine kleine Spende übergeben. Zwei Beamte hatten uns zu einer kleinen Flussbiegung begleitet. Ich hatte mich in den Taucheranzug gezwängt und die Flaschen umgelegt.

    „Und Du willst tatsächlich da rein?“ fragte Tassawan

    „Ja sicher. Das ist ja kein Problem. Ich bin mit einem Seil hier am Auto festgebunden. Ich muss dann nur wie ein Pendel vom Ufer in die Mitte, ein paar Proben entnehmen und dann wieder zurück. Ich habe ja vier Leute, die aufpassen.“

    Peter hatte das Seil an der Anhängerkupplung des Wagens befestigt. Ich knotete mir das andere Ende um die Hüfte.

    „Den Fotoapparat brauche ich nicht. Die Brühe ist so schlammig, dass man eh nichts sehen würde.“

    „Das macht nichts.“ sagte Peter. „Wir haben ja schon genug Aufnahmen von den Menschen und ein paar von den leuchtenden Blasen gemacht. Das ist zwar nicht ganz so geworden wie gedacht, aber so was hat man in Deutschland noch nie vorher gesehen. Das werden wir groß herausbringen. Mit dem entsprechenden Text versehen.“

    „Pass auf Dich auf.“ sagte Tassawan und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

    Ich ließ mich ins Wasser gleiten. Die Strömung zerrte an mir. Das Seil hielt. Einen Taucheranzug hätte ich zwar eigentlich nicht gebraucht, denn das Wasser war nicht kalt. Aber ein Schutz war dennoch sinnvoll, denn im Fluss gab es viele Steine und Felsen. Und die Neoprenhaut konnte einiges ab. Auch hatte ich das Tauchgerät angelegt. Ein Schnorchel hätte es bei einem ruhigen Gewässer sicher auch getan, Aber bei diesem wilden Wasser wären vielleicht Spritzer in den Schnorchel gelangt, die ich dann eingeatmet hätte. Sicher war sicher.

    Ich arbeitete mich so gut es ging in Richtung der Flussmitte vor, wo wir vor zwei Tagen die Blasen hatten aufsteigen sehen. Unter Wasser war auch jetzt am Tage kaum etwas zu sehen. Ich tastete mich am Grunde entlang. Es war nicht leicht, die Richtung einzuhalten, denn das Wasser zerrte doch gewaltig. Das Seil aber war stramm und hielt. Ich hatte einen Beutel umgehängt, in dem ich auch einige Probenfläschchen aus Plastik verstaut hatte.

    Bald schon wusste ich nicht mehr, ob ich in der Mitte des Flusses war oder am Rande. Ich hatte völlig die Orientierung verloren. Aber es war bei dieser Strömung sowieso egal, wo ich die Proben nahm. Ich öffnete ein Fläschchen und gab etwas Sand hinein. Ich buddelte ein bisschen weiter. Ich fühlte einige Steinchen, kleine und große. Kein Hinweis auf irgendwelche Löcher im Boden, aus denen es blubberte. Es war ein ganz normales Flussbett.

    Irgendetwas berührte mich. Ich erschrak. Dabei war es nur ein Ast. Ich versuchte ihn abzustreifen. Allerdings war es wohl doch noch mehr als ein Ast. Ein ganzer Baum schien im Mekong zu treiben. Dummerweise hatte er sich im Seil verfangen. Ich versuchte das Seil und ihn wieder zu entwirren. Aber der Baum strebte weiter mit der Strömung und sein Ziel war es offenbar, möglichst schnell in Richtung Meer zu gelangen. Leider hatte sich ihm jetzt dieser komische Farang mit seinem Seil in den Weg gestellt.

    Ich arbeitete weiterhin an der Auflösung des verwirrenden Durcheinanders von Zweigen und Seil.

    Aber das Seil war anscheinend auf so eine zusätzliche Last nicht vorbereitet. Das Seil riss.

    Ich bekam es jetzt doch mit der Angst. In dem schlammigen Wasser konnte ich kaum etwas erkennen. Die Strömung trug mich gegen einen im Flussbett liegenden Felsbrocken. Ich verlor für das Bewusstsein.

  7. #36
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Nagaland

    XIX

    Als ich wieder aufwachte fand ich mich am Eingang einer Höhle am Ufer. Ich schwamm hinein, denn die Strömung war dort wesentlich ruhiger als im Fluss. Ich wollte mich von dem Schreck erholen. Wie weit mochte ich abgetrieben worden sein? Ich betastete mich. Der Kopf brummte etwas, sonst tat mir nichts weh. Den Beutel hatte ich noch um, allerdings waren die Probenfläschchen von der Strömung abgetrieben worden.

    Ein Kanal führte mich nach oben. Ich tauchte auf. Ich war in einem unterirdischen Tümpel gelandet.

    Es war natürlich dunkel. Aber aus einer Ecke der Höhle kam etwas Licht.

    Wahrscheinlich ging es dort ins Freie, dachte ich. Na, da hatte ich ja noch mal Glück gehabt. Die Höhle war hoch genug, dass ich mich aufrecht bewegen konnte. Die Flossen hinderten mich etwas am Gehen. Ich watschelte um eine Ecke. Die Höhle weitete sich plötzlich. Das Licht kam nicht von draußen, wie ich sah, sondern von schimmernden Steinen an den Wänden.

    „Hallo Fremder.“ sagte jemand. Ich sah niemanden. Ich konnte auch nicht erkennen aus welcher Richtung die Stimme gekommen war. Fast schien es, als sei sie in meinem Kopf entstanden.

    „Endlich besucht mich mal wieder jemand. Erschrick aber bitte nicht.“

    Ich war viel zu verwirrt um erschrocken zu sein. Die Stimme schien immer noch aus meinem Kopf zu kommen.

    „Bist Du stumm?“ fragte der Unbekannte. „Tritt ruhig näher.“

    „Ich kann mich hier unten schlecht orientieren. Wo sind Sie?“

  8. #37
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Nagaland

    XX

    „Hier. Entschuldige, kleines Wesen. Ich vergesse immer wieder, dass ich mit Euch nicht telepathisch reden sollte.“ Jetzt merkte ich, dass die Stimme von vorne links kam.

    Und da sah ich im Dämmerlicht ein wirklich phantastisches Lebewesen. Es fiel zwischen den schimmernden Steinen in der Wand kaum auf. Obwohl es sehr groß war. Es war bestimmt 4 bis 5 Meter lang und schlangenförmig, mit bunten Schuppen besetzt. Der Körper hatte einen Durchmesser von einem halben Meter. Der vorderste Teil des Körpers verzweigte sich. Auf fünf Hälsen saßen ebenso viele Köpfe. Auf den Köpfen hatte das Wesen schimmernde Hornplatten. Der mittlere war der größte. Er sprach auch zu mir.

    „Wer bist Du?“ fragte ich.

    „Du suchst mich doch. Jetzt hast Du mich gefunden.“

    „Bist Du die Nagaschlange?“

    „Ich bin keine Schlange. Ich bin Naga. Ich lebe hier. Und ein Mal im Jahr gebe ich den Menschen ein Zeichen. Dann kann mich jemand besuchen. Aber leider verstehen die Menschen die Zeichen jetzt nicht mehr. Wie lange hat mich schon keiner mehr besucht. Du bist der erste seit langem. Aber Du bist nicht von hier. Du kommst aus Europa.“

    Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Erst jetzt merkte ich, dass das Wesen deutsch sprach.

    „Woher kennst Du meine Sprache?“

    „Ich kenne die Sprache eines jeden, der mich besucht. Aber was nutzt mir Dein Besuch? Nichts. Ich dachte, es käme ein Einheimischer, wie früher immer.“

    „Es war ein Unfall.“ sagte ich. „Das Seil, die Strömung, die Höhle.“

    „Ja, ja. Komm näher. Du willst sicher etwas über mich wissen. Ich spüre Deine Neugier.“

    Ich setzte mich in der Nähe dieses seltsamen Wesens hin. Und jetzt merkte ich die große Ähnlichkeit des Wesens mit den Skulpturen an manchen Tempeln des Landes hier.

    „Natürlich besteht dort eine Ähnlichkeit. Schließlich haben die Menschen, die mich gesehen haben, Ehrfurcht vor mir gehabt. Sie haben mein Abbild an die Tempel gesetzt, damit sie sich an mich erinnern. Du hast dieses Abbild öfter gesehen? Das ist gut so. Denn so weiß ich dass die Menschen noch an mich glauben.“

    Dieses Wesen musste sehr alt sein. Viele Fragen brannten mir auf der Zunge.

    „Wie viele von Deiner Art gibt es noch? Wie alt bist Du?“

    „Langsam. Ich erzähle Dir meine Geschichte.“

  9. #38
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Nagaland

    XXI

    „Wie ich geboren wurde, weiß ich nicht mehr. Kannst Du Dich an Deine Geburt erinnern? Nein? Na also. Ich wurde ausgewählt, mich um ein Volk zu kümmern. Brüder von mir waren für andere Völker zuständig. Manche spieen Feuer, andere flogen durch die Luft, wieder andere hatten mehrere Paar Beine. Aber immer waren wir recht groß und wurden von den Völkern gefürchtet oder verehrt.

    Leider gab es auch ein paar, die als Ziele für Mutproben von sehr kriegerischen Völkern herhalten mussten. Der eine oder andere meiner Brüder hat das mit dem Leben bezahlt. Mein Volk hingegen war ein friedliches Volk.

    Es lebte vor langen, langen Jahren auch an diesem Fluss, nur weiter stromauf. Es hatte keinen Staat, sondern lebte friedlich vor sich hin und bezahlte seine Tribute an eine große Macht im Nordosten. Auch dort lebten Brüder von mir. Mehrere die Feuer spieen. Es mussten mehrere sein, denn das Land war sehr groß. Dann kam eines Tages ein neuer Kaiser an die Macht. Er wollte die Völker, die bisher in loser Abhängigkeit gewesen waren, fester an sich binden.

    Doch mein Volk war zu stolz, auf seine unsittlichen Wünsche einzugehen und verließ das Land. Es wanderte nach Süden und ließ sich nach langer Wanderung schließlich in einer fruchtbaren Tiefebene nieder. Auch hier gab es bereits Völker, die Staaten gegründet hatten. Aber es gab genügend Platz für die Neuankömmlinge. Mit Diplomatie und leider auch manchen Kriegen festigten sie ihre Stellung. Und sie nahmen einen neuen Glauben an, der ihnen aus einem fernen Land näher gebracht wurde. Dieser war immerhin so tolerant, dass der alte Glauben an mich weiterleben konnte.“

    Das Wesen schaute mich mit seinen zehn Augen groß an.

    „Und ab und zu besuchte mich einer der Menschen dieses Volkes. Diese erzählten ihre Erlebnisse weiter und so wurde die Erinnerung an mich wach gehalten. Aber heute sind die Menschen zu rational. Schlimm ist das. Sie glauben, meine Feuerbälle seien Faulgase oder sonst irgendetwas. Und sie machen chemische Analysen. Du auch. Deswegen wirst Du sicher in den nächsten Tagen mit Filmkamera und Wissenschaftlern auftauchen, um mich aus den Mythen herauszuzerren und in einer Universität untersuchen zu lassen. Dein Name würde in der ganzen Welt bekannt sein. Dein Gesicht würde mit meinem Körper in den Nachrichtenmagazinen aller Länder erscheinen. Stimmts?“

    Irgendwie hatte das Wesen mich durchschaut. Ich konnte ja nicht anders. So waren wir nun mal, Peter und ich.

    „Und deswegen kann ich Dich natürlich nicht wieder zurückkehren lassen...“

  10. #39
    Avatar von wiesel

    Registriert seit
    14.01.2004
    Beiträge
    102

    Re: Nagaland

    klasse geschrieben :bravo:

    bin gespannt wie's weitergeht...

    gruß wiesel

  11. #40
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Nagaland

    XXII

    Ich bekam es mit der Angst.

    „... ohne Dir die Erinnerung zu nehmen, an das was Du gesehen und gehört hast. Na, ein bisschen darf ich Dir lassen. Es wird Dir sowieso keiner glauben. Hier nimm das.“

    Einer der Nebenköpfe des Wesens brach einen kleinen Stein aus der Wand und legte ihn vor mich hin.

    „Steck ihn ruhig ein.“

    Ich nahm ihn auf und schaute ihn an. Er schimmerte in milchigen Farben. Wenn man ihn drehte, veränderte er sich. Mal sah er milchig blau aus, mal milchig rot, mal milchig grün. Ein seltsames Stück. Ich steckte den Stein in den Beutel.

    „Nimm diesen Talisman. Er wird Dir Glück bringen. Lass ihn Dir an einer schönen goldenen Kette als Schmuckstein verarbeiten. Mein Volk versteht sein Handwerk. Dieser Stein wird Dich an mich erinnern. Aber meine Höhle wirst Du leider nicht mehr wieder finden. Es war schön, endlich wieder mit einem Menschen reden zu können. Allerdings, ich muss sagen, ein Einheimischer wäre mir lieber gewesen. Machs gut Fremder.“

    Danach verschwamm das Bild der Naga vor meinen Augen.

Seite 4 von 5 ErsteErste ... 2345 LetzteLetzte