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Nagaland

Erstellt von moselbert, 06.12.2004, 18:51 Uhr · 44 Antworten · 2.086 Aufrufe

  1. #21
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    Re: Nagaland

    IV

    „Jedes Jahr, pünktlich zum Ende der buddhistischen Fastenzeit, gibt es in Nord-Thailand und Laos ein besonderes Phänomen zu beobachten, das bis heute rätselhaft, mysteriös und geradezu unheimlich ist: das Naga-Phänomen, wie es die Thais nennen. Jeder, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, und das sind von Jahr zu Jahr immer mehr Schaulustige, die sich dieses Phänomen nicht entgehen lassen wollen, kann sie beobachten, diese mysteriösen „Feuerbälle“, die aus den Fluten des Mekong aufsteigen.“
    „Genau, das ist es.“ bemerkte Peter. „Dass wir das auf Anhieb gefunden haben. Gut machst Du das mit dem Internet.“

    „Gelernt ist gelernt.“ grinste ich.

    Der am Ende des Artikels stehende Satz elektrisierte uns.

    „Obwohl sich Wissenschaftler immer wieder mit diesem Phänomen auseinandergesetzt haben, gibt es bis heute keine wissenschaftliche Erklärung dafür. Ausgeschlossen scheint eine Manipulation durch Menschenhand. Man tendiert auf eine natürliche Ursache. Aber niemand weiß, wie und warum es funktioniert und vor allem, warum die Erscheinung ausgerechnet immer wieder zu diesem Zeitpunkt auftritt - und das bereits seit vielen Jahren.“
    „Irre. Warum kommt das immer am Ende der Fastenzeit? Seltsam.“ Ich grübelte, fand aber keine Erklärung.

    „Wir haben natürlich jetzt ein großes Problem.“ sagte Peter.

    „Welches?“

    „Wann ist die Buddhistische Fastenzeit?“

    „Das werden wir auch noch rausbekommen. Ich setze voll auf das www. Immerhin wissen wir schon wo diese Bälle auftauchen. Notier Dir das mal, Du bist ja unser großer Organisator.“

    „Im Zeitraum zwischen 18.00 Uhr und 20.00 Uhr wurden bereits 171 dieser Feuerbälle gezählt, die meisten davon in den Bezirken Phon Phisai und Ratana Wapi. Das Interesse an diesem Schauspiel war enorm. Alle 1.500 Hotel- und Gästehauszimmer in Nong Khai und 2.700 Gästezimmer in der benachbarten Provinz Udon Thani waren ausgebucht.“
    „Ausgebucht. Na Mahlzeit. Zur Not gehen wir mit Zelten los. Warm genug ist es da unten doch wohl. Hier steht auch wann das Ganze ist.“

    „...am Abend des Vollmondes im elften Monat des Mondkalenders, an dem das Ende der buddhistischen Fastenzeit gefeiert wird ...“
    las ich.

    „Und wenn Du mir auch noch sagst, wann der elfte Monat des Mondkalenders ist, hast Du gewonnen.“ sagte Peter.

    „Äh, ja. Hm. Keine Ahnung.“

    „Wenn das so ist wie bei den Mohammedanern, die ja auch nach dem Mond leben, dann kann die Fastenzeit im Januar, August oder Mai sein. Oder wann auch immer. So wie Ramadan. Das Mondjahr ist ja um einiges kürzer als das Sonnenjahr.“

    „Das findet nicht nur am Mekong statt, sondern auch in den Gartenteichen. Schau mal.“

    „Auch aus den thailändischen Nachbarprovinzen gab es ähnliche Beobachtungen, so aus der Provinz Nong Bua Lam Phu. Die Siedler von Ban Pa Joh sagten, sie hätten die Feuerbälle in den letzten vier Jahren aus dem Teich ihrer Gemeinde aufsteigen sehen.“
    „Daran sieht man, dass das ganze Getue mit der Schlange schon mal nicht stimmen kann. Die müsste ja überall zugleich sein.“

    Peter war wie immer Realist. Aber in diesem Fall versagte auch meine häufig blühende Phantasie. Eine Schlange konnte es nicht sein. Aber was dann?

  2.  
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  3. #22
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    Re: Nagaland

    V

    „Schau mal den nächsten Link.“ forderte Peter mich auf.

    Ich klickte auf diewunderseite.de.

    „Über 100000 Touristen strömten in einen abgelegenen Teil von Thailand um ein mysteriöses Phänomen, den Bang Fai Phaya Nark, zu sehen, bei dem farbige Feuerbälle in den Himmel schießen.“
    „Das sind ja Menschenmassen.“ stöhnte Peter. „Wir brauchen wohl doch das Zelt.“

    „Schlimmer als am Ganges bei den Hindus kann es nicht werden.“ sagte ich. Millionen und Abermillionen von Hindus nehmen alle 12 Jahre ein Bad in dem dreckigen Fluss um sich zu reinigen. Auch da waren wir schon gewesen. Es waren beeindruckende Fotos herausgekommen. Allerdings hatten wir doch etwas Angst um Leib und Leben bekommen. Jedoch mehr wegen der hygienischen Verhältnisse.

    „Da schau, es ist im Oktober.“ Ich stieß Peter in die Seite.

    „Die thailändische Regierung veranlasste kürzlich eine Untersuchung des Phänomens, das jährlich in der ersten Vollmondnacht im Oktober auftritt und genau auf das Ende der buddhistischen Fastenzeit fällt.“
    „Na prima, das ist aber nicht mehr lange hin. Wann ist dieses Jahr der Vollmond im Oktober?“

    Ich schaute auf den Kalender. „Am 28.“

    „Sehr gut. Am Ende des Monats also. Das gibt uns mehr Zeit zur Vorbereitung. Offenbar haben die einen anderen Mondkalender als die Mohammedaner. Lies das mal.“

    „Einige Wissenschaftler meinen, die roten, rosafarbenen und orangenen Feuerbälle würden durch entflammbare natürliche Gasvorkommen im Flussbett verursacht, die durch die Anziehungskraft des Mondes an die Oberfläche kämen.“
    „Gas steigt auch ohne den Mond aus dem Wasser auf.“ sagte ich. „Hier ist noch ein Link.“

    Ich öffnete die Seite http://www.nationmultimedia.com/specials/naga/. Offenbar die von einer thailändischen Tageszeitung. Allerdings englisch.

    „Das kannst Du Dir die nächsten Tage mal durchlesen.“ meinte Peter. „Ich werde mich um den Flug und die Visa kümmern. Wie lange, meinst Du, brauchen wir für die Story?“

    „Thailand ist sicher wegen der vielen Touristen gut organisiert, was Verkehrsmittel und so angeht. Ein bisschen Zeit für die Akklimatisierung sollte schon sein. Also zwei Wochen Vorbereitung, Anreise, Recherche. Die Woche um das Ereignis herum. Da die ganze Sache nicht unbedingt zeitkritisch ist, können wir am Schluss noch ein paar Tage ausspannen. So 3 bis 4 Wochen müssten gut reichen, oder?“

    „Ja, so lange wie in Tanganjika wird es nicht dauern. Machs gut, wir sehen uns.“

    Peter verabschiedete sich von mir.

    Die kommenden Tage vergingen mit ausführlicher Planung. Peter hatte sich Visaanträge schicken lassen. Diese waren zwar eigentlich nicht nötig gewesen, weil wir 30 Tage im Land bleiben konnten. Aber vielleicht mussten wir auch ab und zu auf die andere Seite nach Laos. Peter meinte, es wäre besser ein Visum für mehrere Einreisen zu haben. Wir wollten nicht noch, aus welchem blöden Grund auch immer, Ärger mit den Behörden bekommen.

    Das Suchen des Hotels hatte Peter mir überlassen. Nach einer längeren Suche auf diversen Hotelseiten im Netz, die teilweise auch in Deutsch verfasst waren, entschied ich mich für das Mandarin Hotel, nicht weit weg vom Bahnhof. Es machte einen guten Eindruck und war mit knapp 30 Euro für 2 Personen auch relativ günstig.

  4. #23
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    Re: Nagaland

    VI

    Schließlich war der große Tag des Abfluges gekommen. Wir hatten ziemlich viel Gepäck dabei. Die Fotoausrüstung war das Wichtigste. Dann hatten wir ein kleines Zelt mitgenommen. Aber auch einen Taucheranzug mit Atemgerät hatten wir eingepackt.

    Ich hatte mich im Internet in einem Thailandforum erkundigt, ob man im Mekong tauchen und Tauchutensilien ausleihen könnte. Die Antworten waren entmutigend gewesen. Einer hatte ein Foto beigefügt, das einen ziemlich dreckigen Fluss zeigte. Nicht dreckig im Sinne von Abwasser. Aber er war durch die mitgeführten Schwebstoffe so verfärbt, dass man unter Wasser wahrscheinlich keine 2 Meter weit gucken konnte. Außerdem war die Strömung wohl recht stark. Tauchgeräte konnte man sich dort nicht leihen, die gab es nur an der Küste. Die lag allerdings so weit vom Mekong weg, dass wir uns entschlossen hatten, sie aus Deutschland mitzunehmen.

    Das viele Übergepäck kostete natürlich ein bisschen was.

    Es war etwas schwierig gewesen, einen Flug zu bekommen. Denn durch die unsichere politische Lage in vielen Urlaubsländern zog es viele ins scheinbar sichere Thailand. Auch die Unruhen im Süden des Landes sowie die in diesem Jahr immer wieder grassierende Vogelgrippe hatten die Leute nicht verschreckt.

    Wir hatten in Hannover eingecheckt und alle Gepäckstücke aufgegeben. Sie würden uns in Bangkok dann wieder ausgehändigt werden. Unser Flug führte uns zunächst nach Frankfurt. Hier auf einem der größten Flughäfen der Welt mussten wir noch einmal umsteigen. Der von Hannover war nicht annähernd so groß. Nur während den Zeiten der Frühjahrsmessen kam in der Stadt manchmal ein weltstädtisches Flair auf.

    Der Flug von Frankfurt nach Bangkok verlief wie die vielen anderen, die wir schon unternommen hatten. es gab keine Probleme und nach etwa 10 Stunden kamen wir in Asien an. Schwüle Wärme empfing uns, auch das kannten wir schon von anderen Destinationen.

    Dem Flughafen merkte man an, dass er eine Drehscheibe im internationalen Luftverkehr war. Es war ziemlich viel los und die Passabfertigung dauerte entsprechend lange. Auch wenn sich die Beamten Mühe gaben und ziemlich zügig arbeiteten. Auch unser Gepäck war vollständig mitgekommen, was bei so langen Flügen nicht selbstverständlich war. Der Zoll machte auch keine Probleme.

    In der Ankunftshalle tauschten wir zunächst einmal ein bisschen Geld. Und dann kam das Problem: eigentlich hatten wir mit einem Taxi zum Hotel fahren wollen. Allerdings war der Kofferraum der normalen Taxis für unser Gepäck etwas knapp bemessen. So hätten wir zwei nehmen können, was dann allerdings den doppelten Preis bedeutet hätte.

    Aber es gab noch so genannte Minibusse, die auch in die Stadt fuhren. Mit zwei anderen Europäern, die ebenfalls in einem Hotel in der Nähe von unserem logieren wollten, mieteten wir so einen Minibus. Das Gepäck passte hervorragend auf die beiden hinteren Sitzbänke. Dann ging es über eine mehrstöckige Autobahn in die Stadt hinein.

    Im Mandarin-Hotel angekommen verstauten wir unser Gepäck, machten uns frisch und setzten uns an die Bar.

  5. #24
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    Re: Nagaland

    VII

    „Da sind wir.“ sagte ich. „Wie sieht der Plan für die nächsten Tage aus?“

    „Zunächst einmal lassen wir es langsam angehen. Der Jet Lag ist zwar bei 5 Stunden nicht so schlimm wie bei 12, aber merkbar. Und dann erkundigen wir uns, wie wir am besten in den Nordosten kommen. Wir könnten fliegen oder mit der Eisenbahn fahren.“

    Die Eisenbahn war, wenn es sie in dem jeweiligen Land gab, immer unser Lieblingsbeförderungsmittel. Man lernte Land und Leute besser kennen als im Flugzeug und bekam auch meist schöne Fotomotive vor die Linse. Der beeindruckendste Zug, mit dem wir je gefahren waren, war der Eisenerzzug in Mauretanien. Ein Monstrum von 3 Kilometern Länge, das meiste Güterwaggons, aber auch ein paar Personenwagen, wälzte sich von den Abbaustätten durch die Wüste in Richtung Küste, wo die Schiffsterminals waren.

    Wir kamen mit dem Barkeeper ins Gespräch. Auf unsere Frage, was man denn unbedingt als typisch thailändisch gesehen haben müsse, empfahl er vor allem Tempel.

    „Zwei lege ich Ihnen besonders and Herz: Den Wat Phra Kaeo hier in Bangkok und den Chedi in Nakhon Pathom. In dem einen ist der berühmteste Buddha des Thai Buddhismus, der andere ist der höchste Chedi der Welt.“ Augenzwinkernd fügte er hinzu, dass er selber aus Omyai, einem Ort in der gleichnamigen Provinz stamme.

    „Können Sie uns dorthin begleiten?“ fragte Peter.

    „Das ist nicht nötig. Es fahren sehr viele Züge dorthin. Und vom Bahnhof aus ist der Chedi nicht zu verfehlen.“

    Wir gingen gleich am nächsten Tag zum Hauptbahnhof Hualamphong. Zunächst suchten wir uns die Verbindungen nach Nongkhai aus einem Fahrplan heraus. Zum Glück gab es die Fahrpläne auch in Englisch. Die thailändische Schrift war von uns nicht zu entziffern.

    Es gab mehrere Verbindungen, die meisten waren jedoch Nachtzüge, die wir nicht so gerne benutzten.

    Dann kauften wir uns Fahrkarten zu unserem heutigen Fahrtziel.

  6. #25
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    Re: Nagaland

    VIII

    Die Fahrt ging mit einem Pendlerzug ins etwa 50 Kilometer westlich von Bangkok liegende Nakhon Pathom. Am Bahnhof des Städtchens fragten wir nach dem Weg zum Chedi. Der nette Mann ging mit uns auf den Bahnhofsvorplatz und zeigte die Straße nach Süden hinunter. Man konnte das ockerfarbene Bauwerk sehen. Das Gebäude war nicht zu verfehlen.

    Wir hatten Hunger, auch da hatte der Mann einen Tipp für uns. An der nächsten Kreuzung sollte es ein einfaches aber sauberes und immer volles Restaurant geben. Wir sollten Satay bestellen. Was wir dann auch taten. Es handelte sich um Fleischspießchen mit einer Erdnusssoße, zu denen sauer eingelegte Gurkenstücke gereicht wurden. Das Gericht war wirklich hervorragend und wir bestellten noch eine weitere Portion.

    So gestärkt gingen wir zum Tempel. Aus der Ferne hatte er gar nicht so groß ausgesehen. Erst aus der Nähe erkannten wir die gewaltigen Ausmaße. Viele Menschen, die meisten Thais aber auch etliche Touristen, besuchten das Bauwerk. Die Ausländer waren meist mit Kameras und die Einheimischen mit Räucherstäbchen und Lotosblumen bewaffnet.

    Peter machte mich auf eine Skulptur am Fuße einer Treppe aufmerksam. Sie zeigte ein Wesen mit 5 Köpfen. Der mittlere war am größten. Die 5 Hälse liefen in einen gemeinsamen Körper zusammen. Dieser bildete dann das Geländer der nach oben führenden Treppe. Auf jedem Kopf hatte es eine Art Krone.

    „Eine Naga.“ sagte er. „Natürlich nur ein Fabelwesen. Somit kann es logischerweise nicht für die Feuerbälle verantwortlich sein.“

    Ich machte ein paar Fotos.

    „Irgendetwas könnte doch aber dran sein an den Dingern. Es gibt ja auch in anderen Kulturen Fabelwesen. Drachen zum Beispiel. Denke nur mal an die Nibelungen und Siegfried.“

    „Aber welche Wesen sind dafür verantwortlich? Feuerspeiende Drachen oder Nagas. Selbst wenn es eine Kollektiverinnerung an eine ferne Vergangenheit sein könnte. Die Saurier könnten dafür herhalten. Aber sie haben kein Feuer gespieen.“

    Wir schauten den Menschen noch eine Weile zu. Hier in Thailand hatte sich die Tradition großteils gehalten. Ganz im Gegensatz zu machen anderen Ländern die wir schon bereist hatten, und deren traditionellen Werte durch Kolonialismus oder andere Ereignisse zerstört worden waren. Vor allem Afrika und Amerika hatten sich englische, französische oder spanische Werte überstülpen lassen. In Asien, aber auch in den arabischen Ländern, gab es viel mehr Eigenes.

  7. #26
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    Re: Nagaland

    IX

    Am nächsten Tag machten wir vom Angebot des Hotels an seine Gäste Gebrauch, mit einem fachkundigen Führer den Wat Phra Kaeo zu besichtigen. Wir waren etwa 10 Personen. Mit einem Kleinbus ließen wir uns durch den starken Verkehr der Millionenstadt chauffieren. Am großen Zentralplatz der Altstadt ließ uns der Fahrer aus dem Bus. Ein paar Souvenirhändler stürzten sich auf uns. Aber ein anderer größerer Bus mit Chinesen oder Japanern war doch ein lohnenderes Ziel und sie ließen von uns ab.

    Dann folgten wir unserem Führer hinter das von weißen Mauern eingefasste Gelände. Hier gab es nicht nur den Wat Phra Kaeo, sondern auch den alten Königspalast.

    Dieser war schon beeindruckend, aber als ich den Tempel betrat, musste ich mich erst einmal setzen. Ich war ja schon viel auf der Erde herumgekommen, aber einen so schönen Platz hatte ich wohl noch nie gesehen. Er strahlte soviel Würde und Schönheit aus, war dennoch auch heiter und verspielt. Sogar der immer sachliche Peter sagte nichts mehr.

    Wir lauschten dem, was unser Fremdenführer erzählte. Von den Malereien aus dem Ramakien an der Umfassungsgalerie, von den Wächterfiguren. Von der Geschichte des Smaragdbuddha, die verehrteste Buddhastatue des Landes, wenn auch bei weitem nicht die größte.

    Besonders beeindruckt war ich von den riesigen Wächterfiguren. Sie sollten offenbar den Tempel vor bösen Geistern schützen. Ich hatte das Gefühl als wollten sie auch über unserer Reise wachen.

    Wie nötig das war, wurde mir beim Gespräch mit vier Personen klar, die wir auf dem Tempelgelände trafen. Es handelte sich um ein deutsch-thailändisches Paar sowie um einen Schweizer mit seiner Freundin. Der Schweizer war in seiner Heimat überraschend zu Geld gekommen und zog hier in Thailand offenbar alle Probleme magisch an. Inzwischen hatten sie mehrere Schusswechsel und Erpressungen überstanden. Wir wünschten ihnen viel Glück und hofften, dass uns solche Einblicke in das negative Thailand erspart blieben.

  8. #27
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    Re: Nagaland

    X

    Ich hatte nicht gedacht, dass ich im subtropischen Thailand einmal nach einem Pullover lechzen würde. Wegen der auf Hochtouren laufenden Klimaanlage bibberten Peter und ich allerdings schon nach kurzer Zeit. Zum Glück hatten wir auf Anraten von Wohlmeinenden einen leichten Pullover eingepackt. Er tat jetzt gute Dienste und wir überstanden die Fahrt einigermaßen warm. Eine uns gegenüber sitzende junge Einheimische hatte sich in eine Decke gehüllt und war nach kurzer Zeit auf dem Sitz eingenickt.

    Wir hatten den Morgenzug genommen, denn wir wollten etwas von der Landschaft sehen. Zunächst ging es durch flaches Land. Waren anfangs noch die Häuser Bangkoks und seiner Vorstädte unsere Begleiter, so wurden sie später durch endlose Reisfelder ersetzt. Nach einiger Zeit bog die Strecke nach Osten ab und die Landschaft wurde etwas abwechslungsreicher. Es wurde bergiger und hügeliger. Die Reisfelder waren verschwunden. Wälder wechselten sich mit Plantagen ab. Dann kam wieder eine größere Stadt mit einem unaussprechlich langen Namen.

    „Nakhon Ratschama..., äh, Ratschasima. Schau mal auf der Karte nach, wie weit es noch ist.“ sagte Peter zu mir.

    „Wir haben noch nicht mal die Hälfte.“ antwortete ich.

    „Vielleicht hätten wir doch fliegen sollen.“

    „Lass mal, Peter. Es ist schon gut. So sieht man etwas von der Landschaft und den Menschen. Ist doch schön. Von der Klimaanlage mal abgesehen.“

    „Wohin wollen Sie denn?“ erkundigte sich die junge Frau, die uns in einer Decke eingehüllt gegenüber saß, auf Englisch.

    Sie war inzwischen aufgewacht. Ich hatte den Blick oftmals vom Fenster abgewendet und sie angeschaut als sie schlief. Sie war schlank und hübsch, etwas kleiner als ich und etwa Anfang 20. Je länger und öfter ich schaute, desto besser gefiel sie mir. Aber es gab sehr viele hübsche Menschen hier, vor allem die Frauen konnten sich sehen lassen. Aber wir waren beruflich hier und ich sollte mich nicht so viel ablenken lassen.

    „Nach Nongkhai.“ erklärte ihr Peter.

    „Ach. Wegen der Feuerbälle?“

    „Woher wissen Sie?“ fragte ich sie.

    „Wer um diese Zeit nach Nongkhai fährt, kommt wegen der Feuerbälle. Ansonsten ist dort oben nicht so viel los. Aber jetzt treten sich alle auf die Füße.“

    „Wir sind Journalisten und wollen einen Fotobericht über das Ereignis machen.“

    „Haben Sie denn schon eine Unterkunft?“

    Peter verneinte. „Ich hoffe allerdings, dass wir irgendwie noch etwas bekommen. Aber es wird wohl schwer werden. Zur Not schlafen wir im Zelt.“

    „Ich kann Ihnen etwas besorgen, wenn Sie wollen. Meine Familie wohnt in der Nähe von Nongkhai und würde sich glücklich schätzen, Sie als Gäste auf unserem bescheidenen Anwesen begrüßen zu können. Mein Vater ist auch in der Journalistenbranche tätig.“

    „Das ist ja wirklich sehr nett von Ihnen. Wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht?“

    „Nein, nein. Mein Vater zieht es zwar normalerweise vor, während dieses Trubels ins Hinterland zu fahren. Aber wenn Kollegen im Hause sind, dann wird er sicherlich mit Ihnen einige interessante Gespräche führen können. Ich nehme an, er freut sich.“

    Das war jetzt aber wirklich eine Überraschung. Eine freudige zudem. Ein Zelt hätte es zwar zur Not auch getan, aber unsere Ausrüstung war in einem festen Gebäude sicher besser aufgehoben. Zudem gefiel mir die Frau immer besser. Auch das war noch ein Grund mehr, sich zu freuen, dass ich weiter in ihrer Nähe bleiben konnte.

  9. #28
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    Re: Nagaland

    XI

    Peter war so höflich, uns vorzustellen. Er nannte unsere Namen.

    „Ich darf Sie doch Peter und Ingolf nennen.“ bemerkte die Frau. „In Thailand reden sich alle mit dem Vornamen an, oder mit einem Kurznamen. Sie dürfen Tassawan zu mir sagen. Mein Familienname ist noch schwerer als der der Stadt, durch die wir eben gefahren sind. Auch die hat einen Kurznamen. Korat. Das Tor zum Isaan.“

    Ich hatte den Namen Isaan schon ab und zu gehört, konnte mir aber darunter nichts rechtes vorstellen. Aber jetzt hatten wir ja eine Fachfrau als Gesprächspartnerin. Ich fragte sie, was das genau sei.

    „Sie haben jetzt zwei Landschaften kennen gelernt. Bangkok liegt in der zentralen Ebene des königlichen Flusses Chao Phraya. Im Süden ist diese durch das Meer begrenzt. Im Westen durch Berge und auch im Osten. Wenn man die Berge im Osten durchquert hat, dann gelangt man auf eine Hochebene, den Isaan. Sie werden es in den nächsten Stunden merken. Es gibt wieder kaum Höhenunterschiede. Allerdings ist es hier wesentlich trockener als in der Zentralebene. Jetzt am Ende der Regenzeit merken Sie noch nicht allzu viel davon. Aber wenn Sie einmal am Anfang des Jahres kommen würden, dann ist es häufig braun und ausgetrocknet. Die Landwirtschaft ist wesentlich schwieriger, die Leute sind ärmer. Überhaupt ist der Nordosten das Armenhaus des Landes. Im Süden gibt es Kautschuk und Zinn und Tourismus. Im Norden Geschichte, Landschaft und Tourismus. In der Mitte Industrie und Tourismus. Hier in den Nordosten verirren sich viel weniger Fremde. Obwohl, auch wir haben Geschichte. Vor allem Ruinen aus der Khmerzeit. Aber trotz oder vielleicht gerade wegen des einfachen Lebens hier sind die Menschen viel gastfreundlicher als im Rest des Landes.“

    „Das kann man sich kaum vorstellen. Die Thais sind doch eigentlich alle für ihre Gastfreundschaft berühmt.“ unterbrach ich ihren Redeschwall.

    „Das stimmt. Aber bei uns kommt es noch von Herzen. Sonst ist es schon häufig sehr geschäftsmäßig, das Lächeln und die Freundlichkeit.“

    Wir redeten noch eine ganze Menge, denn die Zugfahrt zog sich doch ziemlich in die Länge. Da die Landschaft draußen, wie Tassawan schon vorhergesagt hatte, etwas eintönig war, widmeten wir uns mehr unserer Bekanntschaft. Sie studierte in Bangkok. Medienwissenschaften, sagte sie. Und interessierte sich sozusagen fast schon beruflich, von unseren bisherigen Reisen zu hören.

  10. #29
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    Re: Nagaland

    XII

    „Wo war es für Sie bisher am schönsten?“ fragte sie.

    Ich dachte nach. Irgendwie war es überall schön gewesen. Eine Reise war mir aber besonders im Gedächtnis geblieben.

    „Meine schönste Reise bisher war glaube ich die auf die Tepuis. Wissen Sie wo Venezuela ist?“

    „In Amerika glaube ich, oder?“

    „Genau. Südamerika. Dort gibt es den höchsten Wasserfall der Erde. Er fällt etwa 1000 Meter von einem Berg ins Tiefland. Nun ja, der Wasserfall ist zwar hoch, aber doch eher unspektakulär. Viel interessanter ist der Berg, von dem er herabstürzt. Es ist ein Tafelberg, dessen Wände nach allen Seiten praktisch senkrecht abfallen. Von diesen so genannten Tepuis gibt es dort sehr viele. Man kann auf manche zwar hochklettern, aber einige sind von unten unzugänglich. Wir hatten uns auf einem größeren mit einem Hubschrauber der Armee absetzen lassen und dort einige Tage im Zelt verbracht. Es war irre. Wenn man mitten auf dem ebenen Tepui ist, dann ist es eigentlich völlig normal, wie auf einer Ebene. Aber wenn man an seinem Rand steht, dann fühlt man sich wie auf einem Platz der Götter. Unter einem der grüne Urwald. Unter einem weiße kleine Wolken. Als ob man über allem schwebt. Nachmittags werden die Wolken allerdings größer und hüllen den Tepui zumindest am Rand häufig in Nebel. Und dann dieser Unterschied. Auch vom Wetter und der Vegetation. Der Äquator ist zwar nicht weit weg. Aber oben ist es deutlich frischer. Und die Pflanzen sind ganz anders als weiter unten. Größere Tiere gibt es zwar nicht, aber umso mehr kleine. Zum Teil sogar völlig Unbekannte. Wir sind zwar keine Biologen, aber wir hatten eine Gruppe besucht, die dort oben Insekten erforschte.“

    Ich geriet ins Schwärmen.

    „So was würde ich auch gerne mal erleben.“ sagte Tassawan.

    „Hier in Thailand soll es auch so eine Art Hochfläche mit anderer Vegetation geben.“ warf Peter ein. „Ich hatte mal einen Spielfilm gesehen, der zum Teil dort oben gedreht war.“

    „Das kann nur der Phu Kradung Nationalpark in Loei sein. Ich bin noch nicht dort gewesen.“

    „Hingegen war eine andere Reise etwas enttäuschend für mich.“ erzählte ich weiter. „Ich hatte schon immer den Wunsch gehabt nach Nauru zu reisen. Das ist eine kleine Insel im Pazifik, die ihren Lebensunterhalt damit bestreitet, dass sie ihre eigene Insel praktisch abbaut und als Dünger verkauft. Dort sieht es nicht aus wie in einem Südseeparadies, sondern eher wie auf dem Mond. Im Inneren dieser Insel zumindest. Aber man muss ja auch die weniger schönen Seiten der Erde dokumentieren.“

  11. #30
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    Re: Nagaland

    XIII

    Irgendwann am späten Nachmittag kam der Zug tatsächlich in Nongkhai an. Am Bahnhof dauerte es eine Weile bis wir unsere ganzen Klamotten ausgeladen hatten. Wir waren ja mit Camping-, Tauch- und Fotoausrüstung bepackt. Tassawan telefonierte.

    „Ich habe meinen Vater angerufen. Er holt uns mit einem Pick Up ab. Das ist sicher besser, als zu versuchen mit dem Taxi wegzukommen. Die haben ja schon manchmal Schwierigkeiten, einen großen Koffer zu transportieren.“

    Kurze Zeit später war Tassawans Vater auch schon mit dem Wagen da. Er begrüßte uns herzlich und freute sich zwei deutsche Kollegen kennen zu lernen. Wir luden die Klamotten auf die Ladefläche.

    „Leider habe ich nur einen Beifahrerplatz. Einer von Ihnen muss mit meiner Tochter auf der Ladefläche Platz nehmen.“

    Peter setzte sich vorne ins Führerhaus und ich kletterte hinten hinauf.

    „In Deutschland wäre das nicht erlaubt. Auf der Ladefläche eines Autos zu fahren meine ich.“ sagte ich.

    „In Thailand ist manches erlaubt, was woanders nicht erlaubt ist. Und selbst wenn etwas nicht erlaubt ist, kann man manchmal etwas nachhelfen.“

    Wir fuhren durch die gemütliche Provinzstadt in Richtung Osten. Am Ortsrand lag ein größeres recht schmuckes Anwesen. Der Pick Up bog auf das Grundstück ein.

    „Wir sind schon da.“ sagte Tassawan. Ich hatte es mir fast gedacht.

    Ich kletterte von der Ladefläche herunter. Aus dem Haus kamen noch weitere Personen.

    „Meine Mutter, mein Bruder, und meine Großmutter.“ erklärte Tassawan und stellte uns vor. Alle waren erfreut, uns kennen zu lernen.

    „Wir haben ein schönes Zimmer, wo Sie schlafen können.“ sagte Tassawans Vater. „Ihre Sachen werden wir nachher im Schuppen unterbringen. Kommen Sie.“

    Wir gingen hinein. Im Obergeschoß des teils aus Stein, teils aus Holz errichteten Hauses lag das Zimmer, das er für uns vorgesehen hatte. Wir sahen sofort, dass es kein Gästezimmer war, sondern von einem Familienmitglied bewohnt wurde.

    „Wir möchten aber niemanden aus dem Zimmer verscheuchen.“ sagte ich.

    „Unsinn. Tassawan hatte mir am Telefon gesagt, dass sie Ihnen gerne ihr Zimmer überlässt. Sie wird während Ihres Aufenthaltes bei ihrer Oma schlafen. Das ist kein Problem.“

    „Wir werden auch nicht lange bleiben.“

    „Bleiben Sie so lange sie wollen oder müssen. Wir freuen uns. Fühlen Sie sich wie zu Hause. Machen Sie sich frisch. Erholen Sie sich. Und ich hoffe, Sie können hier bei uns Kraft für Ihre Arbeit schöpfen.“

    Er verließ das Zimmer.

    „Nette Leute.“ sagte Peter.

    Das stimmte, dachte ich. Besonders Tassawan, dachte ich weiter. Hatte ich mich verliebt?

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