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Märchenstunde

Erstellt von Harry55, 12.01.2004, 06:45 Uhr · 27 Antworten · 2.375 Aufrufe

  1. #1
    Harry55
    Avatar von Harry55

    Märchenstunde

    Prinz Kummerherz hatte sein Schloß verkauft. Es war ihm dort zu einsam geworden. Mit seinen eigenen Händen, der Hilfe geschickter Baumeister und fleißiger Handwerker hatte er sich eine neue, große lichtdurchflutete Wohnung geschaffen und betrachtete nun die kahlen weißen Wände. Vielleicht dort noch ein Gemälde oder einen Wandteppich?
    Irgendetwas fehlte, er wußte nur nicht, was.
    Als Kummerherz sein Schloß räumte, stürzte er eine Treppe hinunter und mußte einige Zeit in der Obhut von Medicussen im Hospital verbringen. Während dieser Zeit hatte jemand ein Doppelbett in seiner neuen Wohnung aufgebaut und niemand wußte so recht, warum. Eines nachts tastete seine Hand über das kalte, nicht bezogene Bett neben dem seinen und ein heller Lichtblitz durchzuckte sein Hirn. Das war es, was fehlte - eine Frau!! Nun hatte es Kummerherz vor einiger Zeit mit teutonischen Prinzessinnen und Weibern aus dem Volk versucht, aber die eine wollte ihn erziehen, obwohl sie viele Jahre jünger war, eine andere war besessen von einem bösen Geist. Sie glaubte, die Geliebte eines bekannten Troubadours zu sein. Das war allerdings kaum möglich, denn der Minnesänger lebte jenseits der Zäune und Mauern, die man um das kleine Land errichtet hatte. Eines Tages begab es sich, dass die untätigen und ratlosen Herrscher des kleinen Landes davon gejagt und die Zäune und Mauern nieder gerissen wurden. Prinz Kummerherz, der damals noch im alten Schloß wohnte, stand nun die ganze Welt offen. Er flog mit einer Donnerhornisse durch die größte Schlucht der Welt und bestieg im Schweiße seines Angesichts einen Tafelberg im heißen Afrika. Am liebsten hätte er es dem Hollywood-Prinzen Marlon gleich getan, eine Südsee-Prinzessin entführt und ihr eine Insel geschenkt. Die Südseeperlen behängten ihn zwar mit Blütenkränzen, waren aber mit ihrer Gunst längst nicht mehr so freigiebig, wie noch vor 200 Jahren, als sie die kühnen Seefahrer tanzend begrüßten. Kummerherz war gerade durch den wilden Westen Amerikas geritten, als ihm seine Einsamkeit wieder einmal bewußt wurde, obwohl er eigentlich gar nicht einsam war. Auf dem Grundstück lebten viele Menschen, die häufig verlangten, er solle seine Kutsche anspannen um sie hier- und dorthin zu bringen.
    Kummerherz besaß einen Zauberspiegel und eine Wundermuschel, die es ihm erlaubten, in die ganze Welt zu sehen und zu hören. Er mußte also gar nicht das Haus verlassen, um eine Frau zu suchen. Zu ihm drang die Kunde von einem fernen Königreich, wo man den Herrscher mit weißen Elefanten beschenkte. Die Frauen in diesem Königreich sollten von besonderem Liebreiz sein. Kummerherz besorgte sich das Pergament eines Schreiberlings, der sich dort auskannte und mußte zu seinem Entsetzen lesen: "Die siamesischen Damen können, ohne Konkurrenz fürchten zu müssen, zu der häßlichsten Gattung Frau auf dem Antlitz der Erdkugel erklärt werden. ...der Mann, der sich von ihren lechzenden Blicken einfangen läßt, (muss) wahrlich ein unverbesserlicher Casanova sein." (F. A. Neale, 1852). Kummerherz hatte Mitleid mit diesem
    Reisenden aus dem 19. Jahrhundert. Dieser mußte an einer schrecklichen Augenkrankheit gelitten haben! Nun hätte Kummerherz einen Silbervogel besteigen können, um sich selbst vom Gegenteil zu überzeugen. Ihm war aber zu Ohren gekommen, dass die Droschkenkutscher in der Hauptstadt des fernen Königreiches jeden Fremden unweigerlich zu den Damen der gewerblichen Gunst brachten, ob er das nun als Fahrziel angab oder nicht.
    (Ende Teil I; wird fortgesetzt)

  2.  
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  3. #2
    Iffi
    Avatar von Iffi

    Re: Märchenstunde

    @Harry,

    guter Anfang. Locker und leicht zu lesen. Mach bitte weiter.

  4. #3
    Avatar von Sakon Nakhon

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    989

    Re: Märchenstunde

    da hauts mich ja glatt vom hocker!

    hätt ich dir nicht zugetraut, aber ich freu mich jetzt schon auf teil II.

  5. #4
    irrlicht
    Avatar von irrlicht

    Re: Märchenstunde

    schoen geschrieben - in maerchenform und doch weiss man was gemeint ist. weiter so!

  6. #5
    Avatar von phimax

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    Re: Märchenstunde

    Mal ein ganz anderer Stil

    Bin gespannt...

    Michael

  7. #6
    Avatar von Peter-Horst

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    2.314

    Re: Märchenstunde

    @Harry55

    das sind ja DEutsche Märchen mit Thai Folk Tails gemischt.

    Und da sagen wir "Das war Spitze".

    Gruß Peter

  8. #7
    Avatar von UweFFM

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    2.041

    Re: Märchenstunde

    Sehr schön,
    die echten Märchen haben alle ein HappyEnd, also enttäusche uns bloß nicht. Uwe

  9. #8
    Harry55
    Avatar von Harry55

    Re: Märchenstunde

    Märchenstunde (Teil II)
    Der Zauberkasten, der bewegte Bilder aus aller Welt lieferte, hatte vor einiger Zeit berichtet, dass man in der Hauptstadt des fernen Königreiches Siam kleine Mädchen dazu zwingen würde, alten, dicken Ausländern, die man dort Farangs nannte, zu Willen zu sein. Den Leuten, die das behaupteten, hatte man viele tausend Taler bezahlt, aber wenn man eine Lüge nur oft genug verbreitet, wird sie manchmal geglaubt. Kummerherz hatte es längst noch nicht aufgegeben, eine teutonische Frau zu suchen, oh nein. Mit dem Zauberspiegel konnte er sich in Foren aufhalten, wo sich Männlein und Weiblein einander vorstellten. Sein Herz klopfte schneller, als er sah, dass ein weibliches Wesen ihm eine Botschaft hinterlassen hatte! Das kam nicht all zu oft vor. Er traute seinen Augen kaum, hier hatte sich eine Frau aus dem fernen Siam gemeldet mit korrekt gesetzten deutschen Worten. Chan berichtete, dass sie eine arbeitslose Krankenpflegerin wäre, in Siam keine Chance hätte, aber gern wieder in einem deutschen Hospital arbeiten würde. Wenn Kummerherz ihr nicht die Reise mit dem Silbervogel bezahlen könnte, müsse sie die Taler eben mit gewerblicher Gunst verdienen. Kummerherz ließ sich nicht gern erpressen, wandte sich an eine Zauberspiegelseite, die besonders beliebt war, weil man hier kostenlos und unverbindlich Kontakt zu siamesischen Frauen aufnehmen konnte. Kummerherz Neugier war geweckt; die konnten ja nicht alle so sein, wie die Krankenpflegerin.
    Er nahm Kontakt zu der schönen Nit auf und ihre Geschichte war noch viel herzerweichender als die erste! Dies war in einer Sprache verfaßt, die man Hofe der Königin von England kaum verstanden hätte, und Prinz Kummerherz hatte Mühe, es zu übersetzen. Sie wäre arbeitslos (kannte er schon), würde nicht einmal einen halben Taler besitzen, um ihren kleinen Sohn zu ernähren und ihre Familie hätte auch nichts. Sie würde ihm aber die Zauberspiegeladresse einer Freundin nennen und gemeinsam würden sie es schaffen, sie da raus zu holen. In Prinz Kummerherz keimte nun der Verdacht, in Siam würde es den Berufsstand der professionellen Farang-Jägerin geben. In seinen Augen stellten die Frauen das aber nicht geschickt genug an, denn selbst er, der naiv und blauäugig durchs Leben wankte, war darauf nicht herein gefallen.
    Nun hatte er eigentlich die Nase voll und ihm fiel ein, dass Freunde mit Frauen aus dem Reiche des Russischen Zaren oder dem Königreich Bulgarien glücklich und zufrieden zusammen lebten. Keiner hatte eine Siamesin geheiratet, nicht einmal eine Siamkatze hatte Kummerherz irgendwo gesehen. Er schickte eine Botschaft in das ferne Fürstentum Lettland ohne je eine Antwort zu erhalten. Kummerherz ließ der Gedanke an Siam nicht los. Es mußte auch dort tugendhafte, schöne Frauen geben, die eigentlich nur darauf warteten, dass ein Prinz aus einem reichen fernen Lande sie eines Tages küßte. Kummerherz widerstrebte der Gedanke, allein einen Silbervogel zu besteigen und in die Hauptstadt von Siam zu fliegen. Dort würden sicher an jeder Ecke grinsende Thais lauern (wie sich die Siamesen selbst nannten, denn Siamese war fast schon ein Schimpfwort, genau wie Eskimo), um ihn zu betrügen. Das würde ganz gewiss passieren, zumal er bis auf sanuk nicht ein Wort jener Sprache verstand. Kummerherz widerstrebte es aber auch, Kontakt zu Maklern aufzunehmen, die sich in Siam auskannten. Das hatte den Beigeschmack von Menschenhandel. Eines Abends nach zwei Gläschen Met schaltete Kummerherz den Zauberspiegel ein und ließ sich von einer Suchmaschine die Adressen von Maklern auflisten. Das war eine neue bunte Welt, in die er da eintauchte. Überall wurde er freundlich begrüßt und man versicherte ihm, dass nur die tugendsamsten, schönsten und fleißigsten Mädchen überhaupt eine Chance hätten, in die jeweilige Galerie aufgenommen zu werden. Ein Makler bot ihm an, mit einer Gruppe lustiger teutonischer Männer nach Siam zu reisen, dort fröhlich zu zechen und sich von den bezaubernden Mädchen, die man durch den Saal führen würde, eine auszusuchen.
    Das war etwas für Männer, die, um sich zu betrinken, mit einem Silbervogel auf die Mittelmeerinsel Mallorca flogen.
    Kummerherz stellte bald fest, dass viele Männer, die eine Siamesin geheiratet hatten und das Geheimnis kannten, wie man einen Zauberspiegel programmiert, ein Zubrot mit der Vermittlung junger Frauen aus dem Isaan, dem Nordosten von Siam, verdienen wollten.
    Daran war nichts verwerfliches, sicher wollte man den armen Mädchen nur einen Gefallen tun. (Ende Teil II; wird fortgesetzt)

  10. #9
    Harry55
    Avatar von Harry55

    Re: Märchenstunde

    Märchenstunde (Teil III)
    Prinz Kummerherz faßte bald darauf Vertrauen zu einem der netten Familienbetriebe, die sich im Zauberspiegel so bunt präsentierten.
    Er suchte sich in der Bildergalerie eine Frau aus, die nur wenige Jahre jünger als er selbst war, aber immer noch blendend aussah.
    Dann passierte eine ganze Weile gar nichts. Kummerherz verlor die Geduld und fragte im Zauberspiegel nach, was denn los sei. Da öffnete sich ein kleines Fensterchen und Kummerherz erschrak ein wenig, denn er hatte nicht damit gerechnet, so schnell mit einer Siamesin sprechen zu können, die in kurzer Zeit eine fremde Sprache erlernt hatte und jetzt den Zauberspiegel auf der anderen Seite bediente.
    Sie schaute in ihren Pergamentrollen nach und versicherte Kummerherz, er würde bald schon Nachricht von seiner Angebeteten erhalten. Dies geschah auch, aber Mischa, der Makler, teilte ihm mit, dass die Frau falsche Angaben gemacht hätte; man hätte dies in Siam heraus gefunden, wie auch immer. Er als Makler hätte einen Ruf zu verlieren, wenn er diese Frau vermitteln würde. Kummerherz solle sich doch eine andere schöne Siamesin aussuchen. Prinz Kummerherz fand, dass das Verhalten von Mischa sehr anständig war und suchte sich auch eine neue Frau, aber auf einer anderen Zauberspiegelseite, die noch viel einladender und anheimelnder war, als die erste. Sein Herz klopfte bis zum Hals, als er das Bild von Prinzessin Dim Morgenröte sah. Sie hatte einen Teint, so bleich wie das Mondlicht über dem Mekong, was in Siam als Zeichen betörender Schönheit gilt. Diese unvergleichliche Elfe (oder Elbe, wie Tolkien schreibt) war sofort bereit, mit Kummerherz Zauberspiegelnachrichten auszutauschen. Er war so hingerissen, dass er sich gar keine Gedanken darüber machte, ob diese junge Frau, die ja eigentlich gar keine reiche Prinzessin war, sondern Beamte in einem Rathaus, überhaupt einen Zauberspiegel ihr Eigen nannte. Die Übersetzung würde sicher die Frau von Bob, dem neuen Makler, machen. Kummerherz fand bald heraus, dass die bezaubernde Dim Morgenröte schon einmal verheiratet war und eine kleine Tochter besaß. Das alles störte Kummerherz nicht, er würde das Kind adoptieren und in eine deutsche Schule schicken. Dim ließ sich das Datum der Geburt von Kummerherz übermitteln, lief damit zu einem Kloster in ihrer Heimat und brachte von den Mönchen die frohe Kunde, die Sterne würden für eine Verbindung gut stehen. Kummerherz schwebte auf einer rosanen Wolke und starrte Tag für Tag auf den Zauberspiegel, aber es kam nie mehr eine Botschaft von Dim. Kummerherz stürzte in ein schwarzes Loch, denn auch Bob, der Makler war ratlos und wütend. Niemand fand heraus, was passiert war. Dim schwieg beharrlich. Wieder mal wurde Kummerherz geraten, doch eine andere, wunderschöne Siamesin zu wählen, aber er hatte keine Lust.
    Er kam auf die Idee, einem besonders großspurigen Angeber unter den Maklern auf den Zahn zu fühlen, mit dem er schon einmal bissige Zauberspiegelnachrichten ausgetauscht hatte. Dieser hatte verkündet, nur er allein hätte Kontakt zu abertausenden der schönsten Frauen in aller Welt. Der inzwischen ziemlich misstrauische Prinz Kummerherz nahm die Wundermuschel zur Hand, um mit Andy zu sprechen. Dieser war voll des süßen Weines, der seine Zunge gelockert hatte. Natürlich könne Kummerherz eine Siamesin haben, kein Problem. Dazu müsse er nur seinem kundigen Führer Olli eine Reise nach Siam spendieren, das würde nur 3500 Taler kosten, dafür könne Kummerherz aber auch gleich mitfliegen. Man würde schon eine willige Siamesin auftreiben, auf dem Reisfeld, in der Bar oder am Strand. Manchmal würde das aber auch nicht klappen, und warum eigentlich eine Siamesin? Die teutonische Gesandtschaft in Bangkok würde ohnehin keine Visa ausstellen. Kummerherz fragte besorgt nach, ob man mit dem Königreich Siam im Kriegszustand sei, was Andy verneinte, dennoch dürfe keine Siamesin ausreisen. Er könne ihm aber die Adresse einer schönen Bulgarin übermitteln, die eine Universität besucht hatte und mehrere Sprachen beherrschen würde, dies würde nur 500 Taler kosten. Kummerherz warf die Wundermuschel weg. (Ende Teil III; letzter Teil mit Prinzessin Tausendschön folgt demnächst. H. B.)

  11. #10
    darkrider
    Avatar von darkrider

    Re: Märchenstunde

    Hallo Harry,
    einfach WUNDERBAR, schreibe bitte weiter !
    :bravo: :bravo: :bravo:

    so long
    darkrider

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