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Keine Hilfe aus Bangna

Erstellt von moselbert, 10.06.2005, 23:42 Uhr · 29 Antworten · 2.496 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von moselbert

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    Keine Hilfe aus Bangna

    Ich habe wieder eine Geschichte fertig gestellt. Sie ist länger geworden, als ich gedacht habe. Sehr lang.

    Also, wenn Euch langweilig wird, dann müsst Ihr es sagen. Dass ich die Geschichte spannend finde, ist klar: ich habe sie ja selber geschrieben und bin deshalb befangen.

    Die Personen in dieser Geschichte sind von mir frei erfunden. Jedoch haben einige von ihnen reale Vorbilder im wirklichen Leben. Auch die Handlung ist im Wesentlichen frei erfunden. Allerdings lehnt sie sich eng an tatsächlich Geschehenes an. Dennoch darf nicht davon ausgegangen werden, dass sich alles so abgespielt hat, wie es hier geschildert wird.

  2.  
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  3. #2
    Avatar von Johann

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    Re: Keine Hilfe aus Bangna

    Immer los moselbert. Geschichten von Dir werden immer gerne gelesen.

    Gruß Johann

  4. #3
    Avatar von moselbert

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    Re: Keine Hilfe aus Bangna

    (1)

    Keine Hilfe aus Bangna
    -.-.-.-.-.-.-.-.
    Mittwoch, 22.12.2547 (2004)
    Zentrale des TMD (Thai Meteorological Department) in Bangkok - Bangna
    -.-.-.-.-.-.-.-.



    „So, der Dienstplan steht.“ Barin war zufrieden. Es war nicht immer einfach die Wünsche der Kollegen bei der Dienstplanung zu berücksichtigen. Natürlich wollte fast jeder die Neujahrsnacht frei haben.

    „Und, wie sieht es für mich aus?“ Adisai schaute Barin über die Schulter.

    „Du musst leider in der Neujahrsnacht Dienst machen.“ antwortete dieser.

    „Och nee, nicht wirklich, oder? Ich wollte doch mit Tanita ans Meer fahren.“

    „Einer muss Dienst machen. Dieses Jahr bist Du dran. Und was Tanita angeht...“

    „Ja?“

    „Sie hat am kommenden Wochenende frei, so wie Du auch. Verlegt doch den Ausflug um eine Woche nach vorne.“

    „Nein, sie hat Dienst.“
    widersprach Adisai.

    „Nein, sie hat getauscht. Ich habe ihr einen entsprechenden Wink gegeben. Dafür macht sie jetzt auch in der Neujahrsnacht Dienst. Ihr könnt Euch ja dann zuprosten. Aber nicht zuviel Mekhong bitte, sonst leidet die Arbeit.“ Barin zwinkerte seinem Kollegen zu.

    „Ich trinke doch nichts. Oder kaum was. Ich werde gleich mal hochlaufen mit ihr sprechen.“

    -.-.-.-.-.-.-.-.

    Adisai ging über den Flur zum Treppenhaus. Freudig nahm er die Stufen nach oben. Tanita hatte heute auch Dienst. Er öffnete eine Tür und stand in dem Betriebsraum der Meteorologen. Wie in seiner Abteilung auch standen hier zahlreiche Computer herum. Tanita saß an einem PC und schrieb gerade etwas.

    „Tanita, Maus.“ machte er auf sich aufmerksam.

    Sie schaute auf und lächelte.

    „Du hast am Wochenende frei, habe ich gehört?“

    „Ja ich habe mit Somsak getauscht.“

    „Und, wollen wir unseren Neujahrsausflug vorziehen?“

    „Sicher.“
    Tanita strahlte.

    „Wieder an unseren Strand?“

    „Wohin sonst. Wann fahren wir? Freitagnachmittag?“

    „Ja klar. Wie wird das Wetter?“


    Tanita klickte mit der Maus auf den Bildschirm und rief grafische Darstellungen des zu erwartenden Wetters auf.

    „Keine Änderung. Einen Pullover werden wir nicht brauchen. Nachts 20 bis 22 Grad, tagsüber etwas über 30 Grad. Sonne, ein paar Wölkchen.“

    „Alles klar. Ich muss jetzt wieder runter, bis dann.“

    „Chock dii.“
    antwortete Tanita und warf ihm ein strahlendes Lächeln zu, bevor sie sich wieder ihrer Arbeit zuwandte.

    -.-.-.-.-.-.-.-.

    Beim Verfassen des Wetterberichts dachte sie daran, dass es in Kong, dem Heimatort ihrer Mutter im Isaan, dem Nordosten Thailands, sicher kälter war als am Meer. Dort brauchte man in der Nacht dicke Pullover. Oder ein warmes Feuer. Jetzt lebte die Mutter aber im wärmeren Takua Pa, im Südwesten, wo ihr Vater als Fischhändler arbeitete.

    „Wetterbericht des Thai Meteorological Departments für Donnerstag, 23.12.2547:
    Der Keil eines Hochs über China erstreckt sich bis in den Isaan. Bei nordöstlichen Winden ist es meist kalt.
    Norden: Morgennebel, später sonnig. Kalt. Auf den Bergen sehr kalt. Tiefsttemperaturen 12 bis 16 Grad, Höchstwerte um 30 Grad. Auf den Bergen nachts 5 bis 10 Grad, tags 20 bis 25 Grad, auf den Gipfeln morgens Bodenfrost. Mäßiger Nordostwind.
    Nordosten: Sonnig, zeitweise dunstig. Kalt. Auf den Bergen sehr kalt. Tiefsttemperaturen 12 bis 16 Grad, Höchstwerte um 30 Grad. Auf den Bergen 7 bis 12 Grad. Mäßiger Nordostwind.
    Mitte (mit Bangkok): Sonnig. Tiefsttemperaturen 18 bis 20 Grad, Höchstwerte 30 bis 33 Grad. Mäßiger Nordostwind.
    Osten: Sonnig. Tiefsttemperaturen 18 bis 20 Grad, Höchstwerte 30 bis 33 Grad. Mäßiger Nordostwind.
    Süden, Ostküste: Leicht bewölkt. In Narathiwat und Yala nachmittags einzelne Schauer oder Gewitter. Tiefsttemperaturen 20 bis 23 Grad, Höchstwerte um 30 Grad. Mäßiger bis frischer Nordostwind.
    Süden, Westküste: Leicht bewölkt. Tiefsttemperaturen um 20 Grad, Höchstwerte 30 bis 33 Grad. Mäßiger Nordostwind.
    Wellenhöhe: Andamanensee 1 bis 1.5 Meter, Golf von Thailand um 2 Meter.“


    Sie druckte den Bericht aus und stellte ihn auch auf die Homepage des TMD im Internet.

    Den Ausdruck nahm sie und ging damit zu den Technikern der Abteilung.

    „Könnt Ihr den an die Zeitungen und Fernsehstationen faxen?“ fragte sie.

    „Klar doch.“ antwortete Nawin, einer der Techniker.

    Er nahm den Ausdruck und begab sich zum Faxgerät. Auf einer Liste standen die Abnehmer des Berichts, die ihn zugefaxt haben wollte. Es waren 10 Telefonnummern einzugeben. Jedes Mal musste der Bericht neu eingelegt werden. So dauerte ein Vorgang 1 bis 2 Minuten. Aber nur wenn das Gerät auf der anderen Seite nicht besetzt war. So konnte er jetzt mindestens 15 Minuten lang faxen. Es gab natürlich auch Faxgeräte, bei denen man alle Nummern speichern, dann den Bericht einscannen und schließlich die Versendung automatisch vom Gerät machen lassen konnte. Aber die gab es nur in der freien Wirtschaft und nicht hier in der Behörde.


    wird fortgesetzt

  5. #4
    woody
    Avatar von woody

    Re: Keine Hilfe aus Bangna

    Zitat Zitat von moselbert",p="251546
    ........... Jetzt lebte die Mutter aber im wärmeren Takua Pa, im Südwesten, wo ihr Vater als Fischhändler arbeitete.........wird fortgesetzt
    Hallo moselbert

    Da ist schon Spannung drin: 'Takua Pa' und 'eine Woche vor Neujahr Strandurlaub'.
    Bin schon gespannt wie es weiter geht-

    gruss woody

  6. #5
    Avatar von moselbert

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    Re: Keine Hilfe aus Bangna

    (2)

    Tanita hatte sich inzwischen wieder an ihren Arbeitsplatz begeben und analysierte die neu eingegangenen Wettermeldungen.

    Ihr Kollege Somsak trat in das Zimmer ein. Es war Schichtwechsel.

    „Sawaddi Khrab, Tanita.“ begrüßte er sie.

    „Sawaddi Kha, Somsak.“ antwortete sie.

    „Danke, dass Du mir die Neujahrsschicht abgenommen hast.“

    „Bitte, Somsak. Aber es war auch in meinem Interesse. So habe ich mit Adisai parallel.“

    „Gibt es etwas Besonderes beim Wetter?“

    „Nein. Das Hoch über China dominiert weiterhin. Am Nachmittag soll es ganz im Süden ein paar Schauer geben, sagen die Modelle. Ich habe das mal im Bericht vermerkt. Aber Warnungen brauchen wir nicht zu machen. Die ganz dicken Dinger ziehen über Malaysia und Indonesien nach Westen und erreichen uns nicht.“

    „Alles klar. Sonst irgendwelche Probleme?“

    „Nein. Die Computer laufen. Allerdings kann sich der neue Modelllauf etwas verzögern, habe ich aus dem Rechenzentrum gehört. Aber höchstens eine halbe Stunde.“

    „Das geht ja noch. Dann wünsche ich Dir einen schönen Feierabend, Tanita.“

    „Danke, Somsak.“
    Sie packte ihre persönlichen Sachen ein und verstaute sie in ihrem Spind. Dann verließ sie den Raum.

    -.-.-.-.-.-.-.-.

    Auch Adisai übergab seinen Dienst an seinen Nachfolger Wissanu.

    „In den letzten Stunden hat es einige Beben gegeben. Vergangene Nacht um halb 3 Uhr, also 15:30 GMT, gab es ein Beben der Stärke 5,7 vor Hokkaido, Japan. Dann 2 Stunden später eines mit 5,2 bei Anchorage, Alaska. Und dann gab es gegen halb 8 unserer Zeit noch zwei Beben mit 4,5 in Taiwan. Schäden gab es wohl nicht. Also ein ruhiger Tag.“

    „Von mir aus kann es ruhig bleiben.“
    antwortete Wissanu. „Ich hatte im Januar vor einigen Jahren Dienst, als es in Sumatra gebebt hatte und alle Leute aus Bangkok anriefen, weil die Hochhäuser gewackelt hatten. Da klingelt es in einer Tour und man muss die Leute beruhigen und kommt zu sonst nichts. Und die Berichte muss man auch noch faxen. Wann bekommen wir ein moderneres Faxgerät?“

    „Keine Ahnung. Sollen wir denn eins bekommen?“
    fragte Adisai.

    „Besser wäre es. Dann kann man die Telefaxe automatisch verschicken lassen. Und hat etwas mehr Zeit, sich um das Wichtige zu kümmern. Na ja, was soll’s. Was machst Du noch heute?“

    „Ich nehme doch an, er geht mit mir aus.“
    antwortete Tanita an Adisais Stelle. Sie war von beiden unbemerkt in den Raum gekommen.

    „Ja, sicher.“ sagte Adisai.

    Wissanu wünschte beiden einen schönen Feierabend.

    Tanita und Adisai gingen zum Lift. Dort trafen sie Barin, der auch seinen Dienst beendet hatte. Die Tür öffnete sich und sie betraten die Kabine.

    „Ich hoffe Ihr seid nicht böse wegen Neujahr.“ meinte dieser.

    Tanita und Adisai schauten sich an und lachten. „Nein.“ antwortete sie. „So kommt der Kurzurlaub eine Woche früher, das hat doch auch etwas für sich.“

    „Was machst Du jetzt noch?“
    fragte Adisai.

    „Was meint Ihr wohl, was ich mache? Golf spielen natürlich. Das ist doch der beste Ausgleich zu diesen Bürotätigkeiten. Der Navy Golfplatz ist zum Glück gleich nebenan.“

    Im Erdgeschoss verließen sie den Lift.

    „Dann wünschen wir Dir viel Spaß.“

    „Ich Euch auch.“


    Barin bog um die Ecke und entschwand ihrem Blick.

    „Also ich kann dem Golfspiel nichts abgewinnen.“ meinte Adisai. „Fußball ist mir lieber.“

    „Aber nur im Fernsehen.“
    frotzelte Tanita.

    „Ja, das stimmt. Obwohl das gestern nicht so schön war. Aber das war ja auch nicht anders zu erwarten. Immerhin haben wir ja ein Tor geschafft gegen die Deutschen. Ich habe eine Idee, Tanita.“

    „Ja, und die wäre?“

    „Lass uns mal zu einem deutschen Biergarten gehen. Hast Du Lust?“

    „Ja, sicher. Wo ist denn einer?“

    „Am Lumpini Night Market gibt es einen großen. Wir machen uns daheim frisch und dann fahren wir los.“

    „Ich habe noch nie etwas Deutsches gegessen.“
    meinte Tanita. „Was essen die denn da so?“

    „Brot, Bier, Sauerkraut, Schweinshaxe. Mehr weiß ich auch nicht. Reis kennen die Deutschen wohl nicht. Lassen wir uns überraschen.“


    Adisai und Tanita winkten zwei Motorradtaxis heran und ließen sich von ihnen zu ihrem nicht weit entferntem Appartement in der Soi Mubaan Wipperri Home bringen.


    Fortsetzung folgt

  7. #6
    Avatar von moselbert

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    Re: Keine Hilfe aus Bangna

    (3)
    -.-.-.-.-.-.-.-.
    Lumphini Night Market
    -.-.-.-.-.-.-.-.


    „Auf Euren Sieg.“ sagte Samith und hob das Glas.

    „Danke. Prost.“ erwiderte Emil und stieß mit Samith an.

    Sie nahmen einen großen Schluck des erfrischenden Weizenbieres.

    „Und wie war das Spiel?“ fragte Samith.

    „Ein müdes Gekicke war es.“ antwortete Emil. „Es war für die deutsche Mannschaft viel zu schwül. Dann hatten wir den Klimaschock zu verkraften. In Japan und Korea ist es ja viel kälter als hier. Dann waren alle in Gedanken schon im Weihnachtsurlaub. Und die Thais waren viel zu schwach um einen ernsthaften Gegner abzugeben. In der ersten Halbzeit waren sie vor Ehrfurcht erstarrt. In der zweiten Halbzeit lief es etwas besser, aber am Schluss hatten sie dann keine Kondition mehr. Einzig der Torwart war ganz gut.“

    „Ja, der Hathairattanakool. Ich habe das Spiel nur im Fernsehen gesehen. Aber ich bin Deiner Meinung. War das Stadion voll?“

    „Es war schlecht besucht. Ich hatte gedacht, dass das Stadion beim Besuch des Vizeweltmeisters ausverkauft ist. Aber nichts da. Nur 15000 Zuschauer.“

    „Schön ist aber, dass Du auch mich besuchst, Emil.“

    „Klar. Wenn ich schon mal nach Thailand komme, dann kann ich doch bei einem alten Freund vorbeischauen.“


    Sie prosteten sich wieder zu. Dann setzten sie ihre Unterhaltung wieder fort, die sie auf Englisch führten.

    „Und, wie geht es Dir so im vorgezogenen Ruhestand?“ fragte Emil.

    „Ich genieße ihn. Obwohl ich gerne noch etwas gearbeitet hätte. Aber wenn man mich nicht lässt...“

    „Was ist denn damals genau passiert?“
    wollte Emil wissen.

    „Ich war denen oben wohl etwas zu unbequem. Ich hatte Dienstanweisungen geschrieben, nach denen wir bei Seebeben ziemlich zügig Tsunamiwarnungen herausgeben sollten. Die Kollegen hatten 1993 und 1998 auch für Thailand eine Tsunamiwarnung gemacht. Zum Glück passierte nichts. Aber immerhin 1998 gab es einen Tsunami in Papua-Neuguinea. Ich bin immer noch der Meinung, man soll lieber einmal zuviel als zuwenig warnen.“

    „Wenn die Warnungen begründet sind, durchaus.“
    bestätigte Emil.

    „Aber an höherer Stelle meinte man, die Touristen würden abgeschreckt. Und da ich meine Meinung trotz der Kritik nicht ändern wollte, wurde einem Anderen die Leitung übertragen. Die Anweisungen wurden jetzt etwas abgeändert, wie ich gehört habe.“

    „Wird nicht mehr gewarnt?“
    fragte Emil.

    „Doch, schon.“ antwortete Samith. „Allerdings nicht mehr auf Verdacht, so wie es in meiner Anweisung stand. Jetzt müssen wohl begründete Indizien für einen Tsunami vorliegen.“

  8. #7
    Avatar von moselbert

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    Re: Keine Hilfe aus Bangna

    (4)

    Samith schaute in die Runde. Er sah zwei ihm bekannte Gesichter und winkte ihnen zu.

    „Bekannte von Dir?“ fragte Emil.

    „Zwei junge Kollegen.“ Er machte eine Handbewegung und winkte beide an seinen Tisch. Emil sah einen jungen Mann und eine junge hübsche Frau. Sie begrüßten den älteren Samith und ihn mit einem Wai. Emil, der beiden zunächst die Hand geben wollte, tat es ihnen nach.

    „Setzten Sie sich zu uns.“ forderte Samith sie auf.

    „Es ist uns eine Ehre.“ antwortete der junge Mann.

    „Emil, das sind Adisai und Tanita, zwei junge Kollegen von mir.“ Er wandte sich den beiden Neuankömmlingen zu. „Das ist ein Geophysiker aus Deutschland. Er macht Urlaub in Thailand. Was treibt Sie denn hier in den Biergarten?“

    „Wir wollten wissen, wie man sich in Deutschland ernährt.“
    antwortete Adisai. „Dank der U-Bahn kommt man ja schnell hier zum Lumpinipark. Mit dem Taxi hätten wir von Bangna aus bei dem Verkehr bestimmt eine Stunde gebraucht. - Was können Sie uns denn empfehlen?“ fragte er den Deutschen.

    „Ich komme aus Potsdam. Was hier und anderswo in der Welt als deutsches Essen verkauft wird, ist eigentlich das Essen aus Bayern. Also nur aus einem kleinen Teil Deutschlands. Aber schmecken tut das natürlich auch. Nehmen Sie ruhig Schweinshaxe mit Püree und Sauerkraut. Und natürlich ein Bier.“

    Adisai winkte eine der Kellnerinnen heran. Die Thai wirkte in ihrem Dirndl für ihn exotisch. Er bestellte für sich und Tanita jeweils eine Haxe und auch eines von den bayerischen Weizenbieren.

    „Es ist eigentlich schade, dass es hier beispielsweise keine gebratene Berliner Leber mit Apfelscheiben gibt.“ bemerkte Emil. „Oder Rheinischen Sauerbraten. Oder Labskaus. Oder Gans mit Rotkohl und Klößen. Alles leckere deutsche Gerichte.“

    Die Kellnerin kam mit den Bieren und alle prosteten sich zu.

    „Und was gibt es Neues im Amt?“ fragte Samith seine jungen Kollegen.

    „Es hat sich nicht viel geändert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Das Wetter ist auch immer fast das gleiche.“ antwortete Adisai.

    Nach kurzer Zeit kam die Kellnerin erneut und brachte die zwei Haxen.

    „Das sind ja große Portionen.“ staunte Tanita.

    „Das sieht nur so aus. Den großen Knochen können Sie ja nicht essen. Und die Portionen in München sind noch deutlich größer. Lassen Sie es sich schmecken.“

    „Danke.“
    Tanita und Adisai fingen an zu essen. Samith und Emil setzten ihre Unterhaltung fort.

    „Wo soll es denn hingehen, nachdem Du Dir Bangkok angeschaut hast?“ fragte Samith.

    „Badeurlaub. Phuket. Dann habe ich doch alles abgegrast in Thailand. Fußball, die Hauptstadt, eine tropische Insel, was will man mehr?“

    „Du könntest noch in den Norden fahren. Auch eine schöne Gegend. Allerdings gibt es dort keinen Strand.“

    „Na, das muss ja auch nicht sein. Aber zum Wandern ist es mir in Thailand eigentlich zu heiß.“

    „Wir haben aber jetzt die kalte Jahreszeit.“
    sagte Samith. „Haben Sie eine Ahnung wie viel Grad jetzt im Norden sind?“ fragte er seine jungen Kollegen.

    „Ja, ich habe vorhin noch eine Vorhersage geschrieben.“ antwortete Tanita. „25 Grad, auf den Bergen morgens Bodenfrost.“

    „Oha, das ist ja wirklich nicht zu warm. Vielleicht werde ich mir das für den nächsten Urlaub vornehmen.“
    Emil nahm einen Schluck. „Schmeckt Ihnen das Essen denn?“ fragte er dann.

    „Ja, es schmeckt. Es könnte allerdings etwas schärfer sein.“ bemerkte Adisai.

    „Und der Reis fehlt. Aber schmecken tut es dennoch.“ ergänzte Tanita.

    „Na, das ist die Hauptsache.“ Er wandte sich wieder Samith zu. „Wie geht denn bei Euch die Warnerei vor Tsunamis vonstatten?“

    „Wir sind an das Pazifische Tsunami Warnzentrum PTWC angeschlossen. Und wenn von denen eine Warnung kommt, so geben wir auch für die thailändische Küste sofort eine Warnung heraus. Zumindest war das in meiner Anweisung so vorgesehen. Inzwischen braucht man noch mehr Indizien.“

    „Na, dann kann ich ja beruhigt nach Phuket fahren. Kommt das dann über Radio und Fernsehen?“

    „Ja, auch die Behörden werden benachrichtigt. Aber Phuket nicht. Das liegt ja nicht am Pazifik.“

    „Stimmt.“
    Emil grübelte. „Das ist ja der Indische Ozean. Und da gibt es kein Warnzentrum und keine Messgeräte.“

    „Genau, das ist auch so ein Manko. Eigentlich müsste man auf Verdacht warnen. Denn auch da kann es Tsunamis geben.“

    „Überall. Auch bei uns in Deutschland, wenn es dumm kommt. Aber am Pazifik ist es wohl wichtiger, so ein Zentrum zu haben.“

    „Obwohl unser Regierungschef sagt, dass es am Indischen Ozean keine Tsunamis geben kann, weil es noch nie welche gegeben hat. Der Mann mag zwar was von der Wirtschaft verstehen, immerhin ist er Geschäftsmann. Aber von Tektonik hat er keine Ahnung. Man kann nicht alle Fragen der Politik so lösen wie in einem Unternehmen. Das sieht man ja auch derzeit bei den Unruhen im Süden. So ein richtig klares Konzept scheint er nicht zu haben.“

    „Phuket ist aber nicht betroffen, oder?“
    fragte Emil besorgt.

    „Nein. Die Unruhen sind nur in den südlichsten drei Provinzen. Nach Phuket kannst Du getrost fahren. Aber wer ist in der heutigen Zeit wirklich sicher? In Zeiten von Al Khaida fliegen Dir ja auch Flugzeuge in Hochhäuser, wenn Du Pech hast. Die Mohammedaner auf Phuket sind friedliche Menschen, die ihrem Beruf als Fischer nachgehen. Besuch sie ruhig mal. Nimm Dir einen Dolmetscher mit und frage sie. Sie können Dir auch interessante Dinge über das Meer erzählen, die sich Taksin Shinawatra auch mal anhören sollte.“

    „Inwiefern?“

    „Ich war auch schon öfter auf Phuket gewesen.“
    erklärte Samith. „Und habe die Fischer dort unten besucht. Die alten Leute dort erzählen sich: wenn das Meer verschwindet, dann musst Du sehen, dass Du so schnell es irgend geht auf einen Hügel rennst.“

    „Tsunami.“
    bemerkte Emil.

    „Genau. Und da kann der Regierungschef sagen was er will.“

    Tanita und Adisai hatten inzwischen ihre Mahlzeit beendet. Adisai bemerkte: „Vielleicht sollten wir doch wo anders hinfahren als ans Meer.“

    „Wo soll’s denn hingehen?“
    wollte Samith wissen.

    „Nach Laem Mae Phim. Amphoe Klaeng.“

    „Ist es schön dort? Da war ich noch nicht.“

    „Uns gefällt es. Aber vielleicht sind die Berge doch besser.“

    „Quatsch. Schauen Sie, ich habe mich mehr mit Seebeben befasst, als vielleicht irgendjemand anders in Thailand. Und trotzdem liebe ich den Urlaub am Meer. Als Buddhist bete ich in den Tempeln und trage eine Kette mit Amuletten. So ist man doch gut geschützt. Und wenn man dann noch die Zeichen der Wissenschaft und der Natur berücksichtigt, kann ja eigentlich nicht viel passieren. Ich wünsche Ihnen beiden jedenfalls einen schönen Urlaub. Dir natürlich auch, Emil. Zum Wohl.“


    Er hob sein Bierglas. Die anderen stießen mit ihm an. Den Rest des Abends verbrachten sie mit eher belanglosem Smalltalk.


    Fortsetzung folgt

  9. #8
    Avatar von moselbert

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    Re: Keine Hilfe aus Bangna

    (5)

    -.-.-.-.-.-.-.-.
    Freitag 24.12.2547 (2004)
    -.-.-.-.-.-.-.-.


    Adisai schaute auf die Uhr. Er wartete auf seine Ablösung. Es war ein eher langweiliger Tag gewesen. Erdbeben hatte es nicht gegeben. Nirgendwo auf der Welt. Das war eher ungewöhnlich. Normalerweise gab es immer mal irgendwo ein Beben. Die meisten waren zwar zu schwach, um Schäden anzurichten. Aber die konnte er wenigstens in seinen Lageberichten vermerken. Oder er konnte sich die Aufzeichnungen der Seismografen anschauen. Aber heute? Hinzu kam noch, dass er gleich mit Tanita ans Meer fahren wollte. Da hatte er auch keine rechte Lust. aber die Ablösung kam und kam nicht. Barin sollte ihn ablösen. Er schaute auf die Uhr. Barin kam nie zu früh oder zu spät. Er war immer extrem pünktlich. Und er hielt sich an die Vorschriften. Ziemlich penibel sogar. Heute hätte er aber mal etwas früher kommen können.

    Aber da ging die Türe auf und Barin kam herein.

    „Sawaddi Khrab.“ grüßte er.

    „Sawaddi Khrab, Barin.“ erwiderte Adisai.

    „Na, wann geht es los ans Meer?“

    „Sobald ich Dir übergeben habe, Barin.“

    „Na dann mal los. Was gibt’s?“

    „Nichts. Kein Beben. Absolut tote Hose heute. Das war die Übergabe auch schon.“
    Adisai grinste.

    „Echt? Na dann hast Du dich sicher gelangweilt.“

    „Eigentlich schon. Ich habe zwar ab und zu oben mit Tanita gesprochen. Sie hatte aber mehr zu tun als ich und ich wollte sie nicht von der Arbeit abhalten.“

    „Na, dann wünsche ich Euch einen schönen Urlaub. Am Dienstag müsst Ihr wieder arbeiten, stimmt’s?“

    „Wenn Du das nicht weißt. Du machst doch den Dienstplan.“

    „Ich habe nicht alle Eure Dienste im Kopf. Fahrt vorsichtig.“

    „Machen wir. Chock dii.“
    Adisai schloss die Tür hinter sich und ging eine Etage höher um seine Frau abzuholen. Sie kam ihm auf halber Strecke entgegen.

    „Da bist Du ja schon.“ sagte Adisai zu ihr. „Dann lass uns mal nach Hause und alles verstauen.“

    Tanita strahlte ihn an. Sie fuhren mit dem Lift hinunter. Mit einem Motorradtaxi fuhren sie wieder zu ihrem Appartement in der Soi Mubaan Wipperri Home.

    Adisai hatte sich von einem Nachbarn einen Wagen geliehen. In Bangkok selber brauchten sie keinen. Die Arbeitsstelle, das TMD in Bang Na, war leicht zu Fuß zu erreichen. Allerdings nahmen beide wie fast alle Thais meist ein Motorradtaxi für kurze Strecken. Nach Bangkok hinein kam man auch relativ schnell. Zunächst ging es mit dem Bus bis zum Busbahnhof Ost. Hier war auch die Endhaltestelle des Skytrain, mit dem man schnell in der Innenstadt war. Nach Eröffnung der U-Bahn in diesem Jahr waren manche Gegenden in Bangkok noch besser zu erreichen. Die Verlängerung des Skytrains die Sukhumvit entlang über Bang Na in Richtung Samut Prakan war in Bau und versprach mit einer Station in der Nähe des TMD eine weitere Verbesserung der Nahverkehrssituation. Warum sollte man sich dann ein Auto kaufen? Für die gelegentlichen Ausflüge konnte man sich ja eins leihen. Entweder bei Nachbarn, Freunden, oder - wenn die nicht verfügbar waren – eben bei einer Autovermietung. Heute hatten also die Nachbarn dran glauben müssen.

    Tanita und Adisai packten ihre kleinen Reisetaschen mit den paar Utensilien, die man für 3 Tage am Meer braucht. Dann stiegen sie in den Wagen und fuhren los.

    Die Fahrt führte sie zunächst nach Osten. Adisai fuhr über die Bangna – Trat – Road, eine der großen Ausfallstraßen, die aus Bangkok hinausführen. Er wählte die obere Fahrbahn. Auf über 30 Kilometer Länge war unter anderem von der deutschen Firma Bilfiger und Berger eine Hochstraße über der alten Straße gebaut worden. Hier durften keine Lkws fahren, man kam schneller voran und musste nicht so höllisch aufpassen wie unten. Dafür kostete die obere Straße allerdings Mautgebühr. Nach einiger Zeit überquerten sie den Fluss Maenam Pakong, der die Grenze zur Provinz Chonburi bildete. In dieser Provinz lag auch das vor allem bei Ausländern beliebte Seebad Pattaya. Tanita und Adisai liebten aber den Trubel nicht so sehr und so bogen sie in der Provinzhauptstadt Chonburi ins Landesinnere ab. Die gut ausgebaute und kaum befahrene Schnellstraße führte sie über Ban Bueng und Wang Chan nach Klaeng. Zwischendurch machten sie in einem kleinen Straßenrestaurant Rast.

    Schließlich kamen sie kurz vor Einsetzen der Dämmerung in Laem Mae Phim an. In ihrer Lieblingsunterkunft neben dem kleinen Busbahnhof gab es auch noch ein freies Zimmer. Sie machten sich frisch und gingen, es war bereits dunkel, in eines der zahlreichen am Strand befindlichen Restaurants.

    Sie bestellten sich Seafood und schauten auf das Meer hinaus. In steter Folge brandeten die Wellen an den Strand. Sie schauten sich an und waren glücklich.


  10. #9
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    Re: Keine Hilfe aus Bangna

    (6)

    Emil hatte den Rat seines Freundes befolgt. Nachdem er auf Phuket angekommen war, hatte er sich von einem Taxifahrer zum Rawaii Beach in den Süden der Insel chauffieren lassen. Warum sollte er sich nicht im Urlaub auch mit dienstlichen Dingen befassen? Und ein Besuch bei den Seezigeunern, wie die mohammedanischen Fischer auch genannt wurden, war beides. Ein Ausflugsziel mit ernstem Hintergrund.

    Der Taxifahrer kam zufälligerweise aus dem Dorf. Er sprach ausreichend Englisch und konnte somit als Dolmetscher dienen. Er hieß Taksi.
    Das Dorf war von der Straße nicht direkt erreichbar. Sie mussten ein kleines Stück zu Fuß gehen und dann sah Emil das Dorf vor sich liegen. Es gefiel ihm gleich auf Anhieb. Die Häuser standen auf Stelzen über dem Meer. Über einen Steg war es vom Ufer aus erreichbar. Die Boote der Menschen waren an den Stegen festgebunden.

    „Schön ist es hier.“ sagte Emil zu Taksi. „Die Aussicht aufs Meer.“

    „Ja. alle Farangs finden es schön hier. Wir finden es praktisch, am Wasser zu leben, das uns ernährt. Einige wenige, so wie ich, machen etwas anderes. Taxifahren zum Beispiel.“


    Sie gingen zwischen den Häusern entlang. Neugierige Blicke verfolgten den Fremden. Es waren meist Frauen und Kinder, die ihm nachschauten. Die meisten Männer waren anscheinend auf dem Meer zum Fischen. Die Menschen sahen gleich, dass Emil nicht einer der normalen Touristen war, die sich öfter hier her verirrten und den Menschen etwas abkauften.

    Ein Mann mittleren Alters mit einer dicken Brille kam auf Taksi und Emil zu.

    „Das ist Ruun, der Bürgermeister.“ erklärte Taksi. Dann sprach er mit Ruun. Dieser lud beide daraufhin in sein Haus ein. Er forderte sie auf sich zu setzen und bot ihnen etwas Obst und ein Glas Wasser an. Dankbar nahm Emil an. Es wehte zwar ein leichter Wind vom Meer, aber dennoch war er ins Schwitzen gekommen und war dankbar für diese Erfrischung.
    Die Unterhaltung gestaltete sich zunächst etwas schwierig. Aber mit der Zeit hatten sich alle daran gewöhnt, dass der Farang Englisch sprach, und Taksi die Worte in seine Sprache übersetzte.

    Die Seezigeuner lebten schon lange hier. Sie waren mit dem Meer vertraut und hatten ihre eigene Sprache und Kultur. Sie waren nicht mit den Thais verwandt, auch die Sprache hatte keine Ähnlichkeit mit dem Idiom des Landes. Zudem waren sie Mohammedaner. Sie glaubten an einen Gott, Allah, und hielten die Thais für Ungläubige, weil diese auf das Nirwana hinarbeiteten. Aber immerhin kauften sie ihnen ihre Fische ab und ließen sie hier gewähren.

    Emil kam langsam auf den Kernpunkt seines Besuchs.

    Ob der Bürgermeister denn schon jemals etwas von einem Tsunami gehört hatte.

    Dieser antwortete, dass er nicht wisse was das ist und auch davon noch nie etwas erfahren hatte.

    „Eine riesige Welle.“ erläuterte Emil.

    „Gesehen habe ich noch keine. Manchmal sind die Wellen größer, wenn zu Beginn oder zum Ende der Regenzeit die großen Stürme auf der Andamanensee toben. Dann kann es sein, dass wir mit den kleinen Booten ein paar Tage nicht aufs Meer hinaus können.“

    „Ich meine keine Stürme.“
    versuchte es Emil noch einmal. „Es gibt Wellen, die ohne einen ersichtlichen Grund kommen und alles zerstören.“

    Ruun dachte nach.

    „Doch, jetzt wo Sie es sagen. Vor vielen Jahren, ich war noch ein Junge und ging in die Schule, rief meine Urgroßmutter uns Kinder zu sich. Sie wollte uns wieder einmal eine ihrer Geschichten erzählen, die wir damals so gerne hörten. Allerdings war es diesmal keine lustige Geschichte. Sie erzählte von einem riesigen Fisch, der im Meer schläft. Ein Mal alle hundert oder zweihundert Jahre wacht er auf und bekommt Hunger. Dann saugt er das Wasser ein und spuckt es anschließend in Richtung Land wieder aus. Niemand weiß genau wann das sein wird. Aber dadurch entstehen riesige Wellen, die aufs Land zurasen. Man kann sie rechtzeitig erkennen. Denn zuerst verschwindet das Wasser wie von Geisterhand. Wer dann nicht schnell auf eine Erhebung läuft, wird vom Meer verschlungen. Diese Menschen werden von dem riesigen Fisch geschluckt. Wenn er so seinen Hunger gestillt hat, legt er sich wieder schlafen. Ich habe das noch nicht gesehen, aber meine Großmutter, sie war damals schon sehr alt, hat es als kleines Mädchen erlebt.“

    Er machte eine Pause und lächelte.

    „Wissen Sie, ich glaube nicht an den Fisch und an Geister. Ich glaube eher, dass solche großen Wellen die Strafe Allahs für die Sünden der Menschen sind. Und wenn man sich so anschaut, wie sich viele Männer hier auf der Insel verhalten, nicht nur Ausländer, sondern auch Thais, wie manche Frauen und Mädchen ihren Körper an diese Männer verkaufen, dann glaube ich, dass die nächste Strafe Allahs nicht lange auf sich warten lassen kann. Aber man weiß nie, wie Allah straft.“

    Emil dachte über das Gehörte nach. Der Indische Ozean war genauso tsunamigefährdet wie der Pazifische. Im Unterschied zu jenem allerdings lagen die gefährlichen Seebebenzonen nicht ringförmig um den Ozean, sondern an der Ostseite konzentriert.

    Er musste einmal im Internet nachsehen, ob er etwas über vergangene Seebeben und Tsunamis im Indischen Ozean herausbekommen konnte. Er verabschiedete sich von Ruun, bedankte sich noch mal herzlich für dessen Ausführungen und ließ sich von Taksi zurück zu seinem Hotel fahren.

    Heute war es zu spät, er war müde. Aber am nächsten Tag wollte er mit seinem Laptop, den er zum Glück mitgenommen hatte, im Hotel ein wenig auf die virtuelle Suche gehen.


    ... wird fortgesetzt ...

  11. #10
    Avatar von moselbert

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    Re: Keine Hilfe aus Bangna

    -.-.-.-.-.-.-.-.
    Samstag 25.12.2457 (2004)
    Laem Mae Phim
    -.-.-.-.-.-.-.-.


    Adisai und Tanita hatten sich ein Boot gemietet und waren zu den Ko Man Inseln vor der Küste Laem Mae Pims gefahren. Besser gesagt, sie hatten sich vom Bootsführer fahren lassen. Auf den kleinen Inseln gab es ein paar Hütten, in denen wenige Urlauber Platz hatten. Auch gab es die Möglichkeit, sich einfach zu verpflegen. Beide saßen unter einer Kokospalme und schauten aufs Meer hinaus. Dann schauten sie sich an. Dann schauten sie wieder aufs Meer hinaus. Dann schaute Adisai nach oben. Es waren keine Kokosnüsse an der Palme. Zum Glück. Und so verging der Tag mit Nichtstun. Am Nachmittag ließen sie sich von einem Boot wieder zurück aufs Festland bringen. Dann fuhren sie in die nahe Kreisstadt Klaeng, schlenderten ein wenig über die Marktgassen und befriedigten ihr im Tagesverlauf stärker gewordenes Hungergefühl.

    „Weißt Du übrigens, was heute für ein Tag ist?“ fragte Adisai beim Essen.

    „Samstag.“ antwortete Tanita.

    „Ja, das auch. Aber es ist auch Weihnachten.“

    „Stimmt. Dieses christliche Fest. Man kann es ja auch in Thailand nicht mehr vergessen, seit die Kaufhäuser entsprechend dekorieren.“


    Adisai griff in die Hosentasche.

    „In den westlichen Ländern schenken sich die Leute gegenseitig etwas. Bei uns ist das ja erst zu Neujahr der Fall, aber da wir beide da ja Dienst haben, liebe Tanita, habe ich etwas für Dich.“

    Adisai griff in die Hosentasche und holte eine kleine Schatulle heraus. Tanita nahm sie an sich, öffnete sie und erblickte einen schönen Ring. Sie setzte ihn auf einen Finger und strahlte.

    „Er ist nicht teuer gewesen.“ erklärte Adisai, „aber ich dachte er würde Dir gefallen.“

    „Das tut er. Vielen Dank, mein Schatz.“
    Sie beugte sich zu ihm und gab ihm einen Kuss. „Jetzt werden wir auch den grässlichen Neujahrsnachtdienst überstehen.“

    -.-.-.-.-.-.-.-
    Bangna
    -.-.-.-.-.-.-.-


    Barin stand auf der 15.Bahn des Navy Golfplatzes. Dieser Golfplatz lag ideal direkt neben dem mehrstöckigen, hellen Gebäude der Zentrale des TMD mit der markanten Parabolantenne für die polarumlaufenden NOAA Satelliten auf dem Dach. Thailand hatte einen sehr gut funktionierenden Wetterdienst. Wenn er mal auf die Wetterkarten schaute, war er stolz, wie viele Wettermeldungen von den Beobachtungsstationen seines Landes ins Fernmeldenetz des World Weather Watch eingesteuert wurden. Vor allem wenn man die Anzahl der Meldungen mit denen anderer Nationen in der Nähe verglich. Einer seiner Vorgesetzten war vor etwa 30 Jahren mal in der Universität Bonn in Westdeutschland gewesen. Er hatte auch die Wetterdienste des dortigen Landes besuchen können und hatte seine Erfahrungen in den TMD eingebracht. Das kam Thailands Wetterdienst jetzt zu Gute.

    Barin nahm Maß. Sein Blick fiel auf das dem Golfplatz gegenüberliegende Ausstellungszentrum BITEC. Er visierte einen der Masten auf dem Dach des Gebäudes an und schlug ab. Die Kugel flog über mehr als hundert Meter in Richtung des Green. Allerdings landete sie nicht auf dem Fairway sondern im höheren Gras nebenan. Er musste noch üben, um sein Handicap zu verbessern. Aber darum ging es ihm nur in zweiter Linie. Vor allem war das Golfspiel ein schöner Ausgleich für die meist etwas öde Tätigkeit im TMD. Früher, als er noch in der Wetterabteilung arbeitete, hatte er etwas mehr zu tun. Wetterberichte, Analysen, Warnungen... Es wurde nie langweilig. Hingegen war der Schichtdienst in der Geophysikalischen Abteilung manchmal regelrecht öde. Auf der anderen Seite wünschte er sich aber auch so einen Tag nicht, wie ihn Wissanu vor ein paar Jahren erlebt hatte. Da standen nach einem Beben die Telefone nicht mehr still.

    Also wollte er sich doch lieber nicht beklagen. Immerhin hatte er noch die Dienstpläne zu machen. Das war gar nicht so einfach. Er musste einen Kompromiss zwischen dienstlicher Notwendigkeit und den Wünschen der Mitarbeiter finden. Manchmal ließ sich beides nicht vereinbaren. Und dann musste er dafür sorgen, dass doch alle zufrieden waren. Irgendwie hatte es bisher immer geklappt.

    Er holte wieder aus und drosch den Golfball aus dem Rough zurück auf die Bahn. Er hatte noch 3 weitere Bahnen zu spielen. Morgen würde er dann wieder keine Zeit haben, weil der Dienst rief.

    -.-.-.-.-.-.-.-.
    Phuket
    -.-.-.-.-.-.-.-.

    Emil hatte sich trotz des schönen Wetters in sein Hotelzimmer zurückgezogen. Das Gespräch mit dem Bürgermeister Ruun hatte ihm keine Ruhe gelassen. So schaute er auf den Internetseiten seines Instituts in Potsdam nach Links über historische Daten von Erdbeben und Tsunamis.
    Er wurde fündig.

    Nach Analysen des russischen Tsunami Laboratory in Novosibirsk musste es im Indischen Ozean schon einige Tsunamis gegeben haben. Er rechnete nach. Dieser Ruun war ungefähr 50 Jahre alt. Vor etwa 40 bis 45 Jahren hatte er die Schule besucht. Also 1960, schätzte er. Seine Urgroßmutter konnte durchaus über 80 Jahre alt gewesen sein. Dann wäre sie vor 1880 geboren. 1883 war der indonesische Vulkan Krakatau explodiert. Er hatte einen großen Tsunami bewirkt. Das musste das Ereignis gewesen sein, das Ruuns Urgroßmutter erlebt hatte.

    Zwischen 1797 uns 1883 hatte es nach 4 Erdbeben mit einer Stärke zwischen 7.5 und 8.5 auf der Richterskala Tsunamis mit maximalen Wellenhöhen von 5 bis 8 Metern gegeben. Bis zu 36 Meter hoch waren die Wellen nach der Krakatauexplosion geschätzt worden. Das war aber ein extremes Ereignis gewesen.
    Bedenklich war das schon. Aber es war nicht seine Aufgabe, die Länder am Indischen Ozean zu überreden, ein Warnsystem wie im Pazifik zu installieren. Er war sich sicher, wenn die USA am Indischen Ozean gelegen hätten, dann wäre das schon längst geschehen. Oder etwa doch nicht? Denn im Atlantik, an dem die USA ebenfalls lagen, gab es ja schließlich auch kein Frühwarnsystem.

    Emil klappte seinen Laptop zu und verließ sein Hotel, um in den angrenzenden Straßen etwas Zerstreuung zu finden. Er hatte Lust auf ein kühles Bier. Die thailändischen Biere waren besser als er erwartet hatte. Etwas zu essen wäre auch nicht schlecht. Danach wollte er wieder in sein Hotel zurück und den ersten Weihnachtstag ausklingen lassen. Er hatte den ganzen Tag über nicht an Weihnachten gedacht, weil sich bei ihm die richtige Weihnachtsstimmung nicht einstellen wollte. Irgendwie brauchte er Schnee und Weihnachtsbäume dazu und keine Palmen und 30 Grad. Die Dekorationen in den Geschäften zeigten zwar hie und da einen Weihnachtsmann, aber der hätte bei den Temperaturen seinen Wintermantel nach wenigen Minuten in die Ecke geschmissen.

    -.-.-.-.-.-.-.-
    Bangna
    -.-.-.-.-.-.-.-


    Um 20 Uhr kam Wissanu und löste seinen Vorgänger ab. Gegen 16 Uhr hatte die Erde in Chile gebebt, hörte er. Es war aber nur ein kleines Beben gewesen.

    Wissanu schaute aus dem Fenster auf die Stadt. Sie war hell erleuchtet. Die Häuser und Straßenlaternen funkelten wie Diamanten auf schwarzem Samt. Nicht weit entfernt lag der Verkehrsknotenpunkt Bangna mit seinen Brücken und Unterführungen. Hier trafen sich die Straßen, die an die Ostküste des Landes führten. Zum einen die Sukhumvit, die durch eines der bekanntesten Geschäftsviertel der thailändischen Hauptstadt verlief. Diese Gegend war auch bei Ausländern sehr beliebt und für Thais demzufolge etwas teuer. Die Sukhumvit ging weiter durch die Nachbarstädte Samut Prakan und Chonburi. Diese Straße traf sich hier mit der gebührenpflichtigen Schnellstraße, die von Rangsit am Flughafen vorbei durch die Stadt führte. Das war der erste Expressway der thailändischen Hauptstadt gewesen. Allerdings war er auch häufig verstopft. Schließlich endete hier eine weitere Schnellstraße, die Nationalstraße 34 oder Bangna - Trat - Road, die autobahnähnlich ausgebaut und zudem noch mit einer Hochstraße überbrückt war. Auf ihr konnte man ebenfalls an die Ostküste kommen.

    Wissanu sah die Autos in langen Schlangen auf den Straßen dahinfahren. Jetzt am Wochenende war der Verkehr schwächer. Viele Bewohner der Hauptstadt waren für ein, zwei Tage raus ins Grüne gefahren. Wie auch seine Kollegen Adisai und Tanita. Er würde am nächsten Wochenende, wenn auch das westliche Neujahrsfest gefeiert werden würde, seine Familie in Supanburi besuchen. Die Stadt war nicht allzu weit weg von Bangkok, allerdings musste man von Bangna erst die gesamte Metropole durchfahren, was die meiste Zeit in Anspruch nahm.

    Er freute sich schon darauf, seine Eltern wieder zu sehen und mit seinen Neffen einen Ausflug zum Bueng Chawag zu machen, einem großen See mit Zoo und Aquarium.

    Wissanu drehte sich vom Fenster weg und setzte sich an seinen Arbeitsplatz. Er konnte auf verschiedenen Monitoren die automatischen Registrierungen der Seismografen sehen. Nichts tat sich. Also wählte er sich ins Internet ein und schaute auf die Seiten der Dienste, auf denen zu sehen war, welche Erdbeben sich aktuell ereigneten. Die letzten Meldungen waren ein paar Stunden alt. Meist waren es aber kleine lokale Beben, die ihn nicht interessierten. Er lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und machte ein Nickerchen. Die beiden Techniker, die im Nachbarraum Dienst taten, würden ihn schon wecken wenn etwas Besonderes geschah.


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