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Hermann, On & Paul...

Erstellt von Kali, 23.01.2004, 18:11 Uhr · 48 Antworten · 4.158 Aufrufe

  1. #1
    Kali
    Avatar von Kali

    Hermann, On & Paul...

    So, Lob mal als positiven Movationsschub betrachtend, will ich Euch noch ein wenig über Hermann, On und Paul erzählen – und was sie so alles erlebt haben bzw. auch noch u.a. in Thailand erleben werden.

    Hermann, unser Mittfünfziger, 56, um genau zu sein, war bis zu seiner Frühpensionierung im Dezember 2001 Beamter des mittleren Dienstes (zuletzt in der Besoldungsstufe A 7, durfte im amtlichen Schriftverkehr also den vielverheißenden Titel eines Stadtobersekretärs führen) beim Senat in Berlin im Ordnungsbereich tätig. Die letzten fünf Jahre bis zu seinem Ausscheiden war er mit der komplexen und verantwortungsvollen Materie des Fundwesens befaßt, sprich: er verwaltete das umfangreiche Lager des Fundbüros. Kein leichter Job, erforderte er doch ausgeprägtes Fingerspitzengefühl im Umgang mit mitunter verzweifeltem Publikum, das ihn flehentlich um die Wiederbeschaffung verloren gegangener Beißhilfen bzw. sich selbständig gemacht habender Bruchbänder anging. Mitunter war er allerdings seinen Vorgesetzten ein Dorn im Auge, wenn er denn schon mal das Photo eines Gebisses in der Zeitung veröffentlichen oder ein solches bei der Polizei öffentlich zur Fahndung ausschrieben ließ. Er nahm seine Aufgabe ernst, sein Slogan war: "Hast Du Dein Gebiss verloren, liegst halt Hermann in den Ohren..." Die Pension eines Stadtobersekretärs ist nicht weltbewegend, doch da legt Hermann keinen großen Wert drauf. Er ist glücklich, wenn er schon mal den ein oder anderen seiner ehemals Hilfesuchenden in der Stadt trifft, der ihn freundlich anlächelt, und er sich dann sagen kann: "Siehst, Hermann, das hast Du wiedergefunden..."
    Übrigens hat Hermann auch ´ne kleine Mietwohnung, immerhin zweieinhalb Zimmer im Souterrain, in Kreuzberg – er liebt einfach dieses Multikulturelle -, und wenn er morgens den Muezzin was rufen hört, dann kommt so was wie Urlaubsstimmung auf. Ein Auto hat er allerdings nicht. "Radfahren hält jung," antwortet er, wenn er drauf angesprochen wird. Daß er nach einem Besuch bei Sonja die Fleppe vor drei Monaten abgeben mußte, neee, da redet er nicht so gerne drüber.

    Paul, unser Ostfriese, kam vor ca. 10 Jahren eines Tages überraschend mit einem selbst gefrickelten Wohnmobil auf Mercedes-Chassis-Basis, das den TÜV vermutlich noch nicht einmal vom Hörensagen kannte, in Berlin an. Nachdem er dann im Verlaufe von zwei Jahren ca. 120 Anwohnerparkplätze nacheinander blockiert hatte, zog man zunächst das Wohnmobil für immer und anschließend Paul kurzzeitig aus dem Verkehr. Das Städtische Wohnungsamt vermittelte ihm zunächst ein kleines Zimmer bei einer 16-köpfigen Türkenfamilie in Kreuzberg, seit Ende 1998 bewohnt er ein kleines Häuschen in Ferch, gleich hinter Caputh, sehr schön im Wald gelegen. Dort fühlt er sich wohl, er liebt die Natur, dort kann er sich seiner Lieblingsbeschäftigung widmen: nämlich nichts reden zu müssen. Im selben Jahr fuhr er auch das erste Mal nach Thailand, nach Pattaya, diesem geschichtsträchtigen Ort ca. 120 km so Bangkok. Ob er schon mal woanders in Thailand gewesen war, nun, erzählt hat er bis heute jedenfalls noch nichts. Doch das will nichts heißen. Er scheint allerdings nicht ganz so mittellos zu sein, man munkelt von einer Erbschaft, zumindest ist das Häuschen in Ferch bezahlt. Angeblich habe er es von einem alten pensionierten russischen General gekauft, dem die Wende irgendwie durchgegangen war. Aufgefallen war´s dem, als der im Sommer 1998 in einer Trinkpause – Paul hatte bei seinem Einzug einen 80 m3 – Container für´s Leergut ordern müssen – eine Menge Autos mit ihm unbekannten Kennzeichen bemerkte. Sein Ruf nach der russischen Miliz verhallte ungehört, weil, wer sollte ihn hören, von denen war ja bekanntermaßen 1998 keiner mehr da ?!

    On ist eine stille nun 35-jährige Frau, 162 cm, lange schwarze glänzende Haare, ebensolche Augen, nicht so lang, aber so schwarz, aus Nong Bua Lamphu, aus Bangkok kommend Richtung nordnordost und kurz vor Udon Thani scharf links, dann noch ca. 6 Stunden mit dem Fahrrad oder 1 – 1½ Stunden mit dem Wagen. Sie hat zwei Kinder ( 8 und 10), alles Mädels, ihr Leben lang hart gearbeitet, auf´m Feld und so, für die kranke Mutter gesorgt und den gesunden Vater. Ihr Mann hatte nach der Geburt des zweiten Mädels das gegeben, was man auch als Fersengeld bezeichnet. Nun, so hatte er wenigstens etwas gegeben. Nachdem denn aus der Nachbarschaft die ein oder andere verschwand, nein, nicht auf Nimmerwiedersehen, ins Ausland nämlich, dachte sie sich eines Tages, natürlich auf Thai: ´Gehst halt auch...´ Über eine Cousine 69-ten Grades, die in Berlin wohnt, bekam sie Kontakt zu einem freundlichem Mann mit seiner Thai-Frau, der ihr – gegen eine geringe Unkostenpauschale – die Fahrt nach Deutschland ins gelobte Land ermöglichte. Eigentlich nur eine Formsache, das Grundstück der Eltern wurde mal eben mit 120.000 THB beliehen, dies für die Unkostenpauschale des freundlichen Menschen aus Jöremani, die restlichen 40.000 THB für´s Ticket und die Papiere streckten die Nachbarn gegen einen Freundschaftszins vor. Mit der Rückzahlung eile es nicht so, sie solle erst mal sehen, daß alles so nach Wunsch klappt, Und so kam sie also vor ca. 4 Wochen nach Berlin, zahlte artig, denn die machten sich ja nun wirklich Mühe, die teure Anzeige in der Zeitung, den ganzen Aufwand. ´Sind tatsächlich nette Leute,´ stellte sie nach ihrer Ankunft in der Wohnung fest, ´haben sogar ein Zimmer mit 4 übereinandergestapelten Feldbetten (Restbestände von der NVA), vermutlich für Freunde, wenn die zu Besuch sind und mal ein wenig viel getrunken haben.´ Vor Rührung über soviel Menschlichkeit kamen ihr fast die Tränen.
    Na ja, und einer der 86 Aufzeitungsheiratsanzeigenantworter war eben Paul, ihr von Beginn an sympathisch, redete nicht viel, hatte etwas wenig Haare auf dem Kopf, einen kleinen Bauch – hat sicher immer reichlich zu essen. Und als sie das kleine Haus in Ferch bewundert hatte, da sagte sie spontan: "ooiii mi: ba:n mi: rot mai ao mO:ng phu: chai i:t ao Baul khon diao..." frei nach Kali: ooiii, der hat´n Haus und ´n Auto, ich will keinen anderen Mann mehr sehen, ich will alleine nur Paul ! Und Paul strahlte auch, wie sie so schön lächelt, hat sicher was Nettes gesagt.
    So leben On und Paul also seit ca. 14 Tagen zusammen und, wie´s ausschaut, verstehen sie sich, auf jeden Fall lächelt On den ganzen Tag. Und Paul ist´s zufrieden, nun ist er nicht mehr allein, und überhaupt, On spricht auch ein wenig Englisch. Gelernt haben will sie es von einem Neuseeländer, der in der Nähe ihres Heimatdorfes 5 Jahre als Waldmönch gelebt hatte. Hatte ihr in einer Waldpause während der Arbeit schon mal zugesehen, so kamen sie dann ins Gespräch. Und da das Angelsächsische in der Grundstruktur gewisse Ähnlichkeiten mit dem Ostfriesischen aufweist, kommt so etwas wie eine Kommunikation zustande, für Außenstehende allerdings nicht so ohne weiteres nachvollziehbar.
    Und so ist sich Paul schon sicher, daß sie, wenn sie dann mit leicht singendem Tonfall dieses: "yuur haendsom maen." von sich läßt, im Grunde nur ihren guten Geschmack beweist, und dieses: "mai mather veri mai sabei doctor veri paeng." ja nur auf ihren ausgeprägten Familiensinn schließen läßt. Das hatte ihm nicht nur der Vermittler gesagt, er hatte es auch in einem Reiseführer gelesen. ´Jou, is´ man bannig jut, wenn man sich vorher än büschen schlau machen tut,´ denkt er manchmal bei sich, wenn er gerade mal viel denkt.

    Kennengelernt hatten sich die beiden übrigens ´dienstlich´, d.h., Paul agierte als Fundsachenfinderundablieferer und Hermann als Fundsachenentgegennehmerundverwalter.
    Die Sache war so: Paul strich – wie häufiger, wenn er mal aus Ferch rauskommen wollte – an einem lauen Maiabend 2000 durch eine kleine Seitenstraße in Kreuzberg. Da sah´ er hinter einer Mülltonne eine ca. 80 x 60 x 20 große Holzkiste mit Kieler Sprotten. ´Die hat wohl jemand verloren,´ dachte er bei sich, ´bringst sie halt zum Fundbüro.´ Gedacht, getan. Er vorsichtig die Kiste an den Mann gebracht, nämlich an sich selbst, die Arme gaaanz weit vom Körper abgewinkelt und zum Fundbüro gestiefelt. Hermann hatte Dienst, sah´ ihn flott über seine auf der Nasenspitze hockenden Lesebrille an und meinte: "Na, was haben wir denn da Schönes ?", den leicht ob der von der Kiste aufsteigenden bereits sichtbaren Wohlgerüche grünlichen Schimmer in Pauls Gesicht einfach nicht zur Kenntnis nehmend, "...eine Fundsache, gelle ?! Na, dann woll´n mer ma.", füllte den Empfangsschein aus, ohne mit der Wimper zu zucken holte er eine dieser großen blauen Plastiktüten und verpackte die Fundsache nicht nur vorschriftsmäßig, sondern auch luftdicht. "Mit diesem Zettel können Sie sich die Fundsache abholen, wenn der Eigentümer sich nicht innerhalb eines halben Jahres meldet."
    Paul kam nach einem halben Jahr – der Eigentümer hatte sich tatsächlich nicht gemeldet – und zog mit seinem neuen Besitz stolz nach Hause. Nachdem er es denn ausgepackt hatte, war die Wohnung innerhalb einer Viertelstunde fliegenfrei, die kläglichen vermoderten Reste packte Paul in die Tüte, verschloß diese luftdicht und entsorgte die nicht mehr verwendbaren Reste der Fundsache, die nun in sein Eigentum übergegangen war, ordnungsgemäß in der für den Restmüll vorgesehenen Tonne.
    Die Kiste wurde schön drei Wochen in einem Antiseptikum gewässert, anschließend getrocknet, geschmirgelt, braun angestrichen und an die Wand geschraubt. Dort lagern nun die Prospekte aus Thailand. Welche Bedeutung ´alter Fisch´ für ihn in diesem Leben noch haben sollte, ahnte er zu diesem Zeitpunkt nicht im entferntesten.
    Zufällig trafen sie sich zwei Monate später in einer Eckkneipe, tranken ein paar Schultheiss zusammen – jeder bezahlte sein eigenes -, tja, und so wurden sie so etwas wie Freunde.

    Das wären sie also, die, die noch ´ne schöne Zeit vor sich haben. Halt, der Hermann hat ja ein paar schöne Stunden hinter sich. Teufel auch, war die Sonja gut drauf. Sicher, auch in der Lola-Bar nehmen sie seit dem 01.01.04 50 € Praxisgebühr. Doch die Sonja hat ihm das verständlich erklärt, nachdem sie während ihres Zusammenseins das fünfte Mal auf die Uhr gesehen hatte: "Sieh´ mal, Hermann, Du bist ja nicht nur ´n einfacher Freier, irgendwo ja auch mein Patient – Du brauchst die Praxisgebühr ja auch nur einmal im Quartal zu bezahlen."
    Eines ging ihm allerdings doch auf den Keks: Sicher, Sonja vermittelte ihm das Gefühl, ein ganzer Kerl zu sein, und zuhören konnte sie auch, und auch eine gewisse Vertrautheit hatte sich entwickelt, von daher ist´s ja auch normal, daß sie zwischendurch mal in die Zeitung schaut, vermittelt so was Familiäres...Aber bei jedem Besuch 400 € da zu lassen zehrt ganz schön an seinem von der Stadtobersekretärbesoldung Gespartem. Und von der Pension kann er kaum etwas an die Seite legen. Mit den Gedanken: ´Da soll´s ja in Thailand ein bißchen preiswerter sein...´ machte er sich dann gegen 23:30 auf den Heimweg, holte sich an der Fina-Tankstelle noch ´n Sechserpack, na ja, wenn er ehrlich sein sollte, auch, um diesen etwas fahlen Geschmack aus´m Hals zu kriegen. Auf jeden Fall nahm er sich vor, am nächsten Tag Paul anzurufen, der kann ihn ja auch mit dem Wagen abholen, nach Ferch ist´s ja mit´m Bus ´n Himmelfahrtskommando...

    to be con... usw.

  2.  
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  3. #2
    PETSCH
    Avatar von PETSCH

    Re: Hermann, On & Paul...

    @Kali
    .........ohne Umschweife:: :bravo:

  4. #3
    Avatar von dawarwas

    Registriert seit
    30.10.2002
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    3.385

    Re: Hermann, On & Paul...

    Es gibt Leute, derenn Resoivar (hilfe wie wird das geschrieben)ist einfach unausschoepflich.

    Immer neue Ideen, Eindruecke und die Art es rueber zu bringen.

    @Kali:

  5. #4
    Avatar von heini

    Registriert seit
    22.05.2001
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    1.254

    Re: Hermann, On & Paul...

    kali....... denke du brauchst nen manager :-) der deine geschichten an den richtigen verleger bringt :bravo:
    gruss heini

  6. #5
    pef
    Avatar von pef

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    24.09.2002
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    3.974

    Re: Hermann, On & Paul...

    @Kali,

    selbst geschrieben oder der Nachbar und du hast diktiert? :-)

  7. #6
    CNX
    Avatar von CNX

    Re: Hermann, On & Paul...

    @Kali,

    mach jetzt aber mal langsam. So viele - smilies hat das Forum nicht mehr.

    Gruss
    C N X

  8. #7
    Avatar von tira

    Registriert seit
    16.08.2002
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    17.260

    Re: Hermann, On & Paul...

    Zitat Zitat von Kali",p="107378
    .... Welche Bedeutung ´alter Fisch´ für ihn in diesem Leben noch haben sollte, ahnte er zu diesem Zeitpunkt nicht im entferntesten....
    @kali,

    schenial........................

    besagten pla hat mir meine mia heuer mit nach jöremani mitgegeben...

    hab den gleich mal in den keller verfrachtet, beim zoll wurde mein gepäck selbstredend nicht kontrolliert.....

    gruss

  9. #8
    Kali
    Avatar von Kali

    Re: Hermann, On & Paul...

    Nun, wo der Hermann wohnt, dürfte jeder nachvollzihen können - Kreuzberg ist ja nun mal bekannt im Lande.

    Doch wie kommt der Kali darauf den Paul, diesen sinnigen Ostfriesen, nach Ferch zu verfrachten, ist ja nun nicht gerade in aller Munde ?!:


    Im Grunde ganz einfach: Im Januar 1945 - Kali war gerade im zarten Alter von 8 Tagen - war meine Mutter durch die Vermittlung einer befreundeten Rot-Kreuz-Schwester mit mir mit dem letzten Zug aus Königsberg raus - nach uns waren die Russen rein - waren zunächst ein halbes Jahr irgendwo in Sachsen in einem Flüchtlingslager. Dann fand meine Mutter ihre Eltern wieder, und die lebten eben in einem kleinen Häuschen in Ferch, gleich unter Caputh, das je bekanntermaßen unterhalb von Potsdam gleich neben Berlin liegen tut.

    Und unsere On kommt ja - wie jedermann weiß - aus dem schönen Thailand, aus der Nähe von Nong Bua Lamphu, genauer gesagt, aus Ban Thep Chili:


    Natürlich gibt´s auch bei der Wahl dieses Ortes einen aktuellen Bezug: Es ist das Heimatdorf von Schwägerin, der Zeitbombe, wie sie auch in letzter Zeit neckisch genannt wird.
    Übrigens ist ca. 50 km in östlicher Richtung von Ban Thep Chili: Tham Erewan, die Höhle in luftiger Höhe, zur der bei Bedarf gewallfahrt wird...


    to be usw.

  10. #9
    PETSCH
    Avatar von PETSCH

    Re: Hermann, On & Paul...

    :bravo:
    @kali: Deine "Foren-Zuckerbäckerei" macht richtig Laune.
    Sitze gerade bei einer Tasse Cappucino vor dem PC

  11. #10
    Avatar von Bökelberger

    Registriert seit
    26.10.2002
    Beiträge
    2.130

    Re: Hermann, On & Paul...

    Kali, ein muß man dir lassen, schreiben kannste wirklich !

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