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GUINSAUGON - Die Katastrophe

Erstellt von abstinent, 21.02.2006, 09:00 Uhr · 45 Antworten · 3.750 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von abstinent

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    GUINSAUGON - Die Katastrophe

    Ich kehre soeben aus den Philippinen zurueck, und war mehrere Tage Gast in dem nun voellig zerstoerten Guinsaugon. Ich arbeite seit meiner Rueckkehr von dort nach Thailand fast ununterbrochen mit dem Provincial Government in Southern Leyte, der Phil.Botschaft in BKK und dem Einsatzstab der amerikanischen Hilfskraefte in Manila zusammen. Meine soeben gemachten Fotos konnten dazu beitragen, namenlosen Leichen ein ordentliches, christliches Begraebnis zu verschaffen. Suchteams haben unter anderem meine Skizzen und Digitalfotos bekommen, um Gebaeude unter dem Matsch zu lokalisieren, aber seit Freitag abend sind keine Ueberlebenden mehr gefunden worden.
    Ich bin immer noch sehr fassungslos und habe seit Freitag nur wenig geschlafen. Ich habe den folgenden Bericht in meinem Heimatforum (SEA-Forum) gestartet, denke aber das es auch hier interessierte dafuer gibt.

    Das hier geschilderte und meine bescheidene Mithilfe sind hier nicht Anlass fuer Wichtigtuerei, sondern Resultat eines puren Zufalls.

    ciao
    abstinent

  2.  
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  3. #2
    Avatar von abstinent

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    Re: GUINSAUGON - Die Katastrophe

    [move:4d61e63431]GUINSAUGON-KATASTROPHE[/move:4d61e63431]

    Auf meiner erst vor Tagen beendeten Philippinen-Rundreise mit Bussen, Leihmopeds und vielen Booten, lag auch das malerische Bauerndorf Guinsaugon. Bekannt wurde es weltweit quasi über Nacht durch den verheerenden Erdrutsch.
    Von der Katastrophe selbst kann ich nicht viel mehr berichten, als die Medien der Welt seitdem gebracht haben. Die Rettungsarbeiten sind in vollem Gange, aber selbst Tausende von Helfern haben seit Freitag abend (das ist nun drei Tage her) keine Überlebenden mehr bergen können.
    Ein gesamter Bergrücken aus Geröll und Erde hatte sich, einem leichten Erdbeben zufolge talwärts in Bewegung gesetzt. Man spricht von 500.000 Tonnen Matsche, die sich aufgrund starker Regenfälle gelöst hatten.



    Das Dorf war an einem Berghang gebaut, ebenjenem Katastrophenberg - und nun existiert dort gar nichts mehr. Alles ist von der braunen Masse zerstört, überschüttet und getötet worden.

    Mein Bericht hier soll euch einen Eindruck vermitteln von der Situation im Ort unmittelbar vor dem Unglück.

    photo by chinadaily.com

  4. #3
    Avatar von abstinent

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    Re: GUINSAUGON - Die Katastrophe

    DIE ANREISE

    Leyte ist eine Insel, die von z.B. Manila nur in Etappen erreicht werden kann. Zur nördlich von Leyte gelegenen Insel Samar führt eine Brücke, welche die größte Stadt auf Leyte (Tacloban) mit der Transitstrasse in Samar verbindet.
    Der Mayon-Vulkan bei Legaspi am Südende der Hauptinsel Luzon war erster Overnightstop auf meiner Reise, und die Busfahrt dorthin dauerte von Manila 16 Stunden. Der Vulkan hüllte sich in Wolken, aber nicht in Schweigen, von seinen stattlichen 2400 Metern sah ich maximal die untersten 200. Grollen und kleine Erdstöße gab es rund um die Uhr, recht ungewohnt für einen Fremden. Weiter ging es per Jeepney nach Matnog, der Fährenanlegestelle für den Kahn hinüber nach Samar. 8 Stunden warten war hier angesagt, denn der Seelenverkäufer schippert nur wenn er pickepacke voll ist - ich Bloedmann war um 5 Uhr in Legaspi aufgestanden, um eine frühe Fähre zu erhaschen...Pech gehabt. Irgendwann am späten Nachmittag schaukelte die Rostdschunke dann los, und ich kam in der Abenddämmerung in Allen auf Samar an.
    Hier war guter Rat teuer, denn Jeepneys oder gar Busse gab es nicht mehr - dafür aber so um die 500 Fährenpassagiere, die alle gerne weiterwollten.
    Eine Lösung bot sich in Form eines einzigen Kleinbusses an, der seine Minisitzbänke solchermassen vollquetschte, daß die Schiebetüre nur noch mit 2 Mann von außen zu schließen war. Fahrpreis nach Tacloban in Leyte waren utopische 500 Peso, dafür versprach der Fahrer die 180 Km auch in sagenhaften 6 Stunden zurückzulegen. Ich zögerte jedenfalls nicht lange, denn so etwas wie Übernachtungsmöglichkeiten gibt es hier schon 'mal gar nicht. Was zwischen dem Start in Nordsamar (Allen) und der Brücke im Süden hinüber nach Leyte so alles passierte, das ist alleine 2 bis 3 Reports wert - aber ich will ja nicht zu weit ausschweifen und nur die Tortur der Anfahrt richtig wiedergeben. Die Strasse selbst war wohl seit der Befreiung der Phillies von den Japanern in den 40er Jahren nie mehr nachgebessert worden - in ganz Asien kenne ich nur noch die Piste von Poipet nach Siem Reap in Cambodia als ähnlich brutale Strecke. Ich saß glücklicherweise vorne neben dem Fahrer, und schon die Sicht nach draußen garantierte einmal mehr, das wieder wirklich kein Auge zugetan werden konnte.
    Ankunft in Tacloban/Leyte also nach Mitternacht.
    Hier in Tacloban hatte MacArthur seinen Freiheitsfeldzug gegen die Japaner mit einer Gegeninvasion gestartet - den Beach musste ich natürlich besichtigen. 2 Tage wildes Crosscountrybiking stand dann auf dem Programm, und das machte in Leyte sehr viel Spaß. Die 200er Hondas machten nie schlapp, und dann ging es auf die letzte Etappe in Richtung Süden. Bis zur Provinzstadt St. Bernard fuhr ein Bus, wie ich dank mühevoller Herumfragerei ausfindig machen konnte.
    5 qualvolle Stunden Country Road für nur 95 Peso - Da lache ich doch über die Sesselpupertouristen, die für ein Pseudoabenteuerritt auf einer computergesteuerten Animationsanlage in einem Vergnügungspark ein mehrfaches Entgelt für einen 5 minütigen Ritt berappen.

    St. Bernard - eine kleine Provinzstadt... mit Tankstelle, Busbahnhof und einer Bankfiliale - aber ohne Arzt oder Krankenhaus. Egal, hier gab es den kuriosesten Bus, den ich jemals irgendwo gesehen hatte - und der fuhr bis exakt nach Guinsaugon, meinem heutigen Ziel.



    Noch schnell ein paar Dosen Kekse als Mitbringsel (sowas heißt hier Pasalubong) für die Sippe meiner einheimischen Freunde geshoppt. Ein paar Stündchen Warterei muss immer einkalkuliert werden, denn Busse fahren hier nur dann ab, wenn es sich für den Fahrer und Kontrolleur auch wirklich lohnt.



  5. #4
    pef
    Avatar von pef

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    Re: GUINSAUGON - Die Katastrophe

    absti, mach weiter

  6. #5
    Avatar von abstinent

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    Re: GUINSAUGON - Die Katastrophe

    DIE LETZTE ETAPPE

    Die Rostlaube von Bus wog bestimmt etliche Tonnen, denn an allen sichtbaren Stresspunkten der Karosse waren Moniereisen in lustiger Puzzlearbeit eingefuegt worden.



    Im Innenbereich fuer Passagiere gab es zwei Holzpritschen und glaslose Permanentfenster an den Seiten. Der Bodenbelag, sofern noch existent wies erhebliche Abnutzungsspuren auf, und durch die Loecher in selbigem konnte man das Spiel der Kardangelenke nett betrachten, auch gab der Einblick auf die Fahrbahn durch den Wagenboden Aufschluss ueber die miese Beschaffenheit der Piste.



    Ein Busdach aus Blechstuecken und rostigen Metallstreifen wurde von einer hochglazpolierten Chromstange in entsprechender Hoehe gehalten, bei jeder Bodenwelle aechzte die Karosse gewaltig, und die schabenden Bleche erzeugten eine urige Geraeuschkulisse.
    Dieser Bus verkehrt nur sehr unregelmaessig, wie man mir mitteilte, und nur das oben auf dem Dach befestigte Wellblech- und Kistencargo fuer Guinsaugon (Bestellung eines Bauherrn dort) ueberredete den Driver mit halbleerem Bus loszustochen.

    Ich sass zunaechst ganz hinten (Raucherplatz!), befleissigte mich dann aber auf einen etwas erschuetterungsfreien Sitz direkt hinter dem Fahrer - denn Fotos konnte man bei der Schaukelei hinten gar nicht machen.

    Der Blick nach vorne war cool, sofern die hin- und herbammelnden Troeddelchen an der Scheibe und die Risse im Glas das ermoeglichten. Mein Buckel schmerzte noch von der letzten Busreise von Tacloban nach St.Bernard, aber die kuerzer werdende Entfernung zum Ziel liess mich die Zaehne zusammenbeissen. Die schwangere Lady im Bus scherzte mit einer aelteren Dorfbewohnerin, und ich erkannte an einigen Vokabeln - dass ich der Gegenstand dieser Scherze bin.
    Mit "Kano" bezeichnet man in den Visayas einen Fremden, Kurzform fuer "Amerikano".



    Eine Behelfsbruecke voraus sah wenig vertrauenswuerdig aus, und ich hielt mich an irgendwelchen Karosserieteilen fest.




  7. #6
    Mandybär
    Avatar von Mandybär

    Re: GUINSAUGON - Die Katastrophe

    Wenn dieser tragische Hintergrund nicht wäre, würd ich sagen ein erstklassiger Reisebericht bahnt sich an.
    Typisch Absti halt.

    Grüße aus Salzburg
    Mandybär

  8. #7
    Monta
    Avatar von Monta

    Re: GUINSAUGON - Die Katastrophe

    Solche Berichte sind genau das, was eine "normale" Presse nicht liefern wird. Gerade, wenn es sich um solche tragischen Ereignisse handelt. Merci, Absti.

    Gruß
    Monta

  9. #8
    Avatar von abstinent

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    Re: GUINSAUGON - Die Katastrophe

    Die Piste ist komplett unbefestigt. Leyte ist eine arme Insel. Reis- und Kokosnussfarming sowie etwas Fischerei an den Kuesten. Die Familien leben in Clans zusammen, meist in sogenannten Barangays. Asphalt gab es nur fuer die wichtigsten Transitrouten. Der Grobkiestrack stellt hier die Hauptstrasse dar.



    Vorbei geht die Fahrt an wirklich malerischen Reisfeldern und Kokosplatagen, lattenumzaeunte Holzhaeuschen am Strassenrand oder unweit davon sieht man staendig. Ueberall lachende Kinder, die ihr sorgloses Spiel unterbrechen, und dem Bus und seinen Insassen zuwinken. Laute Rufe "Kano" oder "Hey Joe" vernehme ich, sobald die Zwerge erkennen, dass sich mit mir ein Ortsfremder im Bus befindet. Oft rennen die Kleinen dem Bus eine Strecke nach - barfuss auf dem Grobkies!
    Dann ein Szenenwechsel, wir naehern uns Guinsaugon. Kokosfarmer gehen am Strassenrand in kuemmerlichen Huetten ihrem Gewerbe nach:



    Die Piste wird fast unbefahrbar schlammig, je naeher sich das Vehikel dem Endpunkt der Strecke naehert:



    Es scheint die Sonne, und ich bin trotz aller Widrigkeiten guter Dinge - in wenigen Minuten treffe ich meine Bekannten und Freunde in Guinsaugon, darauf freute ich mich schon sehr.

  10. #9
    Avatar von abstinent

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    Re: GUINSAUGON - Die Katastrophe

    Der Klapperbus rollt in den Ort, erstmals seit Verlassen der Ortschaft St. Bernard kuessen die Reifen eine Betonfahrbahn. Die seltsame Architektur hier erklaert sich einfach: jedesmal, wenn die Familie groesser wird, dann wird an den existierenden Verschlag halt noch ein Raum angebaut



    Am Stop warten bereits etliche auf den Bus, man lacht und ist froehlich - ich fuehlte mich augenblicklich sehr wohl.



    Esteban Arbiol jr., mein Dirtbikescout empfaengt mich mit seiner ganzen Familie, Esteban sr., Mutter Letecia und einer ganzen Schar von Kindern, welche ich nicht zuordnen konnte.
    Ich werde vorgestellt und ueberreiche die mitgebrachten Pasalubongs (Keksgeschenke). Grosses Jauchzen bei den Kleinen. Esteban senior bittet mich in sein Haus. Es ist geraeumig und relativ sauber und aufgeraeumt dort. Sein Englisch ist duerftig, aber der Junior uebersetzt wieselflink in die hiesige Sprache Visayas.

    Hier der Junior:


    Das ist der Senior:



    Mutter Letecia uebernimmt gerne die Rolle der Keksverteilerin, und in ihrem Mini Sari-Sari-Store (so etwas wie ein Mikro-Tante-Emmaladen) steht sie folglich am Schalter und gibt beidhaendig die Praesentkekse an Jeden, der sich dafuer interessiert. Ich habe 2 grosse Kanister von diesen Pasalubongs aus Tacloban hierhergeschleppt, und das erwies sich gerde ´mal als ausreichend.





    Der kleine Lausbub mit dem roten Traegerhemdchen heisst Kevin Arbiol, er ist mir besonders ans Herz gewachsen, denn er ist pfiffig und begabt.
    Er ist einer der 4 Enkel von Esteban sr.

    Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder Kim Yolan ist er immer vor der Kamera, und mir gelingen ein paar Schnappschuesse.



    Im Hintergrund erkennt ihr die Wand der Schlagwetterseite des Hauses. Bambussegmente angenagelt, mit alten Kartons und Plastikreklamefolien dichtgemacht. Nicht nur die Kleidung aller Kids ist hier auffaellig sauber, Reinlichkeit und Hygiene spielen auch in abgelegenen Doerfern eine grosse Rolle auf den Philippinen!
    Meine Schlafstelle fuer die Nacht wird mir zugewiesen, ein ordentliches gezimmertes Bett mit Mosquitonetz rundherum - da stoert es mich dann auch nicht, dass zwischen den Aussenwaenden aus Bambussplinten riesige Abstaende bestehen. Recht luftige Konstruktion, so ein Haus in den phillipinischen Bauerndoerfern.
    Waehrend Junior unsere Bikes praepariert, schnappe ich mir die Zwerge und erfuelle denen einen Wunsch.
    Nichts leichter als das, man will mich den Klassenkameraden, Nachbarn und Freunden vorstellen.

    Mit je einem Buben an der Hand geht es also per Pedes durchs Dorf. Ueberall freundliche Leute, lachende Kinder:


  11. #10
    Avatar von abstinent

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    Re: GUINSAUGON - Die Katastrophe

    @ monta, pef, mandybaer

    danke fuer eure kommentare. ich bin emotionell zur zeit arg ueberfordert, aber es freut mich dennoch wenn euch mein bericht interessiert

    ciao

    abstinent

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