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Frü(o)he Weihnachten!

Erstellt von HPollmeier, 20.11.2004, 16:38 Uhr · 6 Antworten · 672 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von HPollmeier

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    Frü(o)he Weihnachten!

    Hallo zusammen!

    In diesem Jahr beherrscht hierzulande der Konsumterror schon recht früh das gesunde Volksempfinden:


    Und die ersten Hessen fliegen schon ueber London nach Bangkok in den Weihnachtsurlaub.

    „Attention please", heisst es, um den praktischen, tropenfesten Plastikbaum zu erstehen.

    Ob sich damit allerdings die sogenannte „deutsche Gemuetlichkeit“, beispielsweise in Pattaya, einstellt, wage ich zu bezweifeln.

    Gemuetlichkeit ist eben Geschmackssache: Sie soll sich insbesondere an Winterabenden am Kaminfeuer oder unter dem Tannenbaum ausbreiten. Theoretisch kann man 'gemuetliche Ecken’ ueberall einrichten - sozusagen als Widerstand gegen die Zumutungen des modernen Lebens.

    ‘Durchweg praege ein gewisser „Hoehlencharakter" die Staetten der Gemuetlichkeit,’ sagt die Ethnologin Brigitta Schmidt-Lauber. Das muss mit der Zeit zu tun haben, als wir noch auf unseren Lederaerschen in den Grotten hausten.

    Ich habe mich oft gefragt, ob und wie die Deutschen in Thailand zu Weihnachten eine Aura des Behagens und der Geborgenheit schaffen, um warme Empfindungen und schoene Kindheitserinnerungen wachzurufen. Oder irre ich mich? Sie verbinden mit Weihnachten nicht mehr allzuviel?

    Ihnen bleibt ein Trost. Unter dem Einfluss des ‘American way of life’ ist Weihnachten hier zum Geschaeft verkommen, zumindest in Westfalen. Das ist die platte Landschaft westlich des Teutoburger Waldes nach Holland hinein. Aber man findet es nur noch in Holland, denn die modernen Spargelfelder der Trittin-Gedaechnisraeder haben die ehemalige Parklanschaft verschandelt und vertreiben nun auch den letzten Paettgesfahrer, eine Touristenspezies, die nur in Westfalen ueberleben konnte.

    Auch die Spoekenkieker -

    http://www.kiekin.de/leute/sagen/sagen.htm

    - sterben aus; das sind die Erzaehler, die - um im Bild zu bleiben - bisweilen nicht alle Nadeln an der Tanne haben.

    Ich weiss, einige Leser sind sofort ge-Laden, wenn sie meine Satire sehen; das ist beabsichtigt!

    Schließlich erscheint sie Jahr für Jahr – erstmals am 05.12.1968 in einer Frankfurter Zeitung, als es noch Seiten für ‚Film * Theater * Unterhaltung’ gab.


    Nikolaus trägt einen Colt und schießt die Feiertage ein
    Von H. & R. Pollmeier

    Onkel Henry aus Alabama beglückt uns Jahr für Jahr zur Weihnachtszeit. Er ist Millionär - und Angler. Es beruhigt ungemein zu wissen, daß Männer des Geldes oder der Macht gefühlvoll die Angelrute schwingen. Da keimt Vertrauen auf! Härte des Managers hat seinen Charakter nicht entstellt. Er ist Mensch geblieben und vergißt uns nicht, auch wenn seine Neigungen von skurrilen Ambitionen nicht frei sind.


    In unserer großen Familie, die Onkel Henry bisweilen mit einem deutschen Angelverein vergleicht, sagt man leichthin, er sei ein Kauz, bedenkt aber nicht, wie sich sein Wesen – seine Wiege stand in westfälischer Landschaft, wie Annette von Droste-Hülshoff sie beschrieb - durch den amerikanischen Lebensstil gewandelt hat.

    Er trifft seine Vorbereitungen in aller Stille. Drei Tage lang darf ihn auf dem Gehöft kein Mensch stören. Aber am Nikolaustag ist die ganze Familie traut vereint. Ein Raunen geht durch die Reihen, wenn Onkel Henry in wallenden Gewändern, halb Nikolaus, halb Cowboy - leider wissen viele Zuschauer nicht, warum Pfeil und Bogen, Gaff und Kescher am Sattel baumeln - durch das Dorf reitet, über den Hof galoppiert, sein Roß zügelt und mit seinen Colts die Feiertage einschießt.


    Beschert wird in der Scheune. Onkel Henrys Großzügigkeit sprengt den Rahmen einer Familienfeier im Wohnzimmer. Nachdem er in früheren Jahren den Familienmitgliedern überlassen hatte, sich aus der Fülle der Gaben, die auf der Tenne, den Ställen und zum Teil auf dem Hof ausgebreitet waren, zu bedienen, nahm er im Vorjahr erstaunliche Variationen vor: Hoch zu Roß bereitet er jeden mit lebhaften Gesten und humorigen Worten - seine anfangs verwirrende Zweisprachigkeit ist inzwischen Allgemeingut geworden - auf sein Geschenk vor, das er in intimer Kenntnis geheimer Wünsche klug ausgewählt hat.

    Zur Programmänderung muß vermerkt werden: Onkel Henry war immer tagelang bedrückt, weil sich keine rechte Festtagsstimmung einstellte. Denn anfängliche Fröhlichkeit wich geschäftigem Treiben, das die Bedeutung des Tages nicht mehr in ungetrübter Reinheit erkennen ließ. Es soll nicht verheimlicht werden: unliebsame Vorfälle führten zu Spannungen, die, beschämend für uns alle, die Festtage überlebten. Kleine Zwistigkeiten beim Tausch und Handel von Geschenken überspielte Onkel Henry mit weltmännischer Noblesse, weil er die Kampfhähne mit Sondergaben zu versöhnen wußte. Aber bei späteren Streitereien wegen übler Nachrede, Beleidigung oder gar Körperverletzung waren auch ihm Grenzen gesetzt. Wie sollte er über den weiten Ozean Familienfehden bis in die feinsten Verästelungen verfolgen? Um so bewundernswerter seine Fähigkeit, zu jedem Fest aufs neue die Geschlossenheit der Verwandtschaft wiederherzustellen!

    Onkel Henry hatte erkannt, daß sogar Schenken mit Schwierigkeiten verbunden ist. Nunmehr ergoß sich in souveräner Autorität der unerschöpfliche Reichtum seines Herzens über die Familie. Er verstand es, nur zufriedene Gesichter um sich zu vereinen, weil er im Mienenspiel des Empfängers ablas, wann einige Pistolenschüsse angebracht erschienen. Und zum Abschluß des Abends schüttete er aus mehreren Säcken Aktien unter die Festgäste. Wie das vielseitige Angebot in einem Großmarkt könnten Einzelheiten seines Repertoires verwirren, aber ein Beispiel regt die Phantasie ungemein an:

    Eine liebe Tante, die offensichtlich in ihren Briefen herzzerreißend über kalte Füße geklagt hatte, war hocherfreut über einen gußeisernen Heizofen in Form einer alten Ritterburg, zu der vierzig Zentner Briketts in Weihnachtspapier einen verheißungsvollen Hintergrund bildeten, während der sehnlich erwünschte Zweitwagen für meine Mutter nicht recht ansprach, weil Onkel Henry für Oldtimer schwärmt.

    Ich muß zu seinen Lieblingen gehören, sicher weil ich, wie Großvater, sein Angelhobby teile: Geschenk-Reisen nach Neuseeland oder an den Rio Paraná in Argentinien, nach Grönland und in die russische Tundra sind kein Gesprächsthema, Helikopterangeln in Alaska ist abgehakt, Kenia ein alter Hut und Tarpon-Jagd eine Pflichtübung. Wen die Küstenfischer von Djerba mit vertrautem "Hi" begrüßen, wer den Taimen in der Mongolei oder den Saiblingen an der Laguna Negra in Venezuela nachstellt, wird mit Leckerbissen verwöhnt.

    Onkel Henry macht's möglich: Ich jage den Mahseer in Südindien - Kaveri-River und Cauvery sind mir vertrauter als die Lenne - und lege meine Köder auf den Pla Buk, den Pangasianodon gigas, in der Provinz Chiang Rai in Thailand aus. Wußten Sie, daß die Engländer 1882 Forellen in Ceylon einbürgerten? Ich kenne einen ausgezeichneten Ghillie in Nuwara Eliya auf den Horton Plains und will ihn gerne vermitteln.

    Boshafte Bemerkungen geladener Gäste, die andeuteten, ein Feiertag entarte zu einem Happening, wurden von Großvater als Bestrebungen niederer Instinkte der Mißgunst entlarvt. Großvater war ohnehin bei jedem Besuch der glücklichste Mensch. Er schaukelte zufrieden in seiner Hängematte, schwenkte eine Flasche Glenfiddich-Whisky und blies nach jeder Ansprache einen Tusch aus seiner neuen Trompete.

    In diesem Jahr ist Onkel Henry krank. Aber er hat mir zwei Lachsrutenwochen am königlichen Dee geschenkt. Jetzt kann ich endlich Großvater nach Schottland begleiten und dem Hochadel gelassen ein deutsches Petri Heil zuwinken. "Mein Junge", schrieb Onkel Henry, "Du weißt, mit Geld und Beziehungen sind gesalzene Time-Share-Preise kein Problem - aber zum Glück springen die Fische nicht freiwillig in den Kescher!"

    Ich werde Großvater ein Buch von Fernando Basurto über das spanische Fliegenbinden schenken oder gar die zwölfbändige englische Ausgabe der Seekriegsgeschichte. Bestimmt revanchiert er sich mit Angelliteratur und wird als Widmung verschmitzt das geflügelte Wort eintragen: "Ein Buch ist ein Spiegel: Wenn ein Affe hineinblickt, so kann kein Apostel hinausschauen." Aber vielleicht ein Petrijünger!

    Gruss
    Heinz Pollmeier

  2.  
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  3. #2
    UAL
    Avatar von UAL

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    Re: Frü(o)he Weihnachten!

    Hallo Heinz, :-)

    darf ich noch mal ein Lob los werden, oder hälst Du das nicht aus?


  4. #3
    PETSCH
    Avatar von PETSCH

    Re: Frü(o)he Weihnachten!

    ja ja in den beiden Münsterschen Landkreisen
    ST
    und
    COE
    kehrt Frieden ein
    War immer schon ne beschauliche Gegend

  5. #4
    UAL
    Avatar von UAL

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    Re: Frü(o)he Weihnachten!

    @ Petsch, :-)

    ist doch auch gut so...

    P. S wir hatten nie Krieg nur verschiedene Ansichten...

  6. #5
    Mulat
    Avatar von Mulat

    Re: Frü(o)he Weihnachten!

    Ich mag die Weihnachtszeit in LOS lieber als in D.
    Leider ist es mir nur einmal gelungen.

  7. #6
    Avatar von HPollmeier

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    Re: Frü(o)he Weihnachten!

    Hallo Petsch,
    das rührte noch aus Zeiten des alten Thai-Ring-Forums; da wir hier nicht über andere Foren reden, ist die Sache vergessen.

    Wir sind uns ja auch entgegengekommen. Trotz unterschiedlicher Meinungen muss man dem anderen gegenüber nicht bösartig sein.

    @UAL
    Ich hab´ Deine Geste verstanden und gebe mir Mühe.

    Vielleicht habe ich Dir auch Unrecht getan und Dich mit Biedermännern in einen Sack gesteckt, die in unterschiedlichen Foren auch mit mehreren Zungen reden.

    Beste Grüsse
    Heinz

  8. #7
    Chonburi's Michael
    Avatar von Chonburi's Michael

    Re: Frü(o)he Weihnachten!

    HPollmeier,

    ich moechte diesen Thread von dir dazu verwenden und mich Bedanken fuer deine sachlichen Berichte, die immer wieder neue Erkentnisse bringen.


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