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Einer trage des anderen Last

Erstellt von Stalker, 17.01.2012, 08:14 Uhr · 184 Antworten · 33.744 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Stalker

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    Einer trage des anderen Last

    11. Einer trage des anderen Last

    1. Rotes Feld


    Die Nacht hat noch viele Stunden vor sich. Langsam kommt der alte Mann zu sich, das Geräusch des röchelnden Atems seiner Frau vermengt sich mit dem unaufhörlichen Zirpen der Zikaden. Leise richtet er sich auf und beginnt sich anzuziehen. Sein alter Revolver findet in der Umhängetasche seinen Platz. Auch die Lampe legt er dort hinein - er braucht sie noch nicht, der Kleine wird seine dabei haben, und sie sicher auch als erster benutzen.



    … Ich wische meiner Alten den Sabber aus dem Gesicht. Sie kann sich kaum selbst bewegen, geschweige denn das Haus verlassen. Aber heute geht es auf die Jagd, soll Kid ihr heut den Arsch abputzen…
    Beim Versuch die Treppe herunterzugehen, stoße ich mir den rechten Fuß am Treppengeländer - ein schlechtes Zeichen - ein Gecko amüsiert sich mit seinem Hohngelächter auf meine Kosten.

    Ton wartet schon mit verschmitztem Lächeln und einer abenteuerlichen Waffe auf mich. Eine selbstgebaute Nagelschleuder, mehr Spielerei, Krach und Rauch als Wirkung. Aber er arbeitet gut und hart für sein Alter, deswegen begleitet er mich.



    Er hat sich aus den Laden seiner Mutter schon ein paar Nudelsuppen genommen, so dass ich mir über die Mahlzeit am Morgen wenig Sorgen machen muss. Wir wollen rüber zu meiner Schwester hinter der Grenze. Das geht am Besten zu Fuß. So kann man sich Nachfragen und Geld sparen. Die Grenzregion kenne ich wie mein eigenes Feld. Oft haben wir hier den Khmer Daeng aufgelauert, wenn diese räudigen, eierlosen Hunde sich in unseren Dörfern bedienen wollten.

    Auf dem Schrank steht ein altes Foto. Die Tochter hat ihm diesen Rahmen geschenkt.



    …Die Erinnerung an diese Zeit lässt so etwas wie ein Lächeln im Gesicht des alten Mannes erkennen. Er hat noch seine Zähne, kann aufrecht und leichtfüßig gehen, die Haut sieht aus, wie gegerbtes Leder, trotz seines Alters kann man unter ihr nichts anders als das Zusammenspiel aus Muskeln und Sehnen erkennen. Der paramilitärische Eindruck seiner Kleidung wird lediglich durch die Gummisandalen in hellblauer Farbe getrübt. Das Bürschchen, das ihn wie ein kleiner Schatten - mal ein paar Sätze voran, mal in kurzer Distanz hinterher trottend begleitet, ist der vaterlose Sohn seiner Tochter. Seine Tochter, mit einem Maul, das so groß wie ein Reisspeicher ist, die störrisch wie ein Büffel und giftig wie eine Kobra sein kann. Die Leute im Dorf zerreißen sich das Maul, nicht vor ihm - dem Schamanen, das wagen sie nicht. Aber seine Tochter ist oft genug unterwegs und hat es trotzdem geschafft hier alle satt zu bekommen. Sie kauft Vieh, Land, baut ihr Haus, und das obwohl sie so hässlich ist. Das Geld der Farangs verändert die Dinge. Früher musste er sich für ein paar Baht die Knochen beim Muay Thai aus dem Leib prügeln lassen, heute reicht es hin und wieder zum Geldverleih und für einen schönen .... bei einer Khmer-.....…
    „Bei den Farangs scheint es mehr auf ......, als ein schönes Gesicht anzukommen!“, denkt sich der Alte, aber die Farangs sind ihm egal, seine Tochter hat bisher noch alles geregelt, will ihm sogar Vorschriften machen…

    Der Alte beschließt seiner Tochter eine oder zwei fette Ratten mitzubringen. Schließlich brennt sein Enkel darauf, etwas in den Kochtopf der Mutter zu zaubern…

    Die Silhouette des Dorfes, das Wasserreservoir, die Kühe seiner Tochter und bald nur noch der Wald… bevor die Sonne aufgegangen ist sind der Alte und sein Enkel bereits auf der anderen Seite der Grenze….


  2.  
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  3. #2
    Avatar von ChangLek

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    ......... hallo, ich grüße Dich - schön das man wieder etwas von Dir hört..........

  4. #3
    Avatar von Stalker

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    Der Alte will mit dem Jungen die Familie seiner Schwesterbesuchen. Den Weg dorthin sind sie schon unzählige Male gegangen. Da wird eskeine Überraschungen geben.





    Den Vormittag verbringen sie in einer kleinen Hütte in denReisfeldern. Das fast zwei Stunden lange Palaver der Erwachsenen erträgt derJunge mit stoischer Geduld.





    Zum Essen bereitet die Großtante eine frisch erlegteWildkatze zu



    Es ist weit nach Mittag, als sie schließlich aufbrechen. DerJunge, der sich leichtfüßig bewegt und der Alte, schon langsamer, aber mit dem Geschickund der Umsicht eines Mannes, der den Wald kennt und sich als Einheit mit derNatur sieht. An einem schmalen Bach prüft der Alte das Ufer auf Fährten. Nebenden versprochenen Ratten wäre eine Wildkatze wie die beiden sie eben bei derSchwester genossen haben, genau das Richtige für den heimischen Kochtopf.



    Es wird später und später und das Jagdglück will sich nichteinstellen. Der Junge macht insgeheim den Alten dafür verantwortlich, sagenkann er ihm das nicht. Eigentlich ist die Morgendämmerung die beste Zeit um aufdie Jagd zu gehen. Der Junge weiß nicht, dass der Hauptgrund des Ausfluges derBesuch der Schwester war. Der Alte hat die Mithilfe der kambodschanischenTagelöhner für die anstehenden Reispflanzungen organisiert. Deswegen hat ihnseine Tochter hierher geschickt. Die Jagd ist Beiwerk, mehr nicht.

    Das alles interessiert Ton nur am Rande. Jetzt, wo er tiefim Wald ist, überfällt ihn eine Mischung aus Spiel und Jagdinstinkt - schlägtihn ganz in ihren Bann.
    Während gleichaltrige Bürschchen in der westlichen Hemisphäre die Natur indieser Intensität nur als modellierte 3D-Landschaften in Computerspielen kennenlernen, ist er mit jeder Faser seiner Körpers in diesem Umfeld integriert.


    Der Alte macht nun den Vorschlag sich zu trennen. Sie wollenin Rufweite voneinander entfernt sein. Kurze Zeit später hört Ton nichts mehrvon seinem Großvater. Der Dschungel hat ihn verschlungen. Beide haben jedocheinen Treffpunkt ausgemacht. Mal sehen ob er in den letzten zwei Stunden vorEinbruch der Dunkelheit mehr Glück hat. Er folgt einem Rascheln in gebückterHaltung ins Unterholz. Instinktiv suchen seine Sinne nach der Beute ohnemögliche Gefahren wie Schlangen außer acht zu lassen. Aber es lauert noch etwasanderes im Dschungel.

    Im Gegensatz zu Ton kennt der Alte diese Gefahr, vor mehrals 30 Jahren hat er sie selbst in den Dschungel gebracht. Die Bestie lauert imUntergrund und vermag jeden gesunden Mann im Bruchteil einer Sekunde in Stückezu zerreißen und seine Gedärme in den Bäumen als Zierde und Leckerbissen fürdie Waldbewohner hinterlassen. Die Bestie frisst nicht, sie tötet nur.

  5. #4
    antibes
    Avatar von antibes
    Freut mich von dir wieder etwas zu hören, besser zu lesen.

  6. #5
    Avatar von Stalker

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    Gerne... 'ne gute Forensoftware habt ihr. Kommt mir bekannt vor...

  7. #6
    Avatar von Stalker

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    Hier ist er aber nie gewesen und auch für die Khmer Daeng war diese Gegend nicht interessant. Die Dämmerung färbt die Welt mit ihrem Licht blutrot. Zufrieden und verträumt zündet sich der Alte eine Zigarre an. Kids Farang hatte ihm ein paar Packungen geschenkt. Moods hatte er sie genannt. Offiziell hat er das Rauchen aufgegeben. Normaler Weise bietet er die Moods nur an, um Gesicht zu machen - aber diesmal will er selbst eine rauchen. Nach dem glücklichen Handel mit den Tagelöhnern hat er sich das verdient. Seine Tochter wird zufrieden sein. Er macht einen weiteren Schritt. Unter seinem Fuß drückt sich die Erde nieder, er hört, nein spürt ein kaum fühlbares Klacken, so als ob sich das Drehschloss einer Tür löst. Das Adrenalin schießt im Bruchteil einer Sekunde in das Blut des Alten, seine Pupillen weiten sich und er versucht mit einem Satz nach hinten der Bestie zu entkommen. Die blutrote Welt um ihn herum wird Schwarz.

    Im Gegensatz zu dem Alten hört Ton einen dumpfen Knall. Augenblicklich lässt er seine selbstgebaute Bolzenschleuder fallen und rennt los.
    Der Alte kommt auf dem Rücken liegend wieder zu sich. Sein Blick ist trübe. Der rechte Fuß wird von einem pochenden Schmerz durchzogen. Er reibt den Schmutz aus dem Gesicht. In seinen Augen, der Nase und dem Mund befindet sich die rote Erde des roten Feldes. Schließlich schafft er es sich auf seinen Ellenbogen stützend etwas aufzurichten. Frisches hellrotes Blut pulst aus einer großen Wunde oberhalb des rechten Fußknöchels. Der untere Teil des Fußes ist eine einzige Wunde. Die Arterie ist verletzt, er wird müde. Jetzt nicht einschlafen, schlafen bedeutet sterben.

    Der Alte tastet nach seiner Hose, verdammt - heute hat er keinen Gürtel um. Das sauerstoffreiche Arterienblut gibt der Erde einen neuen, unwirklichen Rotton. Nun erinnert er sich an seinen Enkel. „Ton!!!“, seine Stimme ist brüchig und versagt fast. „Tooonn!!!“, der Junge springt auf ihn zu. Der Alte will ihm sagen was zu tun ist. Aber das Rufen hat zuviel Kraft gekostet, er sinkt in sich zusammen. Ton reißt sich sein T-Shirt vom Leib, zerfetzt es und bindet es um die blutende Wunde. Trotzdem sieht er die Arterie wie eine unversiegbare Quelle das Blut weiter in sein Shirt hineinpumpen. Er zieht sich nun auch seine Jeans aus, zerschneidet diese mit seinem Messer und bindet dem Alten das Bein ab. Um den Druck auf die Blutgefäße zu erhöhen verstärkt er das ganze mit einem starken Stück Holz, das er mit der Jeans verbindet und dann durch das Drehen des Holzstückes den Druck auf das Bein erhöhen kann.

    Erst jetzt bemerkt er das Mobile des Alten, EMPFANG….

    Nicht weiter als zwanzig Kilometer entfernt schießt die Black Magic Cambodian Woman mit ihrem Moped den Pfad Richtung Grenze entlang. Ihre Haare wehen aufgelöst im Wind, sie hat keinen Helm. Sie brüllt gegen Lärm und Fahrtwind ankämpfend in das Mobile hinein, ein Suchtrupp unter der Leitung ihres Cousins ist schon auf dem Weg….



    Foto aus dem Spielfilm „Red Sorghum - Rotes Kornfeld“… passt hier rein und war mir Inspiration

    Am nächsten Tag

    Der Stalker steht an einem herrlichen Morgen Anfang Mai auf einem Bahnhof der Berliner S-Bahn. Vom bald folgenden monatlichen S-Bahn-Chaos ist noch nichts zu spüren. Sein Mobile klingelt. Es ist Kid, ungewöhnlich - meist schickt sie nur eine SMS, wenn sie ihn sprechen will - über die Begrüßung kommt er nicht hinaus, sein Blick wird finster…

    Bevor er sein Büro betritt hat er 8.000 Baht per Western Union zu BMCW geschickt. Der Alte hat den halben Fuß verloren, aber Dank des Jungen das Leben behalten. Die BMCW braucht seine Unterstützung. Das Krankenhaus will die Rechnungen bezahlt bekommen. Der Alte will seinen Fuß behalten. Zehen mussten entfernt werden. Die Operationen werden in Sakeo durchgeführt. Kid fährt die knapp 2 Stunden pro Tour täglich dorthin. Später soll die stationäre Behandlung in Tha Phraya stattfinden, der Nähe zum Familienwohnort wegen. Es wurde nach Blutspendern in der Familie gesucht. Kid muss einem Onkel und zwei Cousins das Blut für ihren Vater zahlen… Schließlich hat sie einen Farang und da kann sie/er ruhig für alles aufkommen…

    …Drei Jahrzehnte Krieg haben Kambodscha ein tödliches Erbe hinterlassen. Zwischen vier und sechs Millionen Landminen lauern an Wegen, auf Feldern und in der Nähe von Schulen oder Brunnen in den Dörfern. Jeden Monat explodieren mindestens 60 Minen. Sie treffen vor allem die Zivilbevölkerung, jedes dritte Opfer ist ein Kind. Kambodscha hat die meisten Minenamputierten der Welt: Etwa 35.000 Menschen haben durch Unfälle bereits Füße, Beine oder Arme verloren.
    Quelle: UNICEF

  8. #7
    Avatar von ChangLek

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    ............Onkel und Cousins das Blut bezahlen. Ob Farang oder nicht: das ist der Hammer. Man sollte sie auf eine Mine setzen und Essen und Trinken so weit wegstellen, das sie aufstehen müssen...........

  9. #8
    Avatar von Stalker

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    "Viele die leben, verdienen den Tod. Und manche,die sterben, verdienen das
    Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit dem
    Todesurteil!" (Gandalf)

  10. #9
    Avatar von ChangLek

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    Zitat Zitat von Stalker Beitrag anzeigen
    "Viele die leben, verdienen den Tod. Und manche,die sterben, verdienen das
    Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit dem
    Todesurteil!" (Gandalf)

    ...........natürlich ist dieses Zitat sehr denkwürdig. Nur wenn es um die direkte Rettung eines Lebens geht, und dann noch innerhalb der Familie............

  11. #10
    Avatar von Stalker

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    Smileys und Einwurf sind berechtigt. Aber wir kennen die Sache nur aus der einen Perspektive.

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