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Die Geschichte von Weenacha

Erstellt von moselbert, 17.12.2007, 10:44 Uhr · 63 Antworten · 3.338 Aufrufe

  1. #51
    Avatar von moselbert

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    Re: Die Geschichte von Weenacha

    XXXIV. DIE ENTFÜHRUNG (1994)

    Weenacha war mit ihrem Mann in Thailand. Vier Wochen Urlaub. Ihr Bruder Chawakorn hatte in Omyai, einem Ort wenige Kilometer westlich seines Wohnortes Omnoi, für sie und ihren Mann ein möbliertes Zimmer in einem Apartmenthaus namens Sompop Court reserviert. Die Monatsmiete für dieses Zimmer war, selbst wenn man die zu erwartende Zusatzzahlung für Strom und Wasser berücksichtigte, erheblich billiger als ein Hotelaufenthalt.

    Das Zimmer war typisch für diese in Industriegebieten verbreiteten Arbeitnehmerwohnungen. Viele Menschen, vor allem Männer, kamen aus allen Landesteilen Thailands, vor allem aber aus dem Nordosten, nach Bangkok. Sie suchten und fanden in dem aufstrebenden Land Arbeit in einer der vielen Fabriken, die in Bangkok und den umliegenden Provinzen entstanden waren. Die Familien blieben meist in der Heimat. Die Zimmer waren mit Bett und Fernseher ausreichend möbliert. Eine Küche gab es nicht. Die meisten Arbeitnehmer versorgten sich preiswert mit fertig gekochten Mahlzeiten auf einem lokalen Markt oder in Imbissen. Und davon gab es genug, denn Thais essen für ihr Leben gerne. Die Zimmer verfügten noch über eine separate Toilette, deren Sauberkeit allerdings manches Mal zu wünschen übrig ließ, sowie einen winzigen Balkon, auf dem die Mieter ihre Wäsche trocknen konnten.

    Rikko schien das Zimmer zu gefallen. Weenacha war sowieso zufrieden. Das Zimmer war allemal besser, als ihre damalige Wohnung in Salaya.
    Ein gutes Jahr war sie jetzt verheiratet. Und die Ehe schien sich gut zu entwickeln. Sie entwickelte sich entsprechend dem Sprichwort: Heirate nicht, was Du liebst, sondern liebe was Du geheiratet hast. In Deutschland vermisste sie allerdings ihre Kinder. Ihr Ältester, Watikorn, war inzwischen 20 und hatte mit seiner Freundin bereits einen zweijährigen Sohn. Auch der 18jährige Wirit schien sich in ein Mädchen verguckt zu haben. Die war zwar erst 15 und ging noch zur Schule, aber Weenacha und ebenso ihre Mutter Charawee waren ja auch schon relativ jung eine Beziehung eingegangen. Charawee freiwillig, Weenacha nicht. Dennoch hatten sie beide ihr Leben in den Griff bekommen. Und das würde mit Wirit und seiner Flamme sicher auch so sein. Im Gegensatz zu Watikorn, der in der Gegenwart lebte, dachte Wirit auch an die Zukunft und hatte in der Schule fleißiger gelernt.

    Der Einzige, bei dem sie sich etwas Sorgen machte, war ihr Jüngster. Der 13jährige Suthimon lebte bei seinem Onkel Chawakorn. Sie hätte ihn lieber bei sich gehabt. Vielleicht war das ja auch irgendwann mal möglich.

    Weenacha hatte ihrem Mann vor der Hochzeit nicht erzählt, dass sie noch einen so jungen Sohn hatte. Und sie hatte es richtig gemacht. Rikko meinte, wenn er das vor der Hochzeit gewusst hätte, dann hätte er sie nicht geheiratet. Denn eine Mutter sollte bei ihren Kindern sein, vor allem wenn sie noch so klein waren. Sie meinte allerdings sie könnte ihnen am besten helfen, wenn sie ihnen aus Deutschland regelmäßig Geld schicken würde, damit sie ausreichend zu Essen hatten. Denn in Thailand hatten Weenacha und die Kinder sich immer nur mit Mühe über Wasser halten können.

    „Ich habe keine guten Nachrichten.“ sagte Chawakorn am zweiten Tag zu seiner älteren Schwester, als Weenacha und Rikko bei ihm zu Besuch waren.

    „Was gibt es?“

    „Suthimon ist bei Enn und Sarak.“

    „Sind die beiden wieder zusammen? Ich dachte Sarak hätte sich von ihr getrennt.“

    „Du kennst doch Enn. Sie hat Sarak wieder um den Finger gewickelt. Na ja, und jetzt hatte sie vor der Schule auf Suthimon gewartet und ihn mit zu sich genommen.“

    „Ja, und weiter?“

    „Sie will ihn nur wieder hergeben, wenn Du 40000 Baht Lösegeld bezahlst.“

    „Wie bitte?“ Weenacha war entsetzt.

    „Du hast inzwischen einen reichen Deutschen geheiratet, meint sie. Und sie will vielleicht auch etwas von dem Reichtum abhaben.“

    „Reichtum. Pah. In Deutschland ist alles viel teurer als hier. Wir brauchen nicht hungern, haben ein Auto, und können Geld sparen. Das ist gut. Aber Reichtum ist was anderes. Was machen wir jetzt? Rikko kann ich das nicht erzählen. Wir müssen die Polizei informieren. Oder ich gehe selber hin, wohnen sie in Bangkok?“

    „Nein, Enn hat ihn mit zu ihren Eltern nach Nakhon Nayok genommen.“

    „Und was ist, wenn ich nicht bezahle?“

    „Ich weiß nicht. Darüber hat sie sich nicht geäußert.“

    Weenacha überlegte.

    „Also, ich kann mich darum nicht kümmern, sonst merkt Rikko etwas. Weißt Du wo Suchit wohnt?“

    „Ja. Er schaut ab und zu nach seinen Söhnen. Ich habe sogar seine Telefonnummer.“

    „Hast Du auch die Adresse von Enns Eltern?“

    Chawakorn bejahte.

    „Gut. Gib mir mal Suchits Nummer. Er kann auch mal was für seinen Sohn tun.“

    Weenacha erzählte dem Vater ihrer Kinder am Telefon was passiert war. Suchit war genauso entsetzt wie sie und versprach sich darum zu kümmern.
    Rikko verstand nichts von dem Telefonat. Und das war auch gut so, dachte Weenacha.

    Die nächsten Tage war Weenacha natürlich in großer Sorge um ihren Jüngsten. Obwohl sie wusste, dass Enn und Sarak ihm nichts antun würden. Die ganze Sache zeigte ihr, dass Enn sich in den vergangenen Jahren keinen Deut geändert hatte. Geld, Geld, Geld. Mehr schien sie nicht im Sinn zu haben. Sarak schien ihr hörig zu sein, sonst hätte er sich auf so etwas nicht eingelassen.

    Wenige Tage später kamen Weenacha, Rikko und Wirit von einem Einkauf zurück. Sie öffneten die Tür zu ihrem Zimmer und sahen, dass sie Besuch hatten. Bruder Chawakorn und Suchit waren da. Und sie hatten Suthimon mitgebracht. Weenacha nahm ihn in den Arm.

    „Danke, Suchit.“ sagte sie.

    „Ist das Dein Mann?“ fragte er.

    „Ja.“ antwortete Weenacha und lächelte.

    Suchit grüßte den Ausländer, und Rikko grüßte zurück. Wenn er auch im Moment noch nicht verstand, wen er da vor sich hatte. Aber das würde seine Frau ihm sicher später in einfachen Worten erzählen. Den normalen thailändischen Unterhaltungen konnte er nicht folgen.

    „Wie hast Du ihn da rausgeholt?“ fragte sie Suchit.

    „Zunächst war Enn uneinsichtig. Dann bot sie mir einen Anteil an dem Lösegeld an. Aber ich kann ja wohl schlecht für meinen eigenen Sohn Lösegeld verlangen. Sarak hat gar nichts gesagt. Ihm sah man die Angst in den Augen an. Ich bin dann erst mal gegangen, nachdem ich die Möglichkeit angesprochen hatte, mit der Polizei zu kommen.“

    Er steckte eine Zigarette in den Mund nahm einen Zug.

    „Am nächsten Tag bin ich dann mit einem entfernten Verwandten von mir, der in der Verwaltung der Provinz arbeitet, wieder hin. Er kam natürlich privat mit, aber mit Dienstausweis, um Eindruck zu schinden. Aber den brauchten wir dann nicht. Er sagte, wenn sie jetzt den Jungen rausgeben würden, dann könnten sie das noch ohne Aufsehen regeln. Dass der Junge im Urlaub oder zu Besuch gewesen war. Dann würden sie ihr Gesicht nicht verlieren. Ansonsten müssten sie es offiziell machen. Das würde natürlich ein bisschen unangenehmer sein. Bei Kindesentführung würde Gefängnis drohen. Und genug Geld, Polizisten oder Richter zu bestechen, hätten sie ja auch nicht. Schließlich haben sie uns den Jungen gegeben.“

    Suthimon hatte sich inzwischen ins Bett gelegt und war eingeschlafen.

    „Und wie hat er alles überstanden?“

    „Gut. So wie es aussieht, haben sie ihn im Glauben gelassen, er hätte dort ein paar Tage Ferien verbracht.“

    Weenacha schaute sich um. Ihre drei Kinder waren hier. Der Mann aus Deutschland, den sie über alles liebte, war hier. Es schien so als hätte sich ihr Leben endlich in die richtige Richtung gedreht.


    ENDE

    © Norbert Hagemann 14.12.2007

    --------------------
    NACHWORT
    --------------------

    Die Namen der handelnden Personen, außer denen des thailändischen Königshauses und thailändischer Politiker sind frei erfunden.

    Die Handlung ist teils erfunden, teils so oder ähnlich passiert.

    Ich hatte Mosaiksteinchen aus Erzählungen meiner Frau über das Leben in einer Kanalsiedlung, aus selbst Erlebtem und aus historischen Begebenheiten.

    Ich habe versucht, mit Hilfe von frei erfundenen Geschehnissen aus diesen Steinchen eine stimmige Geschichte zu schreiben, die in ihrer Gesamtheit so nicht passiert ist, aber vielleicht hätte passieren können.


  2.  
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  3. #52
    Avatar von Peter-Horst

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    Re: Die Geschichte von Weenacha

    @Norbert,

    Danke Du uns an dieser Geschichte hast teilhaben lassen war toll erzählt. Hab immer wieder mit der Schicksal der Figuren mitgefiebert.

    Gruß Peter

  4. #53
    Avatar von ChangLek

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    Re: Die Geschichte von Weenacha

    .....nicht nur die Geschichte, sondern schon die Steichen waren stimmig..... :bravo: :bravo:

  5. #54
    Avatar von Armin

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    Re: Die Geschichte von Weenacha

    Und wenn sie noch nicht gestorben sind so leben sie noch heute.

    An Märchenonkel @moselbert: Wo bist du in dieser Geschichte?

    Auf alle Fälle haste ne menge gute Momentaufnahmen gebracht, die ich leider und Gott sei Dank bestätigen kann. :bravo:

  6. #55
    Avatar von moselbert

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    Re: Die Geschichte von Weenacha

    Es freut mich wenn sei Euch gefallen hat.
    :-)

    Zitat Zitat von ChangLek",p="557271
    .....nicht nur die Geschichte, sondern schon die Steichen waren stimmig..... :bravo: :bravo:
    Was meinst Du mit Steichen?


    Zitat Zitat von Armin",p="557480
    An Märchenonkel @moselbert: Wo bist du in dieser Geschichte?
    ... der Erzähler...

  7. #56
    Avatar von moselbert

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    Re: Die Geschichte von Weenacha

    Ah, Steinchen. OK, habs begriffen.


    :-)

  8. #57
    Avatar von PengoX

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    Re: Die Geschichte von Weenacha

    Sehr schöne Geschichte!
    Und schön, dass Du viele historische Ereignisse eingebaut hast (die ich als alter Korinthen...... natürlich alle nachgeschaut habe um dir eine Unsauberkeit in deiner Geschichte nachzuweisen - aber alles passt )

    PengoX

  9. #58
    Avatar von ChangLek

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    Re: Die Geschichte von Weenacha

    Zitat Zitat von moselbert",p="557517
    Ah, Steinchen. OK, habs begriffen.


    :-)
    .....ja, das "n" (drahtlose Tastatur) ging irgendwie verloren...... :-)

  10. #59
    Avatar von moselbert

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    Re: Die Geschichte von Weenacha

    Ich hatte erst "Scheinchen" gelesen und war etwas irritiert...


    --------------------------------------------
    Zitat Zitat von PengoX",p="557643
    ...
    Und schön, dass Du viele historische Ereignisse eingebaut hast (die ich als alter Korinthen...... natürlich alle nachgeschaut habe um dir eine Unsauberkeit in deiner Geschichte nachzuweisen - aber alles passt ) ...

    Deswegen hats auch so lange mit dem Recherchieren gedauert. Ich bin ja selber ein Korinthen...... und möchte es gerne (historisch) korrekt haben. Als besonders diffizil stellte sich das Eisenbahnunglück heraus, das ich schließlich irgendwo im englischen Wikipedia versteckt fand.

  11. #60
    Avatar von Armin

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    1.415

    Re: Die Geschichte von Weenacha

    Hallo "Erzähler",

    offensichtlich bist du ein Klasse Erzähler und auch Jemand der sehr fein beobachten kann.
    Danke!

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