Seite 2 von 7 ErsteErste 1234 ... LetzteLetzte
Ergebnis 11 bis 20 von 64

Die Geschichte von Weenacha

Erstellt von moselbert, 17.12.2007, 10:44 Uhr · 63 Antworten · 3.340 Aufrufe

  1. #11
    Avatar von rübe

    Registriert seit
    24.10.2003
    Beiträge
    890

    Re: Die Geschichte von Weenacha

    ...wie immer sehr spannend geschrieben, moselbert

    ruebe, der sich schon auf die fortsetzungen freut

  2.  
    Anzeige
  3. #12
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Die Geschichte von Weenacha

    VII. DIE SONNENFINSTERNIS (1955)

    „Das Licht ist so komisch, hast Du es gemerkt?“ fragte Burit.

    „Ja, Du hast Recht. Es wird die Sonnenfinsternis sein, die in der Zeitung angekündigt wurde.“ antwortete Charawee

    „Wie dunkel soll es denn werden?“

    „Ziemlich dunkel, stand dort.“

    „Wie auch immer. Ich muss aufs Feld zu den Arbeitern.“ sagte Burit und verabschiedete sich von seiner Frau.

    Charawee half ihrer Mutter Chutipa bei den Aufgaben im Haushalt. Oder besser gesagt, sie machte vieles alleine, damit sich ihre 66 jährige Mutter öfter ausruhen konnte.

    „Wie sieht es eigentlich mit Nachwuchs aus, Charawee?“ fragte Chutipa ihre Tochter.

    „Wir arbeiten dran.“ meinte die Angesprochene.

    „Du bist schon 27 und es ist 6 Jahre her, dass Euer Erstgeborener verstorben ist.“

    „Weißt Du, Mutter, wir würden uns ja genauso wie Du oder Vater über ein Kind freuen. Aber ich weiß auch nicht warum es nicht klappen will. Der Arzt meinte, Burit und ich wären gesund und eigentlich sollte einem weiteren Kind nichts im Wege stehen.“

    Chutipa dachte nach.

    „Es soll in Chiang Mai einen Tempel geben, an dem man beten kann, um den Kinderwunsch in Erfüllung gehen zu lassen.“

    „Es gibt auch in Thonburi oder Bangkok Tempel dieser Art. Chiang Mai ist zu weit weg und die Reise dahin ist zu teuer. Was meinst Du wie oft ich schon gebetet habe.“ Charawee schaute traurig.

    „Irgendwann wird es schon klappen, Charawee.“ tröstete ihre Mutter. „Vielleicht ist ja die Finsternis ein Zeichen.“

    „Ach, Mutter. In der Zeitung haben sie geschrieben, es sei ein ganz natürlicher Vorgang. Genauso wie es Tag und Nacht gibt.“

    „Tag und Nacht gibt es jeden Tag. Eine Finsternis habe ich noch nicht erlebt.“

    „Das ist so ähnlich wie eine Mondfinsternis. Weißt Du, die Nächte des Roten Mondes meine ich.“

    „Das ist auch immer ein Zeichen. Genauso wie die Nacht ein Zeichen für Kälte ist. Genauso wie die Regenzeit anfängt, wenn die Sonne im Norden steht. Und warum soll die Finsternis nicht ein Zeichen dafür sein, dass Ihr bald ein Kind bekommt?“

    Charawee wollte ihrer Mutter nicht widersprechen.

    Inzwischen war es schon wieder dunkler geworden. Eine Dämmerung legte sich über das Land. Eine seltsame Dämmerung. Alle Menschen hatten eine ungesunde Hautfarbe bekommen und sahen bläulich oder grünlich aus.

    Überraschend kam Burit wieder vom Feld zurück.

    „Die Arbeiter wollen heute nicht arbeiten. Sie haben Angst und wollen die Geister mit Opfergaben besänftigen.“ meinte er.

    „Warum? Wegen der Sonnenfinsternis?“

    „Nicht direkt. Wenn es nur finster werden würde. Aber es wird nicht finster, sondern dämmerig. Und hast Du gesehen, wie die Leute aussehen? Richtig krank.“

    „Ja. Das mit einer Dämmerung habe ich gelesen, aber nicht, dass alles jetzt so komisch aussieht. Ganz anders als bei einer normalen Dämmerung.“

    „Genau. Am besten wir warten ab, bis die Finsternis vorbei ist. Wann soll das sein?“

    „Gegen Mittag, haben sie geschrieben.“

    „Gut, dass ich so eine kluge Frau habe.“ Er gab ihr einen Kuss.

    „Ich habe es nur gelesen. Und auch ich verstehe nicht alles, was da steht.“

    Charawees Vater Djarim kam herein.

    „Es wird langsam immer dunkler. Es ist richtig unheimlich.“ sagte er.

    „Ja, ein bisschen schon. Obwohl ja vorher alles in der Zeitung stand. Lass es uns draußen beobachten.“

    Die ganze Familie versammelte sich unter freiem Himmel. Auch die Nachbarn schauten wie gebannt auf das Schauspiel, das sich ihnen am Himmel bot.

    „Ich kann schon die ersten Sterne sehen.“ rief einer von ihnen.

    Aber in die Sonne konnte man noch nicht blicken, dazu war sie noch zu hell.

    „Schau mal hier auf den Boden.“ meinte plötzlich Chutipa. „Im Schatten der Bäume sind kleine Halbmonde zu sehen. Gehört das auch zu der Finsternis?“

    „Ich weiß nicht. Davon stand nichts in der Zeitung.“ erwiderte Charawee.

    „Ich werde doch lieber ein Gebet sprechen. Das ist mir zu unheimlich.“ Chutipa verschwand im Haus, zündete neun Räucherstäbchen an und kniete vor dem Hausalter nieder.

    Die Hühner, die bisher friedlich auf dem Hof nach etwas Essbarem gesucht hatten, waren unruhig geworden. Schließlich ging das erste Huhn in den Stall und die anderen folgten ihr.

    Das Singen der Vögel verstummte.

    Im Westen stand eine dunkle Wand, die rasch näher kam.

    Schließlich legte sich eine dunkelblaue Finsternis über das Land. Der ganze Sternenhimmel zeigte sich wie sonst nur in der Nacht. Und wo die Sonne gestanden hatte...

    „Schaut! Die Sonne!“ rief Charawee.

    ... sahen alle eine schwarze Scheibe, umgeben von einem leuchtenden Kranz.

    „Die Welt geht unter!“ rief jemand ein paar Häuser entfernt.

    Einige Nachbarn, die aus dem Isaan stammten, brannten ein paar Feuerwerksraketen ab, um den schwarzen Schatten, der auf der Sonne lag, zu verscheuchen.

    Aber der Schatten wollte zunachst nicht schwinden. Erst nach einer langen Zeit, es waren nur 6 Minuten, aber es kam ihnen wie eine Ewigkeit vor, wurde es von Westen wieder heller. Plötzlich konnte man nicht mehr in die Sonne schauen. Auch wenn sie erst nur zu einem kleinen Teil hinter dem Mond hervorgekommen war, reichte es aus, dass alle ihre Blicke rasch wieder auf die Erde richteten.

    Alle waren von der Erscheinung beeindruckt.

    Nach und nach, mit zunehmender Helligkeit, kamen auch die Hühner wieder aus ihrem Stall. Sie schauten ob der kurzen Nacht etwas verwirrt, aber bald pickten sie wieder auf dem Boden, als wäre nichts passiert.

    „Ich habe gebetet.“ meinte Chutipa. „Und in die Zukunft gesehen. Du wirst bald ein Kind bekommen, Charawee.“

    Charawee lächelte.

    „Wenn Du meinst, Mutter. Ich hoffe es.“

    „Ich werde wieder aufs Feld gehen.“ sagte Burit. „Jetzt gibt es keinen Grund mehr für die Arbeiter, nichts zu tun.“

    Chutipa schaute ihm nach. Sie sah ihre Tochter Charawee, wie sie ihrem Mann glücklich hinterher winkte. Ein Kind würde ihre Beziehung stärken.

    Chutipa schaute auf ihren Mann. Sie hatte in der Zukunft nichts Gutes für ihn gesehen. Sie hoffte aber dass nur die guten Dinge in Erfüllung gingen.



    Ob sie noch ein Kind bekommen werden? Wahrscheinlich, denn das nächste Kapitel heißt "Geburt und Erbschaft"

    bis denne...

  4. #13
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Die Geschichte von Weenacha


    VIII. GEBURT UND ERBSCHAFT (1958)


    „Wir müssen ins Siriraj, Charawee. Deine Wehen kommen immer öfter. Du weißt, dass der Weg lange dauert.“

    Charawee nickte.

    „Du hast Recht. Es ist wirklich besser.“

    Er raffte die Sachen zusammen, die seine Frau schon vorsorglich gepackt hatte. Schon vor 9 Jahren hatten Burit und Charawee diesen Weg ins Krankenhaus gemacht. Allerdings war das Kind nach einigen Tagen gestorben. Sie hofften, dass es dieses Mal anders war. Wie viele Male hatten sie es seitdem versucht, ein Kind zu bekommen.

    Inzwischen war Burit 38 Jahre alt und seine Frau 30. Es wurde also allmählich Zeit.

    Im Krankenhaus war noch alles wie damals. Manche Geräte waren moderner geworden, aber die großen Krankensäle mit den mittels Vorhängen von den anderen abtrennbaren Krankenbetten hatten sich nicht verändert.

    Auch das Schreien des Babys, als es schließlich auf der Welt war, klang wie damals. Es war allerdings kein Junge sondern ein Mädchen. Und zum Glück war es gesund. Sie nannten es Weenacha.

    Nach einigen Tagen konnten sie nach Hause. Wer sich besonders freute, war Chutipa. Sie war immerhin schon 69. Endlich hatten alle ihre Kinder Nachwuchs bekommen. Schade dass ihr Mann das nicht mehr erleben konnte. Djarim hatte vor zwei Jahren von einer Reise in die Provinz Kanchanaburi eine Malaria mitgebracht und war daran verstorben. Chutipa wusste, die Sonnenfinsternis war die eigentliche Ursache für Djarims Unglück.

    Es wurde für Chutipa Zeit, sich um ihre eigene Zukunft zu kümmern. Chutipa hatte viel Geld und Ländereien. Teils selber erarbeitet, teils auch geerbt. Jetzt wollte sie sich zumindest zeitweise in einen Tempel als Maechi zurückziehen. Zum einen fiel sie der Familie nicht zur Last, zum anderen konnte sie sich so auf den eigenen Tod vorbereiten. Allerdings hoffte sie, dass dieser noch lange auf sich warten ließ, damit sie miterleben konnte, wie ihre Enkel größer wurden. Besonders aber Weenacha, die ihr aus welchem Grunde auch immer sofort besonders ans Herz gewachsen war. Vielleicht, weil ihre Tochter so lange hatte warten müssen. Vielleicht auch, weil nun die Ehe, die unter so vielen Schwierigkeiten zustande gekommen war, weiter gefestigt wurde. Ein bisschen schämte sie sich dafür, dass Djarim und sie anfangs dieser Verbindung ihre Zustimmung nicht hatten geben wollen. Sie hatten sich gründlich getäuscht. Burit war ein liebevoller Ehemann und fleißiger Arbeiter. Und was das wichtigste war: Charawee war glücklich.

    Und so rief sie einige Tage später die Kinder zusammen.

    „Ich habe mich entschlossen, als Maechi in einen Tempel zu gehen. Zunächst möchte ich in den Tempel Wat Pak Nam in Thonburi gehen. Später werde ich dann vielleicht weiter in den Süden, in die Provinz Prachuap gehen. Ich weiß es noch nicht. Aber ich werde immer wieder hier her kommen und Euch besuchen.“ fügte sie an um die Kinder zu beruhigen.

    „Aber zuvor möchte ich mich von meinen weltlichen Besitztümern trennen. Ich brauche nichts mehr.“ Sie schaute in die Runde. Ihre 4 Söhne Nuu, Suk, Tschanarom und Lek schauten sie interessiert an. Auch ihre einzige Tochter Charawee hörte ihr aufmerksam zu. „Ich werde meine Ländereien an Euch vererben. Ihr bekommt alle das gleiche. Seht zu, dass Ihr damit ordentlich wirtschaftet und ihr werdet euer Auskommen haben.“ Sie wusste allerdings, als sie das sagte, dass der eine oder andere ihrer Söhne mit dem Land etwas anderes im Sinn haben würden. „Allerdings werde ich 20 Rai behalten.“ fuhr sie fort. „Die soll später meine jüngste Enkeltochter Weenacha bekommen.“

    Die Söhne schauten sich an.

    „Warum ziehst Du Weenacha Deinen anderen Enkeln vor, Mutter?“ fragte Tschanarom.

    „Nun, mein Mann Djarim und ich haben Burit und Charawee früher ein großes Unrecht zugefügt. Weenacha ist ein Zeichen dafür, dass wir Unrecht hatten. Und so ist sie für mich etwas ganz besonderes.“

    Sie entließ ihre Kinder. Die meisten der Söhne murrten zwar ein wenig, gaben sich aber mit der Entscheidung zufrieden. Nur Lek, der jüngste, schien sich nicht abzufinden.

    Als er einige Zeit später mit seiner Mutter alleine war, sprach er sie wieder darauf an.

    „Ich finde, Du solltest alle Enkel gleich behandeln, Mutter.“

    „Du meinst Weenacha? Und dass ich ihr Land vererben will?“

    „Ja, das meine ich. Es ist nicht richtig.“

    „Du magst Recht haben. Aber emotional habe ich zu Weenacha, so klein sie noch ist, eine ganz besondere Beziehung. Das musst Du verstehen.“

    Lek dachte nach.

    „Von mir aus brauchst Du Deinen anderen Enkeln nichts zu geben, Mutter. Aber nur wenn Du dann auch Weenacha nichts gibst. Diese Bevorzugung ist ungerecht.“

    „Du kennst meinen Standpunkt, mein Sohn. Ich hoffe, Du respektierst ihn.“

    „Ich muss ihn respektieren. Allerdings könnte jemand auf die Idee kommen, die Ursache dieser Ungleichbehandlung zu beseitigen.“

    Chutipa erschrak.

    „Wie meinst Du das?“

    „Nun, wenn Weenacha nicht mehr da ist, wenn ihr ein Unglück zustoßen würde, dann wären alle wieder gleich behandelt.“

    „Willst Du etwa Hand an meine Enkelin legen?“

    „Das habe ich nicht gesagt.“

    „Du hast vielleicht recht.“ meine Chutipa nach einiger Zeit des Überlegens. „Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass jemand Weenacha etwas antun könnte. Aber ich werde mir das ganze noch mal durch den Kopf gehen lassen.“

    Chutipa kannte ihre Söhne recht gut. Und vielleicht war wirklich einer darunter, der sich an Weenacha vergreifen könnte. Vielleicht sogar Lek selber. Nein, so weit durfte es nicht kommen.

    Und so verkündete sie nach einigen Tagen ihren Kindern, dass sie es sich anders überlegt habe. Sie werde die 20 Rai, die eigentlich für Weenacha gedacht waren, verkaufen und das Geld für ihre eigenen Zwecke und für Notfälle auf ein Sparkonto legen. Alle waren mit dieser weisen Entscheidung einverstanden. Auch ihre Tochter, denn Chutipa hatte ihr zuvor unter vier Augen gesagt, dass sie das Geld heimlich auf ein Konto einzahlen würde, das auf Charawee ausgestellt werde. Das Geld solle Charawee dann später ihrer Tochter geben.

    Nach der Geburt von Weenacha bekamen Charawee und Burit noch zwei Kinder, zwei Söhne. 1961 kam Chawakorn zur Welt, 1963 Sarak. Durch ihre 3 Kinder konnte Charawee ihrem Mann nicht mehr so viel bei der Arbeit helfen wie früher. Er musste mehr Landarbeiter einstellen. Dadurch hatte die Familie weniger Geld zur Verfügung als zuvor. So mussten beide schweren Herzens ab und zu auf das für Weenacha eingerichtete Konto zurückgreifen.



    Und dann kam leider irgendwann "Omas Krankheit", darüber erzähle ich demnächst an dieser Stelle.

  5. #14
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Die Geschichte von Weenacha

    IX. OMAS KRANKHEIT (1969)


    „Ich komme heute nicht mit zum Markt, Weenacha.“ sagte ihre Mutter. „Oma ist krank, wie Du weißt. Ich werde mich um sie kümmern. Du gehst mit Deiner Cousine Pinita zusammen.“

    „Das ist schon in Ordnung, Mutter.“ antwortete sie. „Wir fahren mit dem Zug zum Bahnhof Thonburi, dann mit der Fähre über den Fluss und dann sind wir ja schon da.“

    „Aber trödelt nicht rum, sonst verpasst Ihr den Zug zurück.“

    „Ich beeile mich. Ich will ja schnell wieder bei Oma sein.“

    Die Großmutter, die auf einer Decke in der Zimmerecke lag, lächelte. Weenacha ging zu ihr und strich ihr über den Arm.

    „Ich bin gleich wieder zurück, Oma. Ich werde nur etwas Hirse für die Vögel kaufen.“

    „Ja, mein Kind. Beeile Dich, sonst fährt Dir der Zug davon.“

    Weenacha gab ihrer Oma Chutipa einen Kuss auf die Stirn. Anschließend auch der Mutter. Auch von ihren jüngeren Brüdern verabschiedete sie sich. Es war 10 Uhr morgens. Oder 4 Uhr vormittags, wie man in Thailand auch sagt.
    Bruder Chawakorn wollte zwar mit, aber die Mutter meinte, er wäre mit seinen 8 Jahren noch zu jung.

    Weenacha steckte ein paar Baht ein, verließ das Haus und lief über den Fußweg durch die Siedlung. Sie grüßte die Nachbarn und die Freunde.

    „Wo gehst Du hin?“ rief ihr jemand zu.

    „Zum Sanam Luang, wie jeden Samstag.“ gab sie zur Antwort.

    „Kommt Deine Mutter nicht mit?“

    „Nein, Oma ist krank und sie passt auf sie auf. Vater ist ja bei der Arbeit auf dem Feld. Ich bin groß genug und kann schon alleine gehen.“

    Ihre Cousine Pinita wartete schon an ihrem Haus. Gemeinsam gingen sie weiter. Hinter den letzten Häusern der Siedlung verlief der Fußweg ein kurzes Stück durch Reisfelder. Allerdings wirklich nur ein sehr kurzes Stück, denn schon nach 100 Metern kamen sie an den Bahndamm. Sie mussten ihn überqueren, denn der Schalter an dem die Fahrkarten verkauft wurden, lag auf der anderen Seite.

    Vorsichtig schauten sie rechts und links, aber vom Zug war noch nichts zu sehen. Sie liefen über die Gleise auf den Bahnsteig, dann diesen entlang bis sie am Schalter ankamen.

    „Je eine Fahrkarte nach Thonburi, bitte.“ sagte Weenacha zum Schalterbeamten.

    Dieser gab jedem Mädchen eine und nannte den Preis. Weenacha nahm eine Bahtmünze aus dem Beutel, in dem sich ihr Geld befand und gab sie ihm. Auch ihre Cousine gab dem Mann einen Baht.

    Nach etwa 5 Minuten hörten sie in der Ferne den Zug kommen. Er kam von Nakhon Pathom und war über Nakhon Chaisi und Salaya gefahren. Jetzt fuhr er die Haltestelle Thamassop an.

    Weenacha und Pinita traten von der Bahnsteigkante zurück. Mit ohrenbetäubendem Schnaufen kam die Dampflok heran. Weenacha bewunderte immer die schönen weißen Wolken, die oben aus der Lok kamen und dem Gefährt Eigenschaften eines mystischen Drachen gaben. Nur im Gegensatz zu den Drachen der Sagenwelt, von denen man nie wusste, ob sie gut oder böse waren, konnte sie sich diesem Ungetüm sicher anvertrauen.

    Als der Zug zum Stillstand gekommen war, stiegen sie mit den anderen wartenden Passagieren ein. Ein paar stiegen auch aus, aber die meisten Fahrgäste hatten die Endstation in Thonburi als Ziel.

    Ein Eisenbahnbeamter mit einer grünen und einer roten Fahne stand auf dem Bahnsteig. Als alle Menschen aus- beziehungsweise eingestiegen waren, hob er die grüne Fahne nach oben und pfiff auf der Trillerpfeife.

    Weenacha sah aus dem Fenster, als sich der Zug in Bewegung setzte. Als sie am Bahnbeamten vorbeikam winkte sie ihm zu. Der Mann lächelte zurück.
    Beide setzten sich auf einen freien Sitzplatz und schauten hinaus. Die Bebauung wurde allmählich dichter. Die Häuser von Talingchan standen zum Teil dicht an de Gleisen. Die Lokomotive zischte.

    „Es ist gut, dass wir nicht so dicht an der Eisenbahn wohnen.“ sagte Weenacha zu ihrer Cousine. „Das wäre doch ziemlich laut, wenn der Zug am Haus vorbeifährt.“

    Nach zwei weiteren Halts in Talingchan und Banglamat fuhr der Zug am Tempel Wat Amarin vorbei. An der Straße gegenüber sah sie einige Gebäudeteile des großen Komplexes vom Siriraj Krankenhaus, in dem sie zur Welt gekommen war, wie ihr ihre Mutter immer erzählt hatte.

    Links und rechts der Gleise war viel Betrieb, denn hier lag der Gemüsemarkt Sala Namrorn, auf dem auch Weenachas Mutter ab und zu Produkte von Feld und Garten verkaufte.

    An der Endstation stiegen sie aus und liefen die paar Meter zum Fähranleger hinüber. Hier gaben sie der Kontrolleurin je eine 25 Satang Münze und bezahlten damit ihren Obolus.

    Als Weenacha die Fähre betrat, wurde ihr wie immer etwas mulmig. Obwohl sie am Wasser lebte, hatte sie vor allen Wasserfahrzeugen einen großen Respekt. Vielleicht schwang auch etwas Angst mit, denn vor kurzem war sie mit dem Boot gegen einen Baum am Ufer gefahren, als ihr Vater ihr beibringen wollte, wie sie es zu steuern hatte. Außerdem war sie als kleines Kind einmal fast im Klong Maha Sawat ertrunken. Im letzten Moment hatte sie vom Vater gerettet werden können.

    Aber wie bisher immer kam die Fähre ohne Probleme am anderen Ufer an. Sie stieg aus und lief die Phra Chan Straße zum Sanam Luang. Hier war wie immer am Wochenende viel Betrieb. Denn auf diesem zentralen Platz fand der Wochenendmarkt statt. Hier konnte man alles kaufen. Tiere, Pflanzen, Bekleidung, und natürlich auch was zu essen.

    Auch das, was Weenacha kaufen wollte, nämlich Vogelfutter, gab es hier. Beide steuerten den altbekannten Stand an.

    „Hallo Weenacha!“ freute sich der Verkäufer. „Was möchtest Du kaufen? Wieder Hirse für Deine Vögel?“

    „Ja. Wie immer.“

    „Weißt Du, dass in Afrika sogar Menschen Hirse essen?“

    „Wirklich?“ Weenacha staunte. „Haben die da keinen Reis?“

    „Ein wenig schon, aber nicht genug. Es ist dort viel zu trocken.“

    Der Verkäufer wog ihr 2 Kilogramm ab und schüttete die Hirsekörner in eine Tüte.

    „Seid Ihr Mädchen heute ganz alleine?“ fragte er.

    „Ja, Oma ist krank und Mutter kümmert sich um sie. Ich muss mich beeilen nach Hause zu kommen, damit sie wieder gesund wird.“

    „Na, dann sieh man zu, dass Du wieder zurückkommst.“

    Weenacha bezahlte die Hirse und ging noch zu einem anderen Stand um einige Gewürze zu kaufen. Ihre Mutter hatte ihr einen Zettel geschrieben.
    Schließlich war alles besorgt und die Mädchen nahmen wieder die Fähre auf die andere Seite. Bald auch fuhr wieder ein Zug die paar Stationen zurück nach Thamassop. Sie konnte es kaum erwarten, dass der Zug in den Bahnhof einfuhr.

    Am Bahnsteig warteten sie, bis der Zug die Station wieder verließ und lief danach über die Gleise und durch die Reisfelder wieder zurück in die Siedlung. Sie verabschiedete sich von ihrer Cousine. Es war etwa mittags gegen 12 Uhr als sie wieder zu Hause ankam.

    Etwas war anders. Schon auf dem letzten Stück des Weges schien es stiller gewesen zu sein als sonst.

    Am Hause standen viele Nachbarn und Verwandte.

    „Was ist los?“ fragte Weenacha.

    Ein Nachbar drehte sich um.

    „Weenacha, bist Du wieder vom Einkaufen zurück?“ Er rief „Weenacha ist wieder da!“ in Richtung Haus.

    Weenachas Vater kam aus der Tür. Er umarmte seine Tochter.

    „Vater, was ist passiert. Bist Du nicht auf dem Feld? Hast Du geweint?“ fragte sie.

    „Ja, ein bisschen, mein Kind. Mutter hat mich nach Hause rufen lassen. Oma ist gestorben. Komm herein.“

    Beide gingen Arm in Arm durch die Tür ins Haus.

    Weenacha sah ihre Oma auf ihrem Bett liegen. Sie hatte die Augen geschlossen. Sie schien zu schlafen. Mutter saß an der Seite des Bettes und weinte. Chawakorn und Sarak hockten still in einer anderen Ecke am Boden.

    Weenacha setzte sich zu ihrer Mutter und schaute auf ihre Großmutter.

    „Konntest Du nicht warten bis ich vom Einkaufen zurück bin? Ich wollte Dir noch erzählen, was ich erlebt habe.“

    Dann fing sie an zu weinen. Ihre Mutter streichelte ihr Haar.

    „Oma war krank. Jetzt hat sie keine Schmerzen mehr und es geht ihr besser.“

    „Als was wird sie wiedergeboren?“ fragte Weenacha unter Tränen.

    „Ich weiß es nicht. Vielleicht als Vogel oder als kleines Baby in einer anderen Familie.“

    „Ich möchte, dass sie als Küken in meinem Vogelbauer wieder zurückkommt.“
    Ihre Mutter lächelte.

    „Wer weiß. Vielleicht wird sie das auch.“

    „Ich werde mich besonders gut um die Küken kümmern, Mutter.“

    „Das wird sie freuen.“ Ihre Mutter schaute Weenacha stolz an.

    In den nächsten 7 Nächten war an Schlaf kaum zu denken. Denn die Mönche des benachbarten Tempels Wat Mai kamen in der Dunkelheit zum Beten ins Haus.

    Am achten Tag schlüpfte tatsächlich ein Küken in Weenachas Vogelbauer aus einem Ei. Weenacha liebte alle Vögel. Aber diesen hier bedachte sie mit besonderer Aufmerksamkeit, denn es konnte ja sein, dass er die wiedergeborene Oma war. Obwohl, sie war ein so guter Mensch gewesen, hatte zuletzt auch monatelang als Maechi in einem Tempel in Petchaburi gelebt, dass sie etwas Besseres verdient hatte, als als ein Vogel wieder zurück auf die Welt zu kommen. Aber man konnte es ja nicht wissen. Vielleicht war es ihr Wunsch gewesen so länger bei ihrer Enkelin zu sein.

    Der Arzt hatte Oma bald nach dem Tod ein verwesungshemmendes Mittel in die Adern gespritzt. So konnte sie noch länger im Haus liegen bleiben. Immer wieder bekam sie Besuch von den Mönchen, die an ihrem Totenbett beteten. Allerdings später nicht mehr täglich, sondern vier Mal im Monat, zu den Mondphasen.

    Nach mehr als einem Jahr wurde Oma dann im Tempel Wat Mai eingeäschert.
    Kurze Zeit später starb der Vogel, der nach Omas Tod aus dem Ei geschlüpft war. Da war sich Weenacha sicher, dass der Vogel ihre Oma gewesen war.


    Der nächste Teil der Geschichte spielt wieder ein paar Jahre später: "Berufsschule"

  6. #15
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Die Geschichte von Weenacha

    Zitat Zitat von moselbert",p="550822
    ... Nach mehr als einem Jahr wurde Oma dann im Tempel Wat Mai eingeäschert. ...
    Wie mir meine Frau erzählte, wurde in ihrer damaligen Nachbarschaft eine Tote so lange Zeit im Hause aufgebahrt. Ob das die Regel oder eine Ausnahme war, ist mir nicht bekannt. Ich vermute aber, es war/ist eher die Ausnahme.

  7. #16
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Die Geschichte von Weenacha


    X. BERUFSSCHULE (1971)


    „Ich möchte aber Krankenschwester oder Stewardess werden, Mutter.“ protestierte die 13jährige Weenacha.

    Nach Ende der 7 Jahre Schulpflichtzeit wollte sie noch weiter lernen.
    Charawee wollte sie aber nicht weiter zur Schule schicken.

    „Töchter brauchen nicht so lange zur Schule gehen.“ meinte sie.

    „Das haben Dir nur die Nachbarn eingeredet.“ schimpfte Weenacha. „Was soll ich denn zu Hause machen?“

    „Du kannst mir zur Hand gehen. Wenn Du irgendwann heiratest, dann kannst Du Deinem Mann den Haushalt führen.“

    „Ich heirate nicht. Ich will Krankenschwester werden.“ Weenacha war trotzig.
    Charawee lächelte.

    „Das habe ich in Deinem Alter auch gesagt, glaube ich. Und Du siehst ja was aus mir geworden ist. Meine Eltern haben mich auch nicht so lange zur Schule gehen lassen. Die weiterführende Schule, mein Kind, ist viel zu weit weg. Das ist viel zu gefährlich.“

    Charawee verschwieg ihrer Tochter, dass ihre Eltern sie wegen des Krieges von der Schule genommen hatten. Aber war es nicht in der neuen Zeit genauso gefährlich? Die alten Klongs in Bangkok wurden vielfach zugeschüttet, damit man neue Straßen bauen konnte auf denen die immer mehr werdenden Autos fahren konnten. Als Fußgänger lebte man gefährlich. Als kleines Mädchen erst recht. Charawee ließ sich auf keine Diskussion mehr ein.

    Und so vergingen die nächsten Tage und Wochen. Weenacha saß traurig zu Hause. Das blieb ihren Eltern natürlich nicht verborgen.

    „Ich dachte, das würde sich geben. Aber Weenacha macht nichts, was anderen Mädchen in ihrem Alter Freude macht. Ich glaube sie ist wirklich traurig.“ meinte Charawee zu ihrem Mann.

    „Du hast Recht. Wir sollten ihr wirklich die Möglichkeit geben, weiter etwas zu lernen. Aber Auf jeden Fall keine Stewardess oder Krankenschwester. Dann ist sie irgendwann weit weg von zu Hause. Vielleicht gibt es noch andere Möglichkeiten, einen zu einem Mädchen passenden Beruf zu erlernen. Schneiderin oder Friseurin vielleicht. Ich werde mich mal umhören.“ schlug Burit vor. „Es ist besser wenn das Kind glücklich ist. Denk an Deine Zeit. Du musstest mit mir abhauen um glücklich zu werden. Ich denke mal, wir sollten aus unserer eigenen Geschichte lernen und dafür sorgen, dass Weenacha uns weiterhin liebt.“

    Nach einiger Zeit hatte Burit etwas gefunden. Er beriet sich mit Charawee darüber, die dann schließlich ihrer Tochter einen Vorschlag machte.

    „Weenacha, Kind. Dein Vater und ich, wir haben lange nachgedacht. So wie es jetzt ist, geht es nicht weiter. Du sitzt nur noch traurig herum.“

    „Ihr könnt mich ja weiter lernen lassen.“

    „Ja, das haben wir auch vor. Wir möchten aber, dass Du einen Beruf lernst, der für Dich geeignet ist. Was hältst Du von einer Friseurlehre?“ fragte Charawee.

    Weenacha schaute ihre Mutter an.

    „Eigentlich wollte ich zwar Krankenschwester oder Stewardess werden. Aber Friseurin ist auch nicht schlecht. Dann kann ich vielleicht meinen eigenen Laden eröffnen.“

    „Das sehen wir dann. Allerdings habe ich immer noch ein blödes Gefühl. Die einzige gute Friseurschule ist doch ein ganzes Stück weg. Du müsstest mit dem Zug nach Thonburi, dann mit der Fähre über den Chao Phraya und ein Stück mit dem Bus zur Saphan Kwae. Meinst Du, dass Du das schaffst? Ich werde die erste Zeit ein paar Mal mitfahren.“

    Weenacha begann zu strahlen. Dass ihre Eltern ihr so eine große Verantwortung gaben, machte sie stolz.

    „Ich schaffe das. Danke, Mutter.“

    Und so fuhr sie also dann jetzt jeden Morgen mit dem Zug von Sala Thamassop nach Thonburi, ging die paar Schritte zur Fähre und lief auf der anderen Seite des Flusses ein Stück zur Bushaltestelle nahe des Sanam Luang . Nach einiger Zeit kannte sie die Strecke im Schlaf. Allerdings hatte sie sich anfangs einmal in den Bus gesetzt, der in die falsche Richtung fuhr. Nur mit Mühe hatte sie wieder zum Sanam Luang und nach Hause zurückgefunden. Aber das war eine Ausnahme geblieben. Der Lehrer, bei dem sie Unterricht nahm, hatte Teile seiner Ausbildung in Deutschland und Frankreich genossen. Und so hörte sie nebenbei von den fernen Ländern in Europa.



  8. #17
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Die Geschichte von Weenacha

    XI. DER FRISEURSALON (1972)


    Die Schule kostete 5000 Baht für 6 Monate. Dank des großen Fleißes von Weenacha war sie bereits nach 3 1/2 Monaten mit der Ausbildung fertig.
    Die Eltern waren stolz auf ihre Tochter.

    „Ich möchte jetzt auch als Friseurin arbeiten.“ sagte Weenacha.

    „Wir können Dir eine finanzielle Hilfe geben. Wir kaufen Dir ein paar Sachen die Du brauchst. Schere, Kämme und Bürsten beispielsweise. Was hältst Du davon, hier im Hause den Leuten ihre Haare zu schneiden? Wir können Dir einen eigenen Raum herrichten. Einen eigenen Laden kannst Du mit 14 sonst nicht betreiben. Oder Du musst irgendwo als Angestellte arbeiten. Aber, ehrlich gesagt, wir fänden es schöner, wenn Du hier im Hause bleibst.“

    „Ja, Mutter, das ist eine gute Idee. Ich werde in der Siedlung Werbung für meinen Friseurladen machen.“

    Charawee und Burit sahen mit Freude, wie ihre Tochter sich mit Feuereifer in ihre neue Aufgabe stürzte.

    Nach wenigen Tagen kamen auch die ersten Kunden. Weenacha hatte natürlich in dem einen Jahr nicht die ganze Palette des Friseurhandwerks kennengelernt. Aber für einfache Schnitte reichte die Ausbildung vollkommen aus. Die Kunden waren eigentlich ganz zufrieden mit der jungen Friseurin.
    Allerdings ging mit der Zeit die Zahl der Kunden zurück. Die erste Neugier der Nachbarn war vorüber und so oft leisteten sich die hauptsächlich der arbeitenden Bevölkerungsklasse angehörenden Bewohner keinen neuen Haarschnitt.

    „Ich denke, Friseurin ist hier in der Gegend doch nicht das Richtige.“ meinte Charawee eines Tages.

    Und Weenacha pflichtete ihr bei.

    „Vielleicht sollte ich noch etwas anderes lernen?“

    „Ja, das haben Vater und ich auch schon gedacht. Hättest Du Interesse am Schneidern?“

    „Ich weiß nicht. Ich müsste es einmal ausprobieren.“

    „An der Saphan Phut gibt es die Schule Chantana für Schneiderinnen. Wenn Du möchtest, melden wir Dich da an. Da bekommst Du auch monatlich etwas Geld.“

    „Ja, sicher. Das ist eine feine Sache.“ Weenacha war etwas enttäuscht, dass es mit ihrem Friseursalon nicht geklappt hatte, aber sie war ja noch jung und konnte noch viele andere Sachen ausprobieren.

    Gesagt, getan. Einige Zeit später war sie wieder regelmäßiger Fahrgast bei der Staatlichen Eisenbahn. Und sie brachte auch etwas Geld mit nach Hause, 500 Baht im Monat. Das war zwar nicht viel, aber so konnte sie zusätzlich zu ihrer Ausbildung die Familie noch etwas unterstützen.



    Das Mädchen wird langsam groß und die ersten Heiratsanträge trudeln ein. Weiter damit in der nächsten Fortsetzung.

  9. #18
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Die Geschichte von Weenacha

    XII. DIE HEIRATSANTRÄGE (1973)


    Weenacha war ein hübsches 15jähriges Mädchen geworden. Und so blieb es nicht aus, dass sich Männer in ihrer Umgebung für sie zu interessieren begannen. Einige waren deutlich älter als sie.

    Fast in monatlichem Rhythmus wurden neue Verehrer bei ihren Eltern vorstellig oder schickten über Vermittler Bewerbungsschreiben.

    Auf der einen Seite freuten sich Charawee und Burit natürlich über das Interesse der Männer an ihrer Tochter. Andererseits meinte Charawee, dass Weenacha noch viel zu jung für eine Ehe wäre.

    Burit musste lachen.

    „Liebling, kannst Du Dich noch dunkel daran erinnern, wie alt Du warst, als wir die Flucht aus Deinem Elternhaus gemacht haben?“

    „Ja, ich war 17 oder so.“

    „Sechzehn.“ verbesserte ihr Mann.

    „Dann eben 16. Aber ich war älter als Weenacha. Sie ist ja gerade mal 15 geworden. Und ein Jahr ist in dem Alter schon eine ganze Menge. Außerdem ging damals die Initiative von mir aus und nicht von meinen Eltern. Also, wenn Weenacha selber käme, dann wäre das vielleicht eine andere Situation. Aber so. Ich werde alle potentiellen Bräutigame abweisen.“

    Und so tat sie es auch.

    Auch wenn einige gute Partien darunter waren. Der Besitzer einer Reparaturwerkstatt für Autos in Salaya beispielsweise. Er hatte Weenacha ab und zu gesehen und fand sie sehr sympathisch. Aber Charawee lehnte das Heiratsangebot mit dem Ausdruck größten Bedauerns ab.

    Ein anderer war Medizinstudent an der Ramathibodi-Universität. Er sah Weenacha häufig im Bus. Irgendwie hatte er ihre Adresse herausbekommen. Eines Tages stand er mit seinen Eltern vor dem Haus von Charawee und Burit. Aber so sehr seine Eltern auch auf den Fleiß ihres Jungen beim Studium hinwiesen und auf den schönen Verdienst, den er als Arzt zu erwarten hätte, es hatte keinen Sinn. Charawee blieb hart. Weenacha war ja erst 15. Vielleicht wollten sie ja in zwei Jahren noch mal wiederkommen. Sie ließ sich ein Hintertürchen offen.

    Dann war da noch ein schüchterner Nachbarsjunge. Auch er hatte sich in Weenacha verguckt. Aber er traute sich erst gar nicht bei den Eltern vorstellig zu werden. Denn er hatte kein Geld. Und somit glaubte er, keine Chance zu haben. Irgendwie erfuhr Charawee doch davon. Seine Eltern erzählten es ihr.

    „Nein, auch er hat keine Chance.“ dachte Charawee. „Aber nur weil Sie noch zu jung ist.“

    Weenacha bekam von diesen ganzen Besuchen nur wenig mit. Zwar sah sie öfter Besuch in ihrem Hause vorbeischauen, der sich mit ihrer Mutter zu einem intimen Gespräch zurückzog. Zwar begrüßte sie die Leute, die sie kannte, nett und freundlich wie es ihre Art war. Und an den Blicken, die ihr nach Ende der Besprechungen zugeworfen wurden, ahnte Weenacha auch, dass es vielleicht um sie ging. Sie fragte ihre Mutter, was das denn für Besucher seien.

    „Sie wollen Dich heiraten. Aber Burit und ich meinen, dass Du für eine Heirat noch zu jung bist. So etwas soll gut überlegt sein. Es ist eine Entscheidung fürs Leben.“

    Weenacha war es egal. Sie wusste nicht, was heiraten bedeutete. Zumindest nicht genau. Aber sie hatte sowieso kein Interesse daran und wollt erst mal ihre Ausbildung zu Ende bringen.

    Ein weiterer Junge aus der Nachbarschaft, Suchit war sein Name, hatte auch kein Geld. Aber er mochte Weenacha ebenfalls. Er mochte sie schon seitdem er sie vor zwei Jahren das erste Mal gesehen hatte, als sie mit dem Zug zur Friseurausbildung fuhr. Er merkte allerdings, dass er anders vorgehen musste, um mit Weenacha zusammenkommen zu können.



    Was Suchit unternimmt, steht in der Fortsetzung..

  10. #19
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Die Geschichte von Weenacha

    XIII. SUCHIT (1973)

    Suchits Chance kam beim nächsten Tempelfest des Wat Mai. Er hatte herausbekommen, dass Weenacha mit ihrer Cousine Naree und deren Freund zum Fest gehen wollte. Da er diesen Freund auch gut kannte, bat er ihn sie begleiten zu dürfen. Schließlich nahm Naree ihre Cousine auch mit. Es war also etwas ganz Normales.

    Das Fest verlief wie üblich. Es gab Gebete, Spiele, Freiluftkino und selbstverständlich das Wichtigste: es gab ausreichend Snacks zu essen.

    Weenacha musste natürlich nach einiger Zeit wieder nach Hause. Naree, die älter war, blieb mit ihrem Freund noch etwas. Und so bot sich Suchit an, Weenacha nach Hause zu begleiten. Sie hatte nichts dagegen.

    Suchit unterhielt sich noch etwas mit Weenachas Eltern, bevor er wieder ging.
    Auch Burit und Charawee besuchten später das Tempelfest, als ihre Kinder im Bett waren. Die 15 jährige Weenacha passte auf ihre 10 und 12 Jahre alten Brüder auf.

    „Was hältst Du von Suchit?“ fragte Burit seine Frau.

    „Ich weiß nicht. Ich habe keine Meinung. Ich kenne ihn nicht so gut. Aber sollte er auch um Weenachas Hand anhalten wollen, so werde ich auch ihn ablehnen. Sie ist einfach noch zu jung.“

    „Ja. Ich weiß. Außerdem machte er einen etwas seltsamen Eindruck auf mich. Ich weiß nicht warum. Er musterte mich vorhin so komisch. Nein, auch ich würde ihm Weenacha nicht zur Frau geben. Aber auch nicht wenn sie älter wäre.“

    Charawee hatte nichts dergleichen bemerkt.

    Das Tempelfest dauerte wie immer mehrere Tage. Und Suchit richtete es so ein, dass er an mehr als einem Tag mit Weenacha zusammen auf dem Fest war.
    Suchit hatte inzwischen Erkundigungen eingezogen. Er wusste, dass es mehrere Bewerber gab, die um die Hand von Weenacha anhalten wollten. Aber offenbar ohne Erfolg.

    „Bekommt Ihr noch immer Besuche von Heiratskandidaten?“ fragte er Weenacha.

    „Ja. Aber ich will noch nicht heiraten. Und meine Eltern meinen, ich sei noch zu jung.“

    „Du bist nicht zu jung.“ widersprach Suchit. „Wie hast Du Dir denn eine Hochzeit vorgestellt?“

    „Ich habe mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ehrlich gesagt, ich weiß auch gar nicht, wie das vor sich geht.“

    „Es ist eine wichtige Entscheidung, Weenacha. Nach einer Hochzeit muss die Frau für ihren Mann da sein und alles mit ihm teilen. Später dann auch mit ihm zusammenziehen und Kinder bekommen.“

    „Da bekommt man doch sicher eine Bescheinigung oder so was.“ überlegte Weenacha.

    „Nein, das geht ganz einfach. Aber das interessiert Dich ja noch gar nicht, oder?“

    „Nein. Das interessiert mich nicht, Suchit. Da hast Du recht.“

    Suchit lächelte. Weenacha hatte überhaupt keine Ahnung, was eine Hochzeit war. Das machte seinen Plan um einiges leichter.

    Nach einiger Zeit verließen sie das Tempelfest. Es war inzwischen dunkel geworden. Sehr schnell dunkel, wie das in den Tropen so üblich ist. Weenacha wollte nach Hause.

    „Gehen wir.“ meinte Suchit.

    Als beide unbeobachtet waren, nahm er Weenacha in den Arm und küsste sie auf die Stirn.

    „He!“ Weenacha wehrte sich.

    „Zu spät.“ meine Suchit und ließ sie los.

    „Was ist zu spät?“

    „Wir sind jetzt verheiratet, Weenacha.“

    „Du spinnst.“

    „Nein. Wenn ein Mann seine Frau in den Arm nimmt und küsst, dann sind sie verheiratet. Hat Dir Deine Mutter das nicht erzählt?“

    Weenacha erschrak. So einfach war das? Sie schämte sich, dass sie nicht besser aufgepasst hatte.

    „Das ist alles? Nur ein Kuss und eine Umarmung?“

    „Ja. Küssen und umarmen sich Deine Eltern nicht auch?“

    „Ja, schon, aber...“

    „Na siehst Du. Die anderen Bewerber haben sich alle ein bisschen dämlich angestellt. wenn man heiraten will, dann muss man das so machen wie ich.“

    Suchit merkte, dass er gewonnen hatte. Weenacha widersprach nicht mehr.

    „Meine liebe Ehefrau, nun solltest Du mich öfter begleiten als nur zum Tempelfest.“

    „Ich habe Dich nicht begleitet. Wir haben uns da immer getroffen.“

    „Ja, aber jetzt sind wir verheiratet. Und, noch etwas, Weenacha. Sage Deinen Eltern nichts davon. Sie würden ihr Gesicht verlieren. Ich werde es ihnen beizeiten schon selber sagen. Das ist schließlich die Aufgabe des Ehemanns. Bis morgen, mein Schatz.“ Sie waren inzwischen am Elternhaus Weenachas angekommen. Suchit gab ihr noch einen Kuss auf die Stirn und ging dann seines Weges.

    Weenacha war erschüttert. Durch ihre Leichtsinnigkeit hatte sich ihr Leben ganz plötzlich geändert. Jetzt war sie verheiratet. Ihre Eltern würden sicher böse sein, wenn sie davon erfuhren. Schließlich hatten eigentlich sie den Bräutigam aussuchen wollen. Und sie hatten ja gemeint, Weenacha wäre zu jung.

    „Wie war’s auf dem Fest?“ fragte Charawee, als Weenacha ins Haus trat.

    „Ach, wie immer.“ log sie. Dann verzog sie sich schnell ins Bett. Angeblich weil sie müde war. Aber sie konnte lange nicht einschlafen.

  11. #20
    Avatar von moselbert

    Registriert seit
    15.09.2003
    Beiträge
    2.627

    Re: Die Geschichte von Weenacha

    XIV. INTIMITÄTEN (1973)

    In den kommenden Tagen und Wochen unternahmen Weenacha und Suchit öfter etwas miteinander.

    Allerdings hatte Weenacha keinen großen Spaß. Sie fühlte sich von Suchit genötigt. Aber er sagte ja, das müsse so sein. Schließlich seien sie verheiratet. Er fragte sie auch nach intimen Dingen aus. Ob sie schon die Regelblutung gehabt hätte und wann und wie oft. Weenacha verstand die Fragerei nicht. Aber er meinte, er müsse es als ihr Ehemann wissen, und so erzählte sie es ihm.
    Eines Tages waren sie wieder unterwegs gewesen. Er bat Weenacha in das Haus eines Freundes. Er hatte diesen gebeten, ihm seine Unterkunft für ein paar Stunden zur Verfügung zu stellen.

    Weenacha und Suchit hatten etwas zu essen gekauft. Suchit trank dazu ein Bier, während Weenacha lieber bei einer Cola blieb.

    Schon öfter hatten Weenacha und Suchit bei ihren Treffen Zärtlichkeiten ausgetauscht. Wobei das Wort austauschen nicht der richtige Ausdruck war. Weenacha hatte alles als angebliche Ehefrau über sich ergehen lassen.
    Auch heute wieder nahm Suchit Weenacha in den Arm und küsste sie. Er umarmte sie, wie er es schon öfter heimlich gemacht hatte. Hier, in der sturmfreien Bude konnte er aber noch weiter gehen. Er fuhr mit der Hand unter ihre Bluse und streichelte ihren Busen. Weenacha wollte zwar zurückweichen, aber Suchit verstand die abwehrenden Gesten durch einen erneuten Hinweis auf die Ehe und die ehelichen Pflichten einer Frau zu unterbinden.


    XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX XXXXX
    Die folgenden Sätze habe ich fortgelassen, da sie eventuell gegen Punkt 2 der Nutzungsbestimmungen verstoßen.
    Ausdrücklich untersagt ist das Veröffentlichen von ... .....grafischen ... Beiträge im Thailand Forum - Nittaya.de.
    Ich bitte um Verständnis.
    XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX XXXXX


    Um die richtige Heirat zwischen Suchit und Weenacha geht es im nächsten Kapitel.

Seite 2 von 7 ErsteErste 1234 ... LetzteLetzte

Ähnliche Themen

  1. Alles Geschichte(n).
    Von franky_23 im Forum Politik und Wirtschaft außerhalb Thailands
    Antworten: 22
    Letzter Beitrag: 28.09.10, 09:24
  2. Die Geschichte von Thailand-Joe
    Von Viktor im Forum Event-Board
    Antworten: 31
    Letzter Beitrag: 04.06.08, 19:20
  3. Die Geschichte von Noi
    Von Mulat im Forum Literarisches
    Antworten: 81
    Letzter Beitrag: 27.12.04, 01:02
  4. Hab da auch so ne geschichte
    Von Rawaii im Forum Literarisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 16.07.03, 14:15