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Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailand?

Erstellt von MrLuk, 15.11.2003, 02:36 Uhr · 15 Antworten · 1.868 Aufrufe

  1. #1
    MrLuk
    Avatar von MrLuk

    Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailand?

    Kleine Widmung an alle Autoren über Thailand:

    "Wir geben uns nicht zufrieden mit dem Leben, das wir in uns haben", lesen wir bei Pascal, "wir wollen in der Vorstellung der anderen ein imaginäres Leben führen, deshalb bemühen wir uns so sehr um den Anschein. Wir arbeiten unablässig daran, unser imaginäres Wesen zu verschönern und zu bewahren."

    Was der französische Philosoph des 17. Jahrhunderts beklagte, ist für manche schlicht Lebensprogramm. Ich nenne sie Mythomanen, Menschen, die an einer Lebenslegende bauen und dafür sorgen, dass sie von den anderen anerkannt wird. Denn nur wenn dieses imaginäre Leben in die Vorstellungswelt anderer aufgenommen und fortgesponnen wird, war der Prozess erfolgreich. Dazu gehört, dass die Erfahrungen eines- und die Erinnerung an ein Leben ersetzt wird durch ein Konstrukt, eine Abfolge von einprägsamen Anekdoten oder Bildern, von Drehbuchszenen, die sich in der Phantasie der anderen gleichsam von selbst schreiben. Besonders interessant wird es, wenn die Öffentlichkeit eine solche Lebenslegende sanktioniert und somit zum Teil ihres Selbstverständnisses macht, wenn ein einzelner Mythomane bestimmte Züge aus dem Selbstverständnis oder Selbstbild einer Gesellschaft verkörpert.

    Und damit sind wir beim eigentlichen Problem. Was machen wir eigentlich, wenn wir allen Verfälschungen auf die Schliche gekommen sind? Wie lesen wir den Autor dann, wenn wir ihn noch lesen? Wie deuten, verstehen oder erzählen wir sein Leben? Was lernen wir an seinem Beispiel? Denn mit der Enthüllung hört es ja nicht auf, da fängt das Problem ja erst an. Es geht also nicht um Denunziation und Herabwürdigung, sondern um biographische Mythenbildung im 20. (bzw. 21.) Jahrhundert, um gelebte Mythen, um das Phänomen Mythomanie selbst.

    Mythomanie ist ein Wort, das sich eher der französischen Sprache anschmiegt. Es wurde erstmals im März 1905 von dem französischen Arzt Emile Dupré als psychiatrischer Begriff in Zusammenhang mit Phänomenen der Hysterie gebraucht. Meistens bezeichnete es eine pathologische Tendenz zum Fabulieren, zum Vorbringen von halbwahren oder erlogenen Geschichten, die die eigene Person herausstellen sollen, eine Form seelischen Ungleichgewichts mit einer mehr oder weniger bewussten Neigung zur Simulation.

    Der Mythomane versucht, sein reales Leben in ein imaginäres zu verwandeln, die burlesken biographischen Fakten in eine schlanke, elegante, schlackenlose Geschichte. Sein Name selbst soll schon eine Geschichte programmatisch enthalten. Wenn wir sagen: Antigone, so wissen wir, welche Geschichte gemeint ist. Wenn wir sagen Schliemann oder Malraux, dann wissen wir es auch. Wenn wir sagen *X*, wissen wir es dann auch?

    Ist dieser Streich einmal gelungen, kann ihn keine Kritik mehr rückgängig machen. Auch die Kritik dient nur dem Mythos. Sie ist unterlegen, weil sie selbst ohne suggestive Gestalt und Kraft ist. Die Kritik ist kein Roman, der Kritiker nie und nimmer ein Romancier!
    Wenn man lange genug über die schöpferische, ja lebensspendende Kraft der Lügen geredet hat, wird die Sache doch auch unheimlich und gefährlich. Denn ist der Triumph der Mythomanie nicht furchtbar? Ist er nicht eine Niederlage aller Bemühungen um Wahrheitssuche, Aufklärung, Analyse, Ideologiekritik? Hat denn die Lüge nicht nur viel zu viel Erfolg, sondern ebenfalls bereits eine viel zu gute Presse?

    Frei nach: Quelle unbekannt!

  2.  
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  3. #2
    Kali
    Avatar von Kali

    Re: Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailan

    Zitat Zitat von MrLuk",p="96735
    ...Wenn wir sagen *X*, wissen wir es dann auch? ...
    ...natürlich, ich assoziiere dann umgehend ´Malcom´, den mit dem ´X´.

    Doch ist es nicht genau so gefährlich, subtil, nicht für jedermann gleich durchschaubar, hypothetisch die vermeintlichen mythomanischen Bestrebungen nicht namentlich Genannter in den virtuellen Raum zu stellen ? Um bei den psychiatrischen Kategorien zu bleiben: ist da nicht unter Umständen vielleicht eventuell ein sadistischer Offenbahrungswahn des auf vermeintliche Wahrheiten aufmerksam Machenden erkennbar ?
    Ich weiß es nicht, denke allerdings, daß Mythomanie ein bi- bzw. multilateraler Prozess ist, der ohne eine unersättliche staunende Zuhörerschaft überhaupt keine Überlebenschancen hätte.

    Doch wie dem auch sei, Behandlungsbedarf wird auch bei Mythomanie kaum von dem Leidenden selbst konstatiert.

    Eines ist allerdings gewiss: so manch einer wird nun mit wachen wahrheitsheischenden Augen nach mythomanischen Ergüssen Ausschau halten

  4. #3
    Avatar von Micha

    Registriert seit
    28.01.2003
    Beiträge
    15.942

    Re: Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailan

    Leute, bin nicht so belesen wie ihr.

    Aber war nicht Karl-May ein typischer Vertreter dieser Zunft ?

    Wenn ja, dann wäre er doch ein gutes Beispiel dafür, dass einer trotz Entdeckung - Entlarvung ein angesehener und gern gelesener Autor bleiben kann.

    Ich denke Karl-May hat mit seinen Büchern niemandem geschadet und manch anderer begnadete Erzähler tut es auch nicht.

  5. #4
    MrLuk
    Avatar von MrLuk

    Re: Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailan

    @Kali,

    ist da nicht unter Umständen vielleicht eventuell ein sadistischer Offenbahrungswahn des auf vermeintliche Wahrheiten aufmerksam Machenden erkennbar ?
    Kennst du den Begriff "Projektion" aus der Psychologie? Es ist ebenfalls eine weitverbreitete Tendenz, die keiner so richtig wahrhaben kann, und von der man sich nur schwehrlich trennen kann...aber im Gegenzug wechselt die Projektion selbst, den Bersitzer so schnell wie ein 5 Euro (bzw. ein 20 Baht) Schein

    so manch einer wird nun mit wachen wahrheitsheischenden Augen nach mythomanischen Ergüssen Ausschau halten
    Das ist doch gut, denn wenn du die Schlußfolgerung des Aufsatzes gelesen hast, dann besteht da vielleicht ein Defizit, wie ich meine.
    Aber die Suche ist nicht schwer, die Welt ist voller "Malcom X" der Mythomanie...

    Mein Veter z.B ist ein sehr belesener und gebildeter Mann, er ist sowas wie eine wandelnde Bibliothek. Aber er kann nicht umhin immer noch einen draufzusetzen - obschon er das gar nicht nötig hätte. Ich versuchte über 20 Jahre lang ihn auf frischer Tat zu ertappen (und ich war mit Sicherheit nicht der Einzige) bis ich es aufgegeben habe. Immer dann wenn ich ihn stellen wollte, kam er am nächsten Tag mit dem Buch in dem es schwarz auf weiß in Druckbuchstaben stand.

    @Micha, Ja Karl May ist ein sehr guter Vergleich, ich erinnere mich als ich noch ein kleinwenig zu jung war um K. May zu lesen, waren die gesammelten Bände des Autors, ein Muß eines jeden guten Haushalts, und es war ohnehin über Generationen der "Stoff aus dem die Träume sind". Einer meiner Grundschullehrer empfahl uns sogar diese Lektüre kurze Zeit später - und meinte er hätte in unserem Alter ein Band in weniger als einer Stunde verschlungen. Und so schloß sich schon damals der Kreis, im Club der Mythomanen

    Aber Romanschriftsteller sind keine Mythomanen, sie sind offizielle Phantasten, Künstler nennt man sie auch. Auf ihren Büchern steht nicht umsonst für jedermann zu sehen, und sozusagen als Warnung gedacht: ROMAN Das ist nun mal nicht ein- und das selbe!


    Unser Grundschullehrer war der Mythomane, er sagte das nicht um uns Mut zu machen, sondern um uns zu beeindrucken, und um noch mehr Respekt zu bekommen.
    Wieviele von den Schülern versuchten damals wohl ein Band in einer Stunde zu schaffen? Wieviele haben wohl zugegeben daß man das nicht schaffen kann? Wieviele sind damals wohl durch die Angeberei des Lehrers verführt worden, ebenfalls in den Verein einzutreten, bzw. wieviele sind der Mitgliedschaft im Club der Mythomane ergo einen Schritt näher gekommen?

  6. #5
    Kali
    Avatar von Kali

    Re: Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailan

    Zitat Zitat von MrLuk",p="96780
    ...Kennst du den Begriff "Projektion" aus der Psychologie? ...
    Ich denke, ja. Aber um meinem Vater noch nachträglich eine rein zu hauen, bis Du zu jung...

  7. #6
    MrLuk
    Avatar von MrLuk

    Re: Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailan

    @Kali,
    Das verstehe ich nicht - ohne WITZ!

  8. #7
    Kali
    Avatar von Kali

    Re: Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailan

    Hallo MrLuk, war in dem Sinne ein Scherz, da wir mit Sicherheit kein Psychologieseminar hier aufbauen wollen.
    Ganz kurz: Projektion --> Verdrängungsmechanismus (aus der Psychoanalyse) --> sehr vielschichtig.
    Als spontaner Einfall als Beantwortung auf Deine Frage, ob der Begriff Projektion bekannt sei:
    ...unverarbeitete negative Gefühle auf meinen Vater - wer kennt das nicht - projiziere ich also auf Dich, weil Du mit Deinen Fragestellungen mir da gerade recht kommst (es könnte auch ein anderer sein) Mein Vater lebt nicht mehr, ich will aber noch eine rein hauen , also: Du lebst noch, kommst gerade recht, und überhaupt...

    Doch wie gesagt, sollte ein Scherz sein...

  9. #8
    MrLuk
    Avatar von MrLuk

    Re: Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailan

    @Kali,

    Ok, aber du mußt zugeben daß das nicht auf der Hand lag - und ehe ich da was reinprojeziere, (denn das ist nun mal schnell passiert) frage ich lieber nach

    PS: für diejenigen die es interessiert, was eine Projektion ist! Kali's Definition finde ich nicht gerade selbsterklärend (nimms bitte nicht persönlich Kali)

  10. #9
    pef
    Avatar von pef

    Registriert seit
    24.09.2002
    Beiträge
    3.974

    Re: Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailan

    @Mr.Luk,


    Alle Achtung zu deinem Thread. :bravo:

    Was mir dabei in der Folge auffällt ist, dass nur wenige zu diesem Thema posten. Das "freut" mich aber wiederum, da auf viele ernstgemeinte Postings nur oberflächliche Antworten kommen und wenige es sich wagen ehrlich und ernsthaft mit gewissen Themen auseinanderzusetzen.

    Ist dieser Streich einmal gelungen, kann ihn keine Kritik mehr rückgängig machen. Auch die Kritik dient nur dem Mythos. Sie ist unterlegen, weil sie selbst ohne suggestive Gestalt und Kraft ist. Die Kritik ist kein Roman, der Kritiker nie und nimmer ein Romancier!
    Deshalb unterlasse ich bei manchen Postings Kritik, bzw. das Hinterfragen, um den Mythos den einigen hier haben, nicht noch zu forcieren.

  11. #10
    Jakraphong
    Avatar von Jakraphong

    Re: Die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Thailan

    Kali ich könnte das für dich übernehmen, das da oben. Ich denke ich bin srupelloser als du! Die Frage ist nur wie projektieren wir das weiter, ich meine da wo's hinsoll? ;-D

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