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In der Augenklinik

Erstellt von Khun Han, 11.10.2011, 04:34 Uhr · 20 Antworten · 4.735 Aufrufe

  1. #21
    Avatar von Khun Han

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    Dienstag, 15.November 2011

    Fazit

    Nachdem mir schmerzhaft klar geworden war, dass ich die ganze Aufregung, die bis zur Todessehnsucht ging, nur meiner Augenärztin zu verdanken hatte, der ich so vertraut hatte, ging ich immer wieder in Gedanken alle Geschehnisse durch. Schon gleich nach der Operation hatte sie mit der 50prozentig negativen Prognose die Tür für weitere Behandlungen geöffnet. Ich denke, dass es ihre Absicht war. einen Patienten zu haben, an dem man eine Kryo-Therapie durchführen konnte. Keine Krankenversicherung würde da nachforschen, der Farang würde alles aus eigener Tasche zahlen, ohne zu zögern. Mit dem schriftlichen Befund war sie unzufrieden, weil er nicht dem entsprach, das sie sich vorgestellt oder in Auftrag gegeben hatte. "Der Befund ist bestätigt. Es ist ein malignes Melanom.", begann sie ihre erste Email. Aber es gibt keinen Beleg dafür, wer da auf welche Weise zu diesem Urteil kam. Und da konnte meine Rache angreifen.

    Die Berichte der Pathologie waren alle unterzeichnet mit dem selben Namen in thailändischen Schriftzeichen. Auf der Personalseite des Krankenhauses fand ich den dazu passenden, jungen Arzt. Sein Bild ist nicht Vertrauen erzeugend. Aber an seine Emailadresse konnte ich schreiben und ihn fragen, ob der den Befund selbst erstellt und bestätigt hat und warum die immunohistologischen Tests nicht aussagekräftiger ausgefallen sind. Das Schreiben konnte ich in Kopie auch an seine Vorgesetzten richten. So würde auf jeden Fall Licht in diese Affäre kommen. Über Tage hinweg formulierte ich in Gedanken diesen Brief.

    Natürlich konnte ich auch gar nichts unternehmen. Wozu mir Feinde machen. Schließlich hatte ich mehr Nutzen als Schaden erfahren. Ändern würde meine Rache nichts. Ich erwog, anstatt mich an die Pathologie zu wenden, die Ärztin selbst anzuschreiben. Ihr zu sagen, dass ich alles durchschaut habe und ihr Verhalten schäbig finde. Dass ich jetzt verstehe, warum sie mit mir nicht über die eigentliche Erkrankung und die möglichen Folgen gesprochen hatte, über die radiologischen Befunde rasch hinweg gegangen ist und nur weitere Untersuchungen vorgeschlagen hat. Dass ihre Kollegin, Dr.W., die inzwischen Professorin ist und auf der Personalseite über ihr steht, nur zögernd mitgewirkt habe und dabei ein geringeres Honorar verlangt habe. Dass ich von Anfang an auf mein Gefühl hätte vertrauen sollen.

    Nur eine Email habe ich geschrieben, nach Deutschland an eine Gruppe von Augenärzten. In meiner Verzweiflung hatte ich mich vertrauensselig an deutsche Augenkliniken gewand mit der Bitte um eine 2.Meinung. Von den angeschiebenen waren vier bereit, sich die Bilder anzusehen. Dass davon nur eine mir Rückmeldung gab, und die Art und Weise, wie diese ausfiel, war für mich ein weiteres Zeichen für die falsche Diagnose. Aber drei Ärzte schlugen sofort eine Nachoperation und eine Chemobehandlung vor. Meine Verwunderung darüber teilte ich einer Vierergruppe dieser Kapazitäten mit, die mein Anschreiben unter sich weitergeleitet hatten. Ein Professor antwortete sofort, empört und gekränkt. Er hätte helfen wollen, aber nun würde er niemals mehr eine Bitte um Ferndiagnose annehmen.

    Je mehr Zeit aber verging, desto weniger dringend wurde eine Reaktion für mich. Jetzt ist da weder Groll noch Rachegedanke. Ich schätze die Frau als Ärztin und ich mag sie genau wie früher. Ich könnte sie treffen ohne eine negative Emotion. Es gibt nichts, was ich zu verzeihen hätte. Den Termin Anfang Januar werde ich jedoch nicht wahrnehmen.

    Zum Schluss noch eine Geschichte, eine Zen-Geschichte. "Was ist das Wichtigste im Leben?", fragte der Zenmeister seine Schüler. Unzufrieden mit ihren Antworten ließ er sich einen Eimer voll Wasser bringen, packte einen der Schüler und drückte dessen Kopf in den Eimer, bis er keine Luft mehr bekam. Der Atem ist das Wichtigste, ohne Atem kein Leben. Damit verbunden ist das Gewahrsein im Augenblick, im Körper. Kein Nachhängen in der Vergangenheit, kein Phantasieren in die Zukunft. Mir haben nicht zuletzt diese Tage in der Augenklinik und die Auseinandersetzung dadurch mit mir selbst etwas dabei geholfen.

  2.  
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