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In der Augenklinik

Erstellt von Khun Han, 11.10.2011, 04:34 Uhr · 20 Antworten · 4.736 Aufrufe

  1. #11
    Avatar von Khun Han

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    Sonntag, 5.Juni 2011

    Sie erreichten die Augenabteilung der Klinik im 11.Stock vor halb acht und sollten sie erst vier ein halb Stunden später wieder verlassen. Zur Anmeldung hatte H. einen handgeschriebenen Zettel auf den Nagel gesteckt, da er ja kein Terminformular hatte. Als bei der maschinellen Augeninnendruckmessung mittels dreier Luftstöße die Assistenten ein komisches Gesicht machten und einen Extrastoß gaben, wusste er, dass der Wert, der normalerweise zwischen 10 und 21 mmHg liegen sollte, überhöht war. Ein Blick auf die eingehefteten Zettel ließen Werte zwischen 26 und 30 erkennen.

    Dr.U. fragte, wie es ihm gehe. Mit seiner Antwort, er sei ein bisschen nervös, gab sie sich nicht zufrieden. Sie kannte ihn und seine Krankheit mehr als sie in Worten zum Ausdruck brachte, aber ihre Reaktionen waren deutlich. Sie wiederholte ihre Frage. Er erwiderte, er sei ein wenig nervös, aber er sei glücklich mit der Ergebnis des Eingriffs und das Auge werde sichtlich jeden Tag besser, bis auf eine kleine Erhebung im Winkel. Allerdings sei der Innendruck sehr hoch. Ob dies nicht eine Nebenwirkung der Augentropfen sein könne, ebenso wie der hohe Blutdruck und die Schmerzen in Nacken, Schultern und Armen. Die Ärztin war nicht dieser Auffassung und begann gleich um ihn zu beruhigen mit der Messung durch ihren Tonometer, gefälligkeitshalber auch am rechten Auge. Nachdem die Assistentin betäubende Tropfen verabreicht hatte, ging die Messung ohne die leisesten Beschwerden von statten und ergaben rechts 19 und links 20. Sie werde ihm aber andere Tropfen verschreiben, die er dreimal täglich nehmen sollte. Die künstlichen Tränen dürfe er anwenden, wann immer er das Bedürfnis habe und er meine, es würde dem Auge gut tun. An einen Rhythmus sei er da nicht gebunden.

    Sie berührte seinen Arm und sagte ihm, dass sie verstehe, wie schockierend die Diagnose gewesen sei und nun in sein Leben eingreife. Jetzt gehe es darum, die weitere Behandlung zu besprechen. Wie von ihm und dem pathologischen Bericht bereits verlangt, werde sie eine immunhistochemische Untersuchung in Auftrag geben. Diese werde 1-2 Tage dauern und 1500 Baht kosten. In der Email waren 2000 genannt. Er fragte sie nach den dabei verwendeten Proteinen. Sie schrieb sie ihm auf. Vom Ergebnis werde sie ihn per Email unterrichten. Beiläufig fragte sie D., wie lange H. schon im Lande sei und auf welcher Basis. Sie wollte sich wohl ein Bild von seinen Verhätnissen machen. Immer wieder ließ sie sich von seinen Zwischenfragen und Bemerkungen unterbrechen. Er fragte sie auch, warum sie gleich nach der OP von einer 50/50 Chance sprechen konnte. Das habe sie erst nach dem Herausschneiden feststellen können, meinte sie flüchtig. Von den Tests erwarte sie drei Dinge: Aufschluss über den Typus der Zellen – der bösartigen Zellen, verbesserte sie sich -, deren Aggressivität und die weitere Therapieplanung. H. sagte, er glaube weiter nicht an ein bösartiges Melanom. Der Pickel könne viele andere Ursachen gehabt haben und außerdem bedeute Melanom, dass farbige Pigmentzellen beteiligt sein müssen. Sie erwiderte kurz, dass wenn eine Verletzung Ursache gewesen sei, man eine Narbe im Auge hätte sehen müssen, eine Virusinfektion schließe sie aus und es gäbe auch amelanotische Melanome. Warum sie so sicher sein könne, dass es sich um ein malignes Melanom handle? Weil zwei Ärtinnen und zwei Pathologinnen zu dieser Auffassung gelangt sind. Wegen seinen Befürchtungen hinsichtlich der Kryo wurde er auf das gleich stattfindende Gespräch mit Dr.W. verwiesen, zu dem sie auch hinzukommen werde. Sie zuckte kurz, als H. sein Einverständnis zur Kryo erklärte: „wenn es denn notwendig sei.“ Sie machte Aufnahmen vom Auge und zeigte sie auf dem Monitor. H. kam sein vergrößertes Augenbild nicht so schön vor wie er es sonst im Spiegel sah. Er bat um die Fotos und die Ärztin streckte die Hand nach der CD aus. Er sollte sie später erhalten.

    Die Ärztin und ihr Patient wussten beide um die weiteren Schritte. Eine Röntgenuntersuchung des Brustkorbs und eine Ultraschalluntersuchung des Oberbauches sollten Anzeichen von Krebsbefall in Lunge und Leber feststellen. H. verweigerte sich. Dies würde ihn nur noch mehr herunter ziehen. Er könnte vielleicht mit der Krankheit leben, aber er wollte nicht dauernd mit ihr konfrontiert sein und laufend weiteren Untersuchungen und Therapien ausgesetzt sein.

    Während er draußen darauf wartete, zu Dr.W. vorgelassen zu werden, fragte er D. nach ihrer Meinung. Sie empfahl ihm, mit allem, was die Ärztinnen vorschlugen, einverstanden zu sein. Sie war von deren Aufrichtigkeit und Sachkenntnis überzeugt. Sie hatte für beide zwei Flaschen deutschen Weines mitgebracht und sie ihnen überreicht, als deren Assistentinnen kurz aus dem Raum waren. D. war überhaupt an diesem Vormittag recht geduldig.

    Also erklärte H. Dr.W. gleich, dass er mit allen Therapiemassnahmen einverstanden sei. Dr.U. ließ ihre Patientin allein und kam durch die Hintertür herein. Gemeinsam wurde als Termin für die Kryo – Kryo-Therapie, nicht Kryo-Chirurgie, betonte Dr.W. – der Samstag ausgesucht. Er solle sich um acht oder zehn vor acht vor dem bekannten OP-Raum einfinden und um halb neun würde sie anfangen, durch wiederholtes Einfrieren und Auftauen die womöglich noch vorhandenen Tumorzellen zu zerstören. Dies würde fünfzehn Minuten in Anspruch nehmen und Dr.U. würde auch anwesend sein. Nach 2-3 Stunden könne er den Verband vom Auge wieder entfernen. Das Auge werde ein paar Tage gerötet sein. H.s Bitte, ihn doch auf einem genügend breiten OP-Tisch liegen zu lassen, wurde mit Lachen und einem Versprechen quittiert, soweit dies möglich sei.

    Die anderen beiden Untersuchungen könnten ebenfalls an diesem Samstag stattfinden. Eine Schwester kam hinzu und wollte am Telefon abklären, ob der Termin möglich sei. H. und D. wurden gebeten zu warten, bis Dr.U. ihnen die Überweisungen ausstellen würde. Sie erfuhren, dass das Röntgen heute noch im 4.Stock stattfinden werde und dort sollten sie sich den Termin für die Ultraschall geben lassen. Sie erhielten die Unterlagen für die Kryo.

    Zunächst mussten sie auf den Aufruf an der Kasse warten. Sie staunten, als sie neben den üblichen 120 Baht und den 70 Baht für die neuen Augentropfen nur 300 Baht für das Konsultieren der beiden Ärztinnen bezahlen mussten und fragten nach der Vorausrechnung für die IHC. Der Kassenwart eilte selbst davon und nach kurzer Wartezeit erhielten sie die
    Rechnung mit beigefügter Kopie der Anforderung, auf der auch die drei zu verwendenden Standartproteine genannt waren: 60 Baht plus 12 Baht Service Charge.

    Sie fuhren in den 4.Stock, bereit für das Röntgen. Allerdings meinte die eigenartige Schwester, die Termine sollten zusammengelegt werden und schlug den Dienstag Abend vor. Zuerst mussten die zwei nochmals nach oben und sich auf dem Antragsformular für den Ultraschall Diagnose und anfordernden Arzt nachtragen lassen. Das ging rasch. Eine Schwester kam ihnen nachgelaufen und richtete aus, dass wegen Problemen am PC die Bilder per Email geschickt werden würden. So muss H. also am Dienstag um 18 Uhr auf dem 4.Stock erscheinen, wobei er ab 12 Uhr nichts mehr essen und trinken darf. Die Kosten stehen auch gleich auf dem Terminzettel: 330 Baht für X-ray und 1200 Baht für Ultrasound.

    Endlich konnten sie das Krankenhaus verlassen und wieder ins Fuji zum
    essen gehen. H. hatte das starke Gefühl von Entgegenkommen. Nicht nur durch die Ärztinnen in menschlicher und finanzieller Form. Das Leben kam ihm entgegen und er kam dem Leben entgegen in allen seinen Formen.

    Sie fuhren mit der BTS zum Paragon, wo eine Orchideenschau stattfand. Als D. jedoch bemerkte, dass nur prämierte Blumen ausgestellt waren und keine zum Kauf angeboten wurden, verlor sie sofort das Interesse. Nach einem kurzen Bummel durch die Lebensmittelabteilung, wo D. Preise verglich und Salat, sauren Fruchtgummi und Innereien kaufte, - sie wollte vielleicht mal wieder Saure Kutteln kochen -, fuhren sie nach hause.

    H. begann gleich am PC seine Nachforschungen zu den Augentropfen, zu den immunhistochemischen Tests und wieder zu malignen Melanomen. Er las viel über verschiedene Krebsarten, Diagnosemöglichkeiten, Krankheitsverläufen und Therapieformen. Er stöberte in Krebs-Foren. Bis er sich sagte: jetzt ist es genug. Aber auch die Seiten, die er sonst gewöhnlich mehrmals täglich besuchte, Nachrichtenseiten und Foren und Blogs, hatten plötzlich ihre Anziehungskraft verloren. All das hatte keine Bedeutung mehr. Die Seiten und nun viele andere Dinge waren mit keinem Verlangen, mit keiner Befriedigung, mit keinem Ich mehr verbunden. Die 1.Person hatte die Bedeutung verloren, war nicht mehr da. H. erinnerte sich an eine Frau, eine Prophetin, die es ebenfalls vermied, die 1.Personenform zu benutzen. Dies war keine Resignation, kein Ausblenden der schmerzhaften Wirklichkeit, kein Psychotrick, sondern das Ablegen einer Last, eine Befreiung. Vielleicht tun ihm auch deshalb die Schultern nicht mehr weh.

    Er schlief gut in dieser Nacht. Bis auf eine kurze Zeit, in der er einen Brief an die Ärztinnen aufsetzte und um Offenlegung ihrer Kenntnisse und ihrer Ansichten über den weiteren Verlauf der Therapie bat. Um sein Auge, dessen Genesungsfortschritt er bisher häufig im Spiegel verfolgte, kümmert er sich nicht mehr. Er darf ja wieder duschen und muss es nachts nicht mehr abdecken. Er wird die anstehenden Untersuchungen und die Behandlung in dieser Woche ohne Klagen und Zweifel durchstehen. Nach Ablauf diesr Woche wird Krebs kein großes Thema mehr sein. H. hat sich vorgenommen, manches in seinem Leben anders zu gestalten. Weniger Zeit am PC, mehr Spaziergänge oder Schwimmen im Pool. Sein gesunkener Hunger und Appetit wird der Gewichtsreduzierung und somit auch dem Blutdruck dienlich sein. Notwendig ist ein offenes Gespräch mit D. und eine gemeinsame Lebensplanung. Wenn dies zu seiner Schulung und Vervollkommnung gehört, ist es gut. Gottes Wille geschehe!

  2.  
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  3. #12
    Avatar von Khun Han

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    Befinden

    Montag, 6.Juni 2011

    H. fühlt sich noch nicht krank. Im Gegenteil. So leicht, beschwingt und konzentriert war er seit geraumer Zeit nicht mehr. Allerdings hat er keinen Hunger und keinen Appetit. Das Mittagessen gestern, Kartoffelsalat, Hackfleischklöse und Sprossensalat, konnte er nicht zu Ende bringen und als Abendessen nahm er nur Trauben und zwei Stückchen Emmentaler. Er trinkt aber zwei, drei Gläschen Reiswein mehr. Morgen wird er mindestens fünf Stunden auf Essen und Trinken verzichten müssen wegen der Oberbauchultraschall. Es kann sein, dass dabei oder auch beim Röntgen des Brustkorbes Metastasen festgestellt werden oder eben nicht.

    Sein Schlafen ist ganz entspannt. In tiefen Phasen träumt er, kann sich aber nicht an den Traum erinnern. Dazwischen kreisen englische Wörter und medizinische Fachbegriffe im Kopf herum, wie Reflexe eines sich zuvor schnell drehenden Karussells. Aber er geht ihnen nicht nach. In der Meditation begreift er, was „absichtslos“ bedeutet, und fühlt seinen Körper und seine Organe plastisch.

    Die Tätigkeit am PC wurde reduziert. H. hilft seiner Gattin ein wenig bei der Arbeit, indem er z.B. die Leiter hält, während sie putzt. Er unternahm gestern und heute morgen einen Spaziergang durch die Siedlung, wo es schöne Parkflächen mit Teichen und Plätzen zum Verweilen gibt. Er sieht, wie schön der Ort ist, an dem wohnt. Die äußere Welt mit ihren Nachrichten, Kriegen und Seuchen ist fern. Er träufelt dreimal täglich die Tropfen und dazwischen gelegentlich die künstlichen Tränen, aber sonst kümmert er sich um sein Auge wenig.

    Die beiden führten gestern ein offenes Gespräch. H. sagte, dass auch wenn sie bisher dachten, guten Leuten passiert so etwas nicht, er nun davon überzeugt sei, eine seltene, aber tödlich verlaufende Krebsform zu haben. Er erläuterte, was ihn zu dieser Einsicht brachte. Nun gehe es darum, gemeinsam mit der Situation umzugehen und die weitere Zukunft zu planen. D. gestand, wie die Diagnose, die Aufenthalte in der Klinik und die Gespräche darüber sie selbst krank machten. H. versprach, dass nach diesem Wochenende die Krankheit kein großes Thema mehr sein werde. Weiteren Operationen werde er nicht zustimmen. Er habe seinen Frieden gefunden und freue sich nach vier Jahren in Thailand auf weitere schöne Monate. Nach seiner Einäscherung werde sie aber wieder nach Deutschland zurückkehren, meinte D.. Sie konnten von da an wieder gemeinsam lachen und das Geschehen im TV verfolgen.

    Es gibt noch eine Therapie, die H. ab kommender Woche beginnen wird und die von keinem Arzt sondern nur in Eigenverantwortung durchgeführt werden kann. Die Komponenten für die MMS-Tropfen liegt schon lange im Schrank.

  4. #13
    Avatar von Khun Han

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    Mittwoch, 8. Juni 2011
    Der Stockhieb des Meisters

    Laut dem Befund der pathologischen Untersuchung der heraus geschnittenen Wucherung an seinem linken Auge leidet H. an einem malignen Melanom der Bindehaut. also an einer seltenen, aber tödlichen Form des bösartigen schwarzen Hautkrebses. Die üblichen weiter angewandten Diagnoseverfahren sind nach dem Röntgen des Thorax und der Ultraschalluntersuchung des Oberbauches die immunhistochemische Einfärbung der Probe mit den Proteinen S100, HMB-45 und Melan-A - dies wurde gestern in Auftrag gegeben, nachdem beim Ausstellen des Anforderungsformulars am Sonntag ein Fehler aufgetreten ist -, weiter die Abklärung der Ausbreitung im Körper durch Kontrolle der Lymphknoten - eine Biopsie von Wächterlymphknoten hält Dr.U. laut ihrer letzten Email zu diesem Zeitpunkt für zu aggressiv, da die Risiken den Nutzen übersteigen. Sie schlägt eine Ultraschalluntersuchung der Lymphknoten am Hals vor -, sowie evtl. CT und natürlich laufende Überwachung. Die therapeutischen Maßnahmen sind nach der operativen Entfernung die Kryo, also das Zerstören evtl. noch vorhandener Krebszellen an der operierten Stelle, eine Bestrahlung und/oder die Chemotherapie, also zunächst die lokale Gabe des Zytostatikums Mitomycin C, dann sonstige Chemotherapie oder Gewebeentfernungen je nach Fund von Metastasen.

    Die Resultate von Röntgen und Ultraschall ergaben, dass der Zustand von Lunge und aller inneren Organe des Oberbauches völlig normal sei. Ausgenommen eine „fatty“ Veränderung der Leber, jedoch ohne weitere Auffälligkeit. Dies könne mit Diät und Bewegung wieder in Ordnung gebracht werden, meinte der untersuchende Arzt.

    Wie erwähnt hätte eigentlich das Ergebnis der immunhistochemischen Einfärbung gestern vorliegen sollen. Aber da ist etwas schief gelaufen. D. wurde auf ihrem Zweithandy angerufen (sie hatte die Nummer vielleicht von Dr.W. aus ihrem Büchlein abschreiben lassen), sie sollten sofort in die Klinik kommen und für die IHC bezahlen, weil diese erst durchgeführt werden kann, nachdem das Anforderungsformular eingegangen ist. Die Ärztin hätte schon nach dem Resultat gefragt. Von halb fünf bis sechs Uhr wurde nun dieses Formular in der Station herumgereicht und die beauftragte Schwester war nicht fähig, das Problem zu lösen, das sie selbst verursacht haben könnte. Zunächst versuchte sie vergebens die beiden Ärztinnen zu erreichen. Sie wurde recht pampig und meinte, sie sollten morgen wieder kommen und bezahlen. D. war am Ende ihrer Geduld. H. ging alleine runter zu seinen Untersuchungen. Schließlich gab D. die erforderlichen 2000 Baht einer Schwester ohne Quittung. Es war wohl so, dass ein falscher Code angebracht worden war und H. und D. damit für jemand anders die 72 Baht bezahlten und das Formular, das an die Pathologie gehen sollte, ausgehändigt bekommen haben.

    H. lächelte sich derweil im 4.Stock durch. Erst musste er bezahlen und wurde dann gleich zu den Behandlungsräumen gebeten. Nur wenige Patienten warteten mit ihm. Ein Helfer reichte ihm ein Krankenhemdchen und zeigte ihn eine Umkleidekabine. Das Zubinden der vielen Schleifen dauerte länger als das Röntgen danach. Eine junge Schwester positionierte ihn an die Wand, einmal tief einatmen, fertig. Während er kurz auf die Ultraschall wartete, bei schöner Aussicht auf die Kreuzung Silom/RamaIV, gesellte sich D. zu ihm, höchst verärgert über das Verhalten der Schwester. Als dann noch später beim Verlassen der Klinik ein Mann, der auf einer Steinbank lag und an dem sie vorbeiging, eine unflätige Bemerkung machte, war ihr Urteil über die Bevölkerung wieder bestätigt. „Nur fünf von hundert sind gut.“ sagte sie.

    Die eigenartige Schwester, die sie am Sonntag beim Terminmachen kennengelernt hatten, führte H. in eine der Untersuchungskabinen. Er musste sich auf der Liege ausstrecken und sie wickelte ein großes, weißes Handtuch in seinen Hosenbund und deckte ihn mit einem ebensolchen zu, nachdem sie sein Hemd hoch geschoben hatte. „Do you speak Thai? I speak little English.“ Die Wartezeit war lang. Einschlafen war beim Summen der Klimaanlage nicht möglich. Als der junge Arzt kam, fragte H. ihn sogleich, ob er ihm die Befunde gleich mitteilen würde. Er stimmte zu und fragte nach Einsicht in die Unterlagen, seit wann H. von seinem Melanom wusste. Bis auf die fettige Leber waren alle Organe normal abgebildet. Er bekam die in Englisch verfassten Ergebnisse, auch das vom Röntgen, samt allen Aufnahmen nach einer kurzen Wartezeit in einem großen Kuvert mit. Statt im Fuji aßen die beiden dann in einem kleinen Chinarestaurant. H. schmeckte seine Nudelsuppe und natürlich hatte er nach der langen Abstinenz großen Durst.

    Die zwei sind sich darüber einig, dass nach der Kryo am Samstag die Krankheit kein Thema sein wird und sie keine weiteren Diagnose- und Therapieverfahren mehr zulassen werden. Die Kryo soll das Risiko des Wiederauftretens vermindern und kann evtl. die noch vorhandene Narbe beseitigen. Dr.W. ist von der Arbeit ihrer Kollegin auch deshalb so begeistert, weil diese so geschnitten hatte, dass laut pathologischem Befund die Ränder frei von Tumorzellen sind. Die Ärztinnen sind überaus besorgt und dabei sehr liebenswürdig. In der letzten, von beiden unterzeichneten Mail am Morgen ließ Dr.U. wieder das Mister weg, entschuldigte sich tief für die Ungemach mit der Rechnung.

    Die ganze Geschichte, das immer wieder kehrende Thema, die Stunden in der Klinik machen auch D. krank. Für H. ist dies wie der Stockhieb des Meisters, der ihn aufweckte. Sein Leben ist verändert. In den letzten Monaten saß er stundenlang am PC, war faul und ließ sich gehen. Das Sofa hat an seinem Platz eine Delle. Nun hat durch diese Krebsgeschichte nicht nur sein Geldbeutel, sondern auch sein Bauchumfang und sein Ego abgenommen. Das Niederschreiben der Geschehnisse und Empfindungen lässt ihn alles verarbeiten und als Erinnerung ablegen.

  5. #14
    Avatar von Khun Han

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    Kryo

    Samstag, 11. Juni 2011

    Natürlich waren sie wieder zu früh. Sie holten sich einen Kaffee aus dem kleinen Seven, und als sie um 7 Uhr die Anmeldung abgaben, sagte die Empfangsschwester, sie könnten noch was essen gehen, die Ärztin komme erst um acht. So überquerten sie die Henry Dunant Road und setzten sich an eine Garküche. D. bestellte Wantan-Suppe und Reis mit eingelegter Schweinshaxe. H. konnte nichts essen. Er isst nun sehr viel weniger. Oft hat er nach einem Bissen schon genug. Sein Gewicht und sein Bauch haben bereits abgenommen. Er schläft auch viel besser, kann nach Unterbrechungen gleich wieder einschlafen und sein gewohnter Mittagsschlaf ist nur noch ein kurzes Ruhen.

    Als sie zu dem Gebäudekomplex der medizinischen Fakultät der Chulalongkorn Universität zurück gingen, bemerkte H., dass er seine Tasche vergessen hatte. Bevor er jedoch zurück laufen konnte, brachte ein Junge von der Garküche die Tasche mit dem Moped.

    Die CD mit den Augenaufnahmen von der Spaltlampe wurde ihnen nun ausgehändigt. Vor dem Einlass in die inneren Bereiche, musste H. eine Blanko-Erklärung unterschreiben, dass er über die Behandlung und ihre Risiken informiert worden sei und dem Arzt alle Vollmacht und Regressfreiheit zubillige. Seine Schuhe musste er zu denen der anderen Patienten auf die eine Seite des Regals stellen, wo sie mit einem Zettel versehen wurden, und dann in Schlappen schlüpfen. Da er auf die Toilette musste, durfte er sich dort umziehen. Wieder kämpfte er mit den vielen Schleifen des hellblauen Patientenhemdchens. Er weigerte sich wie verlangt die Brille abzulegen. Er könne sonst nichts sehen, sagte er. So konnte er die hagere Schwester vom letzten Mal besser in Augenschein nehmen, die ihn empfing und Gesicht und Hände waschen ließ. Und er konnte Dr.W. besser in die Augen sehen, als diese sich einen Stuhl holte und sich zu ihm setzte.

    Sie fragte, wie er sich fühle. H. hatte sich vorgenommen, ganz ruhig zu sein. Allerdings war sein Blutruck auf hundert achtzig, genau gesagt auf 187/95. Dr.W. erklärte, dass er gleich dran käme, sie alles vorbereiten ließe und es in etwa 20 Minuten vorbei sein werde. Sie entschuldigte sich nochmals für den Systemfehler bei der Anforderung der IHC. Sie könne ihn und seine Gefühle gut verstehen und sei ja durch die Emailkopien über alle seine Gedanken informiert. Er habe sich wirklich ausführlich mit dem Thema befasst. Auf die Frage nach dem Ergebnis der Einfärbung meinte sie nur, sie werde sie ihm anschließend mitgeben. H. erklärte etwas erregt, dass nach der Kryo er für keine weiteren Untersuchungen und Therapien mehr zur Verfügung stehe und dass er im Grunde keinen Beweis für die Diagnose fände. Die Ärztin antwortete nur, sie habe das Gewebestück selbst gesehen. Ob ihn denn Dr.U. nicht angerufen hätte. Eigentlich wollte sie bei der Kryo dabei sein, aber sie hätte kurzfristig heute morgen zu einem Vortrag nach Pattaya abreisen müssen. Er fragte noch, ob sie auch die kleine Narbe wegeisen würde. Nein, diese würde von selbst verschwinden.

    Sie gab ihm selbst noch einige Betäubungstropfen ins Auge, wie die schlanke Schwester schon zuvor. Die beiden beugten sich dann am Schreibtisch über seine Akte. Als es um die Medikation ging, brachte H. vor, dass er Paracetamol wie auch Tropfen und Tränen noch zu hause hätte. Neugierig geworden, worüber die Beiden lachten, ging er selbst zum Schreibtisch. Sie hätten sich gerade bemüht, die Schrift zu entziffern, sagten sie. Er erkannte den handschriftlichen Eintrag: malignant melanoma. Es erschien ihm zwar wie eine Aufzählung unter a) - in Extremsituationen wie dieser, wo man gezwungen ist, ganz aufmerksam zu sein, sieht man dennoch nur ausschnitthaft -, aber er deutet darauf und sagte ein wenig laut, dass er daran nicht glaube. Dr.W. erklärte, er solle ruhig bleiben (Don´t stress yourself!), ein hoher Blutdruck sei nicht gut für den Verlauf der Behandlung. Während er vor ihr stand, rutschte ihm die Pyjamahose auf die Knie herunter. Die Ärztin selbst führte ihn zum Sofa und wollte ihm die Schleife wieder binden, was aber dann die Schwester übernahm.

    Ein Telefon wurde ihm gebracht. Dr.U. entschuldigte sich für ihr Fernbleiben und die Unannehmlichkeiten mit dem Anforderungsformular. Anscheinend seien die Formulare geändert worden. Ihre Assistentin würde bei der Kryo dabei sein. H. fragte nach einer Abschrift der Einfärbungsergebnisse und nach deren Abbildungen, sowie nach einem Foto, das die pathologische Aufbereitung unter dem Mikroskop zeige. Sie werde sehen, was sich machen lässt, zum Teil müssten die Fotos gesondert angefordert werden. Jedenfalls könne er sich immer mit allen Fragen an sie per Email wenden. An der Richtigkeit der Diagnose ließ sie keinen Zweifel. Und sie habe sich überzeugt, dass die Gewebeprobe nicht vertauscht worden sei, wie er in seiner letzten Email angedeutet hatte.

    Das Engagement der beiden Ärztinnen geht weit über die professionelle Aufgabe und Distanz hinaus. Aber gerade diese einhüllende, mütterliche Fürsorge schmerzt H. Aus ihren Blicken und Worten, den Reaktionen und Handlungen, auch denen im Verborgenen oder als Vorbereitung, liest er ihr Mitleid und ihr Wissen um eine dunkle Zukunft, die sie für ihn klar zu sehen scheinen. Es wäre Energieverschwendung dagegen anzukämpfen und er hat die Kraft auch nicht mehr. Das Beste wird sein, zu schweigen und den Kontakt auf Kontrolluntersuchungen des Auges zu beschränken.

    Im OP-Saal erwartete ihn eine bequeme Liege, auf der er gut Arme und Hände auflegen konnte. Daneben stand ein großer Gaszylinder. Die schlanke Schwester führte und betreute ihn selbst. Die Hose musste sie ihm dabei nochmal binden. Laufend bekam er betäubende Tropfen, zuletzt auch ins rechte Auge. Er wurde steril zugedeckt und Licht und Mikroskop wurden über dem linken Auge eingestellt. Das rechte wurde zugeklebt und sein Gesicht mit der braunen Desinfektionslösung gründlich abgerieben. Eine Schwester fragte nochmals nach Vor- und Nachnamen und nach der zu behandelnden Augenseite, dann wurde ein Tuch über ihn gebreitet, das nur das linke Auge frei ließ. Das Einsetzen des Spreizers gelang im zweiten Anlauf.

    Das wiederholte Vereisen und Auftauen war kaum als kleine Stiche zu spüren, schmerzlos und weniger brennend als das Desinfizieren der Lider zuvor. Die Atmosphäre war entspannt und die Schwestern fanden es beruhigend, dass zumindest ihre Aufforderungen in Thai von dem Ausländer verstanden wurden. Schnell war es vorüber, das Gesicht wurde wieder abgewaschen und das Auge zugeklebt. In zwei Stunden, also um elf solle er den Verband entfernen und mit den antibiotischen Augentropfen beginnen. Das Auge sei nun irritiert und werde ein paar Tage gerötet bleiben. Duschen sei möglich. Seine Frau erhielt draußen die selben Anweisungen.
    Etwas erschöpft ließ H. sich mit dem Rollstuhl zum Umkleiden fahren. Bevor er die Räume verließ, wollten die Schwestern ihn noch drängen, zwei Paracetamol zu nehmen. Der Heimweg sei lang. Aber er hatte gar keine Schmerzen, weder bei der Kryo noch in den Stunden danach.

    D. war bereits mit den anderen, zahlreich wartenden Angehörigen an der Kasse gewesen. Mit Verwunderung hatte sie gesehen, dass diese zum Teil Beträge von dreißig-, fünfzigtausend und mehr zu begleichen hatten. Ungläubig zahlte sie ihre Rechnung: 1600 Baht für die Kryotherapie selbst und 1500 für den Arzt, zusammen etwa 72 Euro. Dabei war im Vorgespräch und auf der Anmeldung der Betrag von mindestens zehntausend genannt worden. Ein Versehen oder unglaubliche Milde und Mitleid der Ärztinnen?

    H. konnte trotz des Verbandes seine Brille aufsetzen. Er war müde. Sie mussten jedoch noch auf den Terminzettel warten. Am Sonntag, den 19. werden sie beide Ärztinnen wieder sehen. H. fragte noch nach dem Befund, aber diesen würde ihm Dr.W. in der Sprechstunde geben, hieß es. Es war ihm gleichgültig. Er würde bis dahin auch nicht in Emailkontakt treten. Selbst wenn keine Fehldiagnose vorliegt – an einen absichtlich untergeschobenen Befund glaubt er nicht - , mit der Entfernung und der anschließenden Kryotherapie ist der Tumor, gutartig oder nicht, beseitigt. Dr.U. wird eine Ultraschalluntersuchung der Lymphknoten des Nackens und des Halses vorschlagen. H. hat sich vorgenommen, ihr schweigend zuzuhören.

    Die Fahrt mit dem neuen Taxi, das sie von der Türe weg nehmen konnten, war angenehm. Es lief eine CD mit den gleichen Songs, die sie vor 36 Jahren immer auf einem Kassettengerät zu hören pflegten, und die Texte waren für H. wie eine gute Botschaft. Zu hause musste er sich ausruhen, seine Gattin fuhr alleine auf den Markt nach Minburi. Als er später den Verband abnahm, sah er seinen zur Hälfte rot-verschwollenen Augapfel wieder. Er fühlte sich lediglich etwas gereizt an. Von dem Kartoffelsalat und dem Thunfisch konnte er nur eine Gabel voll zu sich nehmen. Jemand hat mal in einem Vortrag gesagt, der Mensch könne von einer Schale Reis am Tag leben, zwei wären zuviel.

  6. #15
    Avatar von Khun Han

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    Samstag, 18.Juni 2011

    Nullpunkt

    Stell´ dir vor, du kommst aus dem Urlaub zurück und die Sekretärin des Chefs versucht dir mit aller Milde und Anteilnahme zu erklären, dass dir gekündigt wurde. Es dürfte dir den Boden unter den Füßen wegziehen. Du kannst ihr nicht böse sein, aber du wirst überwältigt von Wut und Ratlosigkeit und schließlich von Resignation. Dennoch wird dein Leben weitergehen. Du musst vielleicht bei Null anfangen.

    An einem solchen Nullpunkt bin ich gelandet. Plötzlich hat vieles keine Bedeutung mehr, ist überflüssig und uninteressant geworden. Die Beschäftigung am PC mit heruntergeladenen Filmen oder Internetseiten mit geistigem Wissen und Hintergrundinformationen spielte keine Rolle mehr. Selbst kulinarische Verlockungen hatten den Reiz verloren. Teile des eigenen Egos und sein Haften an Meinungen und am Leben waren verloren gegangen. Das Abschütteln war so stark, dass die 1.Person verschand. Aber für ein angenehmeres Lesen lasse ich sie zurückkehren. In der privaten Kommunikation wäre der dauernde Gebrauch der 3.Person eher krankhaft. Schließlich bin ich noch nicht so weit erleuchtet oder entrückt wie z.B. der Anlass zu meiner 2.Indienreise, Yogi Ramsaratkumar, der von sich durchweg als „dieser Bettler“ oder „dieses Kind Gottes“ sprach.

    Der Neustart von (fast) Null wurde bewirkt durch jene Diagnose und das anschließende schockierende Abtasten der Lymphwege an Gesicht und Nacken. Das Ganze war ein Weckruf, vergleichbar mit dem Stockhieb oder dem Schrei des Zenmeisters. Es hat meinem Leben wieder Richtung gegeben. Dennoch war und ist da Schmerz. Es ist nicht mehr die Furcht vor der Krankheit selbst, die mich zeitweise gelähmt und traurig gemacht hat. Nachdem ich mich wieder vorgestern zulange im Netz mit dem Thema beschäftigt hatte und in der Nacht mich nicht gegen die wiederkehrenden Gedanken wehren konnte, geriet ich in einen See von Traurigkeit. Hinzu kam, dass ich in meiner Ungeduld keinen Heilungsfortschritt an meinem wunden Augapfel erkannte. Meine Gattin bemerkte meinen Zustand sofort. Und es brachte sie auf, zumal in den vergangenen zwei Tagen Gelassenheit und Normalität geherrscht hatte und sie sich gerade darauf freute, mich zu einem Mittagessen einzuladen, nachdem sie einen kleinen Betrag in der Lotterie gewonnen hatte.

    Aber Zeit heilt alle Wunden. Dennoch beschäftigt mich der morgige Termin. In Gedanken gehe ich das Gespräch mit der Ärztin durch, lege mir englische Worte und Sätze zurecht. Es dürfte die endgültige Diagnose und die Belege dafür zu erwarten sein. Das Kind muss einen Namen haben. Das wird aber wohl nichts an unserem Entschluss ändern, keine weiteren Tests wie die Ultraschalluntersuchung der Lymphknoten im Nacken oder gar eine CT und keine weiteren Therapien am Auge mehr zuzulassen, außer spätere Kontrolluntersuchungen desselben. Das Anfordern des pathologischen Befundes nach der Exzision war schon ein Fehler gewesen, ein großer Fehler.

    Was mich in Unruhe versetzt, ist dass ich mein Leben bestimmen lassen sollte von einer medizinischen oder pathologischen Ansicht. Das Leben bestimmen göttliche Gesetze, nicht die von Banken und Konsum und Konventionen, von Pharmaindustrie, Politik und eigenen Zwängen. Ich habe keinen Zweifel daran: sollte sich etwas Entartetes im Körper befinden, so wird es sich auch wieder entfernen lassen. Ich bin mir nur über die Einnahmeweise der MMS-Tropfen noch nicht ganz klar, werde aber wohl nächste Woche damit beginnen. Es geht mir nicht darum, dieses Leben zu verlängern, sondern um die gegebene Zeit, den Neustart zu nützen, auch im Hinblick auf die weltweiten Veränderungen.

  7. #16
    Avatar von Khun Han

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    Montag, 20.Juni 2011

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    So, das war´s. Ich habe mein Leben wieder. Und das neue ist schöner als das alte. Nicht dass die Tests ergeben hätten, es ist gar kein malignes Melanom. Ganz im Gegenteil. Aber lasst mich der Reihe nach berichten.

    Die Erregung in der Nacht und vor der Sprechstunde hielt sich in Grenzen. Ich fühlte Gottes Nähe und Hilfe. Der Impuls auf der Fahrt und in der Klinik war: es geht nicht um den Körper. Später wurde mir auch bewusst, wie widersinnig es ist, an die Transformation der Erde und ihren Aufstieg in eine höhere Dimension zu glauben und sich dabei Sorgen um den materiellen Körper zu machen.

    Es waren etwa 60 Personen im inneren Wartebereich, die Hälfte wohl Begleitpersonen, aber wir hatten den Eindruck, dass wir vorgezogen wurden. Wenn ich auch der einzige Ausländer war, so fühlte ich mich stets in gleicher Weise behandelt wie jeder andere Patient auch. Man ist dennoch irgendwie ein bunter Hund und das Personal tut sich nicht einfach, den Namen zu nennen oder sich in Englisch auszudrücken. Die unvermeidlichen Tests zu Beginn dienen wohl in erster Linie als Einnahmequelle. Obwohl ich mich bemühte, still zu halten und nicht zu zucken, als die Luftstöße auftrafen, lagen die Augendruckwerte bei 26 bis 30 mmHg. Dr.U. maß dann selbst mit ihrem Tonometer nach und der Wert ergab gute 18. Wir waren nach kurzer Wartezeit zu ihr gerufen worden, wenngleich wir zuerst vor Dr.W.´s Zimmer warten sollten.

    Dr.U. fragte viermal: How are you today?, aber mehr als: It´s okay! bekam sie nicht zur Antwort. Sie überreichte uns gleich eine CD mit den Fotos aus der Pathologie und die „offiziellen“ Befunde aus der Histologie und der Immunhistochemie. Ich hatte ihr zwei Tage nach der Kryo eine harsche Email geschrieben, in der ich verlangte, dass bei einer solchen Diagnose Arzt und Patient auf dem selben Informationsstand sein müssen. Bis jetzt hätte ich keinen schlüssigen Beweis. Diesen mit englischen Fachwörtern gespickte Befund hätte jeder Student aus dem Lehrbuch abschreiben können und jeder Lehrer würde ihn bestätigen, um ihn nicht zu blamieren. Was mir fehlt, sind die Aufnahmen unter dem Mikroskop, die dann auch ein anderer Pathologe begutachten kann. Ich zahlte für das Röntgen, schrieb ich, und bekam ein großes Bild, ich bezahlte für die Ultraschall und bekam einige Aufnahmen, ich bezahlte für die histologische Untersuchung und erhielt einen lausigen Befund. Ich bezahlte 2040 Baht für die Einfärbung und erwarte nun aussagefähige Bilder, denn für 100 Baht könne jeder schreiben, die Reaktionen wären positiv oder negativ. Schon der gesunde Menschenverstand hätte da Zweifel. Ich appellierte auch an den Ruf der Klinik.

    Dr.U. kommentierte die Berichte, die sie mir gab, nicht weiter. Sie erschien überhaupt zurückhaltender und sprach fast mehr in Thai als in Englisch. Sie fuhr wie erwartet in ihrem Programm fort. Eine Biopsie von Lymphknoten sei zu diesem Zeitpunkt zu risikoreich, sie möchte jedoch einen Termin für eine Ultraschalluntersuchung derselben im Halsbereich machen. Ich sprach mich dagegen aus. Sollte sich dabei eine Auffälligkeit finden, ginge die Sache weiter, und wenn man nichts findet, wird man sagen, es kann noch was kommen. Ihre Antwort war etwas diffus: wenn man jetzt die Untersuchung nicht mache, habe man keinen Vergleichspunkt, wenn man später etwas feststellt. Sie würde auch nur die Empfehlung dazu geben. Meine Frau und ich sprachen uns kurz ab und stimmten dann schließlich dieser als der letzten Maßnahme zu. Gegen einen Kontrolltermin in vier Wochen hatten wir sowieso nichts einzuwenden. Dr.U. hatte sich das Auge angesehen und eine „inflammation“ festgestellt, eine Reaktion wie bei einer Entzündung. Sie empfahl, die künstlichen Tränen weiterhin alle zwei Stunden zu nehmen und würde evtl. andere Augentropfen verschreiben. Aber das und die Überweisung zur Ultraschall überließ sie ihrer Kollegin. Ich bat sie noch, das rechte Auge zu überprüfen, doch hier war alles normal, auch die Äderchen, die mir aufgefallen waren.

    Sonst war sie gewohnt entgegenkommend. Sie wollte keine leere CD von mir nehmen und auch die 40 Baht nicht haben, die sie zuvor für die Einfärbung selbst drauf gezahlt hatte. Meine Gattin war davon ausgegangen, dass eine Schwester dies getan hatte, und hielt einen Umschlag bereit. Zudem hatte sie für alle drei Frauen Ferrero Rocher in Plastikboxen gekauft. Ihre selbst verpackten Geschenke wurden gerne angenommen.

    Während wir vor Dr.W.´s Sprechzimmer warteten, sah ich mir die Berichte an. Sie waren wie der erste pathologische Befund von dem selben Pathologen erstellt. Dieser Mann hatte keine Ahnung! Die Resultate der immunhistochemischen Untersuchung beschrieb er einfach: S-100: positiv, HMB-45: positiv, Melan A: positiv. Keine Nennung von Zelltypen, keine Klassifizierung oder Abgrenzung zu anderen Tumoren. Unter diesen wertlosen Bericht setzte er die selbe Diagnose wie beim ersten Mal. Nur schrieb er statt: Tumor, Verdacht auf malignes Melanom, einfach: malignant melanoma. Diesen Befund übernahm er als Anhang in den „offiziellen“ pathologischen Report, mit der wortgleichen Diagnose. Inzwischen versetzt mich das Wort „malignant melanoma“ in ebenso großen oder keinen Schrecken wie das Wort „Kaninchenfell“. Wenigstens habe ich die bildlichen Darstellungen der Zellen auf CD und ich werde sie von einem anderen Pathologen begutachten lassen.

    Dr.W. fragte in ihrer leisen Art nach dem Befinden und nach Beschwerden und meinte nach der Ansicht des Auges, es sei noch gerötet und gereizt. Ich solle die bisherigen Augentropfen nur noch morgens und abends nehmen. Vielleicht lag da eine der harmloseren Nebenwirkungen vor, die im deutschen Online-Beipackzettel standen: verzögerte Wundheilung. Sie verschrieb aber gleich neue, damit wir nicht extra reinkommen mussten. Ihre geringe Honorarforderung bei der Kryo wurde von keiner Seite erwähnt. Es kann sein, dass beide Ärztinnen einsehen, dass die Befunde und die Diagnose auf wackligen Beinen stehen, und wollen keine Regressforderungen provozieren. Vielleicht wurde mir auch deshalb der Befund nicht gleich bei der Kryo mitgegeben.

    Eine Schwester wurde beauftragt, sich um die Überweisung zur Ultraschall zu kümmern. Aber dazu mussten wir eh selbst in den 4.Stock. Dr.W. schrieb jedoch den Namen einer kompetenten HNO-Ärztin auf einen Zettel. In vier Wochen wird sie selbst nicht anwesend sein. Deshalb eilte sie davon, um ihre Kollegin zu fragen, ob ein Termin in drei Wochen recht sei. So werden wir die Beiden am 10.Juli wieder sehen. Auf dem 4.Stock konnten wir später erst einen Termin in der Woche nach den Parlamentswahlen am 3.Juli bekommen. Wir entschieden uns für späten Nachmittag des 6.Juli. Hoffentlich bleibt es nach diesen entscheidenden Wahlen ruhig im Land!

    Zu zahlen hatten wir neben den üblichen 120 Baht zweimal 300 als Arzthonorare und 70 (1,60 Euro) für die Augentropfen, zusammen also ca.18 Euro. Wir speisten natürlich im nahen Fuji. Ich bestelle nun immer das Kindermenü. Es schmeckt mir und es reicht mir. Danach fuhren wir wie geplant mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof und von dort mit dem Bus Nummer 7 für 7 Baht zur Endstation, wo Schwager und Schwägerin wohnen. Einmal im Monat möchte meine Gattin hier das Grab ihrer Mutter besuchen. Anschließend ließen wir uns vom Schwager mit seinem kleinen Songthaeo zum Sanam Luang 2 bringen, einem riesigen Wochenendmarkt. Meine Gattin kaufte sich zwei Kakteen von ihrer Lieblingsart “Condo“. Und ich bekam Durst auf eine große Flasche Bier. Das Eis im Plastikbecher verwässerte es ein wenig. Ich fühlte mich frei und bestätigt. Im Innersten konnte ich nie an einen bösartigen Tumor mit Metastasen glauben. Dieses Gewächs an meinem Auge war nicht aus einer braunen Veränderung einstanden, sondern inmitten von Äderchen. Wenn jetzt noch ein Pathologe bestätigen würde, dass sich aus den Aufnahmen nicht unbedingt die Diagnose eines malignen Melanoms ergeben würde, wäre das Glück perfekt.

    Falls die Diagnose falsch war, werde ich nicht gegen das Krankenhaus vorgehen. Ich habe keine Lebensversicherung aufgelöst und keine anderen entscheidenden Vorkehrungen für mein baldiges Ableben getroffen. Es hat einige Aufregung und schlaflose Nächte gegeben, aber letztlich habe ich nur profitiert. Das Röntgen hat bestätigt, dass das Herz am rechten Fleck ist, in normaler Größe, und dass die Lunge ohne Auffälligkeiten ist, obwohl ich eine lange Raucherkarriere hinter mir habe und erst vor drei Jahren damit aufhörte. Wichtig war mir der Zustand der Bauchaorta, nachdem mein deutscher Schwager in Chiang Mai im letzten Jahr an einer geplatzten Aorta verstorben war. Aber alle inneren Organe sind ohne negativen Befund bis auf die „fatty“ Veränderung der Leber. Doch ich lebe nun gesünder, bewege mich mehr, will auch wieder den Pool benutzen und esse weniger. Das Ganze war ein Weckruf, ein Start in ein neues Leben.

    Eine Stunde brauchten wir zurück bis zum Hauptbahnhof Hualampong. Von dort ging es wieder mit MRT und Airportlink nach hause in unsere ruhige Siedlung. Das bisschen Kopfweh kam nicht vom Bier, sondern von der Fahrt im offenen Bus.

  8. #17
    Avatar von Khun Han

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    Donnerstag, 7.Juli

    Heilwerden

    Das Auge beschäftigt mich zwar weiter jeden Tag, schon weil ich tropfen muss und den Heilungsprozess mit Ungeduld verfolge, und die erschreckende Diagnose und deren Konsequenzen sind zu einem Wendepunkt in meinem Leben geworden, aber vielleicht wird sich die ganze Aufregung bald in eine Erinnerung verwandeln.

    Der Arzt, der gestern die Ultraschalluntersuchung der Halslymphknoten vornahm, war ziemlich im Stress und nicht besonders freundlich. Mit mir warteten noch einige Patienten, deren vereinbarter Termin lange überschritten war, und als die ältere Schwester mich vor ihnen herein bat, musste sie laut erklären, dass bei mir ein anderer Fall vorlag. Sie konnte meinen Namen nicht aussprechen und deutete nur fragend auf die Papiere. In der gleichen Kabine wie beim letzten Mal wurde ich von einer weiteren Schwester vorbereitet. Sie positionierte mich auf der Liege und legte ein gerolltes Handtuch unter meine Schultern, sodass mein Kopf nach hinten gestreckt wurde. Bis der Doktor kam, schob sie mir aber ein Kissen unter. "What is wrong with you?", fragte er. Was ich ihm erklärte, konnte er auch aus den Akten und dem Computer ersehen. Die Bemerkung, die er in Thai zur Schwester machte, verstand ich in der Weise, dass er meiner Ärztin Überreaktion vor hielt. Während er mit dem Prüfkopf an meinem Hals herum fuhr, fragte er, ob ich selbst Knoten oder Schmerzen verspürt hätte, was ja nicht der Fall ist. Ich war überrascht, als er nach kurzer Zeit die Untersuchung beendete und im Rausgehen über die Schulter sagte: "Nothing abnormal."

    Die Schwester erklärte mir in Thai, dass der Bericht erst morgen erstellt würde, aber da ich nicht alles verstand, beauftragte sie einen Helfer, es meiner Frau zu vermitteln, die draußen im Wartesaal saß. Wir können also den Report und die Aufnahmen abholen bevor wir am Sonntag zur Augensprechstunde gehen. Ich denke, dass dies dann der letzte Termin vor einer Kontrolluntersuchung in einigen Monaten sein wird.

    Mein Augenmerk ist nun weniger auf möglicherweise vorhandene Tumore und Metastasen gerichtet, sondern ich bin bestrebt, den Körper wieder in die Lage zu versetzen, mit allem Schädlichen selbst fertig zu werden. Mancher rät zu einer Nachoperation und der Chemotherapie mit Mitomycin. Aber Rausschneiden und Verbrennen heilt den Krebs nicht. Ich bin zu der Auffassung gelangt, dass die Schulmedizin die Ursachen von Krebs nicht kennt und nicht willens und nicht in der Lage ist, ihn zu heilen. Es gibt Hunderte alternative Methoden. Meine Entscheidung ist schon lange für MMS gefallen und ich habe mit dem Standardprotokoll angefangen. Der Chlorgeruch macht mir noch nichts aus und ich freue mich, dass mein Körper die Bakterien, Viren, Pilze und Metalle durch die Oxydation zerstören und hinaus befördern kann. Problematisch könnte nur der wässrige Stuhlgang werden, wenn wir unterwegs sind. Aber ich will hier nicht näher auf MMS und alternative Krebstherapien eingehen. Jeder Betroffene kann sich selbst im Netz informieren. Keine Medizin, auch MMS nicht, kann heilen, nur der Körper selbst. Mutter Natur weiß am Besten, was gut ist. Es geht um Heilwerden und -bleiben, um Reinsein.

    Eine Erkenntnis aus der Tumorsache ist, dass Geist und Körper zusammen gehören. Bei Buddha war es die Askese, bei mir eher Vernachlässigung, was der weiteren Entwicklung im Wege stand.

  9. #18
    Avatar von Khun Han

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    Dienstag, 12.Juli 2011

    Ich hatte da ein bisschen Krebs

    Entspannt reisten wir am Sonntagmorgen an, tranken an der Silom einen Cappuccino und holten dann aus der Radiologie im 4.Stock den Bericht und die Bilder der Ultraschalluntersuchung ab. An beiden Seiten des Halses sowie an der Schilddrüse sind keine Abnormitäten feststellbar, stand da. Wir erhielten allerdings einen Riesenumschlag, obwohl ich am Mittwoch wie verlangt den kleinen mit den Ergebnissen der letzten Untersuchung des Oberbauches mitgebracht hatte, und wir mussten den ganzen Tag diesen großen Umschlag mit uns herumtragen.

    Im 11.Stock wurde nach kurzer Wartezeit mein Name aufgerufen und ich durchlief wieder die Eingangstests. Diesmal führte den Innendrucktest allerdings Khun Danokwan durch, die nette Schwester, bei der wir uns letztes Mal mit einer Schachtel Ferrero Roger bedankt hatten. Sie begrüßte mich freundlich und meinte, sie habe mich jetzt eine Weile nicht gesehen. Sie machte den Test mit den Luftstößen professionell und ich hatte normale Werte.

    Ich freue mich immer, Dr.U. zu sehen. Diesmal besonders, weil ich ihr auf ihre Eingangsfrage nach meinem Befinden wahrheitsgemäß antworten konnte, dass ich mich großartig fühle, ich das Leben genieße und keine Angst vor dem Krebs mehr habe. Sie gab mir einen kräftigen Händedruck. Den ihr vorliegenden Bericht wollte sie mir kopieren lassen, aber ich hatte ihn ja bereits. Sie kommentierte ihn nicht und das Thema Melanom wurde weder von ihr noch von mir erwähnt. Es ging nur um das Auge, um dessen Heilungsfortschritt. Zunächst prüfte sie das rechte. Vom linken machte sie Fotos, die sie mir auf dem Bildschirm zeigte. Die Restwunde sah hier besser aus als im Spiegel. Sie ließ mir von der Schwester einen Tropfen ins Auge geben und machte eine Aufnahme in Grün. Auf Nachfrage erklärte sie, dass sie hierbei die Konsistenz der Oberfläche prüfen könne. Es sei keine Wiederkehr eines Tumors zu erkennen. Wir vereinbarten einen Kontrolltermin in drei Monaten. Aber ich könne ihr auch mailen, wenn ich den Termin nicht einhalten könne oder sonst etwas am Auge sei. Als ich angab, dass die alten künstlichen Tränen ein Brennen verursachten, verschrieb sie mir andere, die ich nun auch gut vertrage. Sie fragte, wo meine Frau sei. Diese hatte es vorgezogen, sich im großen Wartesaal mit ihrer Illustrierten zu beschäftigen. Dr.U. trug mir Grüße an sie auf. Ich sagte, dass meine Gattin nicht bereit sei, über das Thema Krebs mit mir zu reden. "Tell her, everything is ok!", war ihre Antwort. Ich solle weiter das Leben genießen.

    Ich musste eine Stunde warten, um zu Dr.W. gerufen zu werden und war in wenigen Minuten wieder draußen. Vielleicht brauchte ich deshalb nur einmal das Arzthonorar von 300 Baht (ca. 7.14 Euro) zu bezahlen. Dr.W. prüfte beide Augen an der Spaltlampe und war sehr zufrieden mit dem schnellen Heilungsfortschritt. Da muss ich wohl noch an meiner Geduld arbeiten. Die Äderchen, die mir am rechten Auge auffallen, seien normal. Ich gab den Eindruck wieder, dass es besser ist, das Auge in Ruhe zu lassen. Die neuen Tränen bräuchte ich nur alle vier Stunden nehmen. Sie sah im Kalender nach, an welchem Sonntag im Oktober sie anwesend sein wird. So werde ich diese liebe Ärztin auch wieder sehen.

    Draußen erhielt ich noch den Zettel mit dem Termin. Zu zahlen hatte ich für alles 585 Baht (ca. 14 Euro), incl. 165 Baht für die neuen Tropfen. Es ist bewundernswert wie bei den vielen Patienten der ganze Ablauf ohne viel Durcheinander und große Verzögerung gestaltet wird. Einige Mitarbeiter sind nur damit beschäftigt, Zettel und Akten hin und her zu tragen. Wartezeiten sind allerdings hin zu nehmen.

    Wir aßen wieder im Fuji zu Mittag und fuhren anschließend mit der U-bahn zum Hauptbahnhof, wo wir den Bus nach Bangkhae zur Familie des Schwagers nahmen. Die einstündige Fahrt für 7 Baht geht durch Chinatown über den Chao Phraya nach Thonburi. Am Grabmal der Mutter brachten wir wie gewohnt Räucherstäbchen und Blumen dar. Der Suan Luang 2, den wir danach besuchten, ist um eine weitere, riesige Marktfläche vergrößert worden und es herrschte großes Gedränge. Meine Gattin kaufte sich einen Kaktus ihrer Lieblingssorte und ich bekam Durst auf eine Dose Bier, das ich aus einem mit Eis gefüllten Plastikbecher durch den Strohhalm trank. Auf der Rückfahrt begann es zu schütten, doch wir blieben trocken, da wir solange im Big C einkaufen gingen. Gestalten der Nacht waren bereits auf den Gehsteigen in der großen Stadt zu sehen, als wir mit dem Bus zurück zum Bahnhof fuhren, wo wir noch in einem Nudelrestaurant Halt machten.

    Die ganze Aufregung um den Krebs ist dem Bericht eines Pathologen zu verdanken, der Ende Mai den zwei Tage zuvor herausgeschnittenen Pickel unter dem Mikroskop untersuchte und den Verdacht auf dieses sehr seltene, aber todbringende, bösartige Melanom der Bindehaut äußerte. Der 1 mm breite Rand sei zwar frei, aber Tumorzellen befänden sich am Boden der Probe. Das Ergebnis bestätigte er dann selbst noch mal und die teure immunhistologische Einfärbung konnte bei ihm dann auch kein anderes Resultat bringen. Er beschreibt dabei pleomorphe Zellen, das dem entspricht, was alternative Krebsforscher mit für die Ursache oder Anzeichen von Krebs halten, also die Eigenschaft, bzw. Fähigkeit von Zellen oder Mikroorganismen, ein unterschiedliches Erscheinungsbild anzunehmen. So können Parasiten, Protozoen, Endobionten, polymorphe Trichomonaden (oder wie sie es auch nennen) als Bakterien, Viren oder Pilze auftreten. Krebs ist demnach eigentlich in jedem Menschen schlummernd vorhanden. Diese Parasiten können lange Zeit unauffällig in Symbiose leben, aber in übersäuertem oder radioaktiven Milieu entarten sie und vermehren sich dann unkontrolliert, besonders bei schwachem Immunsystem. Das Terrain entscheidet, ob und wie sie sich vermehren.

    Es gibt viele alternative Heilmethoden für Krebs. MMS ist ein kostengünstiges und absolut effektives Mittel, ein wahres Wundermittel. Es zerstört alle Bakterien,Viren, Pilze und Schwermetalle ohne dem Körper zu schaden. Ich bin sicher, dass es in mir wirkt und ich keine Krebszellen mehr habe.

    Auf der anderen Seite gilt es, das Immunsystem wieder aufzubauen. Franz von Assisi nannte seinen Körper "Bruder Hinterteil". Ich habe meinem noch keinen Namen gegeben, aber wir haben nun ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Ich versuche auf ihn zu hören. Wenn er meint, er habe genug, dann schiebe ich den Teller weg. Wenn er meint, ausgeschlafen zu haben, dann stehe ich auf oder drehe mich höchstens noch fünf Minuten um. Wir freuen uns, täglich das Wasser im Pool zu durchschwimmen, uns zu bewegen, die Lungen mit frischer Luft zu füllen. Ein Hungergefühl macht uns nichts aus. Auf Kuchen, Eis und Knabberzeug verzichte ich. Was ich esse, segne ich oder ich bitte um Gottes Segen. Mein Blutdruck ist runter und ich habe 5 oder 6 Kilo abgenommen. Ich fühle mich rundum gesund und wohl.

    Dadurch dass ich bewusst und freudig in und mit meinem Körper bin, kehre ich auch immer wieder in den gegenwärtigen Augenblick zurück. Und bin somit dem Göttlichen nahe.

  10. #19
    Avatar von Khun Han

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    Montag, 3.Oktober 2011

    Drei Monate nach meinem letzten Besuch begab ich mich am ersten Sonntag im Oktober zu einer Kontrolluntersuchung meines Auges ins Chula. Es war ein recht frustrierendes Erlebnis.

    Nach der Operation hatte ich mich mit dem Thema Krebs befassen müssen. Anfänglich geschockt und verzweifelt ging ich später dazu über, Kenntnisse über alternative Heilmethoden und allgemein über Gesundheit zu suchen. In der Folge änderte ich meine Einstellung zur Schulmedizin und zu Erkrankungen und gleichzeitig einige Denk- und Verhaltensweisen in meinem Leben. Mit der Einnahme von MMS baute ich neben dem Ausscheiden von Schädlichem eine positive Kommunikation mit meinem Körper auf. In meinem Blog habe ich darüber geschrieben. Und je mehr ich mir die Abläufe, die verbalen und nonverbalen Äußerungen, den Email-Schriftverkehr und die Reaktionen der Augenkliniken in Deutschland, die ich um eine 2.Meinung gebeten hatte, in mein Gedächtnis rief, desto mehr gelangte ich zu der Überzeugung, dass da nie ein Melanom vorhanden war. Ich könnte Dutzende von Hinweisen dafür anführen.

    Im Internet sind Fotos und Angaben zu den betreffenden Ärzten zu finden. Dem jungen Pathologen am unteren Ende der Abteilungsbelegschaft, der sich anfangs seiner Diagnose nicht sicher war, aber der sie dann anscheinend selbst bestätigt hatte, dem wollte keiner widersprechen. Das Sprichwort von den Krähen ist wohl hier zutreffend. Zudem wurde mir klar, dass man in Thailand selten eine befriedigende Antwort erhält und man meistens nicht auf den Kern eines Problems vorstoßen kann. Kaum einer kann einen Fehler eingestehen oder will einem anderen einen Irrtum nachweisen. Die Angst vor einem Gesichtsverlust oder vor einer Anzeige wegen Verleumdung, die einem Freiheit oder Leben kosten kann, ist allgegenwärtig.

    Dennoch bin ich froh und dankbar, dass alles so gelaufen ist. Ich lebe heute zufriedener und gesünder. Schon mehrere haben gesagt, dass ich nun gesund aussehe. Das liegt wohl nicht zuletzt an der leichten Bräune, die sich durch mein tägliches Schwimmen ergeben hat. Dabei liege ich nicht in der Sonne, sondern ziehe für eine halbe Stunde meine ruhigen Bahnen, abwechselnd mit dem Liegen auf den Massagedüsen, auch wenn mir mal der Regen auf die Kappe tröpfelt. Meist habe ich den Pool für mich alleine und ich kann mich meditativ bewegen und die Nuancen von Blau, die Temperaturunterschiede und die Körperempfindungen bewusst wahrnehmen. Es ist wie eine Art von Yoga.

    Meine Augenärztin halte ich für eine kompetente Chirurgin und ich hegte Vertrauen und Sympathie für sie. Bis gestern. Ich freute mich wirklich sie wieder zu sehen und 2 Stunden zu warten machte mir nichts aus. Es saßen vielleicht 70 Personen im inneren Wartesaal. Der vorausgehende, obligatorische Innendrucktest ergab gute Werte und für die Sehprüfung brauchte ich meine Augen nicht anzustrengen, da ich mir die 7 Zahlen einfach merkte. Die Ärztin entschuldigte sich nach der Begrüßung und der Frage nach dem Verbleib meiner Gattin für die lange Wartezeit, sie habe viele Patienten gehabt. Vielleicht war sie deshalb auch etwas müde und hungrig. Ich sagte ihr, dass es mir besser ginge denn je. "Better then ever.", wiederholte sie ausdruckslos und ließ mich den Kopf an die Spaltlampe legen. Während der Untersuchung gab sie nur ihre Kommandos: Blink! Look left! usw. Dann lehnte sie sich zurück und sagte, sie würde gerne einen Termin in 3 Monaten für eine Ultraschalluntersuchung der Halslymphknoten machen. Sie hätte ja sagen können: "Ich kann am Auge nichts feststellen, aber um sicher zu gehen, dass da keine Metastasen sind, würde ich vorschlagen, dass Sie sich zu einem späteren Zeitpunkt nochmals einer Ultraschalluntersuchung des Halses unterziehen."

    In dem Moment dachte ich nicht an asiatische Zurückhaltung und sagt laut: "No! Jetzt ist Ende!" Sie war wohl ebenso erschrocken und brachte nur ein "Take it easy!" hervor. Aber ich setzte nach und erklärte ihr, dass da nie ein Krebs oder ein Melanom vorhanden war. Nach kurzem Überlegen fuhr sie fort: "I recommend You..." Doch was sie vorschlug, war ein Termin in 3 Monaten bei ihr, den ich wahrnehmen könnte oder auch nicht, bei dem wir dann nochmals über die Ultraschalluntersuchung reden könnten. Damit war ich einverstanden. Als ich sie dann noch nach dem Ergebnis ihrer Untersuchung eben fragte, sagte sie nur kleinlaut: "There is no recurrence." Also kein Wiederauftreten einer Schwellung.

    Nach weiteren 25 Minuten saß ich vor Dr.W., die in sehr freundlicher Weise auch das Augeninnere mit einer Zusatzleuchte untersuchte und wiederholt sagte, dass alles in bester Ordnung sei. Auf meine Nachfrage meinte sie, dass mit der Zeit auch die durch die Kryo gezeichnete Stelle nicht mehr sichtbar sein würde. Draußen erhielt ich den Terminzettel und bezahlte 420 Baht, also nur einmal die Arztgebühr von 300 Baht.

    Ich fühlte mich verletzt und betrogen. Wie ein verliebter Freier, der den Versprechungen eines Barmädchens geglaubt hatte. War es der Ärztin nur darum gegangen, mir Behandlungen und Untersuchungen zu verkaufen? Sie ist sicher eine bekannte Augenärztin, die publiziert und an zwei Abenden in der Woche auch am renommierten Bumrungrad Hospital praktiziert. Aber ich verstehe ihre Motive nicht. Eigentlich hatte sie mich nie über die Diagnose und die etwaigen Folgen aufgeklärt. Die negativen Ergebnisse der Kontrollen hatten sie nie wirklich berührt. Der Arzt, der die Sonographie des Halses vorgenommen hatte, verwandte für sie das Wort "fungsaan", was ich mal mit "überreagieren" übersetzen möchte. Und meine Frau hatte mitbekommen, dass die Schwestern sie fürchteten, weil sie die Chefin heraushängen lässt. Nun, für mich ist das Kapitel abgeschlossen.

    Wir aßen im Fuji in der Silom zu Mittag und fuhren dann mit der BTS zum Paragon, wo wir die Lebensmittelabteilung durchstreiften. Desgleichen im Siam Center und gegenüber in dem nach dem Brand neu eröffneten Big C, wo es übrigens eine reiche Auswahl von französischem Käse zu günstigen Preisen gibt. Wir kauften einiges ein und fuhren dann mit dem Boot vom Pratunam zur Mall Bangkapi und von dort mit einem Minivan nach hause. Es war doch noch ein schöner Tag.

  11. #20
    Avatar von Paedda

    Registriert seit
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    661
    Hallo Khun Han,

    habe heute abend, nur unterbrochen vom Abendessen, Dein (nennen wir es einmal) Tagebuch vom Anfang bis zum Ende gelesen und es zunehmend verschlungen. Ein Literaturkritiker würde vielleicht sagen: atmosphärisch dicht, authentisch, einfühlsam nachvollziehbar geschildert. Ich sage nur: danke für Deine offenen Gedanken, die Du hier ehrlich niedergeschrieben hast, persönlich und spannend erzählt - und immer wieder mit einem kleinen Einblick in thailändische Denkschemata, in Alltagserlebnisse, die mir (und sicher vielen anderen Lesern) aus Thailand vertraut sind.

    Und das Schönste an der Erlebnisgeschichte: Dein "Happy End". Ich freue mich mit Dir. Da hat Dir jemand hoch oben durch Deine Leidenszeit die Augen geöffnet und Dir wahrhaft "neue Augen" - einen neuen Blick geschenkt. Fürs Wesentliche. Wünsche Dir und Deiner Frau für die Zukunft ungezählte schöne Tage.

    Danke. Pädda1

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