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Das wahre Leben

Erstellt von moselbert, 05.11.2004, 13:21 Uhr · 24 Antworten · 1.923 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von moselbert

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    Das wahre Leben

    0. Vorgeschichte

    Die Geschichte handelt von einem Menschen. Es ist zwar für die Geschichte völlig unerheblich, ob dieser Mensch ein Weiblein oder ein Männlein ist, aber es ist vielleicht besser, wenn ich ihm ein Geschlecht zuweise. Da viele der Leser, wie auch der Erzähler, männlichen Geschlechts sind, bietet sich dieses geradezu an.
    Bei solchen Geschichten kann man sich wie Gott fühlen. Man kann Figuren erschaffen, seinen Figuren ein Geschlecht geben, sie leben und sterben lassen. Und man kann sie taufen.
    Da sind wir beim nächsten Problem. Welchen Namen gebe ich diesem Menschenmann? Einen bekannten Namen werde ich nicht nehmen, denn viele der Leser würden so ihren Nachbarn zu erkennen glauben. Aber das möchte ich nicht. Das wäre der Geschichte abträglich. So muss ich mir einen sehr seltenen Namen überlegen, den mit Sicherheit keiner der Leser hat.
    Ich nenne mein Wesen Holledau. Das ist gewiss ein sehr seltener und überaus seltsamer Vorname. Und ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass keiner der Leser so heißt. Außerdem klingt dieser Name besser als Kraichgau.
    Und mit diesen Dingen ausgestattet, Name und Geschlecht, ist unser Held nun in der Lage in die Welt entlassen zu werden. In das wahre Leben.

  2.  
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  3. #2
    Avatar von moselbert

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    Re: Das wahre Leben

    1. Der Freund

    Holledau war ein junger Mann, der in einem großen Betrieb arbeitete. Er hatte eine schöne Arbeit, verdiente gutes Geld, war gesund, hatte nette Kollegen und viel Urlaub. Allerdings war er nicht glücklich.
    Das fiel auch seinen Kollegen auf. Sein bester Freund unter diesen sprach ihn eines Tages beim Mittagessen darauf an.
    „Dir fehlt irgendetwas.“ sagte er. „Aber was?“
    „Ich weiß nicht. Eigentlich müsste ich theoretisch sehr zufrieden sein. Aber ich bin anders als Du. Du strahlst vor Glück, dabei hast Du viel mehr um die Ohren mit Deiner Familie.“
    „Vielleicht ist es ja das.“ vermutete der Kollege. „Dir fehlt eine Familie.“
    „Mag sein.“ Holledau dachte nach. „Aber leider hat mir der Erzähler zwar ein Geschlecht und einen Namen gegeben, eine Familie hat er aber anscheinend vergessen. Die werde ich mir wohl selber suchen müssen. Aber keine der Kolleginnen hier in der Firma spricht mein Innerstes an. Ich habe mich noch nicht verliebt. Sie sind zwar sehr nett, die meisten jedenfalls, aber es fehlt etwas.“
    „Ich habe meine Frau auch nicht im Betrieb kennen gelernt. Es war auf einer Urlaubsreise nach Sonthofen. Wahrscheinlich findet man seine wahre Liebe nur im Urlaub.“
    Holledau fand die Idee gar nicht so schlecht. Er hatte sowieso noch seinen Jahresurlaub zu nehmen.


    Bald folgt Teil 2: "Die Reise"

  4. #3
    Avatar von moselbert

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    Re: Das wahre Leben

    2. Die Reise

    Nach Feierabend nahm er sich seinen Atlas vor und blätterte durch die Seiten.

    „In Deutschland habe ich schon oft Urlaub gemacht. Da war nichts dabei für mich.“ Er blätterte weiter.

    „Die Französinnen sind auch sehr nett, die Spanierinnen heißblütig. Aber das ist alles nichts. Lassen wir das Schicksal entscheiden.“

    Er nahm seine Nagelfeile, schloss die Augen und piekste mit der Feile in die Seiten des Atlanten. Als er die Seite aufschlug, sah er eine weiße Fläche mit Gletschern vor sich: Die Antarktis.

    „Ich glaube da wohnen nur Pinguine. Kein Platz für einen Urlaub. Also noch mal das Ganze.“

    Bei dem zweiten Versuch schlug ihm das Feilenorakel Südostasien vor. Er dachte nach. Welches der Länder dort sollte er nehmen? Er ließ die Feile über der Karte kreisen. Dann brach er den Vorgang abrupt ab.

    „Ich lasse mich doch nicht zum Spielball einer Nagelfeile machen.“ Thailand stach ihm ins Auge. „So sei es denn.“ dachte er.

    In den nächsten Tagen buchte er eine Urlaubsreise. Natürlich wollte er bei der Gelegenheit nicht nur nach einer Frau Ausschau halten, sondern auch das Land als solches kennen lernen. Und so entschied er sich für eine Rundreise durch den Norden, einen Badeurlaub im Süden und ein paar Tage Hektik in der Mitte.

    Seine Kollegen wünschten ihm einen guten Flug. Manche tuschelten auch hinter vorgehaltener Hand.

    Schließlich kam der Tag des Abfluges. Er freute sich.

    Auf die Beschreibung des Fluges und die Begleitumstände soll an dieser Stelle verzichtet werden. Jeder mag sich seinen letzten Flug in seiner Phantasie vorstellen. Mit dieser Methode erspart der Leser dem Schreiber, oft Gesagtes zu wiederholen. Und es treibt die Geschichte voran.


    Schließlich landete er in Thailand. Die Hitze und die Schwüle nahmen ihm den Atem. Tapfer stürzte er sich ins Abenteuer.



    Bald folgt Teil 3: "Der vorletzte Tag"

  5. #4
    Avatar von moselbert

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    Re: Das wahre Leben

    3. Der vorletzte Tag

    Ich muss schon wieder zum Trick der Phantasie greifen und den werten Leser bemühen. Wer hat denn schon eine Busrundreise im Norden gemacht, ein paar Tage am Strand im Süden genossen und die Hektik der Hauptstadt erlebt? Okay, dann mag doch der Leser an dieser Stelle sich seine schönen und weniger schönen Erlebnisse in Gedanken zurückholen und sie hier einfügen. Wir treffen uns dann am vorletzten Tag in Bangkok wieder. Bis gleich.

    Ich gebe zu, einige Leser werden enttäuscht sein, wenn sie selber etwas dazugeben müssen zu der Geschichte. Aber wie oben schon gesagt, ich habe weniger zu tun und es treibt die Geschichte voran. Diese Geschichte handelt ja nicht vom Urlaub in Thailand, sondern -wie man aus der Überschrift erkennen kann- vom wahren Leben. Aber viel muss der Leser nicht arbeiten, ein bisschen werde ich auch beisteuern.

    Am vorletzten Tag hatte Holledau keine gute Laune. Es war wie in den vergangenen Urlauben gewesen. Er hatte viele nette Menschen getroffen und auch einige weniger nette. Allerdings musste er zugeben, dass in Thailand die Menschen im Durchschnitt wesentlich netter, zufriedener und glücklicher wirkten als in seiner Heimat. Obwohl es ihnen materiell nicht so gut ging. Oder vielleicht gerade deshalb?

    Warum Holledau an diesem Tag weniger gut gelaunt war, lag auf der Hand. Er hatte ja ein Ziel gehabt. Er hatte die Bekanntschaft einer Frau machen wollen, in die er sich verlieben konnte. Aber er hatte niemanden kennen gelernt. Und so ging er ziemlich missmutig in ein kleines Restaurant, wo er zum Abschluss der Reise noch einmal ein echtes thailändisches Gericht zu sich nehmen wollte. Er setzte sich auf einen freien Platz und schaute die ausliegende Speisekarte durch.

  6. #5
    Avatar von moselbert

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    Re: Das wahre Leben

    4. Die Bekanntschaft

    Von ihm unbemerkt hatte sich die Bedienung an seinen Tisch gestellt.

    „Was darf ich Ihnen bringen?“ fragte sie auf Englisch. Er schaute auf.

    Es traf ihn wie der Blitz. Diese braunen mandelförmigen Augen. Diese lächelnden schmalen Lippen. Diese halblangen blauschwarzen Haare. Diese goldbraun schimmernde Haut. Diese schlanke Erscheinung. Diese gut gepflegten Hände. Diese ...

    Er wurde in seinen Beobachtungen unvermittelt unterbrochen, denn sie schwankte etwas und musste sich am Nachbarstuhl abstützen.

    „Ist Ihnen nicht gut?“ Holledau war besorgt.

    „Doch, es geht schon. Ihre Bestellung bitte.“ Sie schien etwas kurz angebunden zu sein.

    Er hatte sich nur ein Gericht bestellen wollen. Jetzt disponierte er kurzfristig um. Er nahm eine kleine Vorspeise, ein Süppchen, ein kleines Hauptgericht und ein Dessert. Alles, damit sie noch etwas öfter an diesen Tisch kommen möge.

    Die Bedienung hatte allerdings etwas anderes im Sinn. Sie wollte am liebsten gar nicht mehr an diesen Tisch kommen.

    Denn als sie diesen Gast angesehen hatte, traf es sie wie der Blitz. Diese melancholischen blauen Augen. Diese leicht rötlichen Lippen. Diese strähnigen blonden Haare. Diese herrliche helle Haut. Dieser zarte Anflug eines Bäuchleins. Diese gut gepflegten kräftigen Hände. Diese ...

    In diesem Moment hatte sie der Schwindel ergriffen. Sie hatte sich verliebt.

    Hoffentlich hatte der Farang nichts gemerkt. Er würde nach dem Essen die Gaststätte verlassen, irgendwann wieder nach Hause fliegen und sie hier vergessen. Und dann war es besser, wenn sie sich nicht allzu sehr in Gedanken mit ihm beschäftigen musste.

    An dieser Stelle muss ich die werten Leser noch mal bemühen. Ich habe mir jetzt schon den Namen des männlichen Hauptdarstellers ausgedacht. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass ihr auch mal etwas für mich tut. Mir fällt nämlich kein schöner Name für die Bedienung ein, die in der Geschichte noch eine große Rolle spielen wird. So bitte ich Euch, mir einen schönen Namen zu nennen. Er sollte mindestens so schön sein wie Holledau.


    Wie lange Ihr auf Teil 5: "Das Versprechen" warten müsst, liegt an Euch.

  7. #6
    Avatar von Ampudjini

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    Re: Das wahre Leben

    Die Bedienung heisst Patcharin.
    Ihren Spitznamen kenne ich nicht.

  8. #7
    Avatar von moselbert

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    Re: Das wahre Leben

    @Ampudjini: Das ging aber flott.

    Wer zuerst kommt mahlt zuerst. Ich werde also meine Patschehändchen über die Tastatur gleiten lassen und ihr diesen Namen geben.

    Was bedeutet er, Jini?

  9. #8
    Avatar von moselbert

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    Re: Das wahre Leben

    5. Das Versprechen

    Keine Kollegin wollte diesen Tisch von ihr übernehmen. Also musste sie notgedrungen noch öfter zu diesem netten Farang kommen und ihm die Speisen servieren. Und so kamen sie dann doch ins Gespräch. Und sie kamen überein, dass sie sich noch länger unterhalten sollten. Patcharin bekam für eine Stunde frei und ging mit dem Farang in ein benachbartes Café.

    Sie gestanden sich ihre Liebe und waren beide sichtlich ergriffen und glücklich.

    Auf der anderen Seite war es wie Patcharin befürchtet hatte. Es war sogar noch schlimmer. Er flog schon morgen wieder zurück.

    „Wir müssen in Kontakt bleiben.“ sagten beide gleichzeitig und fingen daraufhin an zu lachen.

    „Hast Du Telefon?“ fragte er sie.

    „Ja, aber das ist zu teuer.“ bemerkte sie. „Hast Du eine eMail Adresse oder eine ICQ Nummer?“

    Er schaute etwas irritiert.

    „Wir leben in Bangkok doch nicht mehr im Wald, sondern in einer gut entwickelten Weltstadt. Also, was ist?“

    Sie tauschten diese neuen elektronischen Adressen aus, ohne die man in der heutigen Zeit nicht mehr auskommt.

    Sie bekam am nächsten Tag sogar frei, damit sie ihn zum Flughafen bringen konnte. In der Licht durchfluteten hochmodernen Empfangshalle des gerade eröffneten neuen Flughafens im Osten der Stadt umarmten sie sich und schauten sich tief in die Augen.

    „Ich warte auf Dich.“ sagte sie.

    „Ich komme wieder.“ versprach er.

    Ihre Lippen fanden sich und Tränen liefen der Schwerkraft folgend in breitem Strom über beider Wangen.


  10. #9
    Avatar von Ampudjini

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    Re: Das wahre Leben

    Hallo Moselbert,

    ich weiß leider nicht, was der Name "Patcharin" bedeutet. Er fiel mir nur gerade ein, weil ich diese Woche von einer Frau gehört habe, die so heisst. Werde sie aber erst am Montag persönlich kennen lernen. Dann kann ich danach fragen (hoffentlich denke ich dran ).
    Mir ist nur bekannt, dass "Charin" auch ein Männername ist.

    Brauchst du sonst noch Namen oder Anregungen?? Ich bin grad sooooo kreativ, das könnte man ausnutzen.

    Gruss an die Mosel.
    Ampudjini

  11. #10
    Avatar von moselbert

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    Re: Das wahre Leben

    6. Zu Hause

    Wieder zu Hause angekommen, saß er jetzt jede freie Minute an seinem Computer und schrieb eMails. Manchmal hatte er auch über ICQ direkten Kontakt mit Patcharin. Jedes Mal liefen ihm die Tränen wieder aus den Augen.

    Sie hatte sich schon einen Reisepass besorgt. Und er lief zu den Behörden und suchte die nötigen Papiere für eine Heirat zusammen.

    Sein bester Freund sprach dann wieder einmal beim Mittagessen an.

    „Du bist so verändert seit Deinem Urlaub. Richtig zufrieden“ sagte er.

    „Das stimmt. Ich bin glücklich. Eigentlich müsste ich theoretisch sehr unglücklich sein, weil ich viele Probleme um die Ohren habe. Meine Freundin ist weit weg und ich kann sie nicht in die Arme schließen. Schon komisch, wenn alles gut läuft ist man unglücklich und wenn man Probleme hat, ist man glücklich.“

    „Vielleicht ist es ja gerade das.“ vermutete der Kollege. „Wenn man auf dem Wege ist die Probleme zu meistern, dann bringt einem das mehr Energie und Freude.“

    Holledau hatte inzwischen auch durch seine ständige Beschäftigung mit dem Computer die elektronische Kommunikation kennen und schätzen gelernt. Er hatte sogar im weltweiten Netz einige Bekannte mit ähnlichen Problemen und Vorlieben gefunden, mit denen er sich in einem Forum austauschte.

    Er erzählte seine Geschichte in diesem Forum. Viele freuten sich mit ihm, einige bezeichneten ihn als Liebeskasper. Das war ihm egal, denn das war ja nur ein Forum.

    Das wahre Leben spielte sich in seinem Herzen ab und dann, wenn er sich mit seiner Patcharin austauschen konnte.


    Das Tempo der Geschichte ist geradezu atemberaubend. Deshalb werde ich mal ein bißchen Pause machen, bevor ich den nächsten Teil hier hereinstelle. Demnächst in diesem Theater Teil 7 "Das Wiedersehen"

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