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Aus "Kroete" wurde "Himmels-Tau"

Erstellt von Tschaang-Frank, 12.10.2005, 07:12 Uhr · 3 Antworten · 802 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Tschaang-Frank

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    Aus "Kroete" wurde "Himmels-Tau"

    Keine spektakulaere Geschichte von Farangs die auszogen das Glueck in der Ferne zu suchen, einfach ein kleiner Einblick von Hanna Tichy
    warum Geburt und Taufe eines Kindes von Angst begleitet sind, der
    Tod jedoch als froehlicher Abschied von der Erde gefeiert wird und
    welche Rolle bei der Hochzeit ein reicher Pate spielt.
    Ein kleiner Einblick in Glaube und Aberglaube und fuer den ein oder anderen Member vielleicht ein bissel mehr Verstaendniss fuer das verhalten seiner Liebsten in der ein oder anderen Siatuation

    Reenuu, zu deutsch Bluetenstaub - natuerlich ein Maedchenname, und
    Banjaa, zu deutsch Weisheit - nicht so selbstverstaendlich nur
    Jungenname, gaben bei der Ankuendigung ihrer Hochzeit im Staedtchen
    Myang Phol Anlass zu Staunen und Neugier.

    Warum sollte die Hochzeit, und dann ausserdem auch noch das
    zukuenftige Leben der jungen Familie im vaeterlichen Hause des
    Braeutigams und nicht, wie in Thailand seit 800 Jahren ueblich und
    "anstaendig", im Hause der Braut-Eltern stattfinden? Zumal diese Braut
    aus Bangkok stammte oder zumindest dort studiert hatte, um eine
    perfekte Krankenschwester zu werden? Warum in aller Welt folgte sie
    dann nicht der Tradition und liess den Braeutigam in ihr Elternhaus
    kommen, wo man doch viel leichter und viel mehr Geld verdienen konnte
    als in dieser gottverlassenen "Armeleuteprovinz"?

    Banjaa, zugegeben, - von dem war man ja schon allerlei
    Ueberraschungen gewoehnt. Die Elteren erinnerten sich noch gut: Seine
    Mutter, eine huebsche junge Laotin, den damals einjaehrigen Banjaa auf
    den Ruecken gebunden, aber schon wieder hochschwanger, war die einzige
    Nicht-Chinesin in jenem Ochsenkarren, der 1941, als die Japaner das
    Land besetzt hatten, in Myang Phol ankam, mit mindestens einem
    Dutzend Tanten und Verwandten; sie alle kamen aus Yuennan, waren aber
    schon ueber ein Jahr unterwegs und jedem, der nach Soldat oder
    Polizist aussah, ob japanisch oder chinesisch, nach Moeglichkeit
    ausgewichen. In Myang Phol beschlossen sie schon am ersten Tag, sich
    niederzulassen. Nicht nur, damit Banjaas Mutter ihr zweites Kind in
    Ruhe zur Welt bringen koenne, sondern weil Vater Tan und Grossvater Wen zwei verheissungsvolle Merkmale feststellten: Myang Phol hatte eine Bahnstation, und wenn der Bangkok-Nongkai-Bangkok-Express auch nur dann und wann hier hielt - eine Bahnstation ist immer gut zum Kaufen und Verkaufen.

    Ausserdem: Weder in Myang Phon noch im ganzen Landkreis gab es einen
    Arzt, ein Hospital oder auch nur eine Apotheke. Die Moenche im kleinen
    Tempel halfen zwar so gut sie konnten, aber Vater Tan und Grossvater
    Wen konnten mehr; sie verstanden sich auf Akupunktur und auf
    Heilkraeuter - etliche davon hatten sie in ihrem Wagen mitgebracht und
    ausserdem drei in der Kochkunst erfahrene Frauen, ausgeruestet mit
    Koestlichkeiten an Gewuerzen, Saurem und Suessem aus China die wuerden
    schon zahlende Tischgaeste zu finden wissen.

    Die Zurueckhaltung der Einheimischen gegenueber dem chinesischen Klan
    schliesslich gab es ohnehin schon zu viele Fluechtlinge - erfuhr eine
    Wandlung immerhin zu Hoeflichkeit, als die "Kon Dschiin" sogleich ihre
    zwei Ochsen zum Tausch gegen ein einfaches Haus mit kleinem
    Gemuesegarten anzubieten begannen. Ausserdem, stifteten sie einen
    goldglaenzenden Buddha und sogar eine Wecker-Uhr auf
    schoenbeschriftetem Silbersockel fuer den Tempel. Sie meldeten sich
    korrekt an in der Saala Klang (Rathaus) und, so sprach sich's bald
    herum, Sie hatten auch schon Verwandte in Bangkok, die seit zwei
    Generationen Thai-Buerger waren und fuer sie buergten.

    Geld fuer das Haus-Buddha

    Banjaa hat fuenf Geschwister, alle wurden auf thailaendische Namen
    getauft, und die laotische Mama sorgte dafuer, dass alles nach Isaan-
    (Nordostthai-) Zeremonie, die mit der laotischen Uebereinstimmt, vor
    sich ging. Schon eine Woche vor der erwarteten Niederkunft bekamen
    die Moenche beim Morgengang wahrscheinlich mehr und Delikateres in
    ihre Almosenschalen, als sie es je in dieser armen Provinz genossen
    hatten. Als die Wehen einsetzten, wurde im ganzen Haus geweihtes
    Wasser versprueht, und dort, wo die Schwangere auf ihrer geflochtenen
    Matte halb sass, halb lag, als "Rueckenstuetze" die Hebamme, Reis
    ausgestreut und aneinandergeheftete Geldscheine wurden dem haueslichen
    kleinen Buddha zu Fuessen gelegt, darunter Kerzen und Raeucherstaebchen entzuendet; und auf die unterste der Altarstufen Betelnuss und eigens aus Khonkaen herbeigebrachte Lotosblueten gelegt.

    Drei Tage "Geisterkind"

    Eine grosse Silberschale mit Reis, Betelnuss, Geldscheinen und einem
    kompletten "Bananenkamm" mit 15 Fruechten (ungerade Zahlen bringen
    immer mehr Glueck als gerade) stand bereit, als Abschiedsgeschenk fuer
    die Hebamme am dritten Tag nach der Geburt. Das zweite Kind war ein
    Maedchen, und wurde, wie es sich gehoert, zuerst moeglichst
    abschreckend, naemlich Gob (Kroete) genannt, denn in Thailand sind es
    nicht die Stoerche, welche die Babys bringen, sondern unzaehlige boese
    Geister zumeist kinderlos verstorbener Frauen, die den Kwan, den
    Geist des neuen Menschen, in den Embryo im Schoss der neuen Mutter
    legen, wenn auch vorerst nur leihweise.

    Natuerlich haben sie das Recht, diesen ihren Besitz wieder
    wegzunehmen, darum versucht man, vor ihnen die errechnete Erden-
    Ankunft so geheim wie moeglich zu halten. Niemals zum Beispiel wuerde
    eine Schwangere im laendlichen Thailand etwa Windeln, Wiege oder
    Flasche im voraus kaufen, und selbst die "aufgeklaerte" Bangkokerin
    pflegt derlei Dinge auf keinen Fall im eigenen Haus bereitzuhalten
    wenn schon, nur dort, wo die babyhungrigen Geister keinerlei Verdacht
    schoepfen: bei sehr Alten oder in den Frauenhaeusern der Kloester.

    Die neugeborene kleine "Kroete" wurde bei Ankunft auf Wunsch der
    neunzigjaehrigen chinesischen Urgrossmutter in eine ihrer aeltesten
    Blusen gewickelt, Gewaehr fuer ein hohes Lebensalter des Kindes. Da
    jedes Neugeborene zumindest die ersten drei Tage als "Geisterkind"
    betrachtet wird, vermeidet man auch sonst alles, was es den
    "Besitzern" begehrenswert erscheinen lassen koennte. Daher auch die
    Namen wie ".........", "Hund" oder "Kroete". Buben werden manchmal in
    Maedchenrosa "getarnt" und mit Armbaendern geschmueckt - denn natuerlich sind sie als maennlicher Nachwuchs, zumindest in chinesischen Einflussgebieten, besonders begehrt.

    Erst am dritten Tag nach der Geburt wagt man, den Geistern einen
    Handel anzubieten: Eine Mae Sue (Kaufmutter) wieder im unverdaechtigen
    Grossmutteralter - kommt zu Besuch mit einer Kaurimuschel (alte
    Zahlungsmittel), und waehrend das Neugeborene in einem grossen flachen
    Reissieb sanft herumgerollt wird, hebt der Gesang aller Anwesenden
    an: "Drei Tage Geisterkind, danach Menschenkind. Der, dem dies Kind
    gehoert, moege hervortreten und es nehmen!" Die Hervortretende ist dann jene "Kaufmutter", und erst jetzt endlich darf das Baby in sein Bett gewoehnlich eine geflochtene Haengewiege, und am Kopfende wird eine lange Kerze entzuendet, deren Licht nun einen vollen Monat nicht
    ausgehen darf.

    Wiederum sind es die Familienaeltesten, die diese Kerze und auch
    Raeucherstaebchen entzuenden, danach dreimal mit der Stirn den Boden
    beruehren und das Schoenste und Wichtigste, den Baisi auf das Babybett
    plazieren. Der Baisi ist ein pagodenfoermig dekoriertes Kunstwerk aus
    Bananenblaettern, jedes gefuellt mit gekochtem Reis, Bananen, Gurken
    und Suessigkeiten, an allen Blattspitzen mit hartgekochten Eiern oder
    frischen Blumen gekroent. Dem Baby wird mit einem Loeffelchen geweihtes Wasser eingefloesst, seine Beinchen und Aermchen mit einem geweihten Baumwollfaden leicht massiert, der gleich darauf verbrannt wird. Neue geweihte Baumwollfaeden verschliessen dann die Fluchtwege des noch immer nicht so ganz sicher weltgeneigten Kwan der begehrlichen Geister, indem je einer um Hand- bzw. Fussgelenk geknotet wird. (Aus gleichem Grund auch in allen traditionellen Krankenhaeusern die Baumwollfaeden um Hand- und Fussgelenke der Patienten.)

    kurz nen Kaffee

  2.  
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  3. #2
    Avatar von Tschaang-Frank

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    Re: Aus "Kroete" wurde "Himmels-Tau"

    Taufe mit Kerzenreigen

    An allem Essbaren im Baisi moegen sich dann die vertriebenen boesen
    Geister schadlos halten; alles unverderbliche des Prachtstuecks wird
    fuer drei weitere Tage unter die Matratze des Babybetts gelegt.

    Erst einen vollen Monat nach der Geburt wagt man die eigentliche
    Freudenfeier - vergleichbar etwa mit unserer Taufe. Die Kroete bekam
    hierbei den schoenen Namen Tantip, zu deutsch "Himmels-Tau".

    Natuerlich beginnt auch dieser Tag mit einer delikaten Gabe fuer die
    Vormittagsspeise der Moenche; bald darauf werden sie wiederkommen und
    auf den bereitgelegten Kissen, hoeher als der Fussboden, ihre
    feierlichen Sutren rezitieren. Das Babybett steht in der Mitte des
    Raums, daneben ein Gefaess zum "Baden", mittels Miniatur-Fisch und
    Enten in Silber- und Goldpapier zum "Heiligen Fluss" verwandelt.
    Kokosnuesse mit ihrer (so glaubt man) reinsten Milch auf Erden, drei
    Kerzen und mehrere Betelnussblaetter, die diese Kerzen, nachdem sie
    brennend ineinander verschmolzen sind, loeschen, stehen bereit, auch
    Tueten mit Gemuese- und Obstsamen, die das Baby, sobald es laufen kann, aussaeen darf.
    Jetzt endlich auch werden ihm Geschenke wie Windeln,Decken und Moskitonetz gebracht und in die Wiege gelegt, und unter die Matratze kommt nun das, was seinen spaeteren Lebensweg bestimmen wird: bei Jungen Buecher oder Werkzeuge, bei Maedchen - also auch bei
    "Himmels-Tau" Nadel, Faden und Schere sowie Kuechenutensilien.

    Waehrend die Tonsur-Zeremonie, das Haarschneiden, in dem vom
    Astrologen bestimmten gluecklichen Moment heute oft nur noch
    symbolisch durch eine kurze Beruehrung des Babyhaars mit einem Messer
    vollzogen wird, bleibt der Kerzenreigen das Wichtigste und
    Feierlichste: Die drei brennenden Kerzen gehen unter den im Kreis
    stehenden Gaesten von Hand zu Hand, dreimal im Uhrzeigersinn. Danach
    erfuellen die bereitliegenden Betelblaetter ihre Funktion: Sie
    verkneten und verloeschen die Kerzen, und der so entstehende Rauch
    (des Feuergottes Agni) wird zum Baby gefaechelt.

    Zurueck zu Banjaa: fuenfmal sah er seine kleineren Geschwister als
    Mittelpunkt dieser Zeremonien, aber als auch ihm endlich wieder
    einmal ein Fest zustand, die "Haarschneidefeier", mit der ein Junge
    zwischen 11 und 13 sozusagen Manneswuerde oder doch immerhin
    Novizenreife erlangt, geschah etwas Schreckliches: Sein Vater Tan,
    der mit unzaehligen anstrengenden Fahrten nach Bangkok oder nach Laos
    (wo es Haschisch auf dem offenen Markt gab, und der verkaufte sich
    gut an die Amerikaner, die inzwischen die Japaner abgeloest hatten und
    beim Bau ihres "Friendship-Highways" der Strasse Bangkok-Nongkai - oft
    in Baracken bei Myang Phol wohnten) den groessten Beitrag zum Erhalt
    des Hauses und dem Unterhalt der Grossfamilie geleistet hatte, dieser
    Vater Tan verunglueckte toedlich.

    Banjaas Mutter zeigte, sobald der erste Schock Ueberwunden war, dem
    Abt des Tempels einen sehr schoen allerdings chinesisch geschriebenen
    Brief ihres Mannes. Der Abt konnte Chinesisch lesen und Uebersetzte:
    "Ich moechte, ebenso wie meine Frau, buddhistisch aus dem Leben gehen - verbrennt mich und gebt meine Asche dem Maekong-Fluss, der uns
    wiedervereinen wird - wann auch immer." Ein kleiner Zettel lag auch
    noch bei: "Lasst meine Soehne, besonders Banjaa, in die Schule gehen,
    in so viele Schulen, wie ihr nur bezahlen koennt! Die Amerikaner sagen
    genau dasselbe wie Konfuzius: Lernen muss man, viel lernen und denken,
    denken..."

    Es war ein langes Gespraech, das Banjaas Mutter mit dem Abt fuehrte.
    Er versprach ihr, sieben Tage lang die abendlichen Riten fuer den
    Toten zu zelebrieren, kostenlos, und versicherte, dass die Tonsur-
    Feier fuer Banjaa ohne Schaden entfallen koennte - sie sei ohnehin nur
    eine kostspielige Prestige-Sache und haette mit Buddhismus nichts zu
    tun. Aber sie sollte den Banjaa endlich regelmaessig in die Schule
    schicken - er koennte es zu was bringen.

    "Aber er verkauft doch, er verdient doch", verteidigte die Mutter
    ihren Sohn, "jetzt werden wir das noch mehr brauchen als vorher." Was
    sie sagte, war richtig: Seitdem Banjaa 8 oder 9 Jahre alt war, sass er
    jeden Morgen gegen 4 und abends gegen 5 Uhr Tag fuer Tag schon 50 m
    vor dem Bahnsteig auf dem Sprung, eine Kanne Trinkwasser im Arm, um
    als erster das letzte Trittbrett des einfahrenden Schnellzuges zu
    erreichen. Er arbeitete sich dann von der 3. durch die 2. und 1.
    Klasse vor, wobei er unentwegt sein "Wasser gefaellig, reines
    Trinkwasser!" wiederholte, bis die Kanne leer war stolperte in den
    Gepaeckwagen gleich hinter der Lokomotive, packte eilig ein
    bereitliegendes Buendel Zeitungen, elf in Thai und eine in Chinesisch,
    und im allerletzten Moment sprang er von dem fahrenden Zug, um nun
    sein eintraeglichstes Geschaeft zu machen: Er verteilte Zeitungen aus
    Bangkok.

    Vom Zeitungsjungen zum Arzt

    Die chinesische Zeitung war natuerlich fuer Grossmutter und Tanten (die nie zugaben, dass sie gar nicht lesen konnten) und vorher fuer
    Grossvater und Vater. Fuer die anderen elf hatte er nur acht sichere
    "Abonnenten". Die uebrigen drei verkaufte seine Mutter gewoehnlich in
    der Gaststube. Dem Abt im Kloster und dem Schuldirektor brachte er
    seine "Beute" immer zuerst, noch nie vor Banjaas Zeiten hatten sie so
    druckfrische Zeitungen bekommen, und sie belohnten ihn oft dafuer mit
    Suessigkeiten. Eine Woche nach seines Vaters Tod bestellte ihn der Abt
    in den Tempelgarten und berichtete ihm ueber den Wunsch seines Vaters.
    Ganz beilaeufig fragte er auch, was denn Ueberhaupt heute so in der
    Zeitung stehe - lohne es sich, sie zu lesen?

    Banjaa wurde puterrot und musste zugeben, dass er nicht lesen koenne,
    weder Thai noch Chinesisch - nur Zahlen, die konnte er. Das Ergebnis:
    Schuldirektor und Abt gaben ihm nun Nachhilfeunterricht. Banjaa
    erfuellte ihre Hoffnungen: Er kam puenktlich, machte seine Hausaufgaben- auf dem Bahnsteig, auf dem Markt oder im Restaurant - und er brachte es in einem Jahr so weit wie andere in vieren. Nur sein
    Zeitungsvertrieb litt ein wenig - er las erst selber durch, was er
    verteilte.

    Banjaas Hochzeit..

  4. #3
    Avatar von Tschaang-Frank

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    Re: Aus "Kroete" wurde "Himmels-Tau"

    Die naechsten 15 Jahre: Auf Betreiben des Abtes
    "Foerderungsueberweisung" an ein Kloster in Bangkok, Oberschule,
    Universitaet, Medizinstudium. Bei dem letzten Besuch vor mehrjaehriger
    Pause zeigte er voll Stolz sein BachelorDiplom (B. A.) vor, dazu die
    Ankuendigung eines Stipendiums fuer Tropenmedizin in London, und das
    Foto eines sehr huebschen Maedchens in Krankenschwestertracht. "Die
    werd' ich heiraten", sagte er. Als seine Mutter hoerte, dass die
    Auserwaehlte aus Bangkok sei, meinte sie: "Das schaffst du nie", und
    dann voll Angst: "Willst du dann auch in Bangkok bleiben?" "Nein,
    bestimmt nicht!" antwortete er, "in Bangkok gibt's so viele Aerzte -
    einen wenigstens fuer 600 Leute! Aber hier keinen einzigen fuer ueber
    100 000!"

    Banjaa hielt Wort.

    Eine Thai-Hochzeit findet oft Ueberhaupt nicht statt, es sei denn
    durch eine zehn Minuten dauernde Eintragung in der lokalen Saala
    Klang, oder erst Jahre nach tatsaechlichem Vollzug - etwa wenn Braut
    und/oder Braeutigam einen zahlungskraeftigen und eindrucksvollen
    "Paten" gefunden haben (z.B. einen Diplomaten oder Manager, in dessen
    Haus die Hochzeit gefeiert wird). Das "Fest" - gew๖hnlich eine kurze
    Nachmittagsstunde, ist eine reine Prestige-Angelegenheit - aber eben
    die wollte der "Provinzler" Banjaa natuerlich seiner Braut, der
    "Koenigsstaedterin", goennen. So holte er sich denn einen Londoner
    Diplomaten aus Bangkok als Ehrengast, dieser wiederum sorgte fuer ein
    "Kinomobil", das auf dem Banjaas Haus gegenueberliegenden Schulhof
    herrlich bunte und blutruenstige Wildwest- und Liebesgeschichten fuer
    die gesamte Dorfjugend gratis zeigte.

    Das Rot Naam (Wassergiessen), eine Art Variation des Kerzenreigens -
    vor allem Ausdruck guter Wuensche und ein Fruchtbarkeitsritual - wurde
    angefuehrt von dem englischen Diplomaten. Mit dem geweihten langen
    Baumwollfaden verband er die Koepfe von Braut und Braeutigam und goss
    dann als erster aus der vergoldeten "Trompetenmuschel" (Triton) das
    Wasser ueber die lotosknospengefalteten Haende des Brautpaares. Das
    Wasser floss in blumengefuellte Silberschalen, die lange Reihe der
    Gaeste - nicht nach Verwandtschaft, sondern nach Rang wiederholte die
    "lebenspendende" kuehle Wohltat, oft von persoenlichen Wunschspruechen
    begleitet.

    Banjaa sah an diesem Tag nicht so aus wie bei seiner Rueckkehr aus
    London vor einem Monat. Sein Haar spross recht spaerlich auf Haupt und
    Augenbrauen auch das ein Anzeichen neuer Ehre: Er war inzwischen
    Bikkhu (Moench) gewesen. Und er hatte diesen wichtigen Schritt im
    Leben eines Thai-Mannes ernstgenommen. Von Haus zu Haus gehend, bat
    er schon eine Woche vorher um Vergebung fuer seine Untaten als Kind.
    Jedes Wort des Brahmanen am Vorabend seiner Weihe schien er sich zu
    Herzen zu nehmen, als dieser ihm von den grossen Opfern und vielen
    Bemuehungen um seine Zukunft sprach, die er den Eltern zu verdanken
    hatte. Sechs lange Stunden hatte diese Zeremonie gedauert, bis weit
    nach Mitternacht, im Beisein all dieser "Alten". Seine Moenchsweihe
    war die wichtigste und groesste Feier seines Lebens, vor allem aber
    auch fuer seine Mutter.

    Clowns bei der Trauerfeier

    Nur ein Fest noch, das sich an Wuerde und Feierlichkeit mit dieser
    messen konnte, stand ihnen bevor: Abschied von der Erde, der Tod. Es
    ist ueblich, einen Verstorbenen mindestens sieben Tage, meistens drei
    Monate im Hause zu behalten. Dies mag, bei Wohlhabenden in einer
    eigens dafuer gebauten Halle im Garten, bei anderen im Wohnzimmer -
    womoeglich auf Markt oder Strassenebene - sein, jedermann kann
    hineinsehen, hineingehen, abends Fernsehen vor dem Sarg geniessen.

    Eine einleuchtende Erklaerung, die man von jedem Bikkhu hoeren kann:
    Eine allmaehliche Trennung vom "leeren Stuhl" oder "leeren Bett" des
    Verwandten ist leichter als eine ploetzliche, gewaltsame. (Fuer die im
    Tropenklima unerlaessliche Hygiene sorgen strikte Vorschriften.)

    Die Einaescherung erfolgt zumeist drei Monate, bei Verstorbenen von
    koeniglichem Gebluet mindestens ein Jahr spaeter. In der ersten Phase -
    eine "symbolische" Verbrennung - werfen alle geladenen, schwarz
    gekleideten Trauergaeste und Angehoerige einen Strohstern, der ihnen
    zusammen mit einem Lebensbericht oder Foto des Verstorbenen
    ueberreicht wurde, in eine offene Flamme. Damit ist der offizielle
    Teil fuer die Besucher vorbei. Meist in der Halle - wo der Sarg in
    einer praechtig geschnitzten, oben und hinten offenen Halle auf hohem
    Podium steht - beginnt ein Schauspiel mit Musikern, Taenzern, Clowns
    oder Filmen, je nach Wohlstand des Verstorbenen, in jedem Fall aber
    zumindest Bewirtung mit Limonade und Leckereien. Kinder duerfen
    "textilfrei", Erwachsene in ihrer Arbeitstracht daran teilnehmen. Sie
    nehmen damit nur entgegen, was der Verstorbene ihnen hinterlaesst:
    Freude, um damit sein Verdienstkonto fuer ein naechstes Leben zu
    erhoehen.

    Wie die Wellen des Meeres

    Die allernaechsten Angehoerigen versammeln sich gleichzeitig - oft nur
    wenige Meter entfernt - beim Verbrennungsofen, wiederum mit
    Strohsternen. junge Maenner im karierten Lendenschurz schieben den
    Sarg (ohne Schmuck nun, eher eine gewoehnliche Kiste) in einen
    eisernen Ofen mit Grillboden, die Angehoerigen werfen ihre Strohsterne
    in das von den "Sargschiebern" entzuendete Feuer.

    Der Rauch aus dem Ofenturm verdient einen letzten, pruefenden wie
    beruhigten Blick der Trauernden, das froehliche Fest in der Halle geht
    weiter. "Alles geht weiter" - so der Abt zu Banjaas Mutter, als eines
    ihrer Kinder gestorben war, viel zu frueh gestorben war er, der Hoffnungstraeger der Familie "denk doch ans Meer, denk an den Maekong-Strom. jede Welle ist nur so gross oder so klein, wie die Welle vorher und die nach ihr es bestimmt.
    Alle auch ich und du - sind gar kein Ich und Du, jeder ist nur eine winzige Welle in einem Ozean aus Milliarden von Wellen, die dennoch alle einander bestimmen."

  5. #4
    Avatar von Samuianer

    Registriert seit
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    Re: Aus "Kroete" wurde "Himmels-Tau"

    Danke, eine sehr, sehr schoene Geschichte die einen tiefen Einblick vermittelt.

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