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Ein ganz normaler Nachmittag...

Erstellt von Kali, 29.01.2005, 19:13 Uhr · 5 Antworten · 1.323 Aufrufe

  1. #1
    Kali
    Avatar von Kali

    Ein ganz normaler Nachmittag...

    Zur akustischen Begleitung empfehle ich das Anklicken der Hymne:
    Smell of Desire - Geruch der Begierde... by ´Enigma´

    War heute im Krankenhaus. Richtig ! Hat nichts mit Begierde zu tun, habe einen Kollegen besucht, der dort krebsbehaftet auf sein Ende wartet. Er will’s noch nicht so richtig wissen, der Arzt hat es mir bestätigt. 6 Wochen ? 1 Jahr ? Wer will das sagen...
    Hat keine Familie, einen Sohn in Süddeutschland, der sich auch nicht mehr um ihn kümmert. Habe ihm ein paar frische Sachen, die Post aus seiner Wohnung geholt – er hat sich einfach nur gefreut.

    Es ist mir sehr nahe gegangen, nein, nicht der Tod, dem habe ich bereits selbst ins Auge geblickt und ihn oft genug beobachten dürfen. Nein, es ist diese Beziehungslosigkeit, welche die Menschen fertig macht, diese Amerikanisierung der Verhältnisse, die den wirtschaftlichen Rahmen bei weitem überschreitet, die halt wirklich der Sinnfrage eine ganz neue Bedeutung gibt. Ist halt nur nicht so publikumswirksam. Ist es vielleicht das, was mich auch an Thailand und meiner Frau so fasziniert ? Dieser Zusammenhalt, unabhängig von dem, was in der Vergangenheit gewesen ist ? Vielleicht !?

    Konnte nicht gleich nach Hause fahren, bin ein wenig mit mir ‚allein’ unterwegs gewesen, mit dem Radl, versteht sich, ungeachtet der Temperaturen.

    Bin dann dort gelandet, wo ich zu landen pflege, wenn ich mit mir alleine sein will:


    Ein nahegelegener Angelteich, gleich hinter einem grösseren Baggersee neben meiner Firma. Ein beschauliches Örtchen – jahreszeitenunabhängig – kann man schön träumen und sinnieren.
    Und so habe ich ein wenig sinniert, über meine bisherigen Beziehungen und den damit zusammenhängenden Begierden, über Suay, ihre Familie, meinen Sohn, der sich seit zwei Jahren auch nicht mehr gemeldet, über meine Firma, über dies – über das


    Zwischendurch immer wieder einen Blick in die Runde, beruhigte ungemein, kam mir alles nicht mehr so tragisch vor, die Bedeutung schwand immer mehr, die des Todes, die der Beziehungslosigkeit, der Entfremdung, die Unwirtlichkeit unserer Wohn- und Lebensverhältnisse. Habe über Buddha sinniert, über das, was er den Menschen mit auf den Weg gegeben hat, Über Christus, über das, was von ihm überliefert worden ist, über Allah, der mit Sicherheit nicht mit diesen radikalen Entäußerungen einverstanden wäre.


    So habe ich einen langen Blick auf dieses Häuschen geworfen, das im Sommer den Enten als ‚Anlaufstelle’ vorbehalten und derzeit im Winterquartier liegt – normalerweise in der Mitte dieses Angelteiches.
    Grosse Fische gibt es dort, Barsche und Forellen, eigens ausgesetzt zur Freude der Petri-Heil-Jünger, denen es allerdings derzeit auch nicht warm genug – zumindest im Freien.

    So bin ich ein wenig versöhnt mit dem, was heute das Leben zu sein scheint, mit dem Tod, dem, was manche als das absolute Ende ansehen, dem, was andere als einen Neubeginn verstanden haben wollen.

    Und so schwang ich mich denn aufs Rad – die Sonne verschwand, und Frau Luna, die alte ........, zeigte sich vorwitzig auf der entgegengesetzten Seite, zurrte den Reißverschluss meiner wetterfesten Jacke bis zum Kinn, wischte ein paar durch die Kälte verursachte Nasentropfen wech, eine ebensolche Träne aus dem li. Auge, und lenkte die Pedalen in Richtung Heimat, wohl wissend, dass meine Gattin, die Holde, mich nicht nur tief die Luft einholend begrüßen sondern gleich geschäftig mit einer über die Schulter hinter sich werfenden Bemerkung: „Yu: khao mai ?“ in der Küche verschwinden würde.

    Und genau so war’s, und zwar exakt um 17:06 h Ortszeit

  2.  
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  3. #2
    spirit
    Avatar von spirit

    Re: Ein ganz normaler Nachmittag...

    @Kali

    Smell of Desire - Geruch der Begierde... by ´Enigma´
    An Deinem Aufsatz ist nichts zu viel und nichts zu wenig.

    Nur "Smell of Desire" würde ich mit "Geruch der Leidenschaft" übersetzen. Desire kann auch Wunsch, Bitte sein.

    Danke

  4. #3
    Avatar von Ampudjini

    Registriert seit
    03.04.2002
    Beiträge
    2.482

    Re: Ein ganz normaler Nachmittag...

    Ich komme gerade vom Bahnhof zurück.
    Dort habe ich mit neun anderen Leutchen eine sehr gute Freundin begrüsst,
    die sich 5 Monate lang mal die andere Seite der Welt angesehn hat.

    Mit zwei Freunden war ich verabredet zum abholen.
    Die restlichen kamen für mich überraschend. Und wie man sehen konnte auch für die Abgeholte. Sie hat sich sehr gefreut.
    Es ist ein schönes Gefühl anderen Menschen eine Freude zu machen. Besonders, wenn man sie als Freunde zählen kann.

    Ich hoffe, Beziehungslosgkeit ist keine Altersfrage.

  5. #4
    Avatar von bigchang

    Registriert seit
    28.06.2004
    Beiträge
    2.818

    Re: Ein ganz normaler Nachmittag...

    klasse geschrieben,kali,ist schon super,wenn man seine gedanken und gefuehle so aufs papier oder den computer bringen kann,ich habe diese gabe leider nicht.
    mir sind auch einige gedanken durch den kopf gegangen,als ich deine geschichte gelesen habe,speziell weil ich in den letzten monaten neun mehr oder weniger lieb gewonnene menschen verloren habe,erst ist meine grossmutter gestorben,als ich noch in thailand im urlaub war,nach meiner hochzeit,dann eine ganze familie,die in sri lanka durch den tsunami ausgeloescht wurde und letzte woche ein guter freund,der an akuter leberzirrose gestorben ist,das alles hat mir wiedermal deutlich gemacht,wie vergaenglich doch das leben ist und meinen entschluss noch mehr bekraeftigt,es mehr zu geniessen.

    gruesse matt

  6. #5
    Avatar von woma

    Registriert seit
    20.01.2004
    Beiträge
    3.243

    Re: Ein ganz normaler Nachmittag...

    jetzt hat es ihn doch noch gegeben, den Kali-Thread zum Wochenende :bravo: Ich hatte bereits am Freitagmittag danach gesucht

    Beziehungslosigkeit
    Vor 2 Jahren an Weihnachten hatte ich einen ziemlich schweren Kopf in Folge übermässigen Alkoholgenusses und das kam so: ein älterer Freund rief mich an und bat mich vorbeizukommen, er brauche jemanden zum Reden, genügend Rotwein würde auch bereitstehen. Beim Einkaufen traf er seinem Sohn (ca. 30J.), sie hatten sich seit 5 Jahren nicht mehr gesehen und sie standen sich bei der Begegnung gegenüber wie zwei Fremde - ein kurzes "Hallo" und kein Interesse die ausgesprochene Einladung auf einen Kaffee oder auf ein richtiges Treffen zuhause anzunehmen. Als mein Freund mir von der Begegnug erzählte war er den Tränen nahe und mir wurde schlagartig klar wie wenig Familienbande bei uns noch zählen, ganz anders bei meiner Freundin, sie lassen keine Gelegenheit aus, sich zu treffen und zu feiern.

    woma

  7. #6
    Avatar von wingman

    Registriert seit
    30.11.2004
    Beiträge
    14.074

    Re: Ein ganz normaler Nachmittag...

    Lieber Kali,
    ich hoffe uns allen bleibt einmal diese Beziehungslosigkeit erspart.
    Ansonsten ist deinem Beitrag nicht viel hinzuzufügen, ausser einfach "Danke Kali" zu schreiben.

    Schöne Grüsse
    Wingman

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